Es folgen schriftliche digitale Papiere zur Entwicklung "Ro19". Die Dateien sind in alphabetischer Reihenfolge ihrer Speicherung hier aufgelistet:

Sielke Salomon
Richtigstellung und persönliche Erklärung

Die hlz veröffentlicht in dieser Ausgabe der hlz (hlz 10- 11/ 2006, S. 40) im Rahmen einer Pro- und Kontra- Diskussion einen Artikel von Peter Göbel zur Aufarbeitung der Geschichte des Hauses Rothenbaumchaussee 19. Darin vertritt Peter Göbel die Meinung, die Herauslösung des Gebäudes Rothenbaumchaussee 19 aus dem Vermögen der GEW sei moralisch nicht geboten. Peter Göbel bezieht sich dabei u.a. an zwei zentralen Stellen auf mich. Er zitiert aus meiner Studie zum Komplex Rothenbaumchaussee 19 die Passage: "Weder die zur Begutachtung hinzugezogenen Quellen noch die durch die nationalsozialistische Judenpolitik gesetzten Rahmenbedingungen in Hamburg berechtigen zu der Annahme, dass auf die Erben des Grundstückes Rothenbaumchaussee 19 ein Druck ausgeübt wurde, das Gebäude zu verkaufen." Ferner führt er meine Einschätzung an, "dass die Eigentümer den Verkauf als freiwilligen Akt und den Preis nicht als Übervorteilung angesehen hätten."

Diese Feststellungen waren nach allen mir bei der Abfassung der Studie zur Verfügung stehenden Quellen vertretbar. Sie verstanden sich als Einwand gegen die in einem früheren Gutachten geäußerte These, die Bewohner hätten das Gebäude unter "einem tödlichen Druck" verkauft, und die Vermutung, sie seien von den Ankäufern zum Verkauf gedrängt worden. Sie bezogen sich u.a. auf folgende Rechercheresultate und die Rahmenbedingungen der Hamburger Judenpolitik. Im vorliegenden Fall ging die Verkaufsinitiative - soweit erkennbar - von den jüdischen Eigentümern aus. Es gab zum Zeitpunkt meiner Recherchen keinen Hinweis darauf, dass die Erwerber einen unmittelbaren Druck auf sie ausgeübt hätten. Anfang 1935 konnte ein formaler Zwang zum Verkauf noch nicht ausgeübt werden. Eine Anordnung zum Zwangsverkauf von Grundstücken in jüdischem Besitz konnte erst nach der "Verordnung zum Einsatz jüdischen Vermögens" vom 3. Dezember 1938 erlassen werden. Die ehemaligen Besitzer stellten mehrere Wiedergutmachungs- und Restitutionsanträge, aber offenbar keinen Restitutionsantrag für Ro 19.

Ich betone aber, dass die GEW- Hamburg mir damals nicht alle relevanten Quellen zur Verfügung stellen konnte. Nach Kenntnis von Quellen, die erst nach Fertigstellung meiner Studie auftauchten, habe ich seit einem Jahr immer wieder, zuletzt in Telefongesprächen mit Peter Göbel am 9. und 13. November 2006, betont, dass ich die oben zitierten Einschätzungen nicht aufrecht halte.
Es ist mir unverständlich, warum ich zum einen zum Zeitpunkt meiner Recherchen, die sich auf eine sehr schmale Quellenbasis stützen mussten, trotz mehrfacher Nachfrage nicht intensiver nach weiteren Quellen gesucht worden ist, und warum der Geschäftsführer der GEW- Hamburg die überholten Einschätzungen aus meiner Studie zum Kernpunkt seiner Argumentation macht.

Ich betone, dass mit einigem Recht vermutet werden kann, dass es zu dem Grundstücksverkauf von Ro 19 ohne die Herrschaft der Nationalsozialisten seit 1933 nicht gekommen wäre. Es ist richtig, eine Zwangssituation der jüdischen Eigentümer anzunehmen. Auch der im Jahr 1935 gezahlte zu niedrige Preis für Rothenbaumchaussee 19, der erst durch neu aufgefundene Quellen belegt werden konnte, weist eindeutig in diese Richtung.

Ich bestehe darauf, dass in Zukunft meine Studie nicht mehr in dieser Weise zitiert werden darf.

Historisches Symposium
VERANTWORTUNG
FÜR DIE GESCHICHTE ÜBERNEHMEN
Ende Februar 2008 jähren sich der Reichstagsbrand und die Verordnung "zum Schutz von Volk und Staat" zum 75. Mal. Die GEW Hamburg nimmt dieses Datum zum Anlass ein HISTORISCHES SYMPOSIUM zu veranstalten.

Mittwoch, den 27. Februar 2008, 18.00 - 22.00,
in den Räumen ABC des Curiohauses (Hinterhaus)
n 18:00 - 19.30 Uhr: Arbeitsgruppen n Die Themen:
1. Die Machtübernahme in der Lehrergewerkschaft 1933 - 1935
Impulsreferat: Dr. Hans-Peter deLorent; ehem. Vorsitzender der GEW Hamburg.
2. Leben der jüdischen Bevölkerung - Verfolgung der Juden in Hamburg von 1933 bis zur Pogromnacht
Impulsreferat: Dr. Beate Meyer; wiss. Mitarbeiterin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden.
3. Die Anerkennung und die Entschädigung der NS-Opfer
Impulsreferat: Elsa Werner; Mitglied der Jüdischen Gemeinde, VVN.
Pause gegen 19.30 mit Getränken und einem kleinen Imbiss.
n 20:00 - 22.00 Uhr: Podiumsdiskussion
§ Leitung: Dr. Detlef Garbe, Direktor der KZ-Gedenkstätte Neuengamme,
§ Ruben Herzberg, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Hamburg,
§ Prof. Dr. Axel Schildt, Direktor der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg,
§ Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum, Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden,
§ Prof. Dr. Andreas Körber, Universität Hamburg, Fachbereich Erziehungswissenschaften (Geschichtsdidaktik),
§ Dr. Martin Schmidt, Verein zur Erforschung der Juden in Blankenese, Ausstellungs-Initiator "Viermalleben - Jüdisches Schicksal in Blankenese",
§ Klaus Bullan, Vorsitzender der GEW- Hamburg.

Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Landesverband Hamburg.
Rothenbaumchaussee 15, 20148 Hamburg, Tel. 040-41 46 33-0

Titel:
Ro19 - ein lösbares Dilemma?

Vorspann:
So kann es nicht weitergehen: Über die Frage, wie weiter mit Ro 19, ist die GEW-Hamburg trotz des LVV-Beschlusses vom April 2007 gespalten. Gina Schmidt stellt einen Stufenplan vor.

Warum sollte sich die GEW in Hamburg noch weiter mit dem Haus Rothenbaumchaussee 19 befassen? Es gibt einen Beschluss der LVV im April 2007, der Streit bis dahin war schon schmerzhaft genug und haben wir nicht wichtigere Dinge zu erledigen? Es gibt allerdings eine Art von Problemen, die mit einer Beschlussfassung allein nicht zu lösen sind. Wenn nämlich eine Situation entstanden ist, die zwar zwei Wahlmöglichkeiten bietet, die jedoch beide zu einem unerwünschten Resultat führen, dann steht man vor einem Dilemma - und ein solches liegt in der Behandlung des Hauses Ro10 vor. Vieles spricht für den Versuch, durch weitere und gründliche Bearbeitung aus dieser Zwickmühle herauszukommen.

Das Dilemma Ro19 zeigte sich auf der April-LVV im Zusammenfallen zweier Problembereiche: erstens erschien auf der einen Seite aus antifaschistischer Sicht das Eigentum des Hauses grundsätzlich politisch-historisch und moralisch so belastet, dass nur ein Verkauf und eine andere Verwendung eine Art von Sühnemöglichkeit bot. Auf der anderen Seite wurde auf Besonderheiten dieses speziellen Falles eines Immobilienverkauf von einer jüdischen Erbengemeinschaft an den Nationalsozialistischen Lehrerbund verwiesen: sowohl das Gebäude und sein Verkaufserlös als auch Verkäufer und Käufer würden keinen eindeutigen Arisierungsbefund ergeben. Zweitens wurden das Erbe der GEW aus Hitler-Zeiten und die künftige finanzielle Handlungsfähigkeit der GEW in einer Weise gegeneinander gestellt, die jeder möglichen Entscheidung die Qualität einer Katastrophe verlieh.

Die Diskussion auf dieser LVV offenbarte eine Zerrissenheit des Landesverbandes, die sich nicht nur in dem knappen Ergebnis widerspiegelte (mit 50:57 Stimmen bei 10 Enthaltungen unterlag ein Antrag, das Haus Ro 19 an die Stadt Hamburg mit der Auflage zu verkaufen, dort ein jüdisches Museum einzurichten), sondern auch die Personalisierungen, die Anwürfe und die nachfolgende Verbitterung auf beiden Seiten zeigen an, dass der Gegensatz ohne eine inhaltliche und sachliche Bearbeitung unterschwellig weiter bestehen wird. Für die anstehenden gewerkschaftlichen Aufgaben ist dies ein Hindernis, das überwunden gehört.

Das gleiche trifft für die Integrationskraft der GEW in Hamburg zu, die in der Klarheit ihrer Positionen liegt. Ob wir unsere volle Kampfkraft aufbauen können, hängt auch damit zusammen, ob sich die Mitglieder mit ihrer GEW identifizieren. Eine von vielen als Paradigmenwechsel - weg vom aktiven Antifaschismus - empfundene Beschlusslage (vgl. "Nachlese LVV - entfernter Gefechtslärm", hlz 6/7 2007, S.40 ff.) ist dafür keine gute Grundlage.

Die Diskussion geht sowohl im öffentlichen Bereich weiter (siehe die neuste Veröffentlichung von Frank Bajohr im Jubiläumsband der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg), als auch im gewerkschaftlichen und im privaten Bereich. Wer sich mit Menschen innerhalb und außerhalb der GEW unterhält, die sich mit der Frage des Umgangs mit Ro19 befasst haben, wird es bestätigen: Das Dilemma besteht weiter. Spätestens, wenn in paar Jahren die nächsten Entscheidungen anstehen (Neuvermietung, Umbau oder Verkauf), werden wir vor genau der gleichen Frage stehen wie vor einem halben Jahr.

Die Schlussfolgerung? Beide Problembereiche müssen getrennt voneinander bearbeitet werden, um dann mit unverstelltem Blick verantwortungsvolle Entscheidungen treffen zu können, die beiden Positionen gerecht werden. Viele Vorarbeiten sind erfolgt, möglicherweise gilt es nur noch, alles in eine Reihenfolge zu setzen.

Wie ist die Frage der unterschiedlichen historischen Bewertungen zu lösen?

Auf einer der vielen Treffen der AG Ro19 fand eine Begegnung statt, die möglicherweise einen Schlüssel enthält. Mit der Veröffentlichung der Forschungsergebnisse zum Erwerb des Hauses Ro19 waren im November 2005 Historiker und Zeitzeugen zu einer Veranstaltung in die GEW gekommen. Else Werner, Zeitzeugin und leitendes Mitglied des Auschwitz-Komitees, schilderte, wie mit der Machtübernahme Hitlers der Druck auf die jüdischen Menschen schnell wuchs; früh schon bangten die Menschen um ihre Familien und um ihr Leben.

Die Gleichschaltung der Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens war (bei nur wenigen Gegenstimmen) im Jahr 1933 früh vollzogen worden. Der Erwerb von Ro19 1935 durch den NSLB fand in einem sich schnell verschärfenden Klima von Bedrohung und sich zügig ausweitender Verfolgung jüdischer Menschen und Andersdenkender statt, noch im selben Jahr wurden die "Rassengesetze" verabschiedet.

Der Eindruck, den diese Darstellungen bei allen Anwesenden hinterließen, war eindeutig: Die Verantwortung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Hamburg liegt in der historischen gesellschaftlichen Situation des Jahres 1935 begründet, die von den Bedingungen des beginnenden Nazi-Terrors geprägt war.

Die Aussagen der Teilnehmer an dem Abend waren ebenso eindeutig: Unsere Kraft und unser Einsatz als Gewerkschafter müssen darauf gerichtet sein, dieses Haus zu einem Ort der Besinnung und Erinnerung werden zu lassen. Dabei müsse auch der Hamburger Senat in die Pflicht genommen werden. Mit politisch-gewerkschaftlichem Druck sollte darauf hingearbeitet werden, dass die Stadt Hamburg ihren Opfern ein angemessenes, würdiges und öffentliches Gedenken sichert. Genau dies wäre im Sinne der Überlebenden aus Konzentrationslagern und Zuchthäusern, die 1945 dem Berliner Magistrat vorschlugen, an jedem 9. September den Opfern des Faschismus zu gedenken. Die gemeinsame Losung "Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg." sei dabei nicht nur ein Bekenntnis, sondern auch ein unverrückbarer historisch- politischer Auftrag an die Nachgeborenen. Die künftige Handlungsmaxime ist - so Anwesende des Abends - nicht davon zu trennen.

Das Dilemma der historischen Bewertung ist nur mit Hilfe einer wissenschaftlichen Bearbeitung zu lösen, die sowohl die Frage der Lebensbedingungen, als auch die Frage des Verkaufs zum Gegenstand hat. In diesen Bereich gehört auch die Bewertung der Vorgehensweise der Verantwortlichen in der neu gegründeten GEW, die es nach dem Ende der Nazi-Zeit offenkundig geschafft hatten, mit mancherlei Tricksereien die Meldung für Restitutionsansprüche zu umgehen; das hätte zur Rückgabe an die Besitzer oder Erben führen können. Das Ziel der Bearbeitung ist die Beantwortung der Frage: Wie sollte oder muss eine Gewerkschaft mit einem solchen Erbe umgehen? Was heißt in diesem Zusammenhang Wiedergutmachung?

Die Frage der finanziellen Handlungsfähigkeit

Die Frage der finanziellen Handlungsfähigkeit der GEW Hamburg ist getrennt zu behandeln. Wenn es so ist, dass die Mieteinnahmen aus Ro19 bis jetzt unverzichtbar sind, dann muss das Thema Finanzen und Haushalt der GEW neu geklärt werden. In die Berechnung gehört dann auch das Curio-Haus hinein, das zwar zu dem nicht unbeträchtlichen Vermögen der GEW zählt, aber durch die hohen Zinszahlungen an die Bank (jährlich etwa rund 400.000 Euro) bei seiner gegenwärtigen Verwendung auf absehbare Zeit keine Einnahmen erbringen wird.

Ungeachtet der Beschlusslage sollte die GEW also folgende drei Schritte einleiten:

Schritt 1: In einem Historischen Symposium werden sowohl die Lebensbedingungen insbesondere der jüdischen Bevölkerung des Jahres 1935, als auch die Details des Verkaufsvorganges zusammen betrachtet. Das Ziel ist die historisch-wissenschaftliche und politische Klärung der Frage, wie der Erwerb des Gebäudes Ro19 zu bewerten ist.

Schritt 2: Die GEW Hamburg stellt abschließend fest, welche historisch-politische und moralisch-ethische Bewertung sie ziehen will. Daran entlang orientiert sich alles weitere Vorgehen.

Schritt 3: Die Finanzen der GEW werden geklärt. Dazu wird ein von der LVV gewählter Ausschuss gebildet, der die Finanzlage der GEW im Hinblick auf eine mögliche Neustrukturierung prüft. Dabei ist entscheidend, dass alle im Amt befindlichen Finanzverantwortlichen einbezogen werden: Diejenigen GEW-Mitglieder, die bisher die finanziellen Geschicke der GEW verantwortlich geleitet haben, genießen das volle Vertrauen und die volle Anerkennung ihrer bisher geleisteten Arbeit der Mitgliedschaft Hamburg. Ein Ziel der Finanzprüfung ist die langfristige Sicherung und Finanzierbarkeit gewerkschaftlicher Aufgaben unter Einbeziehung aller Immobilien und aller politisch-moralischen Verbindlichkeiten.

Sollte es der GEW Hamburg gelingen, die o.g. Schritte offen und nach innen sachlich und solidarisch anzupacken, dann steht einer auf diese Weise neu geeinten Kraft nach außen nichts im Wege: Das Bohren dicker Bretter ist möglich, man braucht nur Geduld und einen langen Atem!

Gina Schmidt

Bernhard Nette 9. Mai 2001


Rothenbaumchaussee 19
Untersuchung über die Umstände bezüglich des Kaufs 1935 und der
Rückerstattung 1951

Das Gebäude

Das vierstöckige repräsentative, im neoklassizistischen Stil errichtete Gebäude Rothenbaumchaussee 19 wurde um 1900 erbaut. Zum Gebäude gehörte ein hinteres Gartengrundstück, das auch den heutigen GEW-Parkplatz und das später errichtete einstöckige Gebäude des ehemaligen Curio-Verlags (Rothenbaumchaussee 19 a) umfasst. Der Gesamtkomplex ist direkt dem Curio-Haus benachbart und gehört der GEW Hamburg. Zur Zeit wird das Gebäude Rothenbaumchaussee 19 als Büro und Bibliothek benutzt. Der derzeitige Zustand dieses Gebäudes macht eine Generalinstandsetzung in absehbarer Zeit notwendig. Die GEW als Eigentümerin steht vor der Frage, ob und in welchem Zustand sie das Gebäude verkaufen sollte. Im gegenwärtigen Zustand hat es (ohne den rückwärtigen als Parkplatz benutzten Gartenteil und ohne das ehemalige Verlagsgebäude des Curio-Verlags) einen Kaufpreis von 2,0 bis 2,4 Mio. DM netto (laut Gutachten des Sachverständigen Holger Gustafsen vom 11.3.2000).


Der Forschungsauftrag

Über die Zukunft des Gebäudes Rothenbaumchaussee 19 wird intensiver seit 1999/2000 im Aufsichtsrat der Vermögens- und Treuhandgesellschaft der GEW Hamburg diskutiert. Nachdem klar wurde, dass das Gebäude in der NS-Zeit (1935) von der Vorgängerorganisation der GEW Hamburg aus jüdischem Eigentum angekauft worden war, wurde die Frage aufgeworfen, ob das Gebäude juristisch und moralisch einwandfrei in den Besitz der GEW Hamburg kam. Hatte es sich um eine "Arisierung" gehandelt? Der Aufsichtsrat beschloss auf seinen Sitzungen vom 29.3.2000 und 10.5.2000 eine Untersuchung, auch um eine Grundlage für die notwendige Entscheidung zu schaffen, was mit dem möglichen Verkaufserlös des Gebäudes Rothenbaumchaussee 19 geschehen solle.

Dabei sollten vor allem folgende Einzelfragen geklärt werden:
- Gab es Rückerstattungsansprüche der jüdischen Voreigentümer? Gibt es
Nachkommen der jüdischen Voreigentümer?
- Wie waren die Umstände des Verkaufs? Gab es politischen Druck zu verkaufen?
- War der Preis angemessen?
- Haben die jüdischen Voreigentümer den vollen Kaufpreis tatsächlich erhalten?
- Welchen Charakter hatte die ""Gesellschaft der Freunde ..." 1935?
- Woher stammte das Geld, mit dem das Gebäude bezahlt wurde?
- Worauf stützte sich die GEW Ende der 40er/Anfang der 50er Jahre bei
ihrem Rückerstattungsanspruch?

Mit der Klärung dieser Fragen wurde Bernhard Nette beauftragt. Er legte auf der Ausichtsratssitzung vom 1. 11.2000 einen ersten Bericht (mit einer späteren Ergänzung vom 26.1.2001) vor, der am 18.12.2000 besprochen wurde. Am 21.2.2001 beschloss der Aufsichtsrat, die Ergebnisse der Nachforschungen von Bernhard Nette und die entsprechenden Akten der GEW Hamburg einem fachkompetenten und unabhängigen Gutachter zur Prüfung zu übergeben.

Der vorliegende Text ist die endgültige Zusammenfassung der Nachforschungsergebnisse. Sie werden Karl-Heinz Janßen mit der Bitte um Überprüfung übergeben. Karl-Heinz Janßen, geb. 1930, studierte Geschichte und Politische Wissenschaften. Er ist Journalist seit 1950, u..a. bei dpa und Die Zeit, wo er das Ressort "Zeitläufte" leitete. Er hat zahlreiche zeitgeschichtliche Bücher veröffentlicht, u.a. "Der Sturz der Generäle" und als Mitautor "Der Krieg der Generäle - Hitler als Werkzeug der Wehrmacht". Er ist ein ausgewiesener Kenner der Geschichte des Dritten Reichs und verfügt über vielfältige Erfahrungen bei Forschungsarbeiten in Archiven.


Informationslage

Zum Verkauf des Gebäudes im Jahre 1935 und zur Rückerstattung des Hauses 1951 an die GEW liegt ein Aktenordner aus dem Archiv der GEW Hamburg vor: "Ro 19, Kauf und Rückerstattung nach Beschlagnahme", im folgenden kurz "Akte Ro 19" genannt.

In dieser relativ dünnen Akte wurden viele wichtige Original-Dokumente und -briefe bzw. Durchschläge gesammelt und chronologisch abgeheftet. Es ist aber keineswegs sicher, dass alle chronologisch anfallenden Schriftstücke und Dokumente Eingang in dieser Akte fanden. Die Akte wurde auch immer gesondert im Archiv der GEW geführt, unter einem irreführenden Ablagestichwort. Sie wurde auch nicht - wie alle anderen Akten dieser Zeit - dem Staatsarchiv Hamburg zur Aufbewahrung übergeben.

Die Dokumente in der Akte Ro 19 aus dem Jahr 1935 und 1936 (Teil1) behandeln die offiziellen Verkaufsangebote, Verkaufsverhandlungenverhandlungen und das Verkaufsergebnis auf der juristischen und kaufmännischen Ebene. Dazu kommen interne Vermerke, Berechnungen, Dokumente über die Vermietung 1936 und Unterlagen zu einer Hypothek 1936. Es gibt kein Dokument, das direkt darüber Auskunft geben könnte, dass dieses Geschäft in der NS-Zeit stattfand und welche Auswirkungen bzw. Ursachen möglicherweise der Antisemitismus auf dieses Geschäft hatte. Die abgehefteten Dokumente in der Akte Ro 19 aus der Zeit ab 1949 bis 1954 (Teil 2) spiegeln das Interesse der damaligen Hamburger Gewerkschaftsführung und des DGB wider, die Rückerstattungs-Ansprüche der damaligen Lehrer-Hamburger Gewerkschaft "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens" zu untermauern. In diesen Akten findet sich kein direktes Schreiben der jüdischen Voreigentümer, mit dem 1950 ihre Rückerstattungsanspruch begründetet wurden. Es gibt nur sich darauf beziehende Dokumente, u.a. den Beschluss des Gewerkschaftsprüfungsausschusses für die britische Zone (Akte Ro 19, Teil 2, Beschluss 15. Juni 1951) und das Schreiben des Landesamtes für Vermögenskontrolle (Akte Ro 19, Teil2, Finanzbehörde Hamburg) vom 29.11.1950.

Zu den weiteren Informationsquellen gehören die Aktenbestände der Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens /GEW Hamburg , die für die Zeit von 1814 bis zum Ende der 60er Jahre alle - mit Ausnahme der Akte Ro 19 - dem Staatsarchiv übergeben wurden. Wichtig sind: die Geschäftsakte 215-1/19, in der u.a. die Verwaltung des Curio-Hauses nachzuvollziehen ist, die Akte 165 "Mieteinnahmen"; 173 "Memorial über Umbuchung" (1909 - 1936, darin auch die mit dem Kaufvertrag zusammenhängenden Hypotheken, S. 240); 175 "Hauptbücher" Bd. 4 (wichtig für Mieteinnahmen, 1935: S. 151; Aufwendungen für das Grundstück Rothenbaumchaussee 19: S. 242); 181 "Kassenkonto-Bücher" Bd. 4 (1934 - 1939; Informationen zum Kauf 1935); 183 "Kassenbuch Verwaltung Curio-Haus" (1931 - 1938) .
Wesentliche Informationen, die über die der Akte Ro 19 hinausgehen, bieten sie nicht - mit Ausnahme der Informationen über die Mieteinnahmen.

Die Hamburger Adressbücher (Staatsarchiv) geben Auskunft über die Eigentümer und Mieter: 1929: Eigentümer: Prof. M.M. Bauer (Adr. John Elias, Ferdinandstr. 59), 5 Mietparteien: Karl A. Rüdemesser, A. Sörensen, Dr. jur. O. Wedekind, Witwe Behrmann, Frau Senior; 1933: Eigentümer und Mieter: dieselben ohne Sörensen; 1935: Eigentümer: Bauer Nachlass, Adr. John Elias, Schauenburgerstr. 49; Mieter dieselben ohne Sörensen. 1936: Uwe Kropp, E. u. I. Partiew.. Die eigentlichen Mieter sind: Staatliches Lichtbildamt Hamburg, Heeresstandortverwaltung, Abtlg. "Hilf mit" des NS-Lehrerbundes, Gau Hamburg (vgl. auch Schreiben vom 11. Juli 1936 in Akte Ro 19); 1937: Lehrervereinshaus GmbH, Landesbildstelle Hansa, Bund deutscher Filmamateure e.V. Gauverband und Ortsgruppe Gr. Hbg.

Am 5.3. beantwortete Dr. Weyhe, zuständiger Richter am Landgericht Hamburg, eine Anfrage der GERW Hamburg nach Einsicht in die Akten des Landesamtes Hamburg bzw. des Wiedergutmachungsamtes (kurz: "Weyhe-Brief"). Der Brief enthält einige wesentliche Informationen zur Rückerstattungsproblematik, die sich aus den Akten des Verwaltungsamtes für innere Restitution in Hannover (Nachfolger des früheren Zentralamtes für Vermögensverwaltung in Bad Nenndorf) ergeben.

Die Akten des Landesamtes für Vermögenskontrolle in Hamburg liegen im Hamburger Staatsarchiv (311-3 I, Bd.2, Finanzbehörde I, Teilverzeichnis). Die Einzelfallakten sind vernichtet (s.u.).

Zum Verkaufspreis und zur Umrechnung auf heutige Werte wurde telefonisch bei der Bundesbank Frankfurt/ Dr. Arz nachgefragt.


Rückerstattungsansprüche der jüdischen Vorbesitzer

Das Gebäude war bis zum 29.4.1935 im Eigentum von jüdischen Bürgerinnen aus Hamburg: Hedwig Hallgarten, geb. Rée (1/5) und ihre Tochter Mercedes Mathilda Meyerhof, geb. Hallgarten (3/5). Das Gebäude gehörte außerdem einer jüdischen Erbengemeinschaft des verstorbenen Professors Moritz Max Bauer: Julius Hallgarten aus Genf und Albert N. Hallgarten Nachlass (1/5).

Das Gebäude wurde dann an die Gesellschaft "Lehrervereinshaus GmbH Hamburg" verkauft. Diese Gesellschaft war Vermögensträgerin der "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens in Hamburg", die ihrerseits zum "NS-Lehrerbundes e.V. Bayreuth" gehörte. Nach 1945 wurde die "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens in Hamburg" als unabhängige Lehrer-Gewerkschaft neu gegründet und später in die DGB-Gewerkschaft "GEW, Landesverband Hamburg" umgewandelt.

Nach der bedingungslosen Kapitulation des Dritten Reichs 1945 stellte die britische Besatzungsmacht in ihrer Besatzungszone alle NS-Immobilien unter Kontrolle, auch die von den Nazis für ihre Zwecke enteigneten Gebäude der vor 1933 bestehenden Gewerkschaften. Der "Gesellschaft der Freunde ..." wurde dann aber sehr bald - analog wie allen anderen neu entstandenen Gewerkschaften auch - das Curio-Haus als anerkanntes Gewerkschafteigentum zurückerstattet.

Etwas anders verhielt es sich mit dem danebenliegenden Gebäude Rothenbaumchaussee 19. Es war jahrelang nicht klar gewesen, ob dieses Gebäude tatsächlich gewerkschaftliches oder nicht doch NS-Eigentum gewesen war. Gleich nach 1945 war es als Immobilie jüdischer Voreigentümer registriert und unter Vermögenskontrolle gestellt worden (Hamburger Amt für Vermögenskontrolle, Treuhänder. Dr. Barkowski; vgl. Akte Ro 19, Teil 2, 10.10.1950).

Auch die jüdischen Voreigentümer hatten im November 1950 einen Anspruch auf Rückerstattung erhoben. In einem Brief des Landesamtes für Vermögenskontrolle der Hamburger Finanzbehörde vom 29.11.1950 heißt es:
"Von dem früheren Eigentümer: Prof. Dr. Moritz Max Bauer (gemeint ist wohl die Erbengemeinschaft; B.N.) und andere ist ein Anspruch auf Rückerstattung angemeldet. Der Anmeldende stützt seinen Antrag darauf, dass der Kaufvertrag unter dem durch die damaligen politischen Verhältnisse erzeugten Druck zustande gekommen sei. Das Central Claims Registry Property Control (Zentralamt für Vermögensverwaltung) in Bad Nenndorf hat deshalb die hiesigen Dienststelle angewiesen, den Grundbesitz in Verwaltung zu nehmen und seine vorläufige Sicherstellung zu veranlassen. (....) die endgültige Entscheidung über die Rückerstattung obliegt der Wiedergutmachungskammer beim Landgericht Hamburg (...)." (Akte Ro 19) Der Form nach war dieses Schreibens ein Vordruck, in den nur noch die Namen der Antragsteller eingefügt wurden. Es ist davon auszugehen, dass diese Konstellation - Rückerstattungsansprüche jüdischer Vorbesitzer an Eigentum, das in der Zeit des Dritten Reichs einer Verkaufsvorgang unterworfen worden war - so häufig vorkam, dass dafür ein eigenes Formblatt eingerichtet wurde.

Das Gebäude wurde am 15. Juni 1951 laut einem Beschluss des Gewerkschaftsprüfungsausschusses für die britische Zone (GPA) als ehemaliges Gewerkschaftseigentum der neugegründeten "Vermögenstreuhandgesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesen in Hamburg" übergeben. Das "Landesamt Hamburg" , genauer das Landesamt für Vermögenskontrolle bei der Finanzbehörde Hamburg, hatte Einwände. In dem Beschluss des GPA heißt es ausdrücklich:
"Das Landesamt Hamburg hat jedoch gegen die Übertragung wegen möglicher Rückerstattungsansprüche jüdischer Vorbesitzer Bedenken geäußert. Bislang liegt nur eine K-Meldung vor", die aber zur Verfolgung des Wiedergutmachungsverfahrens nicht ausreiche. Optimistisch heißt es in dem Beschluss des GPA: "Der Ausschuss hat sich entgegen den Bedenken des Landesamtes auf den Standpunkt gestellt, dass durch Übertragung des Grundstückes an die neue gewerkschaftliche Rechtspersönlichkeit die Verfolgung etwaiger sonstiger Ansprüche aus dem jüdischen Vorbesitz keine Behinderung erfährt. Dabei kann es der allierten Kontrollbehörde bzw. dem Landesamt Hamburg überlasse bleiben, die nach Übertragung des Grundstückes noch notwendige Freigabe im Hinblick auf die bestehende Ungewissheit über eine anderweitige Rückerstattung auf Grund des Gesetzes Nr. 52 (der Militärregierung; B.N.) vorerst aussetzen." (Akte Ro 19). Am 11. Mai 1954 (?) hat das Landesamt das Grundstück Rothenbaumchaussee 19 endgültig freigegeben (Akte Ro 19). Das Jahr dieser Entscheidung ist deshalb mit einem Fragezeichen zu versehen, weil im Schreiben des Landesamtes Hamburg das maschinengeschriebene Datum 1944, das offensichtlich falsch ist, handschriftlich auf 1954 verbessert wurde. In einem Schreiben von Dr. Weyhe, Richter am Landgericht Hamburg (Weyhe-Brief), wird als Datum für die Entlassung des Grundstückes aus der Vermögenskontrolle allerdings der 11. Mai 1955, also ein Jahr später, genannt.

Die GEW Hamburg bat im Herbst 2000 das Landgericht Hamburg bzw. den zuständigen Richter Dr. Weyhe nachzuprüfen, ob sich in den Aktenbeständen genauere Begründungen der Wiedererstattungsansprüche finden, die die jüdischen Voreigentümer des Gebäudes Rothenbaumchaussee 19 vorgebracht hatten. Die im Wiedergutmachungsamt noch vorhandenen Akten, so die Antwort vom 5.3.2001, seien "nicht vollständig erhalten". Das ist ein Euphemismus, wie sich Bernhard Nette bei seinen Recherchen im Staatsarchiv vergewissern konnte. Zum Aktenbestand des Hamburger Landesamt für Vermögenskontrolle gehörten vor allem die Akten für die Verwaltung der Vermögenswerte der NS-Organisationen und der ehemaligen Nationalsozialisten in Hamburg, die dieses Amt entsprechend einer Anordnung der britischen Militärregierung ab dem 15.10.1947 zu führen hatte (Staatsarchiv, Akte 311-3 I, Bd. 2, Finanzbehörde I, Teilverzeichnis, Beschreibung der Aufgaben, Notiz vom 20.8.1987); und ab Februar 1950 kamen die Akten des Wiedergutmachungsamtes hinzu (ebda., Aufgabenbereich der Sachgebiete -33.63- , Vermögenskontrolle und -sicherstellung, vor allem Teil C: Restitutions-Vermögen, Notiz vom 24.11.1952 über den Stand vom 31.10.1951). Die Akten des Amtes "Hamburg" und des Wiedergutmachungsamtes sind aber laut einer eher dürren Notiz "zum Teil vernichtet (der größte Teil der Einzelfallakten)". Erhalten geblieben sind Geschäftsverteilungspläne des Amtes, Besetzung von Treuhandausschüssen der Handelskammer und allgemeine Rechenschaftsberichte. Zumindest erfährt man noch, dass laut Geschäftsverteilungsplan von 1947 die Abteilung V 813 - Jewish Property - sowieso unbesetzt war.

Nebenbemerkung:
All diese unersetzlichen Akten über Rückerstattungsansprüche von Opfern des Faschismus in Hamburg wurden, man glaubt es kaum, in den späten 50er oder in den 60er Jahren geschreddert. Derart radikal wurden nicht alle Aktenbestände der "Finanzbehörde I" durchforstet. Die Akten des Amtes für Kriegsschäden und Besatzungskosten (Staatsarchiv 311-3 I Bd. 2), also die Akten über die Schäden an "Deutschen", blieben prallgefüllt erhalten. Wer z.B. wissen will, welche vor alliierten Gerichten angeklagten deutschen Kriegsverbrecher von Staats wegen einen Verteidiger bezahlt bekamen oder welche Hotels und Kinos und Wohnungen wie lange von der britischen Besatzungsmacht requiriert worden waren und wie die deutschen Eigentümer ihre Rückerstattungsansprüche begründeten - hier erfährt er es in allen Einzelheiten.

Im Staatsarchiv gibt es also keine Akten bezüglich Rothenbaumchaussee 19. Im Weyhe Brief vom 5.3.2001 wird aber auch das Ergebnis einer Anfrage des Landgerichtes Hamburg an das Verwaltungsamt für innere Restitution in Hannover, dem früheren Zentzralamt für Vermögensverwaltung (Central Claims Registry) in Bad Nenndorf zusammengefasst. "Dort waren glücklicherweise noch Teile einer das Grundstück Rothenbaumchaussee 19 betreffenden Akte vorhanden (Aktenzeichen VIR - C 3934)." Im Brief heißt es später: "Tatsächlich wurden Rückerstattungsansprüche des Eigentums an dem Grundstück von den Voreigentümern oder deren Erben dann jedoch nicht gestellt." Diese Aussage steht im Widerspruch zu den in der Akte Ro 19 aufgefundenen Originalschreiben des Hamburger Landesamtes von 1950 und des Gewerkschaftsprüfungsausschusses von 1951 (vgl. oben, Akte Ro 19). Für diesen Widerspruch gibt es zwei Erklärungen, von denen die zweite die stichhaltigere zu sein scheint:

1. Die heutigen Auskünfte des Verwaltungsamtes für innerer Restitution beziehen sich auf einen Schriftwechsel der Hamburger Finanzbehörde und der Zentralmeldestelle für Vermögensverwaltung in Bad Nenndorf vom 11. Mai 1954 bzw. 1955. Da aber bereits im Jahre 1950 das Hamburger Landesamt die Verwaltung für diese Immobilie auf Anweisung des Zentralamtes für Vermögensverwaltung in Bad Nenndorf übernommen hatte (s.o.), so kann vermutet werden, dass vier oder fünf Jahre später die Anträge der jüdischen Vorbesitzer auf Rückerstattung nicht mehr in Bad Nenndorf lagen, sondern in Hamburg, wo sie später vernichtet wurden.

2. Laut dem Weyhe-Brief durften "Ansprüche auf Rückerstattung von Eigentum nach Art. 48 Nr. 1 Rückerstattungsgesetz in Verbindung mit den dazu ergangenen Ausführungsverordnungen nur dann berücksichtigt werden, wenn sie bis zum 30.6.1950 bei dem Zentralamt angemeldet worden waren." Der Brief des Hamburger Landesamtes, in dem der Rückerstattungsanspruch der jüdischen Vorbesitzer aktenkundig gemacht wurde, trägt aber das Datum 29.11.1950. Der Rückerstattungsanspruch wurde also im November 1950 angemeldet - knappe fünf Monate zu spät! Er konnte - bürokratisch korrekt - nicht mehr berücksichtigt werden. Im Weyhe-Brief heißt es weiter: "Später eingehende Rückerstattungsanträge mussten auch dann als unzulässig zurückgewiesen werden, wenn die Verspätung nicht auf einem Verschulden des Antragsstellers beruhte. Durch das Bundesrückerstattungsgesetz vom 19. Juli 1957 (BRüG) sind dann zwar spätere Anmeldefristen - auch mit Rückwirkung - erneut in Kraft gesetzt worden. Die danach erneut anzumeldenden Ansprüche waren aber nur solche, die sich gegen öffentliche Stellen wie das Deutsche Reich, Reichsbahn, Post, das ehemalige Land Preußen oder die ehemalige NSDAP richteten. Gegen private Dritte, die Eigentümer entzogener Vermögensgegenstände geworden waren, richteten sich die neu angemeldeten Ansprüche nicht."

Hätte der Gewerkschaftsprüfungsausschuss 1951 das Gebäude Rothenbaumchaussee 19 nicht an die Gewerkschaft GEW-Hamburg zurückerstattet, sondern statt dessen entschieden, dass es sich um das Eigentum einer NS-Organisation handelte, wären die im November1950 gestellten Rückerstattungsanträge 1957 erneut in Kraft gesetzt worden. In dem Beschluss des Gewerkschaftsprüfungsausschusses vom 16. Juni 1951 hatte man aus der Tatsache, dass es sich um eine gewerkschaftliche Rechtspersönlichkeit handelte, an die man das Grundstück übertrug, noch ausdrücklich gefolgert, dass deswegen "die Verfolgung etwaiger sonstiger Ansprüche aus dem jüdischen Vorbesitz keine Behinderung erfährt." Nun stellte sich heraus, dass die Übertragung des Grundstückes auf eine gewerkschaftliche Rechtspersönlichkeit den jüdischen Voreigentümern nicht nur nichts nützte, sondern ihnen paradoxerweise ausdrücklich schadete. In diesem Zusammenhang wird bei der heutigen Gesamtbewertung eine wichtige Rolle spielen, ob die Behauptung der "Gesellschaft der Freunde ... " , sie sei zum Zeitpunkt des Kaufes der Immobilie - also 1935 - noch eine unabhängige Gewerkschaft gewesen, stichhaltig ist.

Die irrtümliche Auskunft im Weyhe-Brief, die jüdischen Voreigentümer hätten letztlich doch keinen Rückerstattungsanspruch angemeldet, kann nur dadurch entstanden sein, dass der Rückerstattungsanspruch der jüdischen Voreigentümer amtlicherseits nicht akzeptiert wurde, weil er einige Monate zu spät gestellt wurde und weil er 1957 nicht erneut in Kraft gesetzt werden konnte. Er ist später dann vermutlich deshalb als "nicht gestellt" behandelt worden. Im übrigen steht in einem Schreiben der VTG des DGB an die VTG der "Gesellschaft der Freunde" vom 20.12.1950: "Betr.: Grundstück Hamburg, Rothenbaumchaussee 19 (...) In der obigen Rückerstattungsangelegenheit wurde uns durch Oberregierungsrat Klesper mitgeteilt, dass die Erbengemeinschaft, die seinerzeit das obige Grundstück an Euch verkauft hat, einen Rückerstattungsantrag gestellt hat." ( Akte Ro 19, Teil 2). Mit anderen Worten: 1950 und auch 1951 war allen Beteiligten noch klar gewesen, dass der Antrag auf Rückerstattung gestellt worden war.


Der Verkauf
Angemessener Preis? Auszahlung des Geldes? Umstände und politischer Druck?

Im Folgenden stützt sich die Untersuchung auf Teil 1 der Akte Ro 19 und auf die telefonische Nachfrage bei der Bundesbank in Frankfurt am Main.
Das Gebäude und der große, durch eine Toreinfahrt zugängliche Hintergarten wurde im "entmieteten" Zustand vom Makler John Elias zu Beginn des Jahres 1935 (Februar) zum Verkauf angeboten. Kaufpreisforderung: 50.000 Reichsmark. Die zuletzt erzielte Miete habe pro Monat 823,33 RM (9.880 RM p.a.) betragen. Im Erdgeschoss und im 1. Stock gab es Zentralheizung, in den übrigen Räumen Ofenheizung. Herr Elias hatte offensichtlich für die Erbengemeinschaft des verstorbenen Prof. M. M. Bauer das Haus verwaltet (vgl. die Eintragungen im Hamburger Adressbüchern).

Es kam zu Verkaufs-Verhandlungen zwischen dem Makler John Elias auf der einen Seite und dem Schulrat und Pg. ("Parteigenosse" der NSDAP) Kurt Holm zusammen mit Wilhelm Bernhardt auf der anderen Seite. Holm war damals Vorsitzender der "Abteilung für Wirtschaft und Recht im NS Lehrerbund, Gau Hamburg"; dies war seit 1934 (vgl. Akte Ro 19, Teil 2, Brief von Kurt Holm 10.10.1949) der zusätzliche Name der nach außen noch als "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesen in Hamburg" firmierenden NS-Lehrerorganisation, die bereits 1933 die "Gesellschaft der Freunde" mitsamt dem Curio-Haus übernommen hatte. Bernhardt war Geschäftsführer der "Lehrervereinshaus G.m.b.H." , die als Trägerin der Vermögenswerte an Grund und Boden der "Abteilung Wirtschaft und Recht im NS Lehrerbund, Gau Hamburg" fungierte.

Am 18. Februar 1935 wurde zwischen Elias und den Kaufinteressenten über eine Investition bezüglich einer vollständigen Zentralheizung , einer Warmwasserversorgung und einer möglichen Aufteilung der Stockwerke in kleinere Wohneinheiten gesprochen. Nichts deutete in den Verhandlungen darauf hin, dass das Haus in keinem ordnungsgemäßen Zustand war, wie später nach dem Krieg behauptet wurde (s.u.). Auf ausdrücklichen Wunsch von Holm und Bernhardt erstellte der Grundstückmakler John Elias eine Berechnung der eventuell neuen Miete, wenn in das Haus modernisiert werden würde. Dabei ging es vor allem um die Berechnung der (möglichst niederigen) Grundstücksteuer. Nach dem Krieg nahm Bernhardt dieses Schreiben von John Elias (Akte Ro 19 1. Teil, 18.3.1935) zum Anlass, sich abwertend über diese angebliche Schmackhaftmachung des "verwahrlosten Geweses" Rothenbaumchaussee 19 zu äußern, weil er nachweisen wollte, dass man 1935 zum Kauf des Gebäudes geradezu gedrängt werden musste (Akte Ro 19 2. Teil, 3.1.1951). Außerdem wurde das Schreiben von Elias später, im Jahre 1950, auch dazu benutzt, die Mieterträge des Hauses fälschlich viel zu niedrig anzusetzen. Der Gutachter Georg Schmidt wollte damit 1950 beweisen, dass der Kaufpreis angemessen gewesen sei (vgl. unten).

In einem Brief vom 1.3.1935 schrieb Bernhardt an Holm, dass ein Vertrag vereinbart worden sei. Er wies darauf hin dass "die Gegenseite einen schnellen Abschluss wünscht". Die Abteilung für Wirtschaft und Recht im NS Lehrerbund möge bitte 20.000 RM zum 1.4.1935 bereitstellen.

Damit ist zweierlei klar: die Verkäuferseite stand unter Druck und wünschte einen schnellen Verkauf. Sie schloss denn auch bei insgesamt 40.000 Goldmark (20.000 GM bar, 20.000 GM in Hypothekenbriefen mit 5 1/2 % Zinsen p.a., diverse Nebenabreden) ab. Und das Geld zum Kauf des Gebäudes Rothenbaumchaussee 19 kam vom NS-Lehrerbund, nicht von einer unabhängigen Gewerkschaft namens "Gesellschaft der Freunde", wie nach dem Krieg fälschlich behauptet wurde (s.u.). Dies wird auch bei einer Reihe von weiteren Dokumenten deutlich (Brief vom 8.4.1935). Insgesamt kostete das Haus mit Makler- Notar- und Grundbuchamtskosten, Grunderwerbsteuer etc. 45.471 RM. Eine Goldmark (gleich dem amtlich festgelegten Preis von 1/2790 kg Feingold) entsprach damals einer Reichsmark, ab 1939 war dies auch gesetzlich festgelegt. Sie wurde bei Immobiliengeschäften und anderen langlaufenden Geschäften als Sicherung gegen Hyperinflation verwendet.

Die Verkäufer waren laut notariellem Vertrag vom 2.3.1935 :


Prof. Dr. Moritz Max Bauer Erben: 1/5 Anteil. Vor dem Notar Dr. Moritz Otto Kauffmann erschien der Testtamentsvollstrecker: RA Dr. Max Krauel aus Hamburg, auch in Vollmacht seines Mitvollstreckers Justizrat Dr. Weiss aus Ffm;

Hedwig, geschiedene Hallgarten, geb. Rée: 1/5 Anteil (Mittelweg 121) Mutter von Mercedes Mathilde Meyerhof;

Mercedes Mathilde Meyerhof, geb. Hallgarten: 3/5 Anteil (Mittelweg 169).; Ehefrau des Robert Henry Nordheim Meyerhof, Tochter von Hedwig Hallgarten,

Auch die letzten drei Genannten erschienen vor dem Notar.

Aus dem Vertrag geht hervor, dass Frau Meyerhof für zusammen 2/5 Anteile des Verkaufserlöses, also für 16.000 Goldmark, "Treuhänderin für Devisenausländer" war. Bei den 2/5 Anteile wird es sich um die Anteile der Bauer-Erben handeln. Die Bauer Erben befanden sich vermutlich bereits im Ausland (Genf). Sie erschienen nicht vor dem Notar. Aus einem Schreiben des Präsidenten des Landesfinanzamtes Hamburg vom 18.3.1935 an John Elias geht hervor, dass je 8.000 RM ( gleich 1/5 Anteil) an Julius Hallgarten in Genf und an Albert Hallgarten Nachlass (Devisenausland) ging, die nur auf Sperrkonten bei der Vereinsbank in Hamburg eingezahlt werden durften (Akte Ro 19, 1. Teil. 18.3.1935).

Ob und wann Hedwig Hallgarten und ihre Tochter Mercedes Meyerhof und ihr Schwiegersohn Robert Henry Nordheim Meyerhof aus Deutschland flohen, z.B. in die Schweiz, konnte nicht geklärt werden. Weiterhin kann nicht mehr geklärt werden, ob z.B. die Erben von Prof. Bauer Zugriff zu ihren Sperrkonten bei der Vereinsbank hatten. Die Vereinsbank konnte dies wegen (angeblich?) kriegsbedingter Vernichtung der entsprechenden Unterlagen nicht mehr belegen. Sie gab aber an, dass die "jüdischen Beschlagnahmeakten nahezu vollständig erhalten" seien, in ihnen tauche der Name der jüdischen Voreigentümer (Hallgarten) nicht auf. (Akte Ro 19, Teil 2, 24.5.1951; vgl. dazu auch den Brief der Vereinsbank Hamburg vom 17.5.1951, in dem erneut behauptet wurde, dass "die diesbezüglichen Unterlagen durch Kriegseinwirkungen vernichtet worden sind." Akte Ro 19, Teil 2, 17.5.1951). Zum Thema "Gesperrte Reichsmak" schreibt Raul Hilberg: "Das zurückgelassene Geld eines Emigranten wurde automatisch in ein Sperrguthaben verwandelt, zu dem er keinerlei Zugang hatte. Die Sperrguthaben unterstanden der Aufsicht von Devisenstellen, die verwaltungsmäßig den Ämtern der Oberfinanzpräsidenten (...) angegliedert waren, ihre Richtlinien jedoch vom Wirtschaftsministerium erhielten. Die Devisenstellen waren nur in drei Fällen zur Freigabe der Sperrguthaben ermächtigt: 1. zum Zwecke der Kreditgewährung an einen Deutschen; 2. zur Bezahlung von Versicherungsleistungen; 3. zum Erwerb von Grundbesitz. Adressat dieser Ausnahmen waren natürlich nicht der auswandernde Jude, sondern der an derartigen Investitionen interssierte nichtjüdische Ausländer." Einigen Juden sei es gelungen, ihre gesperrten Guthaben mit einem Verlust von nicht mehr als 50 % zu verkaufen. "Diejenigen Juden, die ihre Sperrmarkguthaben nicht verkauften, verloren sie bei späteren Beschlagnahmungen des Finanzministeriums engültig." (Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, Fischer TB, Deutsche und erweiterte Ausgabe, Ffm., 1990, S. 149 f.)

In jedem Falle wurden die Barsummen von der Käuferin, also der "Gesellschaft der Freund..." bzw. des NS Lehrerbundes, ausgezahlt (vgl. Akte Ro 19, 2. Teil, Zusammenstellung von Bernhardt, 3.1.1951):
- an Mercedes Meyerhof bzw. in deren Vollmacht an den Makler Elias 4.000 RM,
- an die Bauer-Erben Julius Hallgarten (Genf) und Albert N. Hallgarten Nachlass je 8.000 RM, auf ein Sperrkonto der Vereinsbank Hamburg

Auch die Hypotheken kamen bereits am 10. Oktober 1935 zur Auszahlung: Mercedes Meyerhof 4.000 RM auf ein Konto der Deutschen Bank und Disconto Gesellschaft, Hedwig Hallgarten 8.000 RM auf ein Konto der Vereinsbank Hamburg und Bauer-Erben 8.000 RM auf ein Konto der Vereinsbank ("Prof Bauer Nachlass"). Es ist unklar, ob es sich beim letzten auch um ein Sperrkonto handelte.

Nach dem Ankauf des Hauses wurde am 15. Juli 1936 von der "Lehrervereinshaus Gesellschaft" eine Hypothek auf das Haus Rothenbaumchaussee 19 in Höhe von 25.000 RM aufgenommen. In diesem Zusammenhang kam es auch zu der unten erwähnten Zusammenstellung der neuen Mieteinnahmen (Akte Ro 19 1. Teil, 10., 11., 15. Juli 1936). Möglicherweise wurde dieses Geld für einen Umbau des Hauses benötigt.


Bleibt die Frage, ob der Preis angemessen war. Die Käuferin (Abteilung Wirtschaft und Recht im NS-Lehrerbund Gau Hamburg) begründete den niedrigen Preis von 40.000 RM gegenüber dem Finanzamt mit "der allgemeinen schlechten Vermietungslage für Großwohnungen überhaupt und ferner in der Tatsache, dass das Haus unmodern, und was die unteren beiden Stockwerke angeht, wohl unvermietbar ist." (Akte Ro 19, Brief vom 15 April 1935 von Bernhardt an das Finanzamt für Grundsteuer in Hamburg). In Wirklichkeit hatte man längst diverse neue staatliche und halbstatliche Mieter, und zwar just für die Großwohnungen: Staatliches Lichtbildamt in den angeblich unvermietbaren unteren Stockwerken, Heeresstandortverwaltung im 2. und 3. Stock und im Dachgeschoss. Auch der Keller konnte vermietet werden, an die Abteilung "Hilf mit" des NS Lehrerbundes (Akte Ro 19, Schriftstück vom 11. Juli 1936). Man rechnete 1936 mit einem Gesamtmietertrag von 11.280 RM p.a. , das war deutlich über 9.880 RM p.a. vor dem Verkauf. Dabei war man der Heeresstandortverwaltung schon enorm entgegengekommen: In einem Schreiben vom 22.April 1936 wird von "stark heruntergesetzten Mietpreisen" geschrieben (Akte Ro 19). In einem der im Staatsarchiv vorhandenen Hauptbücher der GEW (Akte 175, Bd. 4, S. 151) geht man sogar für 1935 von einer Miete von 13.812, 65 RM p.a. für das Haus Rothenbaumchaussee 19 aus.

Laut Dr. Arz (Deutsche Bundesbank) wurde auch in den dreißer Jahren der Wert eines Altbau-Miethauses (ohne Grundstück) folgendermaßen berechnet: die Brutto-Jahresmiete mal 18 (gut erhalten) oder mal 15 (mittel erhalten) oder mal 12 (schlecht erhalten). Nimmt man einen schlechten Erhaltungszustand des Hauses Rothenbaumchaussee 19 für 1935 an, so kommt man bei 11.280 RM p.a. mal 12 auf 135.360 RM Kaufpreis. Nimmt man die auch im Hauptbuch dokumentierte Mietsumme von 13.816 RM, erhöht sich die Kaufsumme nur für das Gebäude auf 165.792 RM!

Hinzu muss der Grundstückswert gerechnet werden. 1929 betrug der Grundstückspreis in dieser guten Lage über 40,- RM pro qm. Das ergibt sich daraus, dass Grundstückspreise in Hamburg-Hamm, also in einer weniger teuren Lage, im Jahre 1929 bei 40 RM pro qm lag (vgl.: 75 Jahre Hamburger Lehrerbaugenossenschaft eG, Hamburg, 2000, S. 26). Bei nur 40 RM pro qm beliefe sich der Grundstückspreis der Immobilie Rothenbaumchaussee 19 (1.506,2 qm) auf 60.248 RM.

Der Gesamtwert der Immobilie hätte also 1935 mindestens 195.608 RM betragen. Und selbst wenn man die Mietsumme aus dem Jahr vor dem Verkauf (9.880 RM p.a.) ansetzt, d.h. wenn man bei allen Variablen den niedrigsten Wert nähme, käme man immer noch auf die stolze Summe von 178.808 RM. Bei dem Verkauf wurde also weniger als ein Viertel des eigentlichen Immobilienwertes realisiert.

Dass die Rechnung realistisch ist, zeigt eine Gegenprobe. Nach Auskunft von Dr. Arz rechnet die Bundesbank mit einer Wertsteigerung von Wohnungsbauten zwischen 1935 und heute um das 16,5fache. Das bedeutet, dass die Immobilie heute knapp drei Millionen DM wert wäre. Diese Summe ist korrekt, wenn man das ehemalige hintere Gartengrundstück mitrechnet.

Warum haben die jüdischen Eigentümer das Haus von vorneherein nur für 50.000 RM angeboten und sind dann noch um 10.000 RM runtergegangen? Die Antwort ist einfach. Sie standen unter - wie wir heute wissen - im wahrsten Sinne des Wortes tödlichem Druck und mussten verkaufen. Die Briefstelle von Bernhardt an den Pg. Holm wurde bereits zitiert: "Da die Gegenseite einen schnellen Abschluss wünscht .... Heil Hitler! Bt."

Nach der Niederlage des 3. Reichs stellte derselbe Bernhardt (immer noch in seiner alten Funktion) diesen Sachverhalt ähnlich, in der Diktion aber eher abwertend dar Er antwortete auf einen Brief der Vermögens- und Treuhand G.m.b.H. des DGB. In dem DGB-Brief war um eine "möglichst eingehende Darstellung über den seinerzeitigen Ankauf des Grundstückes" gebeten worden (Akte Ro 19, 2. Teil, 20.12.1950).

Bernhardt antwortete: "Das Grundstück wurde uns (damals Lehrervereinshaus G.m.b.H.) durch den Makler John Elias, Hamburg, im Februar 1935 zum Kauf angeboten. Das Haus stand leer (...) Als wir wenig Neigung zeigten, das verwahrloste Gewese anzufassen, machte der Hausmakler uns sogar Vorschläge und Rentabilitätsberechnungen, um uns den Kauf schmackhaft zu machen. (...) Die Gesellschaft der Freunde etc. war wohl in Hamburg der einzige Käufer, der mit diesem wie Sauerbier angebotenen Grundstück überhaupt etwas anfangen konnte." (Akte Ro 19 2. Teil, Brief von Bernhardt vom 3.1.1950).


Anmerkung: Verwahrlostes Gewese! Das ist nicht die Sprache eines betriebswirtschaftlich denkenden Geschäftsführers, der Vermögen und Grundstücke einer Lehrerorganisation verwalten und mehren soll. Das ist die Sprache des Funktionärs, der nichts gelernt hat und am liebsten gesagt hätte: Verwahrlostes Gewese einer jüdischen Mischpoke, von einem schmierigen jüdischen Hausmakler - typisch jüdischer Beruf - dem deutschen Herrenmenschen angedient.


Es ist festzustellen: Dass das Haus leer stand, war selbstverständlich auch der Wunsch der Käuferin, da sie schon sehr genau geplant hatte, welche Organisationen in das Haus einziehen sollten (vgl Akte Ro 19 1. Teil, 1. Juni 1935. Im notariellen Vertrag (Akte Ro19 1. Teil, 5. 3. 1935) heißt es daher auch abweichend vom vorgegebenen Text eines notariellen Vertrages: "Das Haus ist bis auf den Einhüter Hauberger leer; letzterer ist verpflichtet, jederzeit auf Anordnung zu räumen.". Und dass die jetzt so lächerlich gemachten Rentabilitätsberechnungen, die in Wirklichkeit ein Herunterrechnen der Grundsteuer war, vom damaligen Makler John Elias ausdrücklich auf Wunsch der Herren Bernhardt und Holm erfolgte, wurde bereits oben erwähnt. In seinem Brief vom 3.1.1951 an den DGB "belegt" Bernhardt die Verwahrlosung des Gebäudes damit, dass man nach dem Kauf des Hauses im ganzen Treppenhaus echten Hausschwamm gefunden habe. "Bei den Akten liegt das entsprechende Gutachten des hiesigen botanischen Instituts." schreibt er. Dieses Gutachten mag existiert haben, bei den - ansonsten sehr gründlich geführten - Akten liegt es nicht. Es gibt auch keinen Rechnungsnachweis für die Beseitigung des Schwammes, weder in der Akte Ro 19 noch in den Rechnungs- und Hauptbüchern der GEW (Staatsarchiv), obwohl der Nachweis eines solchen Mangels 1951, also bei dem gewerkschaftlichen Gerangel um die Rückerstattung des Gebäudes an die Gesellschaft der Freunde, ausgesprochen wichtig gewesen wäre. Es hätte die Nachkriegs-Behauptung, dass der Preis angemessen war, untermauern können. Im unten behandelten Schmidt-Gutachten taucht dieser Mangel nicht auf, nur im gewerkschaftsinternen Briefverkehr. Man könnte sogar fragen, warum der Hauschwamm, der ja meldpflichtig war, bei der Begehung des Treppenhauses (!) von der zukünftigen Käuferin nicht bemerkt wurde.

Eines ist aber besonders wichtig: Die Angst und die Panik von Menschen, die um ein selbstbestimmtes Leben, ja, die sehr bald um ihr nacktes Leben bangen mussten und die deswegen ihre Habe schnellstmöglich verkaufen mussten, wird auch nach der Kapitulation des Nazireiches von den Protagonisten des Hauskaufes wie Bernhardt oder auch Holm nicht erwähnt, geschweige denn ernst genommen. Die Ansprüche der jüdischen Voreigentümer, nachdem sie (oder einige von ihnen?) überlebt hatten, wurden durch (Halb)Lügen und durch ein unsägliches Vokabular lächerlich gemacht und abgewiesen. Wie das im einzelnen geschah, wird im nächsten Abschnitt geschildert.

Fassen wir als Zwischenergebnis zusammen: Bei dem Verkauf handelte es sich auf den ersten Blick um ein Routinegeschäft, professionell und kaumännisch ehrbar abgewickelt. Es floss Geld, es gab notarielle Verträge, die Voreigentümer erhielten auch tatsächlich den Kaufpreis, allerdings mit Ausnahme der 16.000 RM, die die Erben von Prof. Bauer nur auf Sperrkonten einzahlen konnten. Genauer betrachtet stellt sich aber heraus, dass der Preis nicht ansatzweise angemessen war. Offenbar haben keineswegs gleichberechtigte Wirtschaftssubjekte miteinander Geschäfte betrieben, sondern die einen mussten unter rassistisch-politischem Druck verkaufen, während die anderen - und es handelte sich immerhin um eine NS-Organisation! - dies ausnutzten.
Wenn die jüdischen Voreigentümer ihren Anspruch auf Rückerstattung darauf stützten, "dass der Kaufvertrag unter dem durch die damaligen Verhälnisse erzeugten Druck zustande gekommen sei" (Akte Ro19 Teil 2, 29.11.1950), so hatten sie simpel Recht.


Rückerstattung, aber an wen?


Nach der Beschlagnahme durch die britische Besatzungsmacht 1945 ging es bei der Frage, ob das Gebäude Rothenbaumchaussee 19 an die entnazifizierte und quasi neugegründte Lehrer-Gewerkschaft "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens in Hamburg" samt ihrer Vermögens- und Treuhandgesellschaft ( die Nachfolgerin der Lehrervereinshausgesellschaft) übertragen werden sollte. Sowohl der ehemalige Schulrat und NS-Parteigenosse und Vorsitzende des NS Lehrerbundes , Gau Hamburg, Kurt Holm, der jetzt Professor geworden war, als auch Wilhelm Bernhardt, der seinen Geschäftsführer-Posten beibehalten hatte, setzten sich für diese Lösung ein. Aber auch der Vertreter der Vermögens- und Treuhandgesellschaft im neugegründeten DGB, Dr. Ebers, befürwortete ebenso wie der Vorsitzende der neuen Hamburger Lehrergewerkschaft, Max Traeger, die "Rück"-Übertragung des Hauses an die "Gesellschaft der Freunde ...". Seit 1950 gab es auch die Rückerstattungsansprüche der vormaligen jüdischen Eigentümer, wie oben bereits ausführlich dargestellt.

Die "Gesellschaft der Freunde..." musste nur noch die britische Besatzungsmacht und das beauftragte Landesamt für Vermögenskontrolle Hamburg und den Gewerkschaftsprüfungsausschuss für die britische Zone überzeugen.

Dabei spielten die, oben bereits zum großen Teil beantwortete Fragen eine entscheidende Rolle:
1. Hatten die jüdischen Voreigentümer den Kaufpreis frei zu ihrer Verfügung erhalten?
2. War der Kaufpreis angemessen gewesen?
3. Stammten die Gelder zu dem im März 1935 erfolgten Kauf aus dem früheren Vermögen der "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens"? Zu dieser Frage gehörte, ob die Gesellschaft der Freunde zum Kaufzeitpunkt bereits eine NS-Organisation war oder nicht.

Die Frage 1 ist bereits beantwortet: Im Prinzip ja, konkret höchstens 26.000 von 40.000 RM (Stichwort Sperrkonten).

Auch die Frage 2 ist im vorigen Abschnitt beantwortet. Der Kaufpreis war nicht angemessen.

In einem von Max Traeger, dem Vorsitzenden der "Gesellschaft der Freunde..." , in Auftrag gegebenem Gutachten kam der Wirtschaftsberaters Dr. Georg Schmidt aus Hamburg- Volksdorf (Akte Ro 19, 2. Teil, 4. 10.1950) 1950 allerdings zu einem völlig anderen Ergebnis. "Der gezahlte Kaufpreis von Goldmark 40.000,- (...) kann nur als durchaus angemessen bezeichnet werden." Schmidt begründet dies mit einer nach dem Kauf zu erzielenden Mieteinahme, die der damalige Makler John Elias 1935 geschätzt habe. Es bleibt unverständlich, warum Schmidt die Schätzung der Mieteinahmen übernimmt, die Elias vornahm, nicht um tatsächlich und einigermaßen realistisch die zukünftigen Mieterträge zu berechnen, sondern um um eine - möglichst günstige! - Grundsteuerberechnung vorzunehmen - in Absprache mit Holm und Bernhardt. Warum sollte sonst ein Hausmakler, der doch das Haus verkaufen möchte, die Mieteinahmen tief unter die bisher erzielten runterrechnen? Elias hat sogar mögliche Modernisierungsmaßnahmen (einschließlich Zentralheizung auch für die oberen Stockwerke und Warmwasser in allen Stockwerken, dazu die Einteilung der Stockwerke in mehrere Einzelwohnungen) mit einbezogen, die doch ansich höhere Mieteinnahmen garantieren würden, hier aber die Rendite und damit die Steuergrundlage klein rechnen sollten. Schmidt missbraucht (absichtlich?) die Berechnungen von Elias für seine Zwecke. Er hat das Ziel, als angemessenen Kaufpreis eine möglichst kleine Summe, nämlich akkurat die tatsächlich gezahlte auszuweisen.


Es ist weiterhin nicht nachvollziehbar, warum Schmidt statt der bewusst von Elias viel zu niedrig angesetzten Mietschätzungen, die auch noch von einem theoretisch angenommenen Beispiel ausgingen, nicht die tatsächlichen Mieteinnahmen ab 1935 zugrunde legt.

Außerdem rechnet Schmidt, quasi als kleine Schummelei, zu dem Kaufpreis die Verkaufskosten (RM 5.471,- ) hinzu, was bei einer Berechnung, ob der Kaufpreis angemessen war, unerheblich ist.

Schließlich vergleicht Schmidt den Reichsmark-Kaufpreis aus dem Jahre 1935 mit dem DM-Kaufpreis einer anderen in der Nähe gelegenen Immobilie für das Jahr 1950, was unzulässig ist, es sei denn, er hätte reale Preisentwicklungen, Marktanalysen etc. für beide Zeiten vorgenommen.

Insgesamt kann man dieses Gutachten nur als eine Gefälligkeitsarbeit bezeichenen. Das Schmidtsche Schriftstück endet mit der Frage, die die eigentlich vordringliche gewesen zu sein schien:
"Es kann demnach (weil der Preis angemessen war; B.N.) nicht davon die Rede sein, dass bei der Tätigung des Kaufes durch die Lehrervereinshaus G.m.b.H. irgendwie eine Benachteiligung der Verkäufer aus rassischen, religiösen oder politischen Gründen erfolgte. Die Verkäufer waren auch in keiner Weise genötigt, das Grundstück an die Lehrervereinshauis G.m.b.H. zu verkaufen und es hätte es zweifellos auch nicht getan, wenn sie von anderer Seite einen höheren Preis hätten erreichen können. M.E. unterliegt deshalb das Grundstück nicht den Bestimmungen über die Wiedergutmachung." (Akte Ro 19, 2. Teil, 4.10.1950, S. 2)

Schmidt hebt nur darauf ab, ob - unverblümt gesprochen - die jüdischen Voreigentümer übers Ohr gehauen wurden. Wir sehen einmal davon ab, dass es so war. Aber selbst wenn der Kaufpreis angemessen gewesen wäre, geschah Unrecht. Schmidt tut so, als seien es ganz normale Zeiten gewesen, in denen aus gar nicht weiter zu erörternden Gründen irgendwelche Voreigentümer zügig ihr Immobilieneigentum verkaufen wollten. Dass die Käuferin eine Notlage, die wegen der rassistischen Politik in Deutschland von 1935 entstanden war, ausnutzte, kommt ihm nicht in den Sinn. Bei der unmittelbaren "Tätigung des Kaufes" sei niemand wegen rassischer Gründen verfolgt worden, sagt er. Dies stimmt insofern, als Wilhelm Bernhardt oder Kurt Holm die jüdischen Voreigentümer oder ihren jüdischen Makler nicht mit dem Lied "Wenn das Judenblut vom Messer spritzt" begrüßt haben, sondern sicherlich hanseatisch zivilisiert mit Handschlag, "gnädige Frau" und schriftlich - freilich schon drohend - "mit deutschem Gruß". Nur wer wie Schmidt das wesentliche gesellschaftliche Bedingungungsgepflecht des Rassismus ausblendet, kann zur Schlussfolgerung kommen, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Und dabei braucht nicht einmal thematisiert werden, dass die jüdischen Voreigentümer für eine Immbilie, die ansich mindestens 178.000 RM wert war, direkt nur 26.000 RM zu ihrer Verfügung erhielten.

Am 10.10.1950 schrieb Max Traeger an Dr. Ebers vom DGB anlässlich des Schmidtschen Gutachten guten Mutes und gleichzeitig etwas verärgert:
"Nach diesem Gutachten scheint es mir gar nicht notwendig gewesen zu sein, dass der damalige Treuhänder Dr. Barkowski das Haus als Judengrundstück angemeldet hat." Er bittet Dr. Ebers, die Angelegenheit im Gewerkschaftsprüfungsausschuss "in diesem Sinne zu vertreten." (Akte Ro 19, 2. Teil, 10.10.1950)


Anmerkung: Auch Max Traeger dachte nicht weiter über die politischen Verhältnisse von 1935 nach. Ganz selbstverständlich benutzt er die Bezeichnung "Judengrundstück". Frage: Ging es auf diesem Grundstück zu wie in einer Judenschule? Ganz offensichtlich mangelte es Anfang der 50er Jahre nicht nur den ehemaligen NS-Funktionären an politischem Bewusstsein und an Sensibilität gegenüber den Opfern des mörderischen nazistischen Rassismus, sondern auch ausgewiesenen Demokraten und Gewerkschafts"führern".


Das Gutachten von Georg Schmitz war der (brüchige) Eckstein im Argumentationsgebäude zur Rückerlangung des Gebäudes. Es wurde an Dr. Ebers/VTG des DGB und an Oberregierungsrat Dr. Klesper/ Finanzbehörde Hamburg (vermutlich zuständig für das Amt für Vermögenskontrolle) weitergeleitet (Akte Ro 19, 2. Teil, 20.10.1950). Dr. Barkowski, der Treuhänder, hatte das unter Vermögenskontrolle gestellte Gebäude seit längerer Zeit als ehemaliges Eigentum jüdischer Bürger angemeldet. Es war ein Prüfungsverfahren angelaufen, weil die Möglichkeit bestand - wie es im Weyhe-Brief (Landgericht Hamburg) vom 5.3.2001 heißt , "dass hinsichtlich dieses Grundstücks Ansprüche auf Rückerstattung infolge nationalsozialistischer Verfolgung entzogener Vermögenswerte gestellt werden würden; denn nach der Regelung in den Artikel 2 und 3 des Rückerstattungsgesetzes sollte eine Vermutung für das Vorliegen der Anspruchsvoraussetzungen sprechen, wenn eine Veräußerung durch eine Person erfolgt war, die unmittelbar Maßnahmen nationalsozialistischer Verfolgung ausgesetzt war." Die Prüfung fand im Gewerkschaftsprüfungsausschuss für die britische Zone (errichtet beim Arbeitsministerium in Düsseldorf zur Durchführung der Kontrollratdirektive Nr. 50 gemäß Militär-Regierungs-Verordnung Nr. 150). Die Führung der "Gesellschaft der Freunde" glaubte, durch die Vorlage des Kaufvertrages und des Schmidt-Gutachtens gut gewappnet zu sein.

In diese Vermutungs-Prüfung platzte dann im November 1950 der konkrete Rückerstattungsanspruch der jüdischen Voreigentümer (von dem es dann im Weyhe-Brief irrtümlich hieß, es habe ihn nicht gegeben, s.o.). In einem Brief der Vermögens- und Treuhandgesellschaft des DGB wurde die "schlechte Nachricht" nach Hamburg an die "Gesellschaft der Freunde..." vermeldet, gleichzeitig wurde Hilfe versprochen: "In der obigen Rückerstattungsangelegenheit wurde uns durch Oberregierungsrat Klesper mitgeteilt, dass die Erbengemeinschaft, die seinerzeit das obige Grundstück an Euch verkauft hat, einen Rückerstattungsantrag gestellt hat. Nunmehr wird die Angelegenheit beim Gewerkschaftsprüfungsausschuss nicht mehr verhandelt werden. Wir haben deshalb den Antrag gestellt, in dem Rückerstattungsverfahren als weitere Berechtigte aufzutreten, damit wir den Entziehungstatbestand widerlegen können. Schon jetzt müsste aber von Euch eine möglichst eingehende Darstellung über den seinerzeitigen Ankauf des Grundstückes gegeben werden, damit wir beurteilen können, ob Einwendungen gegen den Rückerstattungsanspruch überhaupt Erfolg haben können. (...) Mit kollegialen Grüßen! Dr. Ebers." (Akte Ro 19 2. Teil, 20.12.1950) Offensichtlich erwartete man, dass jetzt die Verhandlung vor dem Wiedergutmachungsamt bzw. der Wiedergutmachungskammer beim Landgericht Hamburg stattfinden würde.

Auf die dringende Aufforderung des DGB, dass die "Gesellschaft der Freunde..." die genauen Umstände des Kaufs im Jahre 1935 erläutern solle, antwortete Wilhelm Bernhardt am 3.1.1951 mit der oben bereits behandelten Behauptung, es habe sich um ein verwahrlostes Gewese gehandelt, für das der Verkäufer einen angemessenen Kaufpreis erhalten habe, über den er frei verfügen konnte. Dies sei im Gesetz Nr. 59 (Rückerstattung feststellbarer Vermögensgegenstände an Opfer der nationalsozialistischen Unterdrückungsmaßnahmen) die Vorbedingung dafür, dass "die Vermutung ungerechtfertigter Entziehung" widerlegt werden könne. Zum Kaufpreis führte er die oben bereits behandelten Aspekte an: Verwahrlosung, Hausschwamm, herabgesetzter Einheitswert (für Berechnung niedrigerer Grundsteuern, was er nicht erwähnt) . Schließlich verwies er erneut auf das Schmidt-Gutachten und zeigte sich optimistisch, den Anspruch der Erbengemeinschaft abweisen lassen zu können. Eine teilweise Einschränkung für den Erfolg der Abweisung würde sich "nur aus den 1935 geltenden ´allgemein gültigen´ devisenrechtlichen Vorschriften" ergeben (Akte Ro 19, Teil 2, 3.1.1951). Mit dem Letzteren kann nur gemeint sein, dass es zweifelhaft war, ob die Erbengemeinschaft, die in der Schweiz lebte, an das Geld auf den Sperrkonten bei der Vereinsbank Hamburg hatte herankommen können. Um auch diesen Verdacht, der die Erfolgsaussichten seines Vorhabens einschränken konnte, aus der Welt zu schaffen, überzeugte er sich bei einem persönlichen Besuch der Vereinsbank am Alten Wall 20 - 22 davon, dass über den Verbleib der 16.000 RM auf Sperrkonten nichts mehr ermittelt werden könne. Die Akten seien im Krieg vernichtet worden (Akte Ro 19, 2. Teil, 24. 5. 1951).


Die befürchtete Verlagerung des Verfahrens an die Wiedergutmachungskammer beim Landgericht Hamburg trat nicht ein. Es wurde weiterhin vor dem Gewerkschaftsprüfungsausschuss in Düsseldorf verhandelt. Der Grund dafür kann nur in der oben genannten Fristüberschreitung der jüdischen Antragssteller liegen. Insofern konnte die VTG des DGB bereits am 27.2.1951 der "Gesellschaft der Freunde..." voller Erleichterung mitteilen, "dass ein Rückerstattungsantrag von anderer Seite bezüglich des obigen Grundstückes nicht vorliegt. Wir nehmen deshalb an, dass der Gewerkschaftsprüfungsausschuss in seiner nächsten Sitzung darüber beschließen kann." (Akte Ro 19, 2. Teil, 29.1.1951; vgl dazu auch Akte Ro 19, 2. Teil, Brief der Vereinsbank vom 24. Mai 1951)).


Jetzt war mit einem schnellen Fortgang der Rückerstattungssache vor dem Gewerkschaftsprüfungsausschuss zu rechnen. Einzig über die Aufwertung der "seinerzeit im Grundbuch eingetragenen Belastungen" (Akte Ro 19, Teil 2, Brief der VTG des DGB vom 5.6.1951) , also die 25.000 RM Hypothek, gab es noch Auseinandersetzungen. Diese Belastungen sollten nun - statt im Verhältnis 10 : 1 - mit 5 : 1 aufgewertet werden. Dies wurde von Hamburg in der Sache akzeptiert. (Immerhin ging es hier nicht um die Interessen jüdischer Flüchtlinge, sondern ehrbarer Hamburger Kaufleute.)

Damit war der Weg frei für die Entscheidung des Gewerkschaftsprüfungsausschusses, der in seiner Sitzung vom 15. Juni das Grundstück Rothenbaumchaussee 19 der VTG der Gewerkschaft "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesensg.m.b.H." in Hamburg übertrug (Akte Ro 19, 2. Teil, 16. 7.1951). Die zentrale Argumentationsfigur war: "Das Grundstück ist von früher her gewerkschaftliches Vermögen" (Akte Ro 19, 2. Teil, 16.7.1951, S. 2). Als die "Lehrervereinshaus G.m.b.H. Hamburg" das Haus erwarb, habe sie gewerkschaftlichen Charakter gehabt. Erst nach Inkrafttreten des NS-Gesetzes über Beamtenvereinigungen vom 27.5.1937 sei sie aufgelöst worden. Danach erst sei der NS Lehrerbund e.V. Bayreuth als Eigentümerin im Grundbuch eingetragen worden. Mit anderen Worten: 1935 sei die "Gesellschaft der Freunde" noch eine Gewerkschaft gewesen, als eine solche habe sie das Grundstück erworben. Ab 1937 sei diese Organisation mit gewerkschaftlichem Charakter in eine NS-Organisation übergeführt worden.

Die Argumentationsfigur, dass es im Jahre 1935 noch unabhängige Gewerkschaftenn gegeben habe, ist Unsinn. Selbst der Gewerkschaftsprüfungsausschuss musste in der Begründung seiner Entscheidung, als er der "Gesellschaft der Freunde ..." das Gebäude übertrug, zur ebenso hilflosen wie durchsichtigen Scheinbegründung greifen. Er schloss aus der Satzung der "Gesellschaft der Freunde ..." von 1928 bzw. aus der Satzung des Deutschen Lehrervereins, dem die Gesellschaft als Mitglied angeschlossen war, von 1931 auf den gewerkschaftlichen Charakter der "Gesellschaft der Freunde..." im Jahre 1935! (Akte Ro 19, 2. Teil, 16. 7. 1951, SD. 2). Er tat so, als ob das Wort Gleichschaltung ein Fremwort für ihn war. Aber auch der damalige Pg. und spätere Professor Holm war sich nicht zu schade, in einem Schreiben zu bestätigen, dass die "Gesellschaft der Freunde..." "bis zu ihrer Liqidation am 25.6.1937 ein völlig selbstständiger, rechtsfähiger Verein" gewesen sei (Akte Ro 19, 2. Teil, 10.10.1949). Diese Erklärung erfolgte, nachdem Wilhelm Bernhardt am 27. 9.1949 Kurt Holm "höflichst um Abgabe einer ausführlichen Erklärung darüber, dass die Geldmittel zu dem im März 1935 erfolgten Kauf des oben bezeichneten Grundstückes aus dem früheren Vermögen der Gesellschaft der Freunde etc. stammen, keinesfalls aus Geldern der NSLB." Darauf kam es an. Kein Gewerkschaftsprüfungsausschuss, auch der willigste nicht, hätte verstanden, wie gewerkschaftliches Eigentum mit Geldern einer Nazi-Organisation erworben werden konnte. Holm erfüllte die Bitte Bernhardts - gegen jegliche historische Faktenlage und gegen die völlig anderslautende Aktenlage (s.o.; vgl. Akte Ro 19, 1. Teil, 1.3.1935 und 8.4.1935). Noch einmal: wenn 1951 die Wahrheit eingestanden worden wäre, dass nämlich die "Gesellschaft der Freunde" zum Zeitpunkt des Kaufes 1935 eine NS-Organisation mit der Bezeichnung "Abteilung Wirtschaft und Recht im Nationalsozialistischen Lehrerbund, Gau Hamburg", gewesen war, wäre das Gebäude Rothenbaumchaussee 19 von Anfang an kein Gewerkschaftseigentum gewesen und hätte auch nicht zurückgegeben werden können. Insofern war die Grundlage für die Entscheidung des Gewerkschaftsprüfungsausschuss eindeutig falsch.


Schlusswort

Wilhelm Bernhardt, aber auch andere, verweisen immer wieder darauf, dass es erst für die Zeit nach dem 15. September 1936 wesentlich schwieriger wurde, die Vermutung zu widerlegen, dass jüdisches Vermögen ungerechtfertigt eingezogen worden worden sei ( Akte Ro 19, Teil 2, 3.1.1951, S. 2). Am 15. September 1935 trat das "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" in Kraft, das Ehen und außerehelichen Verkehr zwischen Juden und Staatsangehörigen "deutschen und artverwandten Blutes" verbot. Bernhardt behauptet also - und er bezieht sich dabei auf das Rückerstattungsgesetz -, dass bis zu diesem Herbst 1935 alles gar nicht so schlimm war und dass es bei der Beurteilung von Geschäften aus der Zeit vor dem 15. September 1935 nur darauf ankomme nachzuweisen, dass ein angemessener Preis an Juden tatsächlich gezahlt wurde. Es war seiner Meinung nach unerheblich, warum jüdische Eigentümer ihren Besitz verkaufen wollten "wie Sauerbier".

Es gab aber bereits 1933 Bücherverbrennungen und "wilde" antisemitische Ausschreitungen. Neben sozialistischen wurden vor allem auch jüdische Intellektuelle und Politiker gejagt, eingesperrt und ermordet. 1933 wurde das"Gesetz zur Wiederherstellung des deutschen Berufsbeamtentums" einschließlich dem sog. Arierparagraphen erlassen, was u.a. zur Entlassung aller jüdischen Beamten, aber auch zu Berufsverboten von jüdischen Ärzten und Rechtsanwälten, Künstlern und Journalisten führte. Bereits 1933 wurde in vielen Städten antisemitische Schikanen eingeführt wurde, z.B. wurde es Juden verboten öffentliche Bäder zu benutzen. Um "freiwillige" Verkäufe jüdischen Eigentums zu beschleunigen und um jüdische Mitbürger aus dem wirtschaftlichen Leben herauszudrängen, wurden seit 1933 antijüdische Boykottmaßnahmen organisiert ("KAUFT NICHT BEI JUDEN!"). Schon am 29.3.1933 wurde ein Boykottkomitee ins Leben gerufen. Es gab also bereits vor dem 15. September 1935 rassistische Verfolgung in Deutschland, von der Regierung bewusst geschürt und organisiert.

Dies alles wurde 1950/51 von den Vertretern der Hamburger Bildungs-Gewerkschaft, aber auch von dem Gewerkschaftsprüfungsausschuss und von Vertretern des DGB ausgeklammert, um an die Immobilie Rothenbaumchaussee 19 wieder heranzukommen. Zum einen log die Führung der "Gesellschaft der Freunde..." schamlos,
- als sie behauptete, die "Gesellschaft der Freunde..." sei bis 1937 eine unabhängige Gewerkschaft gewesen, die mit ihrem Geld und nicht dem des NS Lehrerbundes das Haus gekauft habe,
- als sie behauptete, der Kaufpreis sei angemessen gewesen, und dies mit einem mehr als dubiosen Gutachten zu belegen versuchte,
- als sie behauptete, die jüdischen Voreigentümer hätten an das gezahlte Geld herankommen können, obwohl dies bei den Sperrkonten mit hoher Wahrscheinlichkeit unmöglich gewesen ist.

Es geht aber um mehr. Es geht um ein Versagen auf der moralischen Ebene. Dr. Ebers von der Vermögens- und Treuhandgesellschaft des DGB schrieb am 29.1. 1951: "Wenn die (jüdischen; B.N.) Antragsteller beweisen können, dass sie schon vor dem 15. September 1935 der Verfolgung der Nationalsozialisten unterlagen, werden wir gegen die Rückersttatung des Grundstückes keine Einwendungen machen können." Der Beweis lag - mit Verlaub - auf seinem Schreibtisch. Es war der 1935er Vertrag über den Verkauf des Grundstückes. Die Führung der "Gesellschaft der Freunde ...", also Wihelm Bernhardt als Geschäftsführer und Max Traeger als Vorsitzende, aber auch Vertreter des DGB in Düsseldorf wie Dr. Ebers von der Vermögens- und Treuhandgesellschaft des DGB müssen sich den politisch-moralischen Vorwurf gefallen lassen, gegenüber der rassistischen Verfolgungswelle auch zu Beginn der Naziherrschaft blind gewesen zu sein. Entweder haben sie sie total verdrängt oder aber sie stellten sich um eines finanziellen Vorteils zugunsten der Hamburger Bildungsgewerkschaft unwissend.

Es wird in der Forschung für die Zeit von Januar 1933 bis November 1938 von freiwilliger Arisierung gesprochen. Dazu schreibt Raul Hilberg: "Das Wort ´freiwillig´ gehört in Anführungszeichen, weil unter dem Naziregime nicht ein einziger Verkauf jüdischen Eigentums freiwillig im Sinne eines in einer freien Gesellschaft frei ausgehandelten Vertrags erfolgte. Die Juden wurden massiv zum Verkauf genötigt." (Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, Bd. 1, Fischer TB, Deutsche und erweitere Ausgabe, Ffm, 1990, S. 98).

Nicht ein einziger Verkauf!

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Nachwort:

Meinen ersten Bericht über meine Nachforschungen zum Gebäude Rothenbaumchaussee 19 wurde dem Aufsichtsrat der Vermögens- und Treuhandgesellschaft der GEW im Herbst 2000 vorgelegt. Der Bericht endete mit folgenden Sätzen:

Eines ist klar: Die Vorgängerin der GEW hat diese Immobilie nicht als Gewerkschaft erworben. Wir haben aber den Nutznieß von der 1935er Transaktion. Insofern stehen wir in einem inneren Zusammenhang mit dem NS-Regime und seinen antisemitischen Verfolgungen bereits in den ersten Jahren der Naziherrschaft und damit auch seinem Druck auf jüdische Bürger Hamburgs, ihr Grundeigentum so schnell wie möglich zu verkaufen. Betriebswirtschaftlich mag alles mit rechten Dingen zugegangen sein, moralisch-politisch aber nicht. Dieser über die Immobilie RoCh 19 von uns ererbten moralischen Mitverantwortung sollten wir uns stellen.

Ro 19 3. Brief aus USA Juergen Schulz pdf.pdf

Der Kauf von Ro 19 - Wer kaufte? Wer zahlte? Wer kontrollierte?

1. Die Abschnitte "Der Kauf von Ro 19 durch den Nationalsozialistischen Lehrerbund" in der hlz- Jubiläumsausgabe, S. 79, und "War der Nationalsozialistische Lehrerbund eine freie Gewerkschaft?", S. 87, sind richtig.

Weitere Belege:
2. Friedrich Kraus: das Curiohaus 1911 - 1961. Ein Beitrag zur Geschichte der Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens in Hamburg. Verlag Gesellschaft der Freunde, Hamburg, 1961, S. 58 f..

Textauszug:
Am 27. April 1933 fand die große Versammlung im Großen Saal unseres Hauses statt, in der die "Gesellschaft" mit ihren Mitgliedern und ihrem gesamten Besitz in den Nationalsozialistischen Lehrerbund übergeführt wurde. Am 23. Februar hatte der Verwaltungsausschuss zum letzten Mal in alter Weise getagt …dann nach jener Übernahme noch einmal in einer kurzen Sitzung … Inzwischen waren die Übernahmeverhältnisse im neuen Vorstand weiter verhandelt worden, und am 27. Oktober konnte der Geschäftsführer Buse Schulrat Lühning und Kurt Holm als Vertreter des Landesschulrates Schulz im Verwaltungsausschuss begrüßen. (…)
Nachdem eine für den Herbst anberaumte Verhandlung, in der die "Gesellschaft" offiziell aufgelöst werden sollte, nicht zustande gekommen war, erfuhr die Mitgliedschaft im Dezember aus der Hamburger Lehrerzeitung, dass die "Gesellschaft" fortan als Abteilung Wirtschaft und Recht des NSLB, Gau Hamburg, weitergeführt werden sollte. Das war in Verhandlungen mit der Reichsleitung des NSLB abgemacht worden. Holm teilte dazu beruhigend mit (in der Dezember-Ausgabe 1933; B.Nette) :
"Es gilt, die vorhandenen Einrichtungen … dem NSLB anzugliedern. Das ist zu erreichen, wenn die ´Gesellschaft´zu einer Abteilung Wirtschaft und Recht des NSLB, Gau Hamburg, umgegliedert wird. Bis ins kleinste ist die Gesamtheit der Werte und Einrichtungen dem Mitgliederkreise sichergestellt. (…) Doch ist die Angleichung der Satzung an das nationalsozialistische Führerprinzip eigentlich eine Selbstverständlichkeit."
In derselben Nummer der Hamburger Lehrerzeitung wurde ein Satzungsentwurf der Abteilung Wirtschaft und Recht bekanntgegeben, der über die Verwaltung des Curiohauses bestimmte:
"52. Das Curiohaus wird durch einen Ausschuß der Abteilung Wirtschaft und Recht verwaltet, dem außer dem geschäftsführenden Leiter der Geschäftsleiter und der Rechnungsführer der Lehrervereinshaus G.m.b.H. sowie drei weitere Mitglieder des Verwaltungsrates angehören, die der Landesleiter des NSLB ernennt.
53. Der Geschäftsführende Leiter hat das Curiohaus gerichtlich und außergerichtlich zu vertreten.
54. Wichtige Angelegenheiten des Curiohauses, wie umfangreiche Umbauten, größere Aufwendungen, wichtige langfristige Verträge, müssen im Verwaltungsrat der Abteilung Wirtschaft und Recht beraten werden."
Der Landesleiter war Wilhelm Schulz, der Kassenverwalter der Gaustelle R. Schlorf; der Kassenverwalter des Verwaltungsausschusses, den man auf seinem Posten ließ, Carl Schultz; der Geschäftsführende Leiter K. Holmerwies sich als der eigentliche Verantwortungsträger; den bewährten Geschäftsführer des Curiohauses Adolf Buse ersetzte man durch Wilhelm Bernhardt, der das Amt bis zu seinem Tode 1959 innehatte. In einer Hauptversammlung der Abteilung Wirtschaft und Recht (Gesellschaft der Freunde …) am 16. März 1934 wurde die Satzung ohne Begründung und Aussprache mit Zweidrittelmehrheit angenommen."

Die Nazis hatten spätestens an Frühjahr 1934, also ein Jahr vor dem Kauf von Ro 19, vollständige Kontrolle über die Organisation und über die Gelder.


3. Kristina Steenbock: Gesellschaft der Freunde. Die Gewerkschaft der Lehrer wird gleichgeschaltet. In: Ursel Hochmuth/ Hans-Peter deLorent (Hg): Hamburg. Schule unterm Hakenkreuz. Hamburg, 1985, S. 15.

Textauszug:
Die Auflösung der "Gesellschaft" gelang de facto im Frühjahr 1934 mit ihrer Überführung in die "Abteilung Wirtschaft und Recht" im NSLB (…) Von der "Gesellschaft" war nunmehr lediglich ihr Name übrig geblieben: Die Abteilung Wirtschaft und Recht hieß offiziell "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens, e.V. (Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB, Gau Hamburg)". Dieser "unbedeutende Schönheitsfehler", wie Wilhelm Schulz, inzwischen zum Landesschulrat avanciert, es nannte, wurde im Juni 1937 getilgt, indem auf einer Hauptversammlung der "Gesellschaft" auch de jure aufgelöst und ihr Vermögen dem NSLB offiziell übertragen wurde.

Steenbock bestätigt Text 2.


4. Brief von Wilhelm Bernhardt, Geschäftsführer der Lehrervernshaus G.m.b.H., vom 1. März 1935 :
"An die Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB, z. Hd. Herrn Schulrat Holm
Auf Grund der mir am 25. v. Mts. erteilten Ermächtigung, die Kaufverhandlung wegen des Grundstückes Rothenbaumchaussee 19 weiterzuführen und ev. abzuschließen, ist heute mit dem Hau(s)makler Elias der beiliegende Vertrag vereinbart worden. Da die Gegenseite einen schnellen Abschluss wünscht, werde ich den vertrag notariell bestätigen lassen, falls nicht von der Abteilung Wirtschaft und Recht Einwendungen erhoben werden. Och bitte, die im Vertrag vorgesehene Anzahlung von RM. 20 000- zum 1.4.35 bereitzustellen und für die Nebenkosten einen Betrag von RM. 5 000- an die Lehrervereinshaus G.m.b.H. zu überweisen.
HeilHitler!
Bernhardt.

Bernhardt ist 1935 nur ermächtigt, kann nicht allein tätig werden. Er muss die Erlaubnis von der Abteilung Wirtschaft und Rech, d.h. vom NSLB/ Holm einholen.
20 000 Reichsmark kommen vom NSLB, Gau Hamburg. Nach erhaltener Erlaubnis unterschreibt Wilhelm Bernhardt am 2. März 1935 "handelnd als Geschäftsführer der Lehrervereinshaus G.m.b.H.", den notariellen Vertrag zum Kauf von Ro 19.

5. Nachdem er von Bernhardt 1949 dazu aufgefordert worden war, versuchte Holm in einem Schreiben vom 10.10.1949 wahrheitswidrig nachzuweisen, dass die "Gesellschaft" bis 1937 "ein völlig selbstständiger, rechtsfähiger Verein" gewesen sei. Sie habe "sämtliche Geschäftsanteile der Lehrervereinshaus GmbH allein im Besitz" gehabt. "Als damaliger geschäftsführender Leiter des Vereins und Vorsitzender des Aufsichtsrats der Lehrervereinshaus gGmbH bekunde ich hiermit, dass zum Kauf des Hauses Ro 19 im März 1935 ausschließlich Mittel der Gesellschaft der Freunde verwandt wurden, Als alleiniger Gesellschaftler der Lehrervereinshaus GmbH wurde daher auch die Gesellschaft der Freunde und nicht der Lehrerbund Eigentümer des Grundstücks Rothenbaumchaussee 19." Erst im Juni 1937 habe die Gesellschaft der Freunde nach Verkündung des Gesetzes zur Auflösung von Beamtenvereinigungen ihre Auflösung beschlossen. Danach "gingen im Zuge der Liqidierung die Geschäftsanteile der Lehrervereinshaus GmbH in den Besitz der Reichswaltung des NS Lehrerbundes über."

Holms Behauptungen widersprechen in geradezu absurder Weise den Dokumenten und auch der Satzung der Abteilung Wirtschaft und Recht (vgl. Nr. 2).
Seine Behauptungen stehen im Zusammenhang mit dem Vorhaben der"Gesellschaft"/ der GEW- Hamburg von 1949 nachzuweisen, dass Ro 17 nicht im Besitz einer NS- Organisation war.


6. Der Kollege Braasch legte dem Protokoll des Aufsichtsrats der VTG vom 18.12.2000
"Ein paar Anmerkungen zum NSLB in Hamburg" bei.

Text:
In der NSDAP (…) gab es im Gau Hamburg ein "Gauamt für Erzieher und NS-Lehrerbund", an dessen Spitze "Gauamtsleiter" Wilhelm Schulz stand.
Das "Gauamt für Erzieher" (NS Lehrerbund, Gau Hamburg) war untergliedert in 9 "Gauhauptstellen", an deren Spitze jeweils ein "Gauhauptstellenleiter" stand. Außerdem gab es eine "Abteilung Schulung" mit einem "Gauschulungsleiter". Diese Abteilung war auch wieder untergliedert in mehr als ein Dutzend kleinerer Gremien.
Die heutigen Fachgruppen der GEW wurden damals "Gaufachschaften" genannt. Die zahlreichen Ausschüsse der der Gesellschaft der Freunde hießen damals Gausachgebiete.
Daneben gab es die "Abteilung Wirtschaft und Recht", deren Leiter Pg. Schulrat Kurt Holm war. Diese Abteilung untergliederte sich in Unterstützung und Beihilfen - Umschuldung und Darlehen - Haftpflicht und Rechtsschutz - Unfallschutz - Schul- und Besoldungsrecht - Wirtschafts- und Versicherungsfragen.
Außerdem gab es die "Lehrervereinshaus G.m.b.H.". Geschäftsführer war Wilhelm Bernhardt, Stellvertreter Edgar Balthasar, Kassenführer Carl Schultz. Aufsichtsrat: Reichskassenwalter Hugo Jünger, Reichsstellenleiter Dr. Greif, Vorsitzender Kurt Holm. Schon die Besetzung des Aufsichtsrats zeigt deutlich, dass in Bareuth entschieden wurde, was in Hamburg zu geschehen hatte.
Die Hamburger Lehrerkrankenkasse war umgewandelt worden in "Krankenkasse im NS- Lehrerbund, Gau Hamburg"; Vorsitzender: Schulrat Kurt Holm. (Die Hamburger Lehrerkrankenkasse wurde im Laufe der 50er Jahre in die Debeka übergeleitet, die noch lange eine Geschäftsstelle im Curiohaus hatte).
(Die Namen sämtlicher Kollegen tragen natürlich den Zusatz "Pg." = Parteigenosse, sie waren also Mitglied der NSDAP).
Kurt Holm (geb. 10 Juli 1900) war ein Multifunktionär: dienstlich war er Schulrat mit Dienstsitz in der Schule Binderstraße 34, wo er im Lehrerverzeichnis von 1931 als Lehrer eingetragen ist. Im Verzeichnis von 1938 steht als Dienststelle Hochschule für Lehrerbildung. (Er ist einer der ganz wenigen, von denen 1938 weder Geburtstag noch Eintritt in den Schuldienst angegeben sind). Innerhalb des NSLB wird er geführt als : "Gauhauptstellenleiter Wirtschaft und Recht"; Leiter des Sachgebiets "Volksschuloberbau" (heute Realschule); Abteilungsleiter "Wirtschaft und Recht" sowie Unterabteilungen "Schul- und Besoldungsrecht" und "Wirtschafts- und Versicherungsfragen", Vorsitzender des Aufsichtsrates der "Lehrervereinshaus G.m.b.H.", Vorsitzender der "Krankenkasse im NS-Lehrerbund, Gau Hamburg".
In der ersten Nachkriegsausgabe des Lehrerverzeichnisses (1953) ist Kurt Holm nicht aufgeführt.

Der wichtigste Satz lautet: "Schon die Besetzung des Aufsichtsrates zeigt deutlich, dass in Bayreuth entschieden wurde, was in Hamburg zu geschehen hatte." Das bedeutet nämlich, dass nicht einmal der NSLB, Gau Hamburg, entschied, sondern letztlich die Reichswaltung des NSLB. Umso absurder sind Holms Nachkriegs- Thesen (vgl. Nr. 5) von der "Gesellschaft" als einem völlig selbstständigen, rechtsfähigen Verein im Jahr 1935. (Es müsste allerdings geklärt werden, für welchen Zeitraum Braasch die personelle Zusammensetzung des Aufsichtsrats der Lehrervereinshaus G.m.b.H. schildert. Es ist auf jeden Fall vor 1937.).


7. Friedrich Kraus, a.a.O., S. 59:
"Der Kaufpreis war 40 000 RM zuzüglich einer mit 562,50 RM abzulösenden jährlichen Rente von 15 Goldmark. Der Preis war außerordentlich niedrig; 20 000 RM gab der NSLB und 20 000 RM wurden von den wohltätigen Kassen als Hypothek aufgenommen."

Die Summe von 20.000 RM, die vom NSLB stammte, wird auch durch das Schreiben von Wilhelm Bernhardt (1. März 1935, vgl. Nr. 4) bestätigt.

8. Brief an die Landesjustizverwaltung, Hamburg, 4. März 1935:
"Die Lehrervereinshaus G.m.b.H. als Trägerin der Vermögenswerte an Grund und Boden der Abteilung Wirtschaft und Recht im Nationalsozialistischen Lehrerbund, Gau Hamburg, hat das Grundstück Rothenbaumchaussee 19 … käuflich erworben. (…)"

Die Lehrervereinshaus GmbH ist keine eigenständiges demokratisches Überbleibsel aus Weimarer Tagen, wie nach 1945 gerne behauptet wurde.


9. (Blauer Ordner Ro 19 1935)
Am 25. Juni 1935 wurde der Diplomingenieur Walther Puritz von der Lehrervereinshaus G.m.b.H beauftragt, einen Vorentwurf für einen Umbau des Vordergebäudes bzw. Neubau auf dem hinteren Grundstück zu liefern. Am Montag, den 1. Juli 1935, sollte ein Gesprächstermin sein. Das Vorderhaus sollte im EG die Bücherei, im 1. Stock die Geschäftsräume des NSLB aufnehmen.

Puritz wohnte 1929 nachweislich in einer Curiohaus- Wohnung (Ro19), war also der "Gesellschaft" bekannt. (vgl. Brief vom 11.2.1929 Luise Müller). Er selbst schrieb anlässlich der Übersendung seines Entwurfs am 26.7.1935, er sei langjähriger Mieter gewesen. Bei der Errichtung des Curiohauses sei er beteiligt gewesen.

Am 5. August stoppte die Gauamtsleitung des NSLB die Umbaupläne der Lehrervereinshaus G.m.b.H..

Damit wird klar, dass die Lehrervereinshaus G.m.b.H. auch hier vollständig abhängig war von dem NSLB, als es 1935 darum ging, Ro 19 umzubauen. .


AG Rothenbaumchaussee 19 (Ro 19) der GEW- Hamburg

Antrag an die Frühjahrs- LVV am 23.April 2007


Die Herbst- LVV vom 27.11.2006 hatte folgenden Beschluss gefasst:

Bis zur Frühjahrs- LVV wird von der AG Ro 19 geprüft, ob es möglich ist, das Gebäude Rothenbaumchaussee 19 an die Freie und Hansestadt Hamburg zu verkaufen.

Die AG Ro 19 hat im Rahmen dieses Prüfauftrags Gespräche geführt mit
- dem Amtsleiter der Kulturbehörde,
- der Leiterin des HamburgMuseums,
- den kulturpolitischen Sprechern der drei Bürgerschaftsfraktionen,
- dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Hamburg
- und Vertretern des Fördervereins Jüdisches Museum Hamburg .

Alle Gesprächspartner begrüßten die Projektidee eines Jüdischen Museums in Ro 19 und hielten sie für wünschenswert und realisierbar. Eine solche Initiative fördere - so die Gesprächspartner - das Ansehen der GEW- Hamburg.

Die AG Ro 19 hatte ihren Antrag, wie die GEW- Hamburg mit dem Haus Ro 19 umgehen solle, auf der letzten Herbst- LVV wegen des Prüfauftrags zurückgezogen. Nach erfolgter Prüfung legt sie der Frühjahrs- LVV den geringfügig veränderten Antrag erneut vor:


Das Haus Ro 19 wird der Freien und Hansestadt Hamburg zum Verkehrswert angeboten. Dies geschieht unter der Maßgabe, dass die Stadt Hamburg ein Jüdisches Museum als Dependance des HamburgMuseums einrichtet.
Ein noch festzulegender Teil des Verkaufserlöses wird von der GEW- Hamburg zweckgebunden verwendet. Das Ziel ist es, Solidarität mit den Opfern von Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus und diktatorischer Gewalt zu üben, Aktivitäten zur Abwehr von Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus zu initiieren und zu fördern und Maßnahmen zum Aufbau von Demokratie und Humanität in Deutschland zu initiieren und zu fördern.
Die AG Ro 19 wird an der Durchführung des Beschlusses beteiligt.

(AG Ro 19 am 20.3.2007, 8 dafür, 2 dagegen, keine Enthaltung.)

Ro 19 Ortmeyer Offener Brief deutsch 07.pdf

Antrag an die LVV am 21.4.2008
verschoben auf die LVV vom 24. 11.2008

Verantwortung für die Geschichte übernehmen

Die GEW Hamburg versteht sich als eine demokratische und antifaschistische Organisation. Sie setzt sich gegen rassistische, nationalistische und militaristische Aktivitäten ein und fördert Maßnahmen zum Ausbau von Demokratie, Humanität und Frieden. Die GEW Hamburg kann auf eine über 200jährige Organisationsgeschichte zurückblicken und verbindet Erinnerung mit Erkenntnis und Verantwortung. Hierzu zählt auch die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus'.

Die GEW Hamburg stellt fest:
Wir müssen die Vergangenheit annehmen. Wir sind von ihr und ihren Folgen auch als nachfolgende Generationen betroffen und werden für sie in Haftung genommen.
Wir treten ein für eine geschichtliche Aufarbeitung ohne Vorbehalt und ohne Furcht vor dem Resultat. Es bedarf einer umfassenden Analyse und eines darauf aufbauenden Engagements. Spuren sollen gesucht und nicht verwischt werden. Aufarbeitung schließt Erinnern und Gedenken, Aufklärung und Veränderung ein.
Alle Mitglieder sind aufgefordert, sich aktiv an der Diskussion zu beteiligen - offen und differenziert.
Die GEW Hamburg bezieht auch im Hinblick auf ihre eigene Geschichte als "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens" Position. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit wirft grundsätzliche Fragen des organisatorischen und individuellen Verantwortungsbewusstseins auf. Sie vermittelt Entscheidungskriterien und Verhaltensmaßstäbe für heute und morgen.
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1933 kam es zum Bruch mit der Demokratie. Die Lehrergewerkschaft unterschätzte den totalen Machtwillen und die Dynamik der NS-Bewegung. Dem entstehenden Unrecht wurde nicht entschieden entgegen getreten; es wurde nicht "Nein!" gesagt. Die Lehrergewerkschaft unterwarf sich aus äußerem Zwang, aus Opportunismus und auch aus eigener Überzeugung der NS-Bewegung. Sie förderte durch dieses Verhalten die Stabilisierung des Regimes.
Die Anerkennung historischer Schuld unserer Lehrergewerkschaft schließt das Nachdenken über die persönliche Schuld ehemaliger Funktionäre und Mitglieder ein. Wir wissen, dass viele in der NS-Zeit Täter, Mittäter und Mitläufer wurden. Zugleich gab es - wenn auch wenige - Frauen und Männer im Widerstand

Nach 1945 fehlte in der "Gesellschaft der Freunde"/ GEW Hamburg die direkte und umfassende Auseinandersetzung mit dem Erbe des Nazireiches. Es fand sich wenig Rückbesinnung auf das eigene Verhalten. Die Selbstgleichschaltung der Organisation 1933 wurde nur von wenigen kritisch hinterfragt. Man blendete nach 1945 die Beteiligung der Mitglieder der ehemaligen Lehrergewerkschaft am rassistischen und kriegsvorbereitenden Wirken des NS- Staates in den Schulen weitgehend aus.
Es gab kein klares Bekenntnis der GEW- Hamburg zur Mitverantwortung. Es wurde nicht konsequent mit personellen Kontinuitäten bei der Neukonstituierung der Lehrergewerkschaft gebrochen. Dagegen fanden die Bemühungen, die nach den Bestimmungen der Alliierten als NS-belastet eingestuften und entlassenen Pädagogen zu rehabilitieren und in den Staatsdienst wieder aufzunehmen, in fast allen Fällen die Unterstützung der GEW.

Die "Gesellschaft der Freunde"/ GEW Hamburg beanspruchte nach 1945 neben ihrem ursprünglichen Eigentum auch das Haus Rothenbaumchaussee 19 (Ro 19). Es war den jüdischen Vorbesitzern nicht rückerstattet worden.
Diese Aneignung widerspricht den heutigen politischen und moralischen Vorstellungen der GEW Hamburg.
Die jüdischen Vorbesitzer hatten die Immobilie 1935 in einer Zeit zunehmenden antisemitischen Verfolgungsdrucks unter Wert an den Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) verkauft, da sie vor der rassistischen Verfolgung aus Deutschland fliehen wollten. Sie standen unter Zwang und Zeitdruck. Ihr Entschluss zum Verkauf war nicht frei. Der Kaufpreis war nicht angemessen. Letztlich konnten sie über den Verkaufserlös nicht frei verfügen. Käufer und Verkäufer waren keine gleichberechtigten Handelspartner. Zu dieser Zeit bestand in Deutschland kein Rechtsstaat mehr. Es herrschte staatlicher Terror. Juden wurden kollektiv verfolgt.

Nach 1945 rechtfertigte die "Gesellschaft der Freunde"/ GEW Hamburg mit Hilfe der beiden NS-Funktionäre Bernhardt und Holm die Inbesitznahme. Diese hatten für den NSLB den Ankauf getätigt. Die "Gesellschaft der Freunde"/ GEW Hamburg stellte sich entsprechend deren Angaben als Nachfolgeorganisation der "Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB Hamburg" dar, deren Vermögenstreuhandgesellschaft, die "Lehrervereinshaus G.m.b.H." ,1934 Ro 19 erworben hatte. Ohne Empathie und Sensibilität gegenüber dem Schicksal der ehemaligen jüdischen Eigentümer behauptete sie, der Verkauf wäre nicht zu beanstanden. Der Kaufpreis wäre angemessen gewesen. Es hätte keinen Druck auf die Verkäufer gegeben. Die als Käuferin auftretende "Lehrervereinshaus G.m.b.H." wäre keine nazistische Gesellschaft gewesen sondern hätte ihren gewerkschaftlichen Charakter als "völlig selbständiger, rechtsfähiger Verein" in der NS-Zeit beibehalten können.

Die GEW Hamburg teilt heute diese Ansichten nicht. Sie fühlt sich in dieser Einschätzung durch die Ergebnisse des Historischen Symposiums im Curio-Haus am 27.2.2008 "Verantwortung für die Geschichte übernehmen" bestätigt.
Sie anerkennt, dass den jüdischen Vorbesitzern beim Verkauf 1935 Unrecht geschehen ist, das nach 1945 nicht anerkannt wurde. In den Umständen der Inbesitznahme von Ro 19 nach 1945 sehen wir ein politisches und moralisches Versagen der damaligen Lehrergewerkschaft, deren Erbe wir sind.

Wir, die GEW Hamburg im Jahre 2008, bekennten uns zur historischen Schuld unserer Organisation. Wir übernehmen Verantwortung für unsere Geschichte.

Begründung:
Bis Anfang 1980 herrschte in der GEW zur Geschichte der eigenen Organisation in der NS-Zeit und in der Nachkriegszeit das große Schweigen. Es gab keinen erklärten Willen nach der eigenen Vergangenheit zu fragen und die Aufarbeitung dieser Zeit aktiv zu fördern. Erst im Jahre 2000 begann - angeregt durch zufällige Archivfunde - die Diskussion zur Immobilie Ro 19. Dabei sind es doch besonders die Tabus, das Verschwiegene und Verdrängte, an denen wir Entscheidendes über unsere Geschichte lernen können. Auch generationsübergreifende Bindungen und Loyalitäten müssen reflektiert und ggf. in Frage gestellt werden.
Die GEW Hamburg hat mit dem von ihr durchgeführten Symposium am 27.2.2008 "Verantwortung für die Geschichte übernehmen" eine konsensfähige, wissenschaftliche Basis für ihre Haltung zur NS-Zeit und deren Auswirkungen auch auf die Lehrergewerkschaft erarbeitet. Für die nicht beendete Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte ist durch das Symposium die Möglichkeit eröffnet worden, von einer gemeinsamen Erkenntnis aus weiter zu forschen und zu diskutieren.

Antragsteller: Willi Bartels, Berthold Brunner, Alfred Dreckmann, Gabriele Ebermann, Dorothea Eichhorn, Peter Gohl, Ulrich Hoch, Ulla Kehl, Ragna Linde, Uli Ludwig, Katharina Martinez, Bernhard Nette, Uwe Post, Stefan Romey, Michael Schade, Harald Vieth, Ilona Wilhelm, Willi Winkelmann, Fredrik Dehnert, Enno Janssen, Nissar Gardi, Florian Muhl, Gina Schmidt, Christian Galati, Angelika Schlichting

Geschichte wird umgeschrieben

Replik von Stefan Romey und Bernhard Nette
auf Jörg Berlins Artikel "Das stimmt nicht! oder Eine andere Version"


Jörg Berlin stellt in seinem HLZ-Artikel die bisher zu Ro 19 veröffentlichten Schriften grundsätzlich infrage. Er reflektiert die Vergangenheit der GEW bzw. der "Gesellschaft der Freunde" im Hinblick auf die Konsequenzen für die Gegenwart prinzipiell anders. Er will dabei den Erwerb des Hauses Ro 19 als Einzelfall prüfen und nicht eingeordnet in die Verfolgungsgeschichte der Juden in der NS-Zeit. Dieses bestimmt seinen methodischen Weg. Die Auswahl historischer Quellen und deren Interpretation sind hierdurch determiniert. Er erschwert durch Unterstellungen, Verdrehungen, suggestive Aussagen, fehlende Quellen- und Literaturhinweise eine detaillierte kritische Überprüfung seiner Aussagen, will man sich nicht auf eine Grundsatzaussage zu seinem Text beschränken. Jörg Berlin vermeidet eine Auseinandersetzung mit dem Komplex Ro 19 aus der Zeit nach 1945.

Ziele, Inhalte, Methoden, Zeitpunkt sowie Art und Umstände der Veröffentlichung lassen nicht erkennen, dass Jörg Berlin - wie er selbst mehrfach für sich reklamiert - an der Aufklärung historischer Sachverhalte und einer breiten innergewerkschaftlichen Diskussion und Meinungsbildung zum Thema Ro 19 ernsthaft interessiert ist.

Er behauptet umfassend informieren zu wollen, tut dieses aber nicht. So gibt er für Außenstehende keinen Überblick über den bestehenden jetzigen Forschungs- und Diskussionszusammenhang innerhalb der GEW, wie es zuletzt die Arbeitsgruppe Ro 19 mit der Materialsammlung zur Vorbereitung der letzten LVV noch getan hat. Auch allgemein vermisst man einen entsprechenden Extrakt.

Er benennt nicht bzw. geht nicht auf die bis heute maßgebende Expertise von Sielke Salomon und ihre Ergänzung vom November 2006 (Einlage in der hlz 10-11/06) sowie auf wichtige Arbeitspapiere der Arbeitsgruppe Ro 19 ("Ro 19 - Gedankengänge zur nicht erfolgten Rückerstattung", "Zum Begriff Arisierung", "Aktuelle Rechtsprechung zu Arisierung und Rückerstattung") ein. Stattdessen behauptet er, "Eine ergänzende Darlegung weiterer in der Diskussion fehlender Aspekte ist... nicht erfolgt...". An anderer Stelle äußert er sich differenzierter - jedoch ohne es für seine jetzigen Leser auf der LVV bzw. in der hlz zu erwähnen. So hält er die in der AG Ro 19 vorgelegten Papiere in der gegenwärtigen Situation "nicht für hilfreich", weil sie angeblich zu sehr das Allgemeine der NS-Zeit betonen würden. Er hingegen will den induktiven Weg gehen, ohne die allgemeine politische Situation der damaligen Zeit im Zusammenhang mit dem Kauf von Ro 19 umfassend einschätzen zu wollen oder zu können. Deshalb wird die Prüfung des "Einzelfalles" für ihn zum zentralen Bewertungskriterium.

Die Vergangenheit wird bei ihm parzelliert und entwirklicht. Die Geschichte von Ro 19 wird aus dem geschichtlichen Kontext genommen. Er vermittelt den Eindruck, bei dem Erwerb jüdischen Eigentums sei nichts Unrechtes geschehen, der Nationalsozialismus habe sich grundsätzlich nicht auf das wirtschaftliche Handeln ausgewirkt. Juden seien im NS- Staat gleichberechtigte Handelspartner.

Seinen Vorwurf gegen Bernhard Nette, dieser wäre nicht bereit, "auch solche Informationen unvereingenommen aufzunehmen, abzuwägen und zu veröffentlichen, die nicht zu seinen ersten Hypothesen passen", kann er quellenmäßig nicht belegen. Vielmehr beschreibt diese Anschuldigung seine eigene Vorgehensweise. Jörg Berlin unterstellt den Autoren des Artikels " Rothenbaumchaussee 19. Das jüdische Erbe der GEW" (hlz 10-11/05) bei der Auswahl und Deutung der herangezogenen Materialien "eine durchgängig einseitige Akzentuierung". Zentrale Aussagen seien aus seiner Sicht heraus "ungesichert". Beweise für diese Anschuldigungen werden nicht beigebracht. Er wendet sich damit gegen die Einschätzung zahlreicher Experten, die auf dem Symposium am 9.11.2005 den hohen Recherchewert und die wissenschaftlich fundierten und differenzierten Stellungnahmen der Autoren Nette und Salomon hervorheben (s. hlz 12/05: Bullan/ Romey "Mutig! Die GEW diskutiert ihre Geschichte am Beispiel des Hauses Rothenbaumchaussee 19").

Jörg Berlin hatte mehr als 5 Jahre Zeit sich inhaltlich dezidiert mit den Ausführungen dieser Autoren auseinander zusetzen. Bernhard Nette legte sein erstes Gutachten am 9.5.2001, Sielke Salomon ihre Expertise " Rothenbaumchaussee 19. Der Kauf 1935 und die Rückerstattung 1948-1955" am 12.2.2002 vor. Der oben genannte Artikel in der hlz 10-11/05 wurde als Zusammenführung vorhandener Diskussionsergebnisse zwischen diesen Autoren gesehen.

Jörg Berlin äußert sich jetzt unmittelbar vor der Landesvertreterversammlung (LVV) am 23.4.07, ohne dass er - wie er selber sagt - "viele Argumente ausführlicher erläutert und durch Fußnoten, Literaturhinweise etc. nachvollziehbar" macht. Er nimmt allenfalls indirekt Bezug zum Auftrag der letzten LVV an die Arbeitsgruppe Ro 19, bis zur Frühjahrs- LVV zu prüfen, ob es möglich ist, das Gebäude Rothenbaumchaussee 19 an die Freie und Hansestadt Hamburg zu verkaufen. Er stimmt ausdrücklich der Verbreitung seiner Ausführungen als "Materialien" im Antragspaket zur jetzigen LVV zu. Er stellte seine Ausführungen nicht im Arbeitsgremium der GEW, der AG Ro 19, vor und verzichtete auf Anregungen einer möglichen Diskussion. An einem kurzfristig anberaumten Symposium wollte er nicht teilnehmen. Er hatte auch nicht gebeten, seine Erkenntnisse als Teil des Berichts der AG Ro 19 aufzunehmen. Er will von außen Einfluss auf die Landesvertreterversammlung der GEW Hamburg nehmen (" Insbesondere im Hinblick auf die Landesvertreterversammlung, in der Beschlüsse über den weiteren Umgang mit Ro 19 gefasst werden sollen, erscheint eine solche Ergänzung dringend erforderlich"), ohne sich einer Diskussion auf dieser zu stellen. Mit Sätzen wie "Die erwähnten KollegInnen schlagen sinngemäß vor, das Gebäude zu einem günstigen Preis an die Stadt Hamburg zu veräußern..." oder sogar "Kollegen, die gegenwärtig für eine Übereignung von Ro 19 an die Stadt Hamburg eintreten …" unterstellt er, es wäre beabsichtigt, der GEW wirtschaftlich zu schaden. Gegenüber Dritten beschrieb er sein Erkenntnis leitendes Interesse: "Bei den Auswirkungen heute geht es möglicherweise um eine Summe von etwa 500 000 € ."

Im Gegensatz zu Jörg Berlins Ansatz finden andere Positionen bei den Verantwortlichen zur Vorbereitung der LVV nicht vergleichbare Beachtung. Andere Autoren wurden nicht um Freigabe ihrer Materialien gebeten. Dieses Vorgehen lässt Absicht vermuten.

Gab es eine kollektive Verfolgung der Juden?

Jörg Berlin vermittelt von sich die Ansicht, er würde - im Gegensatz zu den von ihm angegriffenen Autoren - "unvoreingenommen " die Umstände des Kaufes von Ro 19 untersuchen. In diesem Kontext unterstellt er in diffamierender Weise in einer Pauschalverurteilung ohne jeden Bezug zu konkreten Texten oder Äußerungen, "dass es KollegInnen geben könnte, die in dieser Angelegenheit nicht einmal etwas mehr "beweisen" wollen...".

Jörg Berlin knüpft an seine Aussagen in der hlz 05/06 an. Damals griff er - ohne explizit auf dessen Definitionsansatz einzugehen - den Experten der Forschungsstelle für Zeitgeschichte Frank Bajohr an, da dieser Jörg Berlins Position, die "Fakten" zu den jüdischen Vorbesitzern sprächen gegen eine verfolgungsbedingte Emigration im Zusammenhang mit Ro 19, nicht erwähnte bzw. ablehnte. Statt sich mit Bajohrs These auseinanderzusetzen, jeder Vermögenstransfer von sogenanntem jüdischen in sogenannten arischen Besitz sei im engeren Sinne Arisierung, weicht Jörg Berlin einer argumentativen Auseinandersetzung aus. Er verneinte schon damals, dass es Hinweise darauf gebe, dass die jüdischen Vorbesitzer wegen der NS-Politik aus Deutschland flohen. Jörg Berlin bestritt eine Weggabe unter Zwang. Damals wie heute lässt Jörg Berlin nur seine Sichtweise gelten und reduziert die Quellenexegese auf die durch ihn selbst festgelegte Auswahl, die er seinem Publikum aber nicht näher erläutert. Die in der AG Ro 19 vorgelegten Papiere zu diesem Themenkomplex ignoriert er vollständig, obwohl er - wie er selbst schreibt - dazu zuletzt am 20.2.07 aufgefordert wurde.

So wurde er mehrfach auf die aktuelle Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichtes zur Restitution schriftlich und mündlich hingewiesen. Dieses hatte u.a. entschieden, dass die Kollektivverfolgung der Juden rechtlich mit dem 30.1.1933 beginnt (BVerwG 18.6.1998). Jedes Verkaufsgeschäft seit dem 30.1.1933 galt damit als ungerechtfertigte, verfolgungsbedingte Entziehung. Es sei daher nicht notwendig, einen Nachweis individueller Verfolgung zu erbringen. Die Kollektivverfolgung aller Juden sei "als historisches Ereignis eine allgemeinkundige Tatsache". Als Konsequenz hieraus müsse der Ariseur in jedem Einzelfall den Gegenbeweis führen - und nicht der Verfolgte - , um die Entziehungsvermutung zu widerlegen. Die Entziehung von Eigentum sei unabhängig von Staatsangehörigkeit und Wohnsitz des Verfolgten zu sehen. Wesentlich sei der wirtschaftliche Schaden (BverwG 23.7.1999).

Jörg Berlin setzt sich bei der Einschätzung der Lebenssituation der jüdischen Vorbesitzer von Ro 19 nicht mit der Kollektivverfolgung der Juden in Deutschland 1933 bis 1935 - auch angesichts des unmittelbar bevorstehenden Inkrafttretens der Nürnberger "Rasse"gesetze - auseinander. Das in der AG Ro 19 vorgelegte Papier "Arisierung" erläutert ausführlich auf dem Hintergrund der allgemeinen Entrechtung im NS-Staat die Verfolgungsmaßnahmen der ersten Zeit. Jörg Berlin geht hierauf nicht ein. Er konstatiert zwar in seinen hlz-Artikeln für die "Gesellschaft der Freunde" bereits im April 1933 einen "Druck der Verhältnisse", in diesem Fall sich dem NSLB anzuschließen, ohne einen solchen genauer zu definieren. Er geht jedoch nicht auf den antisemitischen Verfolgungsdruck bereits unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nazis ein, was sich für jüdische Mitglieder der "Gesellschaft der Freunde" u.a. auch in der Anwendung des Gesetzes "zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7.4.1933 zeigte. Bereits am 1. April 1933 fand der erste reichsweite Boykott jüdischer Geschäfte statt.

Auch für den Zeitpunkt des Verkaufes von Ro 19 im Frühjahr 1935, also nach zwei Jahren NS-Diktatur, kann er weiterhin für die jüdischen Vorbesitzer einen solchen "Druck der Verhältnisse" im Zusammenhang zwischen NS-Verfolgung, Flucht und Verkauf von Ro 19 nicht erkennen. Vielmehr verlangt er mehrfach den Beweis einer individuellen Verfolgung, obwohl er eingangs seines Artikels noch eingesteht, dass eine "generelle Vermutung zugunsten von Juden und Menschen jüdischer Abstammung, deren Besitzverhältnisse ab 1933 seien verfolgungsbedingt,.." rechtlich und moralisch geboten sei. Er geht auch in seinem neuen hlz-Artikel nicht auf die Kritik zu seinem Ansatz (vgl. hlz 06-07/06 "Erst kommt das Geld, dann die Moral") ein.

Damals wie heute muss er sich fragen lassen, warum er argumentativ hervorhebt, dass die ehemaligen jüdischen Vorbesitzer wohlhabend waren. Sicherlich war dadurch ihr (Über)Leben im NS-Staat einfacher als für arme Juden. Es ermöglichte ihnen teilweise eine Lebensführung wie noch in der Weimarer Zeit. So konnte Klaus Jürgen Bauer Kureinrichtungen in der Schweiz besuchen (Zum Verhalten deutscher Kureinrichtungen gegenüber Juden findet sich bei Jörg Berlin kein Wort). Er betont, dass Mercedes und Robert Meyerhof nach dem Verkauf von Ro 19 in eine "komfortable Wohnung an der Alster" umgezogen wären, ohne sich ernsthaft mit den alternativen Deutungsmöglichkeiten, zu denen dieser Umzug Anlass gibt, zu beschäftigen (s. Sielke Salomon in ihrer Studie, S. 12). Ein Umzug spricht, so spekuliert er, gegen einen Verfolgungsdruck, der auf das Ehepaar ausgeübt wurde.

Flucht oder "Übersiedelung" wegen der Kakaokrise und Familienzusammenführung

Kurz zu den Fakten: Das Haus Ro 19 wurde im März/ April 1935 an den NSLB verkauft. Die Erbengemeinschaft bestand ursprünglich aus fünf jüdischen Vorbesitzern. Die Vorbesitzerin Mercedes Meyerhof, geb. Hallgarten, floh Anfang 1936 zusammen mit ihrem Ehemann Robert Henry Nordheim Meyerhof zuerst in die Schweiz und später in die USA. Ihre Mutter Hedwig Hallgarten, eine weitere Vorbesitzerin, floh 1937 ebenfalls in die Schweiz. Der Vorbesitzer Klaus Jürgen Bauer blieb in Deutschland, versuchte, in der Schweiz auf einer Kur seine Lungenkrankheit auszukurieren. Er starb 1937 in Deutschland. Der Vorbesitzer Albert Hallgarten war bereits vor dem Verkauf verstorben. Der Vorbesitzer Julius Hallgarten lebte zum Zeitpunkt des Verkaufs als US- Bürger in der Schweiz. Die in der Schweiz lebenden Flüchtlinge mussten 1938 die betagten Eltern von Robert Henry Nordheim Meyerhof, Robert Meyerhof (geb. 1863) und Ella Meyerhof (geb. ca. 1873) vor der angedrohten KZ- Haft freikaufen. Sie wurden von den Nazi-Behörden "Zug-um-Zug" gegen Barzahlung über die deutsch-schweizerische Grenze abgeschoben.

Jörg Berlin stellt dazu fest: "Eine direkte Verbindung der Übersiedelung in die Schweiz mit dem Verkauf von Ro 19 ist nicht wahrscheinlich,...". Ferner hält er einem möglichen Rückerstattungsanspruch der Flüchtenden entgegen, dass sie "wegen eines erheblichen Auslandsvermögens zum Bestreiten von Reisekosten und des Lebensunterhalts ihrer Familie finanziell nicht auf den Anteil aus dem Kaufpreis von Ro 19 (8000 RM) angewiesen" waren. Hedwig Hallgarten war in der Sichtweise Jörg Berlins kein Flüchtling, es handelte sich bei ihrer Flucht mehr um eine Art der Familienzusammenführung. "Sie siedelte vermutlich auch deshalb in die Schweiz und später in die USA über, um mit den Familienmitgliedern zusammenzubleiben."

Nach Ansicht Jörg Berlins floh auch Mercedes Meyerhof ins Ausland nicht aufgrund antisemitischer Verfolgung im NS-Staat. Sie "begleitete" lediglich ihren Ehemann, der "sich in der Schweiz eine neue Existenz als Kakaoimporteur aufbauen wollte". Obwohl Jörg Berlin dessen Wiedergutmachungsakte eingesehen hat, stellt er dessen Emigration als im wesentlichen wirtschaftlich und nicht politisch bedingt dar. Robert Henry Nordheim Meyerhof äußerte sich selbst eindeutig: "Im Januar 1936 sah ich mich gezwungen auszuwandern, da eine Existenzmöglichkeit durch die von der Nationalsozialistischen Partei getroffenen Maßnahmen nicht mehr gegeben war." Für Jörg Berlin waren es die erheblich gesunkenen Gewinnspannen für Hamburger Kakaohändler, die Robert Henry Nordheim Meyerhof quasi zu einem "Wirtschaftsflüchtling" machten. Jörg Berlin erwähnt nicht, dass Robert Henry Nordheim Meyerhof achtzehn Monate in der Schweiz ohne Arbeitseinkommen war. Auch hält er nicht für nötig darauf hinzuweisen, dass dieser verfolgungsbedingte Schaden im Wiedergutmachungsverfahren anerkannt und entschädigt wurde.

Folgt man Jörg Berlins Thesen, wäre Robert Henry Nordheim Meyerhof nicht originär als NS-Verfolgter anzusehen und wäre weder anerkannt noch entschädigt worden.
Jörg Berlin unterstellt, dass der nicht erfolgte Verkauf der durch NS-Maßnahmen in wirtschaftliche Not geratenen Firma Liebert & Meyerhof (Hauptgesellschafterin: Mercedes Meyerhof) gegen einen Zusammenhang von Flucht und Verkauf von Ro 19 spricht. "Es gibt auch kein Anzeichen für einen Versuch, parallel zum Verkauf dieses Zinshauses das sonstige Hamburger Vermögen (130.000 RM) zu veräußern. Das Kapital blieb bis zu deren Konkurs 1938 in der erwähnten Firma angelegt." Er unterstellt wider besseren Wissens, dass es möglich gewesen wäre, das Einlagekapital von Mercedes Meyerhof in Höhe von 130.000 RM aus der Firma zu entnehmen, obwohl die Firma bereits seit 1933 in ihrer Geschäftstätigkeit durch die NS-Machthaber eingeschränkt wurde und schließlich keine Geschäfte mehr tätigen konnte. Er vermittelt mit dem nicht weiter erläuterten Hinweis auf den Konkurs den Eindruck, die Firma sei wirtschaftlich gescheitert. Die nazistischen Zwangsmaßnahmen, die zum Niedergang der Firma Liebert & Meyerhof führten, bleiben unerwähnt. Ebenso unerwähnt bleibt, dass nach der Auswanderung des Ehepaars Meyerhof und Hedwig Hallgartens diese massiv unter Druck gesetzt wurden, Lösegeld für die Auswanderungsgenehmigung der in Deutschland zurückgebliebenen über 75 Jahre alten Eltern Robert Meyerhofs zu zahlen. Mercedes und Robert Meyerhof war mitgeteilt worden, dass seine Eltern festgenommen und ins KZ gebracht werden würden, wenn nicht von seiten der Hauptgesellschafterin der noch nicht liquidierten Firma Liebert & Meyerhof, Mercedes Meyerhof, Devisen im Wert von weit über 100.000 RM gezahlt werden würden.

Mercedes und Robert Meyerhof sowie Hedwig Hallgarten konnten ins Ausland fliehen. Jörg Berlin geht nicht der Überlegung nach, was passiert wäre, wenn sie in Deutschland geblieben wären. Aus der Anmerkung zu dem in Deutschland 1937 an einer schweren Krankheit verstorbenen Miterben Klaus Jürgen Bauer lässt sich Jörg Berlins Antwort auf solcherart Fragen jedoch vermuten. "Es ist nicht zu entscheiden, ob er Deutschland wegen seiner Krankheit oder wegen der resignierenden Einsicht nicht verlassen wollte, Antisemitismus gebe es immer und überall."

Anders als bei vielen armen verfolgten Juden, die in Deutschland zurückbleiben mussten und die später deportiert und ermordet wurden, hatten das Ehepaar Meyerhof und Hedwig Hallgarten genügend finanzielle Mittel um zu fliehen. Sie überlebten. Das spricht keineswegs dagegen, sie als NS-Verfolgte anzuerkennen und ihr Schicksal entsprechend zu werten. Jörg Berlin sieht nicht, dass sich alle Juden in Deutschland nach 1933- egal ob arm oder reich - in einer Zwangslage befanden. Bei dieser Einschätzung kommt es nach wissenschaftlicher und rechtlicher Erkenntnis auch nicht - wie Jörg Berlin im Hinblick auf den Verkauf von Ro 19 konstatiert - darauf an, ob die NS-Verfolgten sich selbst als "Opfer" sahen oder sich als solche verhielten. Jörg Berlin spaltet das Lebensschicksal der NS-Opfer auf. Zwar könne es bei anderen Objekten der jüdischen Voreigentümer Verfolgung gegeben haben, bei Ro 19 sei dieses aus seiner Sicht nicht der Fall. Denn letztlich hätten sie "bei weniger wertvollen Objekten" nicht gescheut, nach 1945 in Entschädigungsverfahren - gemeint sind Verfahren nach dem Bundesentschädigungsgesetz (BEG) und nicht nach Rückerstattungsrecht - den Weg bis zum Bundesgerichtshof zu gehen.

Reichsfluchtsteuer - normales bürgerliches Recht?

Jörg Berlin vermittelt mit seiner Aussage, "A. und J. Hallgarten waren keine bedrängten Flüchtlinge oder Emigranten" , den Eindruck, sie wären keine NS-Verfolgten, obwohl ihnen erwiesenermaßen wirtschaftlicher Schaden zugefügt worden war. (Im übrigen übersieht Jörg Berlin trotz eines relativierenden Einschubs, dass A. gleich Albert Hallgarten bereits verstorben war.) Gegen mögliche berechtigte Rückerstattungs- bzw. Entschädigungsansprüche ihrer Vermögensverluste spricht nach Jörg Berlin, dass diese "juristisch beraten wurden" bzw. dass sie nicht "durch das Verfahren überrascht wurden". Gemeint ist die Kenntnis über die nazistischen Devisenbestimmungen und über den damit beabsichtigte Vermögensraub durch den NS-Staat. Auch wenn die Angabe der Vereinsbank nach der NS-Zeit, das auf einem "Sperrkonto" eingezahlte Geld wäre nicht beschlagnahmt worden, zutreffend ist, sind A. und J. Hallgarten bzw. deren Erben Schäden durch die NS-Machthaber entstanden. Jörg Berlin sieht insgesamt bei der Einschätzung des Vermögensschadens für die jüdischen Erbengemeinschaft beim Verkauf von Ro 19 keinen Zusammenhang zwischen erzieltem Kaufpreis und dem Vermögensraub durch "Reichsfluchtsteuer" und "Dego-Abgabe". Er schätzt diese als eine nicht speziell gegen Juden gerichtete Maßnahmen ein, vielmehr hätten diese aus seiner Sicht "für alle Deutschen und Ausländer" gegolten. Er unterlässt zu erwähnen, dass sie de facto einer "Judensteuer" gleichkamen.

Wegnahme durch den NS- Staat - alles "unbeachtlich"?

In diesem Zusammenhang äußert sich Jörg Berlin in einer Randbemerkung zur Frage der Konfiszierung jüdischen Vermögens durch die Devisenstellen und verweist auf den Kommentar von R. und F. Godin zur Rückerstattungsgesetzgebung in der amerikanischen Besatzungszone. Jörg Berlin vermittelt mit seiner Zitatauswahl "Die spätere Verfügungsbeschränkung ist unbeachtlich" den Eindruck, die GEW müsste bei der politisch-moralischen Bewertung der Verkaufsvorgänge nicht beachten, in welchem Umfang und wie lange die jüdischen Vorbesitzer über den Kaufpreis verfügen konnten. In Sielke Salomons Expertise hätte Jörg Berlin die Zahlen zur Verfügbarkeit gefunden: zwischen zwei (Mercedes Meyerhof)und siebzehn Monaten (Klaus Jürgen Bauer) ( a.a.O. S.33f).

Sielke Salomon verweist in diesem Zusammenhang auf ein Grundsatzurteil, wonach jede devisenrechtliche Kontensperre bei ausgewanderten Juden als diskriminierend einzuschätzen sei, "weil die Juden durch Verfolgung zur Auswanderung gezwungen waren, und die Kontensperre deshalb auch eine automatische Folge der Diskriminierung" war. Jörg Berlin diskutiert Sielke Salomons Recherchen nicht. Aus den eingesehenen Wiedergutmachungsakten hätte er die exorbitante Höhe des Schadens auf die RM genau berechnen können.

Jörg Berlin geht zudem nicht auf den übergeordneten Teil des von ihm zitierten Kapitels von R. und F. Godins Kommentar zur Entziehungsvermutung ein. Hier heißt es in Artikel 3(1)b des Gesetzes: "Zugunsten eines Berechtigten wird vermutet, dass ein in der Zeit vom 30. Januar 1933 bis 8.Mai 1945 abgeschlossenes Rechtsgeschäft eine Vermögensentziehung darstellt...wenn die Veräußerung oder Aufgabe seitens einer Person vorgenommen wurde, die zu einer Gruppe von Personen gehörte, welche in ihrer Gesamtheit ...aus dem kulturellen und wirtschaftlichen Leben Deutschlands ausgeschaltet werden sollte" Unter diesen Gruppenverfolgten werden an erster Stelle Juden genannt (R. und F. Godin S.17f). Nichts anderes hat Bajohr unter Arisierung im engeren Sinne definiert, worauf Jörg Berlin an anderer Stelle aber nicht eingehen will (hlz 05/06, S.40). Dies wurde ihm auch mehrfach in der AG Ro 19 in verschiedenen Papieren verdeutlicht.

Ein gründliches Befassen mit diesem Thema hätte möglicherweise auch dazu geführt, dass Jörg Berlin sich differenzierter zum Begriff "Arisierung" stellt und einem Nachkommen der jüdischen Vorbesitzer nicht unterstellt, er wüsste nicht, wovon er rede, er spräche nur deshalb von "Arisierung" , weil er "erst kürzlich seitens der AG Ro 19 unter Verwendung des Begriffs ‚Arisierung' informiert" worden wäre.

Waren die NSLB-Käufer keine Nazis?

Jörg Berlin will "ohne irgendwelche Vorannahmen und ‚Gewissheiten'" einen Blick auf die Kaufumstände und die Verkäufer werfen. Von den Käufern spricht er in diesem Zusammenhang zunächst nicht. Er erläutert nicht deren nazistische Verquickung und deren nazistische Einstellungen. Vielmehr unterstellt er der NSLB-Führung bei anderen Themen (Kulturveranstaltungen im Curio-Haus für ein jüdisches Publikum sowie "Entjudung" des Curio-Hauses) ein eher zurückhaltendes, passives, ja "judenfreundliches" Verhalten. Diese Einschätzung wird in einem Artikel in der hlz 4/2007 ("Entjudung" des Curiohauses) widerlegt. Jörg Berlin kannte den Text in der ersten Fassung aus den Diskussionen in der AG Ro 19, geht darauf aber mit keinem Wort ein. Er behauptet in scheinbar vorsichtiger Diktion: "Deshalb lässt sich wohl nicht eindeutig sagen, ob die angegriffenen Nazis ( Anm. der Autoren: Die Fraktion der "Alten Kämpfer" machte im Rahmen eines internen Machtkampfes 1933/34 innerhalb des NSLB Hamburg der siegreichen Fraktion um Wilhelm Schulz den Vorwurf judenfreundlich zu sein.) aus eigenem Antrieb handelten", als sie das Curiohaus 1935/36 "entjudeten". Wilhelm Schulz wird hier in die Nähe eines "Judenfreundes" gestellt, wobei Jörg Berlin sich auf Nazi-Querelen im anfänglichen Kampf um die Macht im NSLB und um Posten zwischen - so Jörg Berlin wörtlich - "linientreuen Nationalsozialisten" und "angegriffenen Nazis" - beruft. Jörg Berlins Unterscheidung zwischen dem jeweiligen Rassismus der beiden Fraktionen ist falsch und Täter-entlastend. Die antisemitische Grundüberzeugung des späteren NS-Landesschulrats und NSLB-Landesleiters ("Gauwalter") Wilhelm Schulz (ein "angegriffener Nazi") ist durch Uwe Schmidt und Hans-Peter deLorent hinreichend belegt.

Es spielt für Jörg Berlin bei seiner Einschätzung der Verkaufsumstände offensichtlich keine Rolle, wenn Geschäftsführer, Gesellschafter oder Aufsichtsrat der ankaufenden "Lehrervereinshaus GmbH" zum Zeitpunkt des Ankaufes von Ro 19 NS-Parteigänger und NS-Funktionäre waren. Es sei "hinsichtlich des Kaufs von Ro 19 nur von geringer Bedeutung, dass bereits bis zur vollständigen Übernahme der ‚Gesellschaft' und ihres Besitzes durch den NSLB des Reiches 1937 Mitglieder der Hamburger NSDAP ständig an Einfluss gewannen." Er kritisiert diese "Mitglieder der Hamburger NSDAP" nur für ihren aus seiner Sicht falschen Sprachgebrauch: Die Nazis hätten bei Zahlungen aus den Kassen der "Gesellschaft der Freunde" und der "Lehrervereinshaus GmbH" "verkürzend und verschleiernd vom ‚NSLB' als Quelle des Geldes" für den Ankauf von Ro 19 gesprochen. Jörg Berlin korrigiert die Täter und entlastet sie auf diese Weise. Er erläutert nicht, warum diese hätte anders formulieren sollen.

Jörg Berlin versucht, der gleichgeschalteten "Gesellschaft der Freunde …" einen rechtlich selbstständigen Status zuzuerkennen. Obwohl er auf die Änderung der Satzung im März 1934 und deren Auswirkungen hinweist (z.B. Einführung des Führerprinzips), will er diese nicht als Faktum anerkennen. Offiziell hieß es nun "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesen (Abteilung Wirtschaft und Recht im Nationalsozialistischen Lehrerbund, Gau Hamburg)". Ohne den Teil "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens", den die Nazis in ihren internen Dokumenten wegließen, könne man - so Jörg Berlin - nicht mehr von einer "historisch korrekten Bezeichnung" sprechen. Er schätzt richtig ein, dass seine Argumentationskette dann zusammenbricht, wenn es statt "Gesellschaft der Freunde" nur noch "Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB" heißt. Für Jörg Berlin reicht es daher bei der Diskussion um den Käufer als Nachweis einer vom NS-Regime rechtlich selbständigen Organisation aus, wenn der Name "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens" - wenn auch mit dem Zusatz "Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB, Gau Hamburg" - juristisch bis zum Kaufdatum nicht geändert wurde. Als Illustration seines Artikels wählt er deswegen eine Ankündigung der Pensionskasse aus, um anhand der Schriftgröße und des Fettdruckes (!) seine Ansicht zu beweisen. Die Satzungsänderung selbst untersucht er nicht und hinterfragt nicht seine eingangs zitierte "juristische" Prämisse.

Woher er als Historiker gerade bei NS-Funktionären die Gewissheit nimmt, "Sie hatten ihre Tätigkeit an in den Statuten festgelegten Zwecken zu orientieren", lässt er unerklärt. Darüber hinaus behauptet Jörg Berlin, die sozialen Einrichtungen der "Gesellschaft der Freunde" "führten auch organisatorisch zunächst weiterhin ein gewisses Eigenleben, obwohl ihre neuen Geschäftsführer vom NSLB kam(en)". Es scheint für seine Einschätzung unerheblich zu sein, dass ab 27.4.1933 die "Gesellschaft der Freunde" nazistisch geführt wurde. Er reflektiert auch nicht organisationsegoistische Gründe der neuen nazistischen Hamburger Führung der "Gesellschaft der Freunde", von einer Liquidation derselben abzusehen. Für den Fall einer solchen Liquidierung hätten die neuen NS-Führer die Gefährdung der vorhandenen Vermögenswerte der "Gesellschaft der Freunde" befürchten müssen. Diese wären dann dem NSLB (Reich) zugefallen und wären nicht beim NSLB Hamburg geblieben. Jörg Berlin erläutert auch nicht, wie zum einen dem "Druck der Verhältnisse" nachgegeben werden musste, zum anderen aber die "Gesellschaft der Freunde …" und die Lehrervereinshaus G.m.b.H. eigenständig gewesen sein sollen.

Ohne jedwede Quellenangaben unterstellt Jörg Berlin mit großer innerer Sicherheit den nazistischen Führern der "Gesellschaft der Freunde" und der "Lehrervereinshaus GmbH", sie hätten erwirtschaftete Erträge bis 1937 "nicht für spezifisch nationalsozialistische Ziele, sondern im wesentlichen satzungsgemäß und vor allem zum Abtragen erheblicher Schulden verwendet".

Statt als Gewerkschafter kritisch darüber zu reflektieren, warum die "Gesellschaft der Freunde" so schnell sich korporativ dem NSLB anschloss und dessen neue Basis bildete, hält Jörg Berlin die ‚Gleichschaltung' für "ohnehin unvermeidbar". Nachzufragen wäre, ob die im Mai 1933 verbotenen ADGB-Gewerkschaften sich aus seiner Sicht falsch verhalten haben, denn sie legten ja, anders als die "Gesellschaft der Freunde…", offensichtlich nicht so viel Wert darauf durch Anpassung und Transformationswillen "ihre Vermögenswerte zu retten". Diese wurden beschlagnahmt.

Niedrigpreis für Ro 19 - Zwangssituation der jüdischen Eigentümer

Jörg Berlin zählt zu den zentralen Aussagen, die sich seines Erachtens als ungesichert erwiesen hätten, den Nachweis, dass der Preis für Ro 19 zu niedrig gewesen sei.

Zentral kommt es ihm auf den Begriff "Schleuderpreis" oder "Spottpreis" und nicht auf den erzwungenen Akt des Verkaufens an. "Wenn gesagt würde, das Gebäude sei zu etwa 25 Prozent des Preises verkauft worden, den ein nichtjüdischer Besitzer erzielt haben könnte, wäre auch zu fragen, warum sich trotz des angeblichen Spottpreises nur ein Interessent fand; denn Anfang 1935 wurde in Hamburg auf Juden noch kein Druck ausgeübt, ihre Häuser zum Niedrigpreis an bestimmte den Nazis genehme Personen oder Institutionen zu verkaufen."

In dem von Jörg Berlin kritisierten hlz- Artikel wurde nicht behauptet, dass auf die jüdischen Vorbesitzer durch den NSLB ein direkter Druck ausgeübt wurde, Ro 19 zu einem speziellen "Niedrigpreis" zu verkaufen. Dafür gibt es keine Belege. Insofern setzt sich Jörg Berlin mit nicht existierenden Thesen auseinander, wenn er schreibt, "…spricht gleichfalls nichts für die These, dass es sich bei der Transaktion um eine offensichtliche und bewusste Übervorteilung der Verkäufer handelte." Was Jörg Berlin nicht zur Kenntnis nimmt, ist, dass der Druck, der auf die jüdischen Vorbesitzer von Ro 19 ausgeübt wurde, der allgemeinen Verfolgungssituation geschuldet war. Erst der damit verbundene Akt des Verkaufens führte dazu, dass der Preis unter den gegebenen Umständen - so zeitlicher Druck die Flucht vor dem NS-Terror vorzubereiten, keine Gelegenheit zur Renovierung von Ro 19 vor dem Verkauf, Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die Immobilienpreise - zu niedrig war. Sielke Salomon schrieb in ihrer "Richtigstellung und persönliche Erklärung", die der hlz 10-11/2006 beigelegt war: "Ich betone, dass mit einigem Recht vermutet werden kann, dass es zu dem Grundstücksverkauf von Ro 19 ohne die Herrschaft der Nationalsozialisten seit 1933 nicht gekommen wäre. Es ist richtig, eine Zwangssituation der jüdischen Eigentümer anzunehmen. Auch der im Jahre 1935 gezahlte zu niedrige Preis für Rothenbaumchaussee 19, der erst durch neu aufgefundene Quellen belegt werden konnte, weist eindeutig in diese Richtung." Diesen Zusammenhang verneint Jörg Berlin.

Es handelte sich nicht um einen Zwangsverkauf, der erst ab dem 23. Dezember 1938 nach der "Verordnung zum Einsatz jüdischen Vermögens" angeordnet werden konnte. Daher hat bisher auch niemand behauptet, wie Jörg Berlin es unterstellt, dass ein nichtjüdischer Besitzer 1935 einen um 75 Prozent höheren Preis erzielt hätte. Jörg Berlins Aussage über den fiktiven "nichtjüdischen Besitzer" setzt voraus, dass dieser Ro 19 überhaupt verkauft hätte. Eine sinnvolle ökonomische Entscheidung wäre es zur damaligen Zeit nicht gewesen. Der fiktive nichtjüdische Besitzer hätte 1935 nur dann das Haus so übereilt verkauft, wenn ihn irgendeine Not getrieben hätte. Für ihn gab es keine Verfolgungssituation, also hätte er nur aus finanziellen Gründen, z.B. wegen drohender Insolvenz, verkauft. Dieser Grund schied für die jüdischen Besitzer aus, sie waren wohlhabend. Für sie gab es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen ökonomischen Grund, aber einen anderen: die Verfolgung durch den NS- Staat, das Haus Ro 19 zu verkaufen.

Wohnungsmarkt und wirtschaftliche Umstände

Jörg Berlin sucht die Ursache für den viel zu geringen Preis von Ro 19 in den Lebensumständen der jüdischen Vorbesitzer, in den allgemeinen wirtschaftlichen Umständen am Ende der Weltwirtschaftskrise und im schlechten Zustand des Gebäudes. Jörg Berlin trägt dabei eine generalisierende und in vielen Teilen nicht durch die Fakten abgesicherte Darstellung vor.

Im Kapitel "Trostlose Lage des Wohnungsmarktes" schließt Jörg Berlin von einer kurz und eher summarisch zusammengefassten Lage der Hamburger Ökonomie 1934/35 auf den Wohnungsmarkt: "Die Krise wirkte sich bei bestimmten Haustypen (…) in extremer Weise auf die Mieten bzw. die Vermietbarkeit von Wohnungen aus. Selbst neuere und besser ausgestattete Gebäude wie das direkt neben Ro 19 stehende Curiohaus litten demnach unter der ´trostlosen Lage des Wohnungsmarktes´. Jahrelang leer stehende Häuser waren im Bezirk Rotherbaum keine Seltenheit."
Diese Feststellung ist in dieser Allgemeinheit zwar zutreffend, gilt aber spätestens ab 1933 für das von Jörg Berlin erwähnte Curiohaus nicht, es sei denn, es ist die Zeit der "Entjudung" damit gemeint. Ab 1932 waren die Wohnungen im Curiohaus wieder voll vermietet. Allerdings mussten den Mietern teilweise "Krisenmieten" (z.B. statt 200,- RM pro Monat 180,- RM) zugestanden werden

Sielke Salomon geht in ihrem Gutachten von 2002 bei der Frage, ob der Preis für Ro 19 angemessen war, ausführlich auf den Komplex des Wohnungsmarktes zum Zeitpunkt des Verkaufs, aber auch in den Jahren zuvor und danach ein. Sie nennt und belegt die Zahlen von Grundstücksverkäufen in Rotherbaum, die Jörg Berlin nur teilweise übernimmt und aus denen er dann völlig andere Schlussfolgerungen zieht. Salomon schreibt über die Anzahl freiwilliger Hausverkäufe in Rotherbaum:
"In den relativ ´goldenen Jahren´ der Weimarer Republik waren es 65 (1925) 45 (1926), 43 (1927 und 1928); 1929 sank die Zahl auf 25 ab, 1930 stieg sie auf 30 an, um dann 1933 mit 18 einen Tiefpunkt zu erreichen; 1934 war mit 30 wiederum ein Aufwärtstrend zu verzeichnen, der sich 1935 mit 34 fortsetzte." (Salomon, S. 27).
Jörg Berlin verkürzt diese Informationen: "1925 bis 1927 waren im Bezirk Rotherbaum durchschnittlich 51 Häuser verkauft worden. 1934 bis 1935 gab es 30 bzw. 34 Veräußerungen von Immobilien (1933: 18)." Jörg Berlin vermeidet nicht nur die Diskussion des von Salomon angesprochenen Aufwärtstrends, sondern negiert ihn implizit. Dadurch kann er zu folgendem Ergebnis kommen: "Die These, der niedrige Preis für Ro 19 sei ein durch Überangebot von Häusern aus dem Besitz flüchtender Juden verursacht, lässt sich wegen des Einbruchs während der Weltwirtschaftskrise durch die absoluten Verkaufszahlen bisher nicht bestätigen."
Diesen Zusammenhang hatte Sielke Salomon aus der Anzahl der Verkäufe aber gar nicht diskutiert! Erst, nachdem sie auch die Durchschnittspreise bei den "freiwilligen" Verkäufen intensiv untersucht hat und nicht nur wie Berlin die "absoluten Verkaufszahlen", kommt sie zu folgenden Überlegungen: "Die ab 1929 verzeichneten Einbrüche (der Durchschnittspreise; d. Verf.) gehen auf das Konto der Weltwirtschaftskrise. Dass sich der Abwärtstrend zumindest bei den freiwilligen Verkäufen bis 1935 drastisch fortsetzt, gibt jedoch zu denken. Es drängt sich Frage auf, ob die niedrigen Verkaufspreise nach 1933 auf ein Überangebot billiger Grundstücke von jüdischen Besitzern zurückzuführen sind." Vorsichtig kommt Sielke Salomon zum Schluss, es spreche einiges dafür, diese Frage zu bejahen (Salomon, S. 28).


Ro 19 - ein Haus mit Zukunft

Über den Zustand des Hauses Ro 19 beim Ankauf 1935 sagen die Quellen aus, es wäre unmodern und höchstens noch bedingt vermietbar gewesen. Jörg Berlin übertreibt allerdings: Einen "wiederholtem Besitzerwechsel" von Ro 19, der sich schlecht auf den baulichen Zustand ausgewirkt habe, gab es nicht. Seine Darstellung vom hohen Grad "des wenig gepflegten Zustands" von Ro 19 zum Zeitpunkt des Verkaufs im Jahr 1935 bezieht sich auf Bauakten des Jahres 1931, die dort monierten Zustände waren längst beseitigt. Insgesamt sind die Tatsachen über den Zustand des Hauses 1935 aber keineswegs neu. Im von Jörg Berlin kritisierten hlz- Artikel heißt es nach längeren entsprechenden Ausführungen:
"Die Einschätzung war, was die (schlechte; d. Verf.) Vermietbarkeit und den (unmodernen; d. Verf.) Zustand des Hauses anging, wohl realistisch." (hlz, 10-11/2005, S. 80) Allerdings wird in dem hlz- Artikel - anders bei Jörg Berlin - die Frage gestellt: "Nur folgt daraus schon, dass auch der Preis angemessen war?"

Im hlz- Artikel wird der Kaufpreis für Ro 19 in Höhe von 40.000 RM ergänzt um die Kosten in Höhe von 26.000 RM (ohne Garagenbau), die der NSLB bis Mitte 1936 für Renovierung und Modernisierung des Hauses und des Hinterhofes aufwendete. Danach war das Haus wieder gut vermietbar. Alle Ausführungen und Zitate, die Jörg Berlin über hochherrschaftliche Wohnungen ohne Komfort und aus der Vorkriegszeit stammend bemüht, sind wahrscheinlich richtig für Ro 19 im unrenovierten und unmodernisierten Zustand, aber eben nicht zutreffend nach den entsprechenden Baumaßnahmen. Der NSLB hatte das Haus nachweislich als eine Immobilie mit guter Zukunft erworben.

Jörg Berlin reduziert die Sicht des nazistischen Käufers, der Ankauf sei zwar ein Wagnis gewesen, aber mit guten Zukunftsaussichten, die sich nach einem Umbau bestätigt hätten, ausschließlich auf den Begriff "Wagnis", den er auch in der entsprechenden Kapitelüberschrift hervorhebt. . "Eine weitere handschriftliche Notiz aus dem Jahr 1938 (des Gauhauptstellenleiters Holm, Anm.d.V.), der Kauf sei finanziell ein ‚Wagnis' gewesen, spricht gleichfalls nicht für die These, dass es sich bei der Transaktion um eine offensichtliche und bewusste Übervorteilung der Verkäufer handelte."
Jörg Berlin zitiert nicht zu Ende. Die Textstelle heißt:" War es ein Wagnis? Ja! Aber eine Gelegenheit wie diese durfte nicht verpasst werden. (1911 225.000 M, jetzt angeboten für 40.000). Als Platz für den nicht gebauten Flügel des C.H. Also Zukunftsmusik. Aber in seinem gegenwärtigen Zustand nach Ansicht der Verwaltung geeignet, durch Erschließung neuer Einnahmequellen die finanzielle Lage des Gesamtuntern. zu erleichtern."

Dass das Haus nach einer Renovierung Zukunft haben könnte, sahen auch die jüdischen Vorbesitzer. Jörg Berlin selber verweist darauf, sie hätten noch im Oktober 1934 zwei Architekten den Prüfauftrag erteilt, ob sich für Ro 19 ein Umbau in Kleinwohnungen lohne. Auch der Makler John Elias, der das Haus Ro 19 im Februar 1935 zum Kauf anbot, verwies in einem Schreiben: "Dasselbe eignet sich ausgezeichnet zum Umbau in kleine Wohnungen …" Jörg Berlin spekuliert über die Gründe, warum aus dem Umbauprojekt der jüdischen Vorbesitzer nichts wurde: Die Prüfung "scheint kein viel versprechendes Ergebnis gezeitigt zu haben." Er zieht aus dieser wenig plausiblen Feststellung den Schluss: "Jedenfalls spricht jener Prüfauftrag eher nicht für die Annahme, die Besitzer hätten sich zu dieser Zeit auf einen schnellen Verkauf um jeden Preis oder eine Flucht vorbereitet."

Die richtige Schlussfolgerung dürfte anders lauten. Die jüdischen Vorbesitzer besaßen genügend finanzielle Mittel, das Haus Ro 19 sanieren zu lassen. Für den Fall, dass es in Deutschland normale rechtsstaatliche Verhältnisse gegeben hätte und sie nicht über Fluchtpläne hätten nachdenken müssen, wäre dies auch eine wirtschaftlich vernünftige Entscheidung gewesen. Offensichtlich dachten sie über einen Umbau nach. Das kann bedeuten, dass sie im Oktober 1934 den Fluchtentschluss noch nicht endgültig gefasst hatten. Anfang 1935 boten sie dann aber das Haus, statt es umbauen zu lassen, für ursprünglich 50.000 RM an und gingen sehr schnell auf 40.000 RM zurück. Sie standen unter zeitlichem Druck, auf den auch der Geschäftsführer der Lehrervereinshaus G.m.b.H und NSLB Bevollmächtigter für den Ankauf von Ro 19, der Pg. Wilhelm Bernhardt, seinen Vorgesetzten, den Pg. Holm, am 1. März hinwies: "Die Gegenseite (wünscht; d. Verf.) einen schnellen Abschluss."

Die eigentlich interessante Frage, die Jörg Berlin nicht stellt, lautet: Warum haben die jüdischen Vorbesitzer das Haus, statt es zu renovieren und umzubauen, so eilig und so "spottbillig" verkauft? Die Antwort liegt nahe: Sie entschieden sich im Widerspruch zum ökonomisch richtigen Plan, das Haus wieder vermietungsfähig zu machen, dafür, es weit unter Wert zu verkaufen. Angesichts der sich ständig verschärfenden Verfolgungssituation sicher ein nachvollziehbarer und richtiger Entschluss. Danach flohen drei der vier noch lebenden Verkäufer.

Das Pfau-Gutachten: Preis und Wert von Ro 19,

Zur Frage, ob der Preis des Hauses Ro 19 seinem Wert entsprach, gibt das erst kürzlich wieder gefundene Pfau- Gutachten wichtige Hinweise. Jörg Berlin beschränkt seine Behandlung des Pfau- Gutachtens allerdings auf wenige abwertende Zeilen. Pfau, so Berlin, gehe auf den Zustand des Hauses und die Vermietbarkeit zur Zeit des Verkaufs nicht ein und untersuche den Wert von Ro 19 für die Zeit nach dem 2. Weltkrieg, als über ein Drittel Hamburgs zerstört worden sei. Er merkt ironisierend an, gewisse Kollegen versuchten mit diesem Wertgutachten von 1945 zu belegen, "welches Unrecht bei dem Kauf 1935 begangen worden sei."

Zum einen ist die implizite Behauptung Jörg Berlins, das Pfau-Gutachten sei für die Vorkriegszeit irrelevant, falsch. Zum anderen geht Jörg Berlin überhaupt nicht auf die Diskrepanz zwischen dem Pfau- Gutachten und dem Schmidt- Gutachten nach 1945 ein.

Nachdem der neue Eigentümer, der NSLB, 40.000 RM für den Kauf von Ro 19 und ca. 26.000 RM für die Renovierung (einschließlich Außenanstrich, aber ohne den Garagenbau), also insgesamt ca. 66.000 RM ausgegeben hatte, war das Haus gut vermietbar. Pfau kommt bei seinem Gutachten 1945 für Ro 19 ohne die Garagen auf einen Gemeinen Wert von 110.000 RM und auf einen Rentabilitätswert von 158.66o,- RM , so ein inzwischen eingeschalteter Experte, der das Pfau-Gutachten noch einmal durcharbeitete und die im hlz-Artikel "Das jüdische Erbe der GEW" genannte Zahl für den gemeinen Wert korrigierte.

Da im Jahre 1938 der Bodenwert derselbe wie 1945 war, der Bauwert nur geringfügig niedriger und der Rentabilitätswert eher etwas höher, ist auch der gemeine Wert (d.h. der Durchschnitt dieser drei Werte) für 1938 in etwa derselbe wie 1945. Für 1935 kann wegen der Folgen der Weltwirtschaftskrise ein um ca. 5.000 RM geringerer Wert angesetzt werden, der wegen der geringeren Abschreibung um ca. 1.500 RM nach unten korrigiert werden muss.

Ob Jörg Berlin mit dem Hinweis, nach dem 2. Weltkrieg seien über ein Drittel Hamburgs zerstört gewesen, meint, dass dadurch für 1945 der Wert von Ro 19 höher oder gerade niedriger anzusetzen sei, bleibt unklar. Beides aber wäre falsch. Ro 19 war nicht zerstört. Damit blieben neben seinem Bodenwert auch der Bauwert und der Rentabilitätswert erhalten.

Zu einer anderen Quelle zum Wert von Ro 19 schreibt Jörg Berlin "Eine in der hlz (10/05, S. 81) zitierte und nicht weiter erklärte, undatierte ´geschätzte´ Wertangabe von 200.000 Reichsmark …" Er unterstellt, im hlz- Artikel sei verschwiegen worden, bei dem angegebenen Wert von 200.000 RM handle es sich um einen Vorkriegswert Diese Darstellung ist wissenschaftlich unredlich. Denn diese Quelle wurde in eben jener hlz ausführlich vorgestellt und zitiert, einschließlich des Hinweises auf die Zeit vor dem 1. Weltkrieg. Jörg Berlin bezeichnet den Text in der hlz als eine "missverständliche Darstellung", lässt aber selber das entscheidende und im folgenden wiedergegebene Holm-Zitat aus dem Protokoll von 1938 aus:
"Es bot sich die günstige Gelegenheit, ein angrenzendes Gebäude zu erwerben, dessen Wert mit 200.000 Reichsmark geschätzt wurde. Es wurde erworben mit einem Aufwand von 40.000 RM. 30.000 RM wurden verwendet für Umbau- und Ausbesserungsarbeiten. Auch dieses Haus befindet sich jetzt in einem guten Zustand und konnte gut, in der Hauptsache an Behörden, vermietet werden."

Kurt Holm ging von einem Wert für Ro 19 aus, der deutlich höher lag als der der gezahlte Preis, auch wenn die genannten 200.000 RM den Vorkriegswert angeben sollten. Der eigentliche Wert der "günstigen Gelegenheit" lag mit über 100.000 RM weit über dem gezahlten Kaufpreis plus Renovierungskosten.

Folgt man Jörg Berlins Ansicht, müsste die GEW ihre bisherigen Veröffentlichungen umschreiben. Im Jubiläumsband "Das Curio-Haus 1911 - 1961" (Hamburg 1961) heißt es im Hinblick auf Ro 19 noch: "Der Preis war außerordentlich niedrig; 20.000 RM gab der NSLB und 20.000 RM wurden von den wohltätigen Kassen als Hypothek aufgenommen."

Fazit: Es stehen den 66.000 RM Kosten für Ankauf und Renovierung von Ro 19 in den Jahren 1935/36 ein gemeiner Wert von ca. 106.000 RM bzw. ein Rentabilitätswert von 158.660,- RM gegenüber.

Nach 1945: Bedeutung des Pfau-Gutachtens

Das seriöse Pfau- Gutachten konterkariert aus der heutigen Sicht ein 1950 für die GEW- Hamburg erstelltes Wertgutachten von Georg Schmidt ("Gefälligkeitsarbeit", so Sielke Salomon; a.a.O., S. 23), der auftragsgemäß zum Schluss kam, der gezahlte Kaufpreis von 40.000 RM könne "als durchaus angemessen bezeichnet werden." Diese Schein-Expertise von Schmidt war im Gegensatz zum Pfau- Gutachten, das die GEW 1950 mit hoher Wahrscheinlichkeit absichtlich nicht für das Verfahren vor dem Gewerkschaftsprüfungsausschuss (GPA) zur Übertragung von Ro 19 an die GEW verwendete, eine Farce, so Sielke Salomon, und diente zur Abwehr etwaiger jüdischer Restitutionsansprüche. Der ehemalige Pg. Wilhelm Bernhardt schrieb dazu am 3.1.1951 einen Brief an die Vermögens- und Treuhand G.m.b.H. des DGB in Düsseldorf, die die GEW- Hamburg vor dem GPA vertrat. Er nahm Bezug auf das Gesetz Nr. 59: "Rückerstattung feststellbarer Vermögensgegenstände an Opfer der nationalsozialistischen Unterdrückungsmaßnahmen" und erläuterte, wie die GEW den NSLB und damit sich selbst vor dem Vorwurf schützen könnte, ungerechtfertigt Vermögensgegenstände - hier Ro 19 - Opfern der nationalsozialistischen Unterdrückungsmaßnahmen entzogen zu haben:
"Wir brauchen also nur nachzuweisen, dass der Kaufpreis
a. eine angemessene Höhe hatte und
b. frei zur Verfügung des Käufers stand."

Wir wissen heute und die GEW- Vertreter von 1951 wussten es auch, dass weder das eine noch das andere zutraf. Nur Jörg Berlin stellt die These auf, den zwei Mitgliedern der jüdischen Erbengemeinschaft Mutter und Tochter Hallgarten seien bei ihrer Flucht 1936 und 1937 "wohl der größte Teil ihres erheblichen Vermögens durch ´Reichsfluchtsteuer´ und die so genannte ´Dego-Abgabe´ geraubt" worden, aber das sei mit "einem Verfügen über die Kaufsumme (von Ro 19; d. Verf.)nach dem Besitztransfer nicht unmittelbar verbunden." Jörg Berlin scheint davon auszugehen, dass diesen Opfer des NS Regimes, denen bei ihrer Flucht 90 Prozent ihres Vermögens geraubt wurde, der Erlös aus dem Verkauf von Ro 19 belassen wurde.

Jörg Berlin behandelt das Pfau- Gutachten als eine völlig nebensächliche Quelle, der er kaum Aufmerksamkeit schenkt, auch wenn er damit eines seiner Kapitel betitelt. Auf die Bedeutung, die das Pfau- Gutachtens für oder besser gegen die Restitutionsansprüche der neu gegründeten GEW hätte haben können, geht Jörg Berlin gar nicht ein. Überhaupt ergibt sich das erstaunliche Phänomen, dass Jörg Berlin sich in seinem Text so gut wie gar nicht mit der Zeit nach der Niederschlagung der Nazi- Herrschaft auseinandersetzt.

Wenig Empathie - Irritierende Kontinuität

Jörg Berlins Kernaussagen zeigen wenig Empathie und Sensibilität gegenüber dem Schicksal der ehemaligen jüdischen Eigentümer von Ro 19, dafür aber eine irritierende und wenig kritische Nähe zu nazistischen Quellen. "Bei genauerer Betrachtung sowohl des Gebäudezustandes und der Möglichkeiten das Haus rentabel zu vermieten als auch der Lebensumstände der zur Zeit des Verkaufs in Deutschland lebenden Besitzer gibt es keinen konkreten oder eindeutigen Hinweis, Ro 19 sei vor allem wegen eines verschärften antisemitischen Verfolgungsdrucks schnell zu einem Schleuderpreis verkauft worden". Der Verkauf von Ro 19 ist seiner Meinung nach im wesentlichen zustande gekommen, weil die jüdischen Vorbesitzer nicht genügend Profit aus dem Gebäude Ro 19 hätten ziehen können, da es ein "Zuschussgeschäft war oder zu werden drohte." Die Lebensumstände der in Deutschland lebenden jüdischen Vorbesitzer in den Jahren 1933-1935 sprechen nach Jörg Berlin gegen eine NS-Verfolgung. Er bestreitet, dass es zwischen der Flucht (bei ihm heißt es: "Übersiedlung") und dem Verkauf von Ro 19 einen Zusammenhang gab. Als "Beweis" führt er an, die jüdischen Voreigentümer von Ro 19 hätten ein erhebliches Vermögen gehabt, deshalb wären sie auf den Anteil aus dem Verkauf von Ro 19 bei der "Übersiedlung" nicht angewiesen gewesen. Jörg Berlin begibt sich mit diesen und weiteren ähnlichen Äußerungen in gefährliche Nähe zum antisemitischen Topos vom "reichen Juden".

Unter Bezug auf nazistische Quellen verweist Jörg Berlin auf den erbärmlichen Zustand des Hauses Ro 19 und übernimmt dabei die durch nichts abgesicherte Interessen geleitete, weil Steuerfragen berührende Behauptung, das Haus habe Hausschwammschäden, die der nazistische Geschäftsführer der Lehrervereinhaus G.m.b.H. Wilhelm Bernhardt am 30.11.1936 in einem Brief an das Landesamt für Grundsteuern aufstellte. In der Bauakte jedoch befindet sich kein Hinweis auf diesen meldepflichtigen Schaden. Entsprechend einer "internen, also glaubhaften Notiz aus dem Jahre 1936", so auch Jörg Berlin, handelte es sich um den weitaus weniger schädlichen und billiger zu beseitigenden Hausbock. Die These vom Schwammschaden kehrte nach 1945 wieder, als es der alte und neue Geschäftsführer Wilhelm Bernhardt - erneut Interesse geleitet, weil um den Nachweis bemüht, dass der Kaufpreis eine angemessene Höhe hatte - das Gebäude zur Zeit des Ankaufs als "ein verwahrlostes Gewese" bezeichnete, das "wie Sauerbier" angeboten worden sei und das "anzufassen" man zunächst "wenig Neigung" gehabt hätte. Der Ankauf wird somit stilisiert als ein Akt der Gefälligkeit, "und zwar in einem unerträglichen Jargon, der an gerade erst zuende gegangene Zeiten erinnerte und jede Sensibilität den ehemaligen jüdischen Eigentümern gegenüber vermissen ließ." (Sielke Salomon und Bernhard Nette, hlz10-11/2005, S. 83) Die Schwamm-These wird von Jörg Berlin wieder belebt, wobei er als Beweis irritierenderweise die glaubhafte Notiz über den Hausbock anführt.

Jörg Berlins Argumente stehen auch an anderer Stelle in der Kontinuität mit den Argumenten der Nazis. Indem er behauptet, die "Gesellschaft der Freunde (Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB, Gau Hamburg)" und ihre Vermögensgesellschaft, die Lehrervereinshaus G.m.b.H, seien zum Zeitpunkt des Verkaufs eigenständige Organisationen gewesen, wiederholt er das, was Kurt Holm, der ehemalige geschäftsführende Leiter jener "Gesellschaft der Freunde (Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB, Gau Hamburg)" und Vorsitzende des Aufsichtsrates der Lehrervereinshaus G.m.b.H, wahrheitswidrig im Jahr 1949 behauptete. Kurt Holm war zu seiner "Aussage" vom Geschäftsführer der Gesellschaft der Freunde, Wilhelm Bernhardt (er bekleidete diese Funktion vor und nach 1945!), "in Angelegenheit der Rückübertragung unseres Grundstücks Rothenbaumchaussee 19" aufgefordert worden.
Holm schrieb:
"Die Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens R.V. fügte im Jahre 1934 durch eine Satzungsänderung ihrem Namen den Zusatz ´(Abteilung Wirtschaft und Recht im Nationalsozialistischen Lehrerbund Gau Hamburg)´ hinzu. Sie war bis zu ihrer Liquidierung am 25.6.1937 ein völlig selbstständiger, rechtsfähiger Verein und hatte sämtliche Geschäftsanteile der Lehrervereinshaus G.m.b.H. allein im Besitz.".
Zum Vergleich Jörg Berlins Formulierung:
"Die unter dem Dach des ´Nationalsozialistischen Lehrerbundes´ (NSLB) neu gebildete (…) rechtlich selbstständige Organisation hieß bis 1937 offiziell ´Gesellschaft der Freunde … (Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB, Gau Hamburg). Sie ging trotz der Besetzung vieler wichtiger Posten mit Nazis und Satzungsänderungen, die diesen Entscheidungsbefugnissen zuschrieben, juristisch nicht im NSLB auf."
Jörg Berlin "umschreibt" die Satzungsänderungen, die zu einer völligen Übernahme der Gesellschaft der Freunde durch den NSLB führte. Bei ihm heißt es statt "undemokratisches Führerprinzip" wolkig: "die diesen Entscheidungsbefugnisse zuschrieben". Vor allem aber übernimmt er trotz verbaler Zugeständnisse ("Besetzung vieler wichtiger Posten mit Nazis") die zentrale formaljuristische These Holms. Was bei Holm "ein völlig selbstständiger, rechtsfähiger Verein" genannt wird, heißt bei Jörg Berlin "rechtlich selbstständige Organisation". Mit diesen tradierten Begrifflichkeiten werden die wirklichen "Rechts"zustände zur Zeit der Naziherrschaft vernebelt. 1949 und jetzt wieder 2007 soll so nachgewiesen werden, dass das Haus Ro 19 nicht durch eine NS- Organisation gekauft wurde.

Juristisch alles eindeutig?

Für Jörg Berlin sind die Besitzverhältnisse an Ro 19 "juristisch eindeutig". Sie würden von "niemandem angefochten werden". Er vermittelt den Eindruck, alles wäre hinlänglich geklärt. Jörg Berlin verzichtet auf eine differenzierte Betrachtung, obwohl ihm die Studie "Ro 19 - Gedankengänge zur nicht erfolgten Rückerstattung" in der AG Ro 19 vorgestellt wurde. Er geht hierauf nicht ein, obwohl er versucht, ohne Quellenbezug und -diskussion einen Teilabschnitt, nämlich die Auswirkungen der devisenrechtlichen Verfügungsbeschränkung bei der Durchsetzung von Rückerstattungsansprüchen, zu diskreditieren. Er erkennt nicht oder will nicht erkennen, dass die in den Gesetzen festgelegten Schlussfristen - bei dem von ihn zitierten Rückerstattungsgesetz der US-Zone war es der 31.12.1948(!) - Grund der juristischen Eindeutigkeit sind. Um Jörg Berlins vielen Spekulationen eine weitere hinzuzufügen: Vielleicht ist das ja der Grund, warum die jüdischen Vorbesitzer keinen Rückerstattungsantrag auf Ro 19 stellten. Ihre Anträge auf Wiedergutmachung nach dem Bundesentschädigungsgesetz (BEG) stellten sie erst weit nach den Schlussfristen der Rückerstattungsgesetzgebung (Im BEG galt eine Schlussfrist erst ab 1965 bzw. 1969). Diese Vermutung ist wahrscheinlicher als Jörg Berlins Annahme, "dass die Mitglieder der Erbengemeinschaft sich im Hinblick auf Ro 19 nicht als Betrogene und Opfer fühlten".
Juristisch ist es für die Nachkommen der jüdischen Vorbesitzer heute unmöglich, die Besitzverhältnisse an Ro 19 anzufechten. Nicht umsonst heißt es in dem Artikel "Ro 19 - Gedankengänge zur nicht erfolgten Rückerstattung": "Politisch und moralisch ist unter Gesichtspunkten der Rückerstattung eine andere Wertung vorzunehmen."

Das war und ist auch die Grundlage des von der Herbst-LVV 2006 der GEW- Hamburg gestellten Auftrags an die AG Ro 19: Bis zur Frühjahrs-LVV wird von der AG Ro 19 geprüft, ob es möglich ist, das Gebäude Rothenbaumchaussee 19 an die Freie und Hansestadt zu verkaufen, und zwar unter der Maßgabe, dass dort von Hamburg ein Jüdisches Museum eingerichtet wird.

Jörg Berlin verzichtet völlig darauf einzugehen.

Das ist umso bedauerlicher, als Jörg Berlin auch kein Wort findet zum Verhalten der GEW nach 1945. Jörg Berlin untersucht nicht, unter welchen Bedingungen die Lehrergewerkschaft nach dem Zweiten Weltkrieg die Freigabe des Grundstücks aus der Kontrolle des Landesamtes für Vermögenskontrolle erreicht hat, obwohl gerade die politisch-moralische Wertung dieser Frage für die Entscheidungen der Frühjahrs-LVV 2007 der GEW- Hamburg herausragende Bedeutung hat.

Jörg Berlin endet mit der bildhaften Aussage: "Zur Waage der Justitia gehören aus gutem Grund zwei Schalen." Das ist richtig, denn wie wollte man sonst abwägen, wie die Aussagen der jeweiligen Position im Verhältnis zueinander zu gewichten sind.

Jörg Berlins Ausführungen wurden hier gewogen und als zu leicht befunden.


Stefan Romey, Bernhard Nette
Hamburg, 21. April 2007


Zwei Stellungnahmen des Aufsichtsrats der Vermögens- und Treuhandgesellschaft der GEW- Hamburg zum Komplex Ro 19, 2002

Unbeschadet des juristischen Interpretationsspielraums ist festzustellen, das die "Gesellschaft der Freunde …" zum Zeitpunkt des Immobilienverkaufs 1935 de facto keine unabhängige Gewerkschaft mehr, sondern eine NS- Organisation gewesen ist.
"Die Gesellschaft der Freunde…" hat nach 1945 das Verfahren zur Rückerstattung des Gebäudes Rothenbaumchaussee 19 ohne jede politisch- moralische Sensibilität betrieben, blind für das Schicksal der verfolgten. Sie hat nur ökonomische Interessen ihrer Organisation verfolgt und sich dabei ausschließlich in formalen und juristischen Kategorien bewegt.
Die GEW heute verfügt mit dem Gebäude Rothenbaumchaussee 19 über eine Immobilie, deren Eigentümerin sie juristisch zweifelsfrei ist. Zweifelsfrei scheint freilich auch, dass der materielle Ertrag dieses Vermögens gewerkschaftspolitisch- moralisch ambivalent zu bewerten ist.
AR der VTG, aus dem Beschluss vom 4.4.2002


Zunächst einmal bekräftigt der AR seine Grundsatzposition wie folgt: Anlass für die intensiven Beratungen über die Finanzen der VTG ist die Erkenntnis, dass ein Teil des Vermögens der GEW, das Haus Rothenbaumchaussee 19, auf rechtlich nicht zu beanstandende, unter politischer und moralischer Fragestellung aber bedenklicher Weise in ihren Besitz gekommen ist.
daraus ist die Überlegung abgeleitet worden, dass die GEW als Konsequenz aus dem bedenklichen Verhalten des damaligen Vorstands und als Initiative zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte dieses Haus aus ihrem allgemeinen Vermögen ausgliedert. Der Veräußerungserlös könnte zum Beispiel in eine Stiftung eingebracht werden, deren Ziel es ist,
- Solidarität mit Opfern von Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus und diktatorischer Gewalt zu üben
- Aktivitäten zur Abwehr von Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus zu initiieren und zu fördern
- Maßnahmen zum Ausbau von Demokratie und Humanität in Deutschland zu initiieren und zu fördern
- und internationale Solidarität zu üben.

Eine solche Maßnahme entspräche dem demokratischen Selbstverständnis der GEW und würde in der Öffentlichkeit und der Lehrerschaft ein Signal setzen, wie Auseinandersetzung offensiv angegangen werden kann.

Wenn die GEW einen solchen Beschluss fasst, hätte das Auswirkungen auf das Wirtschaften der VTG. Denn die Mieteinnahmen aus dem haus Rothenbaumchaussee 19 in Höhe von rund 145.000 € würden Geldkreislauf der VTG entzogen. Aufgabe der VTG wäre es, den politischen Willen der GEW umzusetzen, wenn nicht gravierende Bedenken aus kaufmännischer Sicht dagegen stehen.

Es ist also zu prüfen, ob Einnahmen erhöht und Aufwendungen gesenkt werden, so dass die VTG auch ohne Einnahmen aus dem Haus Rothenbaumchaussee 19 iher Aufgaben erfüllen kann.

Auf der Grundlage des Jahresbeschlusses 2001, …. hat der AR die Finanzlage eingehend analysiert. Als Ergebnis seiner Beratungen stellt der AR fest, dass zur Aufrechterhaltung des finanziellen Gleichgewichts der VTG und damit auch der GEW der materielle Ertrag von Rothenbaumchaussee 19 in Gänze oder auch in Teilen dem normalen Geldkreislauf der VTG zur Zeit nicht entzogen werden kann.

Auch wenn es inzwischen im AR unterschiedliche Auffassungen über den Erwerb von Ro 19 gibt, ist sich der AR nach wie vor über die moralisch- politische Bewertung des Vorgangs einig.
AR der VTG, Beschluss vom 4.9.2002

Das stimmt nicht!
oder
Eine andere Version

"Die Fakten sind klar." So stand es in der letzten HLZ im Zwischenbericht der Arbeitsgruppe Ro 19. Doch das stimmt nicht. Weder "die" Fakten, noch deren Interpretation sind geklärt. Dies gilt selbst dort, wo es sich um einfache Angaben handelt. In dem erwähnten Bericht steht z.B., die "meisten" der Verkäufer von Ro 19, Menschen jüdischer Abstammung, seien "kurz" nach dem Verkauf aus Deutschland geflohen. Tatsächlich befanden sich zur Zeit der Verkaufsverhandlungen 1935 von den fünf Besitzern drei im Ausland. Einer von ihnen kehrte nach Deutschland zurück und blieb dort bis zu seinem Tod 1937. Von den beiden Personen, die beim Verkauf dabei waren, verließ eine 1 ¾ Jahre später Deutschland. Trotzdem:

Obwohl die Besitzverhältnisse juristisch eindeutig sind und von niemandem angefochten werden, war es richtig, den während der NS-Zeit durchgeführten Ankauf des neben dem Curiohaus gelegenen Gebäudes Rothenbaumchaussee 19 (Ro 19) zu untersuchen, zumal es GEW-Mitglieder gab und gibt, die die Vermutung bzw. ihre Überzeugung äußern, es habe sich um eine Arisierung unter dem Druck der NS-Herrschaft gehandelt. Eine generelle Vermutung zugunsten von Juden und Menschen jüdischer Abstammung, deren Besitzverkäufe ab 1933 seien verfolgungsbedingt, ist nicht nur rechtlich sondern auch moralisch geboten. Allerdings ist auch die Prüfung des Einzelfalls nicht verwerflich.
Die erwähnten KollegInnen schlagen sinngemäß vor, das Gebäude zu einem günstigen Preis an die Stadt Hamburg zu veräußern, damit diese in dem Haus ein jüdisches Museum einrichte. Der Verkauf soll nicht zum maximalen Marktwert, sondern zum Verkehrswert erfolgen. Ein Teil des Verkauferlöses würde zweckgebunden, d. h. eventuell auch für das Museum verwendet werden.
Im Kern würde dieses Projekt auch eine Verlagerung der bisherigen Abteilung "Geschichte der Juden in Hamburg" des Museums für Hamburgische Geschichte in die Rothenbaumchaussee bedeuten. (Eine ganz andere Frage wäre, ob tatsächlich ein notwendiger innerer Zusammenhang zwischen einem eventuellen ´Schuldanerkenntnis´ und der Umgestaltung des Hauses in ein Museum bestünde. Selbstverständlich ließe sich auch eine sinnvolle Mitwirkung der GEW an anderen Aufgaben denken.)
Eine erste, ausführliche Darstellung des Problems Ro 19 erschien in der HLZ 10/05 unter dem Titel "Das jüdische Erbe der GEW". Der Text wird gegenwärtig noch verteilt, bestimmt weitgehend die Beurteilung der Angelegenheit und bildete auch die Grundlage der Arbeit des Ausschusses Ro 19. Bei Auswahl und Deutung der herangezogenen Materialien fällt jedoch eine durchgängig einseitige Akzentuierung auf. Zentrale Aussagen erweisen sich zudem als ungesichert. Die Interpretation ging u. a. von der auf den ersten Blick durchaus plausiblen Annahme aus, es habe sich 1935 um eine unmoralische Kaufaktion gehandelt: Ein von den Verkäufern des Hauses, einer Erbengemeinschaft von Personen jüdischer Abstammung, beauftragter Makler drängte im Februar 1935 auf einen raschen Abschluss, der Preis lag auffällig niedrig und bis zur Jahreswende 1934/35, als der Entschluss zum Verkauf gefallen sein wird, waren bereits etwa neun Prozent der jüdischen Hamburger geflohen.
Wer einen historischen Sachverhalt aufklären möchte, wird sich jedoch nicht bereits mit dem ersten Eindruck zufrieden geben. Er sollte bereit sein, auch solche Informationen unvoreingenommen aufzunehmen, abzuwägen und zu veröffentlichen, die nicht zu seinen ersten Hypothesen passen.
Ohne den Anspruch, selbst im Besitz der "richtigen" Sicht zu sein oder eine abgeschlossene Meinung zu besitzen, habe ich in der HLZ (5/06 "Angemessen informieren") dementsprechend gebeten, unsere Mitglieder und die Öffentlichkeit in Bezug auf den An- und Verkauf des Hauses Ro 19 im Jahr 1935 umfassend zu informieren. Die KollegInnen sollten sowohl jene Argumente kennen, die für die Vermutung eines eigentlich ungewollten Verkaufs wegen der rassistischen Politik seit 1933 sprechen, als auch jene, die auf andere Gründe verweisen könnten. Dazu hatte ich nur einige wenige der m. E. fehlenden Aspekte beispielhaft genannt. Eine ergänzende Darlegung weiterer in der Diskussion fehlender Aspekte ist jedoch seither nicht erfolgt, obwohl die historischen Vorgänge oft kontrovers gedeutet wurden. Deshalb füge ich - wiederum ohne Anspruch auf "letzte Wahrheit" und Vollständigkeit - meinen früheren Ausführungen hier weitere bisher ebenfalls zu wenig beachtete Argumente und Überlegungen hinzu, zumal ich in der Sitzung des Ausschusses Ro 19 vom 20.2.07 aufgefordert worden bin, meine Sicht zur Diskussion zu stellen.
Insbesondere im Hinblick auf die Landesvertreterversammlung, in der Beschlüsse über den weiteren Umgang mit Ro 19 gefasst werden sollen, erscheint eine solche Ergänzung dringend erforderlich.
In der Öffentlichkeit und in der GEW sollte nicht der Eindruck entstehen, wir wollten die Umstände des Kaufes nicht unvoreingenommen untersuchen, sondern wegen der moralischen Schuld unserer Vätergeneration nur "beweisen", dass grobes Unrecht geschah. (Nach entsprechenden Äußerungen in meinem Bekanntenkreis habe ich zudem die Sorge, dass es KollegInnen geben könnte, die in dieser Angelegenheit nicht einmal mehr etwas "beweisen" wollen, sondern wegen ihres allgemeinen Wissens um die Arisierungsverbrechen von vornherein die feste Überzeugung mitbringen, auch der Verkauf von Ro 19 sei allein einem Verfolgungsdruck der Nationalsozialisten geschuldet.) Auf diese Weise könnte sich ungeprüft die Auffassung verbreiten, die Eigentümer jüdischer Abstammung hätten das Haus 1935 bewiesenermaßen - selbst zu einem äußerst geringen Preis - schnell verkaufen wollen, wahrscheinlich um sich danach im Ausland in Sicherheit zu bringen. Deshalb ist ohne irgendwelche Vorannahmen und "Gewissheiten" ein genauer Blick auf die Kaufumstände und die Verkäufer zu werfen.


Trostlose Lage des Wohnungsmarktes

1934/35 war das Gebäude für die Besitzer von Ro 19 ein Zinshaus, d.h. diese wohnten nicht dort, sondern wollten mit den Mieteinnahmen Erträge erwirtschaften. In Hamburg befand sich die Ökonomie um die Jahreswende 1934/1935, als die Entscheidung zum Verkauf fiel, noch auf dem tiefsten Niveau der (Welt-)Wirtschaftskrise. Die Zahl der Beschäftigten und die Höhe der Einkommen war im Vergleich zu 1925 erheblich gesunken (Abnahme der Beschäftigten: Industrie: 35%, Schiffbau und Zulieferer 60%, Handel 16 %, Großhandel 35%, Im- u Export 46 %). Der Historiker K.-H. Roth schreibt: "Die Reedereien kamen nicht aus den roten Zahlen heraus … Der gesamte Großhandel kümmerte mit beinahe halbierten Belegschaftsgrößen vor sich hin… Insgesamt war deshalb bis zum Herbst 1934 von einer Wirtschaftsbelebung in Hamburg nichts zu spüren." Bereits Ende 1937 herrschte hingegen in Folge der schnell anspringenden Rüstungskonjunktur wieder Arbeitskräftemangel.
Die Krise wirkte sich bei bestimmten Haustypen "in der Zeit größter Depression", wie auch der Bevollmächtigte für den Ankauf von Ro 19 später notierte, in extremer Weise auf die Mieten bzw. die Vermietbarkeit von Wohnungen aus. Selbst neuere und besser ausgestattete Gebäude wie z. B. das direkt neben Ro 19 stehende Curiohaus litten demnach unter der "trostlosen Lage des Wohnungsmarktes". Jahrelang leer stehende Häuser waren im Bezirk Rotherbaum keine Seltenheit.
Die These, der niedrige Preis für Ro 19 sei ein durch Überangebot von Häusern aus dem Besitz flüchtender Juden verursacht, lässt sich wegen des Einbruchs während der Weltwirtschaftskrise durch die absoluten Verkaufszahlen bisher nicht bestätigen. In den Jahren 1925 bis 1927 waren im Bezirk Rotherbaum durchschnittlich 51 Häuser verkauft worden. 1934 und 1935 gab es 30 bzw. 34 Veräußerungen von Immobilien (1933:18).
Dem Standardwerk von K. Ch. Führer (Mieter, Hausbesitzer, Staat und Wohnungsmarkt. Wohnungsmangel und Wohnungszwangswirtschaft in Deutschland 1914-1960, Stuttgart 1995, S. 190) ist zu entnehmen: "Unvermietbar waren … viele der ‚hochherrschaftlichen' Wohnungen der Vorkriegszeit. Freilich war die Lage auch auf diesem Teilmarkt uneinheitlich. ‚Komfort' lautete das Zauberwort, das über die Vermietungen der Großwohnungen entschied. … Die schrumpfende Gruppe von Interessenten für Wohnungen mit fünf und mehr Zimmern … konnte hohe Ansprüche stellen: Ohne Zentralheizung, fließend Warmwasser und Fahrstuhl war solcher Wohnraum nur noch schwer zu vermieten."
Sämtliche der hier genannten Merkmale trafen auf das Gebäude Ro 19 zu: Ihm fehlten Fahrstuhl sowie durchgängige Zentralheizung und Warmwasserversorgung. Der bauliche Zustand war nach wiederholtem Besitzerwechsel schlecht. Die Wohnungen verfügten zudem bei einer Größe von ca. 240 Quadratmetern über mehr als fünf Räume. Wahrscheinlich waren drei von vier Stockwerken des Hauses 1935 infolge der allgemeinen Lage auf dem Wohnungsmarkt und des wenig gepflegten Zustands des Hauses nicht vermietet. Wer eine kurz nach dem Besitzwechsel 1935 erfolgte Mitteilung des neuen Verwalters an das Finanzamt Hamburg, in dem Haus habe es neben anderen Mängeln auch Hausschwamm gegeben, als Täuschungsmanöver abtun möchte, wird doch zu berücksichtigen haben, dass auch in einer internen, also glaubhafteren Notiz aus dem Jahr 1936 von Schäden im Holz (Hausbock) sowie im " Mauerwerk des über 50 Jahre alten Hauses" die Rede ist. Anträgen auf Herabsetzung des Einheitswertes des Hauses, d.h. der Bemessungsgrundlage für die Besteuerung, hatte das zuständige Finanzamt zum 1.1. 1931 und dann noch einmal unmittelbar vor dem Verkaufsangebot zum 1.1. 1935 stattgegeben.
Eine von den Besitzern noch im Oktober 1934 bei den Architekten S. und B. Engel in Auftrag gegebene Prüfung, ob sich ein Umbau in Kleinwohnungen lohne, scheint kein viel versprechendes Ergebnis gezeitigt zu haben. Jedenfalls spricht jener Prüfauftrag eher nicht für die Annahme, die Besitzer hätten sich zu dieser Zeit auf einen schnellenVerkauf um jeden Preis oder eine Flucht vorbereitet.
Wie immer dieser Sachverhalt auch beurteilt wird, sollte doch deutlich sein, dass Ro 19 für die Besitzer seinen eigentlichen Zweck nicht erfüllte, ein Zuschussgeschäft war oder zu werden drohte, und eine positive Änderung für sie ohne erhebliche Investitionen nicht zu erwarten stand.


Kauf ein "Wagnis"

Überlegungen aus der anderen Perspektive, aus der Sicht des Käufers, geben ebenfalls
keinen Anlass anzunehmen, dieser habe in dem 1877/78 errichteten Gebäude Ro 19 zum Zeitpunkt des Ankaufs ein besonders wertvolles Objekt gesehen. 1938 hielt der mit dem Ankauf befasste Geschäftsführer in einer handschriftlichen, internen Notiz fest, eine der Überlegungen beim Erwerb sei gewesen, nicht das Gebäude zu nutzen, sondern nur das entsprechende Grundstück zu verwenden. D.h. nach einem Abriss von Ro 19 sollte eventuell eine bereits seit 1909 wiederholt überlegte, auch architektonisch wünschenswerte Erweiterung des Curiohauses realisiert werden. Eine weitere handschriftliche Notiz aus dem Jahr 1938, der Kauf sei finanziell ein "Wagnis" gewesen, spricht gleichfalls nicht für die These, dass es sich bei der Transaktion um eine offensichtliche und bewusste Übervorteilung der Verkäufer handelte. Da die am Kauf beteiligten Parteigenossen optimistische Zukunftserwartungen hegten, sahen sie in dem Angebot aber auch eine günstige Möglichkeit.
Vermietet wurde das Gebäude von dem neuen Besitzer nach einer aufwändigen und teuren Renovierung, als die Wirtschaftskrise wegen vielfältiger Rüstungsaufträge auch in Hamburg beendet war. Der Löwenanteil der Renovierungskosten wurde durch einen Kredit des Verlags der "Gesellschaft" in Höhe von 30 000 RM bezahlt. Unter den ersten Mietern befanden sich bezeichnenderweise Dienststellen des Heeres und des Reichsarbeitsdienstes. (Um zumindest eine ungefähre Vorstellung von der Kaufkraft des Geldes um 1935 zu bekommen, ist zu bedenken, dass ein Arbeiter damals etwa 200 RM im Monat verdiente. Eine Multiplikation der in diesem Artikel genannten Beträge mit dem Faktor zehn führt zwar nicht zu exakten Ergebnissen. Das Ergebnis deutet die entsprechenden Größenordnungen beim Vergleich mit gegenwärtigen Verhältnissen jedoch zumindest an.)
Wenn gesagt würde, das Gebäude sei zu etwa 25 Prozent des Preises verkauft worden, den ein nichtjüdischer Besitzer erzielt haben könnte, wäre auch zu fragen, warum sich trotz des angeblichen Spottpreises für Ro 19 nur ein Interessent fand; denn Anfang 1935 wurde in Hamburg auf Juden noch kein Druck ausgeübt, ihre Häuser zum Niedrigpreis an bestimmte, den Nazis genehme Personen oder Institutionen zu verkaufen. Eine Bereitschaft der Besitzer, bereits an den ersten Interessenten zu verkaufen, legte allerdings insbesondere dann Rückschlüsse auf eine unmittelbare Zwangssituation nahe, wenn sie planten, unmittelbar nach dem Verkauf ins Ausland zu flüchten. Konkrete Hinweise zur Bestätigung einer solchen Vermutung fehlen jedoch bisher. Auch allgemein gesehen stiegen die Flüchtlingszahlen 1934 und 1935 im Vergleich mit 1933 nicht an.


Erbengemeinschaft aus fünf Personen

Das Haus Ro 19 gehörte seit 1925 einer Erbengemeinschaft aus fünf wohlhabenden Personen jüdischer Abstammung: einem älteren, geschiedenen Ehepaar, Albert Hallgarten und Hedwig Hallgarten, geb. Reé, ihren erwachsenen Kindern, Julius Hallgarten und Mercedes Meyerhof, geb. Hallgarten, sowie einem Verwandten, Klaus Jürgen Bauer. Von diesen fünf Personen hielten sich1935 zur Zeit des Verkaufs allerdings nur zwei in Deutschland auf: Mutter und Tochter Hallgarten. Albert und Julius Hallgarten wohnten bereits vor Beginn der NS-Herrschaft im Ausland. (Ob A. Hallgarten 1935 noch am Leben war, ist nicht eindeutig geklärt.) K. J. Bauer hielt sich (zumindest) im Januar und Februar 1935 in Zürich und im Schweizer Kurort Arosa auf, kehrte aber dann nach Deutschland zurück. Von ihm ist bekannt, dass er später über den gleichen jüdischen Makler, der den Transfer von Ro 19 abgewickelt hatte, neue Immobilien erwarb, eine davon in Hamburg. Er war vermutlich lungenkrank aber durchaus reisefähig, wie seine Fahrt in die Schweiz und spätere Aufenthalte in deutschen Kurorten zeigen. Ende Juli 1935 glaubte er sich von seiner Krankheit geheilt. Ein Jahr später brach sie wieder aus. Klaus Jürgen Bauer, der seinen Wohnsitz in Berlin-Wilmersdorf hatte, starb im April 1937 in Badenweiler. Es ist nicht zu entscheiden, ob er Deutschland wegen seiner Krankheit oder wegen der resignierenden Einsicht nicht verlassen wollte, Antisemitismus gebe es immer und überall.
Hedwig Hallgarten gab nach dem Krieg an, sie habe den Entschluss zum Verlassen Deutschlands Anfang 1937 realisiert. Sie siedelte vermutlich auch deshalb in die Schweiz und später in die USA über, um mit den Familienmitgliedern zusammenzubleiben.
Ihre mit dem Kaufmann R. Meyerhof verheiratete Tochter Mercedes war 1935, wie bereits vorher geplant, drei Wochen nach dem Verkauf von Ro 19 mit ihrem Mann in eine neue, komfortable Wohnung an der Alster umgezogen. (Ohne dass es entsprechende Hinweise gibt, ist hier eingewandt worden, daraus dürften keine voreiligen Schlüsse gezogen werden, denn es könnte doch sein, dass die ursprüngliche Wohnung wegen antisemitischer Verfolgung gekündigt wurde und die neue Wohnung von möglicherweise dort lebenden Verwandten für eine Phase von Ausreisevorbereitungen quasi als Unterschlupf zur Verfügung gestellt worden sei. Eine solche Hypothese wäre zu prüfen.)
Als der Ehemann, er war wie seine Frau jüdischer Abstammung, sich in der Schweiz eine neue Existenz als Kakaoimporteur aufbauen wollte, begleitete sie ihn und verließ Hamburg Anfang 1936. Die Übersiedlung hatte zwei Gründe. Jüdische Außenhandelsfirmen wurden ab 1933 durch bürokratische Verfahren bei den ohnehin knapp bemessenen Fremdwährungszuteilungen und Importkontingenten immer stärker benachteiligt. Außerdem war in Deutschland mit dem Import von Kakao wegen der Weltwirtschaftskrise kaum noch ein Geschäft zu machen. Die Preise fielen um über 50 Prozent, mit ihnen sanken auch die Gewinnspannen. Bereits vor 1933 stellte die Hälfte der Hamburger Kakaoimporteure den Handel ein. Auch nach der Wirtschaftsbelebung besserte sich die Lage nicht, da der nationalsozialistische Staat Devisen vor allem für rüstungsrelevante Rohstoffimporte bewilligte.
Vor allem aus dem zuerst genannten Grund geriet eine zum größten Teil Frau Mercedes Meyerhof, geb. Hallgarten gehörende Hamburger Export-Import-Firma etwa zwei Jahre nach dem Verkauf von Ro 19 in die roten Zahlen. Diese hat ihr Schwiegervater geleitetet. Ihr Ehemann war bis zu der Übersiedlung in die Schweiz an der Geschäftsführung beteiligt. Eine direkte Verbindung der Übersiedlung in die Schweiz mit dem Verkauf von Ro 19 ist nicht wahrscheinlich, zumal Frau Meyerhof, geb. Hallgarten ebenso wie ihre Verwandten wegen eines erheblichen Auslandsvermögens zum Bestreiten von Reisekosten und des Lebensunterhalts ihrer Familie finanziell nicht auf den Anteil aus dem Kaufpreis für Ro 19
(8 000 RM) angewiesen war. Es gibt auch kein Anzeichen für einen Versuch, parallel zum Verkauf dieses Zinshauses das sonstige Hamburger Vermögen (130 000 RM) zu veräußern. Das Kapital blieb bis zu deren Konkurs 1938 in der erwähnten Firma angelegt.
Ein Zusammenhang zwischen dem Verkaufsangebot für Ro 19 im Februar 1935 und dem Verlassen Deutschlands von Mercedes Meyerhof, geb. Hallgarten im Januar 1936 wird auch dann nicht unmittelbar erkennbar, wenn die bereits erwähnte Prüfung eines Umbaus des Hauses Mitte Oktober 1934 in die Überlegungen einbezogen wird.
Obwohl von einer individuellen Bedrohung nichts bekannt ist, werden diese Menschen im folgenden als Flüchtlinge bezeichnet, da Begriffe wie Auswanderer, Emigranten etc. ihre Lebenssituation zur Zeit, als sie Deutschland verließen, verharmlosen würde.

Auf einem anderen Blatt steht, dass Mutter und Tochter Hallgarten, d. h. den beiden Mitgliedern der Verkäufer- bzw. Erbengemeinschaft, die Deutschland (1936 bzw. 1937) nach dem Verkauf verließen und bis dahin über ihren Anteil an dem Erlös frei verfügen konnten, wohl der größte Teil ihres erheblichen Vermögens durch "Reichsfluchsteuer" und die so genannte "Dego-Abgabe" geraubt wurde. Aber das war mit dem Verkauf sowie einem Verfügen über die Kaufsumme nach dem Besitztransfer nicht unmittelbar verbunden.
Für diese Verluste haben die Betroffenen nach dem Ende der NS-Herrschaft in den Akten erhaltene Anträge auf "Wiedergutmachung" gestellt bzw. durch ihre Anwälte stellen lassen.
Der Kaufvertrag über Ro 19 enthielt auf Wunsch der Verkäufer übrigens ausdrücklich den "Vorbehalt", dass er nur gelte, wenn die zuständige Behörde die vereinbarten Zahlungsmodalitäten vor allem in Hinblick auf die beteiligten "Devisenausländer" genehmige. Diesbezüglich hatte die Devisenbewirtschaftungsstelle des Finanzamtes Hamburg nach den erhaltenen Unterlagen auf Anfrage bereits vor Abschluss des Kaufvertrages mitgeteilt, ein Transfer des Geldes ins Ausland an die dort lebenden Verkäufer aus der Erbengemeinschaft nach den geltenden Devisengesetzen sei gewährleistet. Albert und Julius Hallgarten lebten wie erwähnt bereits vor 1933 im Ausland (wahrscheinlich in der Schweiz und in den USA). Sie waren höchstwahrscheinlich US-Bürger.
Zur Verfügung über das Geld für das verkaufte Haus ist generell zu sagen, dass die vereinbarte Kaufsumme noch 1935 entsprechend dem Kaufvertrag teils in bar ausgezahlt und teils für die genannten beiden dauerhaft im Ausland befindlichen Mitglieder der Verkäufergemeinschaft auf Devisen-Sperrkonten der "Vereinsbank" eingezahlt wurde. Dabei bezog sich das ‚Sperren' auf eine 1935 noch für alle Deutschen und Ausländer gleichermaßen geltende Frist bis zur Genehmigung durch die Finanzbehörde sowie auf damit zusammenhängende Formalitäten und sehr hohe Abschläge beim Umtausch von Reichsmark in ausländische Währungen. A. und J. Hallgarten waren keine bedrängten Flüchtlinge oder Emigranten. Durch ihre eigene Tätigkeit im Bankwesen verfügten sie über Kenntnisse der Bestimmungen des Devisenrechts. Da sie zudem wie die gesamte Verkäufergruppe juristisch beraten wurden, ist nicht davon auszugehen, dass die beiden hier durch das Verfahren überrascht wurden. Die "Vereinsbank" bestätigte im übrigen in einem Schreiben vom Mai 1951, eine Beschlagnahme der entsprechenden Summen habe nicht stattgefunden.
(In Bezug auf die Bewertung einer "freien Verfügung" über die Verkaufssummen z. B. von Immobilien gibt es unterschiedliche Gerichtsurteile. In einem bereits 1948 ausdrücklich im Interesse der Verfolgten verfassten juristischen Standardkommentar von R. und F. Godin über die "Rückerstattung feststellbarer Vermögensgegenstände in der amerikanischen Besatzungszone" (S. 22) heißt es z.B.: "Die allgemeine devisenrechtliche Behinderung, über den Kaufpreis durch Überweisung oder Mitnahme nach dem Ausland zu verfügen, kommt … als Verfügungsverweigerung nicht in Frage, … mag auch gerade sie den verfolgten Auswanderer am meisten getroffen haben. … Die spätere Verfügungsbeschränkung ist unbeachtlich.)
Festzuhalten bleibt: Bei genauerer Betrachtung sowohl des Gebäudezustands und der Möglichkeiten das Haus rentabel zu vermieten als auch der Lebensumstände der zur Zeit des Verkaufs in Deutschland lebenden Besitzer gibt es keinen konkreten oder eindeutigen Hinweis, Ro 19 sei vor allem wegen eines verschärften antisemitischen Verfolgungsdrucks schnell zu einem Schleuderpreis verkauft worden. Wir bleiben auf Vermutungen angewiesen.


"Pfau"-Gutachten

Kollegen, die gegenwärtig für eine Übereignung von Ro 19 an die Stadt Hamburg eintreten, haben nun zur Begründung ihres Vorhabens ersatzweise andere Aspekte in die Diskussion eingeführt: Käufer der Immobilie sei nicht der Vorläufer der GEW, die "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens", sondern der "Nationalsozialistische Lehrerbund (NSLB)" gewesen. Außerdem gebe es ein Wertgutachten ("Pfau-Gutachten") für das Gebäude Ro 19 aus dem Jahr 1945, das belege, welches Unrecht bei dem Kauf 1935 begangen worden sei.
Dieses Gutachten des Maklers Pfau aus dem Jahr 1945 geht jedoch auf den Zustand des Hauses und dessen Vermietbarkeit zur Zeit des Kaufs bzw. Verkaufs gar nicht ein. Es untersucht den Wert von Ro 19 nach dem II. Weltkrieg, als über ein Drittel Hamburgs zerstört war.
Eine in der HLZ (10/05, S. 81) zitierte und nicht weiter erklärte, undatierte "geschätzte" Wertangabe von 200 000 Reichsmark gegenüber einem Kaufpreis von 40 000 Reichsmark beruht vermutlich auf einem maschinenschriftlichen Protokoll über eine Aufsichtsratssitzung der "Curiohaus GmbH" vom 10.11. 1938. Grundlage für die Berichte auf der Sitzung und dann das Protokoll war jedoch offensichtlich ein 1938 in Sütterlinschrift verfasstes Vortragskonzept "Bericht über das Curiohaus gegeben auf einer Sitzung am…an der der Aufsichtsrat der Lehrervereinshaus GmbH, die Verwaltung, Vertreter des Gauamtes teilnahmen". In diesen vorbereitenden handschriftlichen Aufzeichnungen wird die entsprechende Wertangabe indessen genauer spezifiziert und ausdrücklich auf die Zeit vor I. Weltkrieg, Inflationszeit und Weltwirtschaftskrise bezogen (1911: 225 000 RM).

Auf der gleichen Seite der genannten HLZ-Ausgabe gibt es zudem eine weitere missverständliche Darstellung. Dort wird behauptet, ein Schreiben vom 10.11. 1936 gebe "einen Schätzwert" des Gebäudes in Höhe von 166 320 RM an. Hier handelt es sich allerdings nicht um die unabhängige Angabe eines besonderen Gutachters, sondern lediglich um die Angabe eines Teilbetrags der im HLZ-Text vorher erwähnten Schätzung des Feuerkassenwerts (176 610 RM) nach der Renovierung. Der Feuerkassenwert benennt den "Wiederherstellungswert eines Hauses zu gleicher Art und Güte" nach einer Zerstörung. Aus ihm lassen sich Verkehrswert und zu erzielender Kaufpreis während einer früheren ökonomischen Depression nicht direkt ablesen.
Dass selbst Zahlenangaben der Interpretation bedürfen, zeigen auch die für eine Wertermittlung herangezogenen Angaben für Mieteinnahmen. Für seine Berechnung des Werts von Ro 19 nach 1945 ging der erwähnte Gutachter Pfau im November 1945 von Mieteinnahmen in Höhe von 14 000 Reichsmark pro Jahr aus. Wegen der Unvermietbarkeit der Wohnungen lagen die tatsächlichen Einnahmen zur Zeit des Verkaufs bei weiterlaufenden Kosten für Steuer, Versicherung, Wasser-, Siel-, Gas- und Elektroanschlüsse, Schornsteinfeger etc. jedoch hochgerechnet eher bei 2100 RM im Jahr - falls im Februar/März 1935 zumindest die Wohnung im obersten Stockwerk noch regulär vermietet war. Was jedoch zu bezweifeln ist.
Ob es überhaupt sinnvoll ist, einen dieser Extremwerte für die Ermittlung eines angemessenen Preises zur Zeit des Verkaufs heranzuziehen, mag jeder für sich entscheiden. Er sollte jedoch nicht nur über die 14 000 RM informiert sein, sondern zumindest beide Zahlen kennen. Außerdem ist zu bedenken, dass die Verkäufer um die Jahreswende 1934/35 nicht wissen konnten, wie die Rüstungskonjunktur in Hamburg binnen kurzem radikal andere wirtschaftliche Verhältnisse, höhere Mieten und Grundstückspreise produzieren würde.
Wenn bei der Frage nach der Angemessenheit des Kaufpreises der Verkehrswert zum Zeitpunkt des Verkaufes als ein Maßstab herangezogen würde, wäre das einleuchtend. Aber dieser lässt sich nicht formelhaft oder unter Verweis auf die Jahre 1911 und 1945, sondern nur empirisch, unter Berücksichtigung des Zustands des Hauses und der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise ermitteln. Hier würden selbstverständlich auch nichtökonomische Faktoren Beachtung finden.


Das Geld kam nicht vom NSLB

Die erwähnte Ansicht, der "Nationalsozialistische Lehrerbund" sei 1935 der Käufer von Ro 19 gewesen, ist weder bei formaler Betrachtung noch bei inhaltlicher Bewertung zu halten.
Richtig ist allerdings, dass die 1805 gegründete "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens", die Vorgängerin der GEW, im Jahr 1933, als ihre "Gleichschaltung" ohnehin unvermeidbar war, entschied, sich als Korporation dem NSLB anzuschließen. Dies geschah jedoch unter dem Druck der Verhältnisse und nur um ihre Vermögenswerte zu retten. Den KollegInnen wurde schriftlich zugesichert, "dass - abgesehen von abweichender reichsgesetzlicher Regelung - die der ‚Gesellschaft der Freunde' gehörenden Vermögenswerte einschließlich ihrer Kassen und des Curiohauses dem gegenwärtigen Mitgliederbestande der ‚Gesellschaft der Freunde' als Eigentum verbleiben werden." Die enorme Bedeutung dieser Kassen und des Besitzes der "Gesellschaft" für
deren Mitglieder ist aus heutiger Sicht schwer zu verstehen. Es handelte sich u. a. um eine Kranken- und eine Darlehnskasse für die Mitglieder, einen Schulbuchverlag, eine Feuerkasse, eine Rentenversicherung für Witwen und die Diesterweg-Stiftung (zur Finanzierung sozialer Aufgaben) sowie das Curiohaus.
Die unter dem Dach des "Nationalsozialistischen Lehrerbundes" (NSLB) neu gebildete, aber zunächst aus den Mitgliedern der alten "Gesellschaft" bestehende, rechtlich selbständige Organisation hieß bis 1937 offiziell "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens (Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB, Gau Hamburg)". Sie ging trotz der Besetzung vieler wichtiger Posten mit Nazis und Satzungsänderungen, die diesen Entscheidungsbefugnisse zuschrieben, bis 1937 juristisch nicht im NSLB auf.

Zum Entsetzen linientreuer Nationalsozialisten fanden im Curiohaus weiterhin Kulturveranstaltungen der Hamburger Juden statt: z.B. am 16. 1. 1935 ein Vortrag des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber und am 15.5. 1935 eine Gedenkfeier für den Zionisten Theodor Herzl. Allein zwischen Januar bis Juni 1935 gab es 14 Veranstaltungen speziell für ein jüdisches Publikum.
(Eine spätere Kündigung jüdischer Mieter im Curiohaus erfolgte nach einem Angriff in der SS-Zeitung "Das Schwarze Korps" und parallelen Vorwürfen beim NSDAP-Parteigericht wegen judenfreundlichen Verhaltens gegen die Hamburger NSLB-Führung. Deshalb lässt sich wohl nicht eindeutig sagen, ob die angegriffenen Nazis aus eigenem Antrieb handelten.)
Das oben aufgeführte Immobilienvermögen der "Gesellschaft" verwaltete bis 1937 weiterhin - wie bereits vor 1933 - die "Lehrervereinshaus G.m.b.H.". Auf deren Namen wurde Ro 19 nach dem Ankauf 1935 ins Grundbuch eingetragen. Das erforderliche Geld stammte aus den getrennt von der Hauptkasse des Hamburger NSLB geführten Kassen der "Gesellschaft", die alleiniger Gesellschafter der G.m.b.H. war. Aus einem Schreiben der "Lehrervereinshaus G.m.b.H." vom 5. 7. 1935 geht hervor, dass diese allein bei der genannten "Diesterwegstiftung" durch Hypotheken auf das Curiohaus abgesicherte Kredite in Höhe von 45 000 RM aufgenommen hatte.
Für die Behauptungen, die Gelder zum Ankauf seien insgesamt aus Nazikassen geflossen oder der eigentliche NSLB habe zumindest die Hälfte des Kaufpreises für Ro 19 gezahlt, ist bisher weder ein beweiskräftiges Dokument noch ein überzeugender indirekter Beleg vorgelegt worden. (Zu den widersprüchlichen Angaben vgl. HLZ 10-11/05, S. 79f u. S. 87.)
Dies gilt auch, wenn die neuen, nationalsozialistischen Geschäftsführer der "Gesellschaft" und der "Lehrervereinshaus G.m.b.H." bei Zahlungen aus deren Kassen verkürzend und verschleiernd vom "NSLB" als Quelle des Geldes sprachen. Tatsächlich bezogen sie sich dabei auf die "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens (Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB, Gau Hamburg)", erwähnten jedoch allein die ihnen wichtigen Begriffe. Diese Verschleierung bzw. Irreführung war beabsichtigt und entsprach der zu diesem Zweck geänderten Satzung. Nach dem Lehrer-Verzeichnis von 1935/36 lautete diesbezüglich eine Passage: Die "Gesellschaft der Freunde" … "wird als solche in der Geschäftsführung des NSLB wie auch in den folgenden Nummern der Satzung abgekürzt ‚Abteilung Wirtschaft und Recht' genannt". Entsprechend ist auch das Schreiben des Geschäftsführers Bernhardt der "Lehrervereinshaus" vom 1. März 1935 an seinen Parteigenossen Holm bzw. die "Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB" zu verstehen, in dem um die Bereitstellung von 25 000 RM als erste Rate für den bevorstehenden Kauf von Ro 19 gebeten wird. Hier fehlt der erste Teil der historisch korrekten Bezeichnung "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens. Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB". Das Geld kam dementsprechend nicht vom NSLB, sondern aus den Fonds, die von Mitgliedern der "Gesellschaft der Freunde" in über einem Jahrhundert gebildet worden waren.
Vor diesem Hintergrund ist es hinsichtlich des Kaufs von Ro 19 nur von geringer Bedeutung, dass bereits bis zur vollständigen Übernahme der "Gesellschaft" und ihres Besitzes durch den NSLB des Reiches 1937 Mitglieder der Hamburger NSDAP ständig an Einfluss gewannen. Sie hatten ihre Tätigkeit an in den Statuten festgelegten Zwecken zu orientieren. Die von der "Lehrervereinshaus G.m.b.H." und den Kassen der "Gesellschaft" erwirtschafteten Erträge wurden bis 1937 nicht für spezifisch nationalsozialistische Ziele, sondern im wesentlichen satzungsgemäß und vor allem zum Abtragen erheblicher Schulden verwendet.


1933 besitzt NSLB 200 Reichsmark

Dem erst 1931 gegründeten Hamburger NSLB gehörten zum Zeitpunkt der Machtübergabe nur 120 Mitglieder an (der "Gesellschaft der Freunde" über 4600). Er war unbedeutend und in sich zerstritten. Der neue, nationalsozialistische Vorsitzende der "Gesellschaft der Freunde" lehnte es nach deren Gleichschaltung 1933 zunächst sogar ab, dem Hamburger NSLB im Curiohaus Räume zur Verfügung zu stellen. Grund war ein Kampf um die Macht in diesem Lehrerbund. Der NSLB erhielt dann zwar doch Räume im Curiohaus, musste allerdings Miete bezahlen. (Dies wissen wir zufällig, weil das Finanzamt nach Kriegsbeginn monierte, wenn keine Versammlungen mehr stattfänden, dürften die entsprechenden, an die "Gesellschaft der Freunde" gezahlten Summen für Raummiete seitens des NSLB auch nicht steuerlich entlastend geltend gemacht werden.)
"Alte Kämpfer" warfen ihren NS- Parteigenossen im Curiohaus sogar vor, sie würden im Interesse "des alten rot verseuchten Genetivvereins", d.h. der "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens", agieren und sich zu sehr für den Erhalt von dessen "wirtschaftlichem Erbe" einsetzen. Größere Finanzmittel standen dem Hamburger NSLB nicht zur Verfügung. Von den Beitragseinnahmen führte er 1935 etwa ein Drittel an seine Reichsorganisation ab.
Bereits 1934 hatte diese sich vom Gau Hamburg aus den Beiträgen der neuen Mitglieder 6000 RM für den Bau eines "Hauses der Deutschen Erziehung" in Bayreuth bewilligen lassen. Dort residierte die Reichsleitung des NSLB.
Das zahlreich neu eingestellte Personal verschlang zudem einen erheblichen Anteil des Rests der Einnahmen. In den wenigen erhaltenen Unterlagen gibt es für das Frühjahr 1935 keinen Hinweis auf eine frei verfügbare Rücklage von 20 000 RM beim Hamburger NSLB. Der Kassenstand betrug Ende 1933 nur 200 RM. Einem Schreiben an das "Oberste Parteigericht der NSDAP" vom 5. Juli 1935 ist dann die frühe Verdächtigung zu entnehmen, die Ebbe in der Kasse sei durch Missbräuche entstanden. Die Schulräte Schult und Beckmann konstatierten 1947 rückblickend für den Herbst 1933 dort sogar eine "korrupte Unordnung". Während eines Vortrags am 17. 12. 1935 in der Volksschule Barmbeker Straße klagte der NS-Schulrat Holm, die laufenden Ausgaben des NSLB würden die Einnahmen deutlich übersteigen. Holm war zur Zeit des Kaufs von Ro 19 Geschäftsführer der "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens (Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB, Gau Hamburg)". Bei der Veranstaltung bekannte er sich laut Konferenzprotokoll trotzdem ausdrücklich zu der 1933 eingegangenen Verpflichtung, das "Eigentum und die Einrichtungen der Gesellschaft [der Freunde] zu erhalten".
Andere Hamburger Lehrervereinigungen verfügten zur Zeit ihrer Gleichschaltung nur über relativ wenige Mitglieder und kein nennenswertes Vermögen, das die Kasse des Hamburger NSLB irgendwann gefüllt haben könnte. (Die mitgliederstärkste Organisation mit einigen hundert Aktivisten war der Philologenverein. Er stiftete vor seiner Gleichschaltung 1935 sein Vermögen in Höhe von wenigen hundert Reichsmark überdies einzelnen Schulen für "nationalpolitische" Erziehungsarbeit.) Von seiner Reichsorganisation erhielt der Hamburger NSLB weder Geld noch Kredite für Ankauf und Renovierung von Ro 19. Dort wusste man bis 1937/38 nach der Aktenlage nichts Genaues vom Ankauf und dessen Umständen. (Die nach 1945 erfolgten, schriftlichen Aussagen der beim Kauf mitwirkenden Nazis, alles Geld sei aus den Kassen der "Gesellschaft" gekommen, spielen für meine Beurteilung keine Rolle. Ihnen mit Skepsis zu begegnen, ist richtig, Aber auch hier sollte die bloße Vermutung einer Lüge, nicht bereits als Beweis verstanden werden.)
Den Nationalsozialisten gelang es zwar (im Frühjahr 1934?), die genannten sozialen Einrichtungen der "Gesellschaft" auch für ihre Anhänger zu öffnen. Diese blieben jedoch rechtlich selbständig und führten auch organisatorisch zunächst weiterhin ein gewisses Eigenleben, obwohl ihre neuen Geschäftsführer vom NSLB kam. Dies wissen wir nicht nur aus den Aussagen vieler Zeitzeugen, sondern auch aus den detaillierten Aufzeichnungen von Anni Andersen und Annemarie Biedermann, zwei Frauen, die seit der Weimarer Zeit in der Verwaltung im Curiohaus arbeiteten. Den Mitarbeitern gelang es demnach sogar, "jüdischen Mitgliedern der ‚Gesellschaft' in den ersten Jahren [nach 1933] noch ihre vollen Rechtsansprüche" zu erfüllen. Diese Aussage findet eine indirekte Bestätigung in dem Beschwerdeschreiben eines Hamburger NSLB-Mitglieds aus dem Jahr 1935, in dem geschimpft wird, das Curiohaus habe sich "bis auf den heutigen Tag, seiner Überlieferung gemäß, als `Hilfssynagoge` der Hamburger Judenschaft erhalten".

Unvoreingenommen informieren

Mir ist in der AG Ro 19 vorgehalten worden, mit meinen Aussagen erwiese ich mich als Parteigänger solcher Leute, die forderten, "dass die Opfer einer Kollektivverfolgung jeder für sich und bis zum letzten Fitzelchen individuell ihre Verfolgungssituation nachweisen" müssten. Das trifft nicht zu. Vor allem aber haben die Vorbesitzer von Ro 19 sich selbst - soweit bisher bekannt ist - im Hinblick auf den Verkauf nicht als "Opfer" bezeichnet. In Bezug auf andere Fälle haben sie jedoch nach 1945 durch Fachanwälte erfolgreich Wiedergutmachungsverfahren einleiten lassen. Dabei sind sie auch bei im Vergleich mit dem Gebäude Ro 19 weniger wertvollen Objekten bis zum Bundesgerichtshof gegangen. Das Ehepaar Meyerhof-Hallgarten beantragte z.B. völlig zu Recht und erfolgreich eine Erstattung der Umzugskosten von Hamburg nach Zürich. In den erhaltenen Wiedergutmachungsanträgen von Mercedes Hallgarten und ihrer Tochter Hedwig Meyerhof, geb. Hallgarten findet sich jedoch kein Hinweis auf Ro 19. Dies gilt auch für die erhaltenen Akten über K. J. Bauer.
Aus diesem Umstand lässt sich möglicherweise der Schluss ziehen, dass die Mitglieder der Erbengemeinschaft sich im Hinblick auf Ro 19 nicht als Betrogene und Opfer fühlten. Jedenfalls ist sonst nur ist schwer zu verstehen, warum sie nicht zumindest versuchten, das Gebäude zurückzuerhalten und den Verkauf nötigenfalls vor Gericht anzufechten.
Ein in der HLZ 10/05 faksimiliert abgedrucktes Schriftstück, nach dem die Vorbesitzer einen Rückgabeantrag gestellt hätten, bleibt trotz eines relativierenden Kommentars irreführend. Tatsächlich hatte - wie aus den Akten eindeutig hervorgeht - lediglich eine Behörde ohne Kenntnis der Angelegenheit vorsorglich die Möglichkeit eines solchen Antrages durch eine jüdische Hilfsorganisation erwogen. Auch eine Notiz in der HLZ, nach der ein entfernter Verwandter der Vorbesitzer aus den USA den Verkauf als "Arisierung" bezeichnet hat, ist missverständlich. Jener wusste weder von der Existenz des Hauses noch dem Verkauf irgendetwas. Er wurde erst kürzlich seitens der AG Ro 19 unter Verwendung des Begriffs "Arisierung" informiert, den er nun seinerseits gebrauchte.
Vor diesem Hintergrund plädiere ich dafür, den "Besitztransfer" von Ro 19 nicht plakativ in das Begriffsfeld "Arisierung" einzuordnen, bevor wir für eine in der Öffentlichkeit damit verbundene implizite moralische Aburteilung hinreichend Indizien vorgelegt haben. Das Fragen nach den tatsächlichen Umständen des konkreten Einzelfalles könnte durch eine gezielte vorschnelle, emotionalisierende Abstempelung behindert werden.
Da die Umstände des Kaufs von Ro 19 im Jahr 1935 (auch im entsprechenden Ausschuss) kontrovers beurteilt werden, sollte vor einer Entscheidung der Frage, wie zukünftig
in der Angelegenheit und mit dem Haus zu verfahren sei, gleichermaßen über das Für und Wider informiert werden. Die bisherige Berichterstattung ist zu sehr mit vorschnellen Annahmen in Richtung ‚Zwangssituation' und ‚Schleuderpreis' behaftet. Durch diesen Artikel wird nicht versucht, einseitig Stimmung zu machen und das genaue Gegenteil zu beweisen. In diversen Bereichen bleiben wir auf Vermutungen angewiesen. Das Problem sollte allerdings durch die Darstellung zusätzlicher Aspekte differenzierter diskutierbar gemacht werden. Zur Waage der Justitia gehören aus gutem Grund zwei Schalen.

Jörg Berlin

AG Rothenbaumchaussee 19 (Ro 19) der GEW- Hamburg

Prüfbericht an die Frühjahrs- LVV am 23. April 2007:
Ist es möglich Ro 19 an die Freie und Hansestadt Hamburg zu verkaufen,
um dort ein Jüdisches Museum einzurichten?

Vorgeschichte

Die GEW- Hamburg informierte die Öffentlichkeit auf einer Veranstaltung am 9.11.2005 über die Art und Weise, wie die GEW- Hamburg in den Besitz des Hauses Rothenbaumchaussee 19 kam.
1935 hatte der NS Lehrerbund durch seine Vermögensverwaltung "Lehrervereinshaus G.m.b.H." das Haus von jüdischen Vorbesitzern erworben, die es in einer Zeit zunehmenden antisemitischen Verfolgungsdrucks weit unter Wert verkauften. Die meisten von ihnen flohen kurz danach vor dem NS- Terror in die USA.
Nach 1945 stellte sich die neu gegründete GEW- Hamburg als Rechtsnachfolgerin des Käufers dar und gelangte schließlich in den Besitz des Hauses.

Die "AG Ro 19" der GEW- Hamburg erhielt den Auftrag, die Gewerkschaftsöffentlichkeit genauer zu informieren, weitere Informationen zu sammeln, eventuelle Nachfahren der jüdischen Vorbesitzer des Hauses Ro 19 ausfindig zu machen und Vorschläge zu erarbeiten,
welche Konsequenzen aus der Geschichte mit Ro 19 zu ziehen seien.

Umsetzung des Beschlusses der Herbst- LVV

Im Sommer 2006 legte die AG Ro 19 einen Bericht über ihre Arbeit vor und machte der Herbst- LVV 2006 die folgenden vier Vorschläge, von denen die ersten drei durch die Delegierten der LVV angenommen wurden:

1. An das Haus Ro 19 wird eine Informationstafel zur Geschichte des Hauses angebracht.
Umsetzung: Die AG Ro 19 übernahm die Realisierung dieses ersten Beschlussteils und entwarf den Text der Informationstafel.

2. Über das Haus Ro 19 wird nach der Herbst- LVV von der GEW- Hamburg eine eigenständige Broschüre herausgegeben.
Umsetzung: Auch für den zweiten Beschlussteil übernahm die AG Ro 19 die Verantwortung. Stefan Romey und Bernhard Nette übernahmen es die Broschüre zu schreiben. Die Vorbereitungen dazu sind inzwischen abgeschlossen. Grundlagen für die Broschüre, die sich an die Hamburger Öffentlichkeit richten soll, sind die Studien von Bernhard Nette (2000) und Sielke Salomon (2002), der Bericht über die Geschichte des Hauses Ro 19 in der Jubiläums- hlz 10-11/2005 ("Das jüdische Erbe der GEW") , zwei Studien von Stefan Romey zu den Themen "Arisierung" und "Restitution nach 1945", neue Aktenfunde über Kündigungen der Wohnungen von "jüdischen" MieterInnen im Curiohaus 1935/6 und weitere Studien zum NS Lehrerbund und zu dessen allein bestimmender Rolle beim Erwerb von Ro 19 im Jahr 1935.

3. Die GEW- Hamburg unterstützt die Herausgabe einer kommentierten und in den geschichtlichen Kontext eingebundenen Dokumentation von "antisemitischen" Artikeln aus der Hamburger Presse von 1930 bis 1945.
Umsetzung: Jörg Berlin führte dazu erste Recherchen durch.

An die Kassenwarte wurden Finanzanträge für die Broschüre und die Dokumentation gestellt.

4. Das Haus Ro 19 wird der Freien und Hansestadt Hamburg zum Kauf angeboten.
Dies geschieht unter der Maßgabe, dass Hamburg dort zusammen mit einem Förderverein ein Jüdisches Museum als Dependance des HamburgMuseums einrichtet.
Ein noch festzulegender Teil des Verkaufserlöses wird von der GEW- Hamburg zweckgebunden verwendet. Das Ziel ist es, Solidarität mit den Opfern von Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus und diktatorischer Gewalt zu üben, Aktivitäten zur Abwehr von Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus zu initiieren und zu fördern und Maßnahmen zum Aufbau von Demokratie und Humanität in Deutschland zu initiieren und zu fördern.
Nach längerer Diskussion auf der Herbst- LVV zog die AG Ro 19 diesen Antragsteil zurück und unterstützte folgenden Beschluss der Herbst- LVV 2006:


Prüfauftrag der Herbst- LVV:
Bis zur Frühjahrs- LVV wird von der AG Ro 19 geprüft, ob es möglich ist, das Gebäude Rothenbaumchaussee 19 an die Freie und Hansestadt Hamburg zu verkaufen.

Ergebnisse der Prüfung

Die AG Ro 19 hat diesen Prüfauftrag auf zwei verschiedenen Feldern umgesetzt:

- Die AG Ro 19 führte in Hamburg eine Reihe von Gesprächen, ob ein Jüdisches Museum in Ro 19 überhaupt denkbar ist Die Ergebnisse dieser Gespräche werden unten näher erläutert.

- Die AG Ro 19 diskutierte das Papier von Peter Gohl "Kann das Grundstück Ro 19 unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus dem Vermögen der GEW Hamburg herausgelöst werden und an die Freie und Hansestadt zum Zweck der Gründung eines jüdischen Museums verkauft werden?" Weitere Diskussionspapiere zu diesem Finanzthema lagen der AG Ro 19 nicht vor. Die AG Ro 19 stimmte dem Papier von Peter Gohl zu und beschloss, es diesem Arbeitsbericht hinzuzufügen.

Die AG Ro 19 hat intensive Gespräche geführt mit:
- dem Amtsleiter der Kulturbehörde, Herrn Bethge, und Frau Dr. Busse, verantwortlich für den Museumsbereich;

- der Leiterin des Hamburg Museums, Frau Prof. Jaacks;

- den kulturpolitischen Sprechern der drei Bürgerschaftsfraktionen, Frau Dr. Stapelfeldt für die SPD, Frau Goetsch und Frau Dombrowski in Vertretung von Herrn Maier für die GAL und Herrn Rusche für die CDU;

- dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Hamburg, Herrn Wankum;

- Vertretern des Fördervereins Jüdisches Museum Hamburg, Herrn Liebert und Herrn Missall.

Alle zehn GesprächspartnerInnen begrüßten das Projekt eines Jüdischen Museums in Ro 19. Sie halten es für unterstützungs- und wünschenswert und - trotz ungelöster Finanzfragen - auch für realisierbar. Eine solche Initiative fördere - so die Gesprächspartner - das Ansehen der GEW- Hamburg.

Frau Prof. Jaacks machte deutlich, dass das Haus Ro 19 sich vorzüglich als Standort für ein Jüdisches Museum eigne, sowohl was seine Lage im ehemaligen "jüdischen" Viertel angehe als auch wegen seiner Größe und Räumlichkeiten.
Die Vertreter der Kulturbehörde versicherten, das Projekt verdiene inhaltlich und kulturpolitisch volle Unterstützung. Die VertreterInnen der Bürgerschaftsfraktionen betonten, dass Hamburg ein Jüdisches Museum brauche und dass sie sich sehr gut den Standort Ro 19 dafür vorstellen könnten. Wie auch die VertreterInnen der Bürgerschaftsfraktionen diskutierten sie die schwierigen Finanzierungsfragen und erörterten Stiftungs- und Fördervereinsmodelle.

Die VertreterInnen von SPD, CDU und GAL stimmten darin überein, dass es eine überparteiliche Initiative mit namhaften Persönlichkeiten und Organisationen Hamburgs geben müsse, in der die GEW- Hamburg eine wichtige Rolle spielen könnte. Der CDU- Vertreter kündigte an, die Kultursenatorin zu bitten, eine erste Machbarkeitsstudie anfertigen zu lassen. Die Einschätzungen der Hamburger Kulturpolitiker reichten von "tolle und notwendige Idee" über "180prozentige Befürwortung" bis "Ich wünsche Ihnen jeden nur denkbaren Erfolg." Alle versprachen, sie würden - sollte die GEW- Hamburg auf der Frühjahrs- LVV einen entsprechenden positiven Beschluss fassen - in ihren Parteien und Fraktionen dafür werben, dass das Projekt "Jüdisches Museum in Ro 19" Erfolg haben wird.

Auch Herr Wankum, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Hamburg, begrüßte das Projekt. Er betonte, ein solches Museum müsse öffentlich finanziert werden. Das Museum dürfe sich nicht nur auf die Zeit von 1933 bis 1945 beschränken und müsse professionell gestaltet werden.

Die Vertreter des "Fördervereins Jüdisches Museum Hamburg" erklärten nach einem längeren Gespräch und nach der Besichtigung des Hauses Ro 19, sie könnten sich inzwischen ein Jüdisches Museum sehr gut auch am Standort Ro 19 vorstellen. Zwar würden sie weiter auch ihre Idee eines Museum am Lohse- Platz (Hafencity) verfolgen, würden aber zukünftig gemeinsam mit der GEW- Hamburg das Projekt Ro 19 mit unterstützen und öffentlich beide Optionen vertreten. Möglicherweise habe das Projekt Ro 19 größere Realisierungschancen. Die AG Ro 19 und der Förderverein waren sich einig, dass sie sich nicht als Konkurrenten sähen. Alle Personen und Organisationen, die sich für ein Jüdisches Museum in Hamburg einsetzten, müssten zusammenarbeiten.


Fazit

Die AG Ro 19 betonte in all ihren Gesprächen, dass sie kein Verhandlungsmandat habe, sondern nur einen Prüfauftrag. Alle Gesprächspartner erklärten von sich aus, sie gingen davon aus, dass die GEW- Hamburg für den Fall, dass der Prüfauftrag positive Rückmeldungen erfährt, das Projekt weiter verfolge. Denn wer einen solchen Prüfauftrag vergebe, wolle sich vergewissern, ob entscheidende Hamburger Organisationen und Personen ein solches Projekt als irreal und nicht wünschenswert ansehen oder ob sie es sogar unterstützen würden. Alle Gesprächspartner erkannten die Bereitschaft der GEW- Hamburg an, sich mit ihrer Vergangenheit konstruktiv und verantwortlich auseinanderzusetzen. Alle versicherten, sie wünschten - bei allem Verständnis für die möglichen finanziellen Folgen - von der GEW- Hamburg Grünes Licht für das Projekt.

Die AG Ro 19 hatte ihren Antrag, wie die GEW- Hamburg mit dem Haus Ro 19 umgehen solle, auf der letzten LVV wegen des Prüfauftrags zurückgezogen. Nach erfolgter Prüfung legt sie der Frühjahrs- LVV den geringfügig veränderten Antrag erneut vor:
Verkauf von Ro 19 an die Stadt Hamburg, um dort ein Jüdisches Museum entstehen zu lassen.

20. März 2007, AG Ro 19 der GEW- Hamburg
(angenommen mit 8 Stimmen dafür, 2 dagegen, keine Enthalt.)


Ro 19

Welche Erinnerung bleibt?

Fragestellungen und Kontroversen


Inhalt:

Vorbemerkung
Welche Erinnerung bleibt?
Auf dem Weg zur totalen Macht
leichschaltung
Im Vorfeld der Nürnberger Gesetze
Ro 19 - War es Arisierung?
Die nicht gewollte Rückgabe
Es ist Zeit für die ganze Wahrheit
Ein lösbares Dilemma
Erinnerungssplitter

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Impressum: Bernhard Nette, Stefan Romey.
Eigenverlag, Hamburg, 2. durchgesehene Auflage, April 2008.

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Vorbemerkung

Der GEW Hamburg gehört die Immobilie Rothenbaumchaussee 19 (Ro 19), direkt neben dem Curio-Haus. Seit 2000 beschäftigt sich die Bildungsgewerkschaft, angeregt durch Archivfunde, mit der Frage, wie der Verkauf des Hauses durch die jüdischen Vorbesitzer im Jahre 1935 an den nationalsozialistischen Lehrerbund und die Übernahme des Hauses durch die GEW nach 1945 politisch, historisch und moralisch einzuschätzen ist. Im Mittelpunkt der intensiven GEW-Forschungsarbeit stand die Frage, ob und welche Konsequenzen die Hamburger GEW daraus ziehen muss.

Im April 2007 hat sich die GEW- Hamburg auf ihrer Landesvertreterversammlung (LVV) im April mit knapper Mehrheit dagegen entschieden, Ro 19 der Stadt Hamburg, unter der Maßgabe dort ein Jüdisches Museum einzurichten, zum Kauf anzubieten. Im Vorfeld hatten Sprecher aller Bürgerschaftsfraktionen, die Jüdische Gemeinde Hamburg, Vertreter der Kulturbehörde u.v.a.m. diese Projektidee ausdrücklich begrüßt.
Stattdessen beschloss die GEW Hamburg als Schlussfolgerung aus den historischen Forschungen zu Ro 19, jährlich € 10.000,- in einen GEW-eigenen Fonds zu geben, um antirassistische Initiativen und Aktionen zu unterstützen. Zuvor war der Versuch der GEW Hamburg gescheitert, als Förderer dem BERTINI-Preis beizutreten und diesem den Geldbetrag zur Verfügung zu stellen. Entscheidend hierfür war, dass die GEW Hamburg sich nicht zu ihrem "Arisierungs"erbe bekannte und stattdessen bei der Begründung ihres Antrages einer Position folgte, die im Gegensatz zu den Zielsetzungen des BERTINI-Preises steht. Der Schriftsteller Ralph Giordano lehnte für den BERTINI-Preis das Angebot der GEW Hamburg ab: "Bertini-Preis und Arisierung passen nicht zusammen - kategorisch und unwiderrufbar". Insbesondere erboste ihn, dass die GEW sich die Ausführungen Jörg Berlins zu eigen machte. Ralph Giordano nannte den Ansatz Jörg Berlins eine "Infamie". "Jeder Wechsel aus jüdischem in "arischen" Besitz im Deutschland des Jahres 1935 fand unter NS-Zwang statt. Aber Jörg Berlin tut so, als ob der Wechsel auch stattgefunden hätte, wenn 1935 die Weimarer Republik noch am Leben gewesen wäre".

Die Entscheidung der LVV zu Ro 19 löste Empörung in der Öffentlichkeit aus. Die Vorsitzenden der GEW Hamburg forderten daraufhin in einem Brief an jedes einzelne Gewerkschaftsmitglied dazu auf, den LVV- Beschluss, der ihrem Antrag entsprach, "einmütig nach außen" zu vertreten. Dem haben wir widersprochen, da damit indirekt die Anerkennung einer in der historischen Debatte umstrittenen Position zum NS-Unrechtsregime, zur "Arisierung" und zur Verfolgung der Juden impliziert ist. Wir befürchten einen Paradigmenwechsel - weg von bisher gemeinsam geteilten Annahmen und Vorstellungen eines antifaschistischen Konsenses.

Mit dieser Broschüre wollen wir allen Interessierten die Möglichkeit geben, sich in aller Kürze zu übergreifenden Bereichen der Diskussion zu informieren.
Fragestellungen können so leichter beantwortet und Kontroversen besser verstanden werden. Ziel ist ein Prozess der Versachlichung. Die Diskussion um Ro 19 geht weiter. Welche historischen, politischen, moralischen Standpunkte nehmen wir persönlich und als Gewerkschaft ein? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?
Wir wollen dabei Erinnerung verbinden mit Erkenntnis und Verantwortung.

Hamburg, den 27. Februar 2008, Bernhard Nette - Stefan Romey
Welche Erinnerung bleibt? Treppenhaus Ro 19

Erinnerungen sind keine bloßen Abbilder einer vergangenen Realität.
Erinnern ist eine sich in der Gegenwart vollziehende Handlung des Zusammenstellens verfügbarer vergangenheitsbezogener Daten, deren Interpretation und Bewertung.

Es sind viele Fakten und Details zu Ro 19 zusammengetragen worden, sowohl zum Einzelfall als auch zu den gesellschaftlichen Bezugspunkten. Je nach politischem und wissenschaftlichem Standort, aber auch nach Bereitschaft zu Empathie und Sensibilität gegenüber den NS-Verfolgten werden diese in der Diskussion ausgewählt, gedeutet, bewertet und auf heute bezogen. So kann höchst unterschiedlich geschlussfolgert werden, ob bzw. welche Konsequenzen gezogen werden müssen.

Was ist zu erinnern? Wer ist zu erinnern? Wie ist zu erinnern?

Die Hamburger GEW hat zuletzt 2005 zum 200jährigen Bestehen in der Jubiläumsausgabe der Hamburger Lehrerzeitung umfassend ihre Geschichte niedergeschrieben. Sie hat dabei historische Fakten zu unterschiedlichen Themenbereichen in einen engen Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Bedingungen der Vergangenheit und der Gegenwart sowie zu vergangener, heutiger bzw. zukünftiger Identität als Gewerkschaft gestellt, z.B. zum Bildungssystem, zu pädagogischen Konzepten, zu den Arbeitsbedingungen, zur internationalen Solidarität.

Auch bei der Darstellung des Geschehens um Ro 19 in der Jubiläumsausgabe wurde dieser Ansatz gewählt. Entsprechend endet der Artikel: "Die älteste Lehrergewerkschaft der Welt blendet in dem Rückblick auf ihre 200jährige Geschichte das Geschehen um Ro 19 nicht aus. Sie ist die Erbin von Ro 19. Sie wird sich ihrer geschichtlichen Verantwortung stellen". Zum ersten Mal wurde in dieser Festschrift die Öffentlichkeit differenziert zu Ro 19 informiert. Vorher wurde die Brisanz des Themas Ro 19 noch nicht erkannt. So war z.B. in einer Veröffentlichung der GEW aus dem Jahre 1961 nur der 1935 gezahlte Kaufpreis erwähnt worden, er sei "außerordentlich niedrig" gewesen, weil "in Nachwirkung der Wirtschaftskrise … viele Grundstücke von ihren ehemaligen Besitzern nicht mehr zu halten" waren. Die ausschließlich wirtschaftliche Sichtweise ist eine Position, die bis heute eine Bedeutung spielt. Hinweise auf die jüdischen Vorbesitzer und deren Verfolgung, auf die Verkaufsbedingungen und auf die Inbesitznahme nach 1945 fehlten 1961 völlig.

Historische Fragestellungen

Die GEW Hamburg steckt bei der Geschichtsschreibung zu Ro 19 gegenwärtig in einem Dilemma, ihr historisches Selbstverständnis konsensfähig zu bestimmen. Folgt sie der Annahme, Ro 19 sei durch "Arisierung" mittelbar in ihren Besitz gelangt, könnte dieses auch weitergehende Konsequenzen für ihr heutiges Handeln herausfordern. Folgt sie der These, sämtliche Argumente, die bisher für die Behauptung einer "Arisierung" vorgebracht wurden, seien nicht tragfähig, wird ihr Geschichtsklitterung und Paradigmenwechsel vorgeworfen.

Deshalb ist es wichtig, bei der gegenwärtigen Diskussion um Ro 19 zunächst die weitere Klärung strittiger Punkte anzugehen. Bestimmte historische Fragestellungen haben sich im Hinblick auf das Geschichtsbild der GEW und ihr heutiges historisches, politisches und moralisches Selbstverständnis als besonders wichtig herausgestellt:

1. Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind zu beachten? Bestand der Rechtsstaat nach dem 30.1.1933 fort? Wirkte sich die Judenverfolgung auf den Verkauf von Ro 19 aus?

2. War der Ankauf von Ro 19 im Jahre 1935 "Arisierung"? Waren Käufer und Verkäufer gleichberechtigte Handelspartner? Welchen Wert hatte die Immobilie? War der Kaufpreis angemessen? Konnten die Verkäufer frei über den Verkaufserlös verfügen?

3. Wer war der Käufer (NSLB und/oder "Gesellschaft der Freunde")? Welche Bedeutung hatte die Gleichschaltung der Lehrergewerkschaft?

4. Wie gelangte die Lehrergewerkschaft GEW-Hamburg nach 1945 in den Besitz von Ro 19? Welche Rolle spielten verantwortliche Personen wie die ehemaligen NS-Funktionäre Wilhelm Bernhardt und Kurt Holm?

5. Warum wurde Ro 19 nicht den jüdischen Vorbesitzern rückerstattet?

Es gibt bei der Beurteilung der Geschehnisse um Ro 19 keine "objektive" Sicht der Dinge. Niemand kann sich selbst - auch wenn er dieses behauptet - über Zeit und Raum, über Lebensumstände, über handelnde Personen und Motive stellen. Es gibt keinen allwissenden Erzähler, der quasi aus einer übergeordneten Perspektive unbeteiligt die Dinge beurteilen kann.

Prinzipien der Geschichtsforschung

Dies gilt für die Geschichte des Hauses Ro 19 umso mehr, hängt sie doch eng mit der Geschichte des Nationalsozialismus' und seiner Folgen zusammen.
Der Historiker Saul Friedländer, dem 2007 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde, ergänzt im Hinblick auf die NS-Zeit Prinzipien der bisherigen Geschichtsforschung für heute. Als Überlebender des Holocaust weist er bei der Darstellung der NS-Geschichte auf die besondere Verantwortung des Historikers bei der Entwicklung des öffentlichen Gedächtnisses hin. Entsprechend heißt es in der Begründung des ihm verliehenen Friedenspreises:
Saul Friedländer "entzieht sich der in der Beschreibung von Geschichte angelegten Distanzierung und gibt jener Fassungslosigkeit Raum, welche die einzig mögliche Reaktion auf ein noch immer unfassbares Verbrechen ist. So beschreibt er nicht nur
die Entstehung, die Vorbereitung und den Vollzug des Massenmordes von Nachbarn an ihren Nachbarn, sondern dokumentarisch genau, stilsicher und mitleidend die klassische Triade der Gewalt: die Täter und ihre Obsessionen, die Opfer und ihre Verzweiflung, die schweigende Menge der Zuschauer mit ihrer Lust und ihrem Schrecken - und wenige, zu wenige Retter."


Abwehr der Verantwortung

Bis Anfang der 1980er Jahre herrschte in der GEW zur Geschichte der eigenen Organisation in der NS-Zeit das große Schweigen im Sinne eines Verschweigens. Schweigen gewährt Tätern und Mittätern Schutz vor Bloßstellung und möglicher Bestrafung. Die Geschichte der Lehrergewerkschaft in der NS-Zeit - wie auch der gesamten Hamburger Lehrerschaft - musste mühsam erarbeitet werden. Mit der Festschrift zum 175jährigen Bestehen der Lehrergewerkschaft (1980) gelang ein entscheidender Schritt. Mit den 1985 und 1986 vorgelegten Sammelwerken "Hamburg: Schule unterm Hakenkreuz" und "Die Fahne hoch. Schulpolitik und Schulalltag in Hamburg unterm Hakenkreuz" konnte das Wissen vertieft werden.
Uwe Schmidt legte 2006 mit seinem Buch"Lehrer im Gleichschritt. Der Nationalsozialistische Lehrerbund Hamburg". die bisher umfassendste Dokumentation zur Geschichte der Lehrergewerkschaft 1933-1945 vor.

Es war - wenn man so will - eher ein historischer Zufall als ein bewusster Schritt in Richtung Vergangenheitsbewältigung der eigenen Organisation, dass ab dem Jahr 2000 zunächst Bernhard Nette und später Sielke Salomon aufgrund von Aktenfunden für die GEW begannen, die Aneignung der Immobilie Ro 19 zu hinterfragen, wobei zuerst Gefühle wie Entsetzen, Trauer, Frustration und Empörung über die Geschehnisse der Inbesitznahme und über das jahrzehntelange Beschweigen Antrieb zu weiteren Untersuchungen waren. Die Geschichte von Ro 19 sollte nicht mehr durch Vergessen entsorgt, sondern durch Erinnerung bewahrt werden.

"Es wird das Ansehen der GEW stärken, wenn sie gerade zu einem Zeitpunkt, da deutsche Großbanken und Versicherungen, sogar amerikanische Autofirmen und neuerdings auch die Max- Planck- Gesellschaft sich endlich den Missetaten ihrer Vorfahren freimütig stellen, ebenfalls nach fünfzig Jahren mit einer wenig schmeichelhaften Vergangenheit aufräumen und Konsequenzen ziehen will.
Karl- Heinz Janßen, Autor und Redakteur der ZEIT, 2. Juli 2001

Es zeigte sich in den folgenden Jahren, dass es für die GEW ungleich einfacher war, an fremde Schuld aus der NS-Zeit zu erinnern und sich auf die Seite der NS-Verfolgten zu stellen, als Konsequenzen aus der eigenen Schuld zu ziehen.

Deshalb wird bis heute in der GEW eine Erinnerungskultur eingefordert, die von Einfühlungsvermögen und Solidarität mit den NS-Opfern getragen ist.

Viele Hamburger GEW- Mitglieder wehren die Erinnerung an Ro 19 ab. Sie ist unliebsam und stellt eine bisherige gemeinschaftliche Identität in Frage. Es tut weh festzustellen, dass das Bild von der untadeligen ungebrochen antifaschistisch-demokratischen Gewerkschaft Risse bekommt. Dies gilt umso mehr, wenn die Anerkennung historischer Schuld auch das Nachdenken über die persönliche Schuld ehemaliger Funktionäre der Lehrergewerkschaft einschließt. Es kam zu Abwehraggressionen, zur Wut auf diejenigen, die an die unerwünschten Seiten der eigenen Vergangenheit erinnerten. Theodor W. Adorno weist in seinem Aufsatz "Erziehung nach Auschwitz" darauf hin, dass bei der Abwehr von Schuld ein aggressives Verhalten demjenigen gegenüber ausgelöst wird, "der auch nur davon spricht, (…) als wäre er, sofern er es ungemildert tut, der Schuldige, nicht die Täter".

Wir leben im Schatten einer Vergangenheit, "die in vielfältiger Form in die Gegenwart weiter hineinwirkt und die Nachgeborenen mit emotionaler Dissonanz und moralischem Dilemma heimsucht" - so Aleida Assmann in ihrem Grundsatzwerk "Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik". Dies gilt umso mehr, wenn unterschiedliche Erinnerungsinteressen und -konkurrenzen bestehen, deren Ursachen in der Gegenwart liegen. So wird die teilweise erbitterte Diskussion zum Komplex Ro 19 ganz wesentlich von der Angst bestimmt, mögliche Schlussfolgerungen könnten Auswirkungen auf die gegenwärtigen Finanzen der GEW haben.


Unter Verdacht der Komplizenschaft

Welche Vergangenheitsversion wird letztlich für die GEW aufgezeichnet werden?
Die Debatte um das historisch begründete Selbstverständnis hat anhaltend hohe aktuelle politische Bedeutung. Es geht nicht einfach um einem Meinungsstreit oder einen heftigen Austausch von Argumenten. Dokumente und Quellentexte werden nicht nur unterschiedlich interpretiert. Es geht um Grundsätze. Von welchen Grundsätzen geht die heutige GEW aus? Gilt der vor über 20 Jahren formulierte Satz des damaligen Hamburger Schulsenators Joist Grolle im Geleitwort zum Buch "Hamburg: Schule unterm Hakenkreuz" noch?

"Auch die eigene Gegenwart steht unter dem Verdacht der Komplizenschaft, solange wir uns nicht der geschichtlichen Wahrheit in unserer nächsten Nähe, im eigenen Haus, in der eigenen Schule, in der eigenen Stadt stellen"
Joist Grolle, Hamburger Schulsenator, Februar 1985.

Es fehlt in den gegenwärtigen Debatten nicht an Hinweisen, das Thema sei jetzt erledigt, man möge einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen, um sich endlich wieder den tatsächlichen Gewerkschaftsaufgaben zuwenden zu können.

Vor 60 Jahren analysierte der bereits erwähnte Adorno unter dem Titel "Schuld und Abwehr" ein Gruppenexperiment. Seine Ausführungen enthalten eine damals kaum für möglich gehaltene aktuelle Brisanz, betrachtet man die heutige Auseinandersetzung in der GEW über Ro 19. Adorno schildert Formen der Abwehr von Schuld im Hinblick auf den Nationalsozialismus. Die Befragten wollen es gar nicht wissen oder minimieren das Geschehene. Räumen sie es doch - umständlich - ein, lassen sie es nicht an sich heran. Erinnerung wird verweigert. Erkenntnis findet nicht statt. Schuld und Scham werden nicht empfunden. Verantwortung wird nicht übernommen.

Die GEW sollte einen anderen Weg gehen.
Sie sollte die Erinnerung zulassen.
Auf dem Weg zur totalen Macht

Adolf Hitler war am 30.1.1933 vom Reichspräsidenten Hindenburg zum Reichskanzler ernannt worden, obwohl er keine Parlamentsmehrheit besaß. Die NSDAP drängte ihre Bündnispartner in der Regierung (Deutschnationale und Zentrum) zu Neuwahlen. Wahltermin: 5. März. Die Nazis konnten mit staatlichen Machtmitteln und mit dem Propagandainstrument Rundfunk den Wahlkampf führen.

Eine Woche vor der Wahl brannte am 27. Februar 1933 der Reichstag in Berlin. Bis heute ist umstritten, ob der gefasste und später hingerichtete Täter Marinus van der Lubbe Mittäter gehabt hatte. Auf jeden Fall waren die Nazis die offensichtlichen Nutznießer der Tat.
Die Hitler-Regierung bezeichnete die Brandstiftung als kommunistischen Terrorakt. Sie ließ noch in derselben Nacht alle Funktionäre der KPD und alle, "die mit den Kommunisten zusammenarbeiten und deren verbrecherische Ziele… unterstützen und fördern", verhaften, missliebige Politiker, Gewerkschafter, Akademiker und Schriftsteller wie Carl von Ossietzky.
Die Verhaftungsliste hatte der Leiter der Preußischen Staatspolizei, Rudolf Diels, sechs Stunden bevor der Reichstag brannte, abgeschickt.
Mehr als 5000 Personen wurden festgenommen. Zeitungen wie der sozialdemokratische "Vorwärts" und Wahlplakate der Arbeiterparteien wurden verboten, Veranstaltungen der politischen Gegner der NSDAP untersagt.

Die Notverordnung "zum Schutz von Volk und Staat"

Am nächsten Tag folgte die von Reichspräsident Hindenburg unterzeichnete "Verordnung zum Schutz von Volk und Staat", die während der ganzen NS-Zeit in Kraft blieb. Sie begründete rechtlich den dauerhaften zivilen Ausnahmezustand. Der Anschein von Legalität sollte hierdurch gegeben werden. Wichtige Grundrechte (u.a. Freiheit der Person, Unverletzbarkeit der Wohnung, Gewährleistung des Eigentums, Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit, Brief- und Fernsprechgeheimnis, Vereinigungsrecht) wurden aufgehoben. Die Verordnung schuf außerhalb der eigentlichen gesetzlichen Regelungen Grundlagen für Hausdurchsuchungen, Verhaftungen und Beschlagnahmungen. Die polizeiliche, richterlich nicht mehr überprüfbare "Schutzhaft" wurde eingeführt - und damit die Verbringung der NS-Gegner in Konzentrationslager.

Die NS- geführte Reichsregierung konnte zudem die Befugnisse - vor allem der noch nicht nationalsozialistisch beherrschten - Länderregierungen an sich ziehen. Unter diesem sog. Legitimitätszwang ging auch die Hamburger Polizei unter ihrem Senator Adolph Schönfelder (SPD) energisch gegen die KPD vor. Als der neue Reichsinnenminister Wilhelm Frick (NSDAP) am 3. März aber verlangte, dass in Hamburg auch das sozialdemokratische Hamburger Echo zu verbieten sei, traten alle SPD-Senatoren, darunter Schulsenator Emil Krause und der Polizeisenator, zwei Tage vor der für den 5. März angesetzten Reichstagswahl zurück. Die Notverordnung lieferte die Grundlage für die NS-Terrorherrschaft und half jede Opposition auszuschalten. Der demokratische Rechtsstaat wurde beseitigt.

Das "Ermächtigungsgesetz"

Trotz des staatlich organisierten Terrors gegen ihre Gegner erreichte die NSDAP bei
der Reichstagswahl am 5.März 1933 nicht die absolute Mehrheit der Stimmen. Nur zusammen mit der DNVP hätte die Hitlerregierung über eine absolute Mehrheit im Reichstag verfügt. Die NSDAP wollte jedoch die ganze Macht. Sie plante dem Reichstag ein "Ermächtigungsgesetz", vorzulegen. Dieses gab der Regierung das Recht, anstelle des Parlamentes ohne Zustimmung von Reichsrat sowie ohne Gegenzeichnung des Reichspräsidenten selbst verfassungsändernde Gesetze zu erlassen. Es verlieh ihr damit diktatorische Vollmachten. Hierfür benötigte die NSDAP - wollte sie einen legalistischen Anschein bewahren - eine Zweidrittelmehrheit im Reichstag.
Zur Konstituierung des neuen Reichstages organisierten die Nationalsozialisten unter dem eine Woche zuvor zum Propagandaminister ernannten Joseph Goebbels am 21.3.1933 den "Tag von Potsdam". In Potsdam, dem Traditionsort preußischer Geschichte, sollte eine symbolische Verbindung "vom alten und neuen Deutschland", von konservativem Traditionsbewusstsein und nationalsozialistischem Erneuerungswillen gezeigt werden. Das "Dritte Reich" präsentierte sich als legitimer Erbe des 1871 gegründeten und mit Ausrufung der Republik im November 1918 untergegangenen "Zweiten Reichs". Symbolisch stand hierfür die tiefe Verbeugung Adolf Hitlers vor dem greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, bekleidet mit der Uniform des kaiserlichen Generalfeldmarschalls.
Anwesend waren die Reichstagsabgeordneten der rechten und bürgerlichen Parteien. Die Sozialdemokraten verzichteten demonstrativ auf eine Teilnahme. Nicht teilnehmen konnten die Abgeordneten der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Sie waren, wie Innenminister Wilhelm Frick (NSDAP) höhnisch bemerkte, "durch nützliche Arbeiten in den Konzentrationslagern" am Erscheinen gehindert. Mit dem "Tag von Potsdam" sollte das Wohlwollen der bürgerlichen Parteien bei der Abstimmung über das "Ermächtigungsgesetz" erreicht werden. Zwei Tage später stimmten diese - nach Hitlers taktisch bedingter Zusicherung einer kontrollierten Anwendung des Gesetzes sowie der Zusage, die Rechte der Verfassungsorgane, der Länder und der Kirche bewahren zu wollen - dem "Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich" zu. Lediglich die 94 Abgeordneten der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) ließen sich nicht von den Drohgebärden der im Reichstag aufmarschierten Sturmabteilung (SA) einschüchtern und stimmten gegen die Selbstentmachtung des Parlaments. 26 Abgeordnete der SPD waren zu diesem Zeitpunkt inhaftiert oder geflohen. An der Abstimmung nicht teilnehmen konnte die Fraktion der Kommunistischen Partei Deutschlands (81 Abgeordnete). Die Mandate der KPD waren auf Basis der Reichstagsbrandverordnung bereits am 8. März 1933 annulliert worden. Die Abgeordneten waren verhaftet, ermordet, geflüchtet oder untergetaucht. Das zunächst auf vier Jahre verabschiedete "Ermächtigungsgesetz" wurde 1937, 1939 sowie 1943 per "Führererlass" verlängert und blieb bis zum Ende des NS-Regimes im Mai 1945 rechtliche Grundlage deutscher Gesetzgebung.

Gleichschaltung

Auch in Hamburg verfehlte die NSDAP bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 trotz Terror gegen die Arbeiterparteien mit 43,9 % die Mehrheit der Stimmen. Sie koalierte mit der Deutschnationalen Volkspartei (8 %).
34 Tage nach der Berliner Machtübertragung an Adolf Hitler übernahmen die Nationalsozialisten auch in Hamburg die Herrschaft. Am 8. März 1933 wurde der Hamburger Koalitionssenat unter nationalsozialistischer Führung gebildet.

Die neuen Herren machten sich an die "Säuberung der roten Pest". Neuer Polizeisenator wurde der SA- Mann Alfred Richter, der am 20. März 1933 300 "nationale Kämpfer" aus SA, SS und Stahlhelm als Hilfspolizisten einstellte. Ein Teil von ihnen bildete die erste Wachmannschaft des Anfang April gegründeten ersten Hamburger Konzentrationslagers Wittmoor, ein anderer Teil, bekannt unter der Bezeichnung "Kommando zur besonderen Verwendung", verhörte und misshandelte politische Gefangene im Stadthaus, dem Hauptquartier der Gestapo, das sich schnell zu einem Schreckensort entwickelte.

Noch vor dem ersten reichsweiten Boykott aller jüdischen Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte am 1. April 1933 gab es in Hamburg Maßnahmen gegen jüdische Mitbürger. So wurden am 12. März 1933 vorübergehend die "jüdischen Kaufhäuser" Karstadt, Tietz, Epa und Woolworth besetzt, am 22. März erhielten alle jüdischen Schauspieler des Schauspielhauses ihre Entlassung und am 28. März wurden alle Richter jüdischer Herkunft suspendiert , also noch vor Verkündung des nazistischen "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933.
Das "Ermächtigungsgesetz" vom 24. März 1933 wurde zum Schlüsselgesetz für die Gleichschaltung Deutschlands auf allen Ebenen. Der Aufbau von Staat und Gesellschaft sollte nach nationalsozialistischen Prinzipien ausgerichtet werden. Alle maßgeblichen Stellen sollten nach dem Willen der NSDAP besetzt werden. Personen und Gruppen, von denen auch nur ansatzweise vermutet wurde, sie könnten zum Widerspruch oder gar Widerstand neigen, sollten ausgeschaltet werden. Mit dem ersten Gesetz "zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich" vom 31.3.1933 wurden die Länderparlamente gemäß dem Ergebnis der Reichstagswahl vom 5.3.1933 umgebildet. In allen Landtagen gab es jetzt NS-geführte Regierungen. Eine Woche später wurden mit dem zweiten Gesetz zur "Gleichschaltung der Länder mit dem Reich" die Landesregierungen durch so genannte Reichskommissare ersetzt, die kurz darauf "Reichsstatthalter" genannt wurden. Nach dem Verbot bzw. der Selbstauflösung aller Parteien wurde die NSDAP mit dem "Gesetz gegen die Neubildung von Parteien" vom 14.7.1933 einzige Partei Deutschlands. Sie beherrschte fortan Staat und Gesellschaft in allen Bereichen durch das Führerprinzip. Dieses wurde mit dem "Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat" vom 1.12.1933 sichergestellt. Am 30.1.1934 kam es mit dem "Gesetz über den Neuaufbau des Reiches" zur Auflösung der Länderregierungen und Beseitigung der föderalistischen Struktur Deutschlands.
Am 2. Mai 1933 wurden die Gewerkschaften zerschlagen. Ihr Vermögen wurde eingezogen. Mit dem "Gesetz über die Treuhänder der Arbeit" vom 19. Mai 1933 wurde die Tarifautonomie abgeschafft. Das "Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit" vom 20.1.1934 schrieb das "Führerprinzip" mit dem so genannten Treueverhältnis von "Betriebsführung" und "Gefolgschaft" auch im Arbeitsleben fest. Arbeiter und Angestellte verloren ihr Mitspracherecht. Vereine, Berufs-, Jugend- und Freizeitverbände wurden gleichgeschaltet.
Das Prinzip der unabhängigen Rechtsprechung wurde u.a. mit dem "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7.4.1933 beseitigt. Sondergerichte wurden eingerichtet. In den Schulen wurden neue Lehrpläne und Unterrichtsinhalte eingeführt (u.a. das Fach "Rassenkunde"). Zeitungen und Zeitschriften waren neben dem Rundfunk die wichtigsten Medien. Sie wurden ausnahmslos kontrolliert. Um beruflich schreiben, filmen, musizieren, malen und schauspielern zu können, wurde man ab September 1933 per Gesetz verpflichtet, Mitglied der "Reichskulturkammer" zu sein. Aufnahmebedingung war dort u.a. der "Ariernachweis".
Die Reichswehr wurde noch am Todestag Paul von Hindenburgs am 2. August 1934 auf Hitler als Oberbefehlshaber der Wehrmacht vereidigt. Das Amt des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten waren jetzt in seiner Hand vereinigt. Als Hitler im September 1934 den Abschluss der "nationalsozialistischen Revolution" verkündete, hatte sich das politische, gesellschaftliche und kulturelle Leben in Deutschland in nur 20 Monaten grundlegend und allumfassend verändert.
Die Gesellschaft der Freunde "inkorporiert sich" dem NS Lehrerbund
Die Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens (Gesellschaft der Freunde) war in der Weimarer Republik die älteste und mitgliederstärkste Hamburger Lehrerorganisation, in der sich vor allem Volksschullehrerinnen und Volksschullehrer versammelten. Am 27. April 1933 fand eine außerordentliche Hauptversammlung der Organisation statt. Der bisherige Vorstand beantragte den korporativen Beitritt der Gesellschaft der Freunde in den Nationalsozialistischen Lehrerbund Hamburg (NSLB Hamburg).

Brausender nicht enden wollender Beifall …
"Gleichschaltung der ´Gesellschaft´
Der Vorsitzende (Küchler; d. Verf.) begründete den Antrag in folgenden Darlegungen: (…)
Der Sinn der Gleichschaltung ist dieser: Bei der Zielstrebigkeit, nicht ein Neben- und Durcheinander, sondern eine einheitliche geschlossene Willenshandlung herbeizuführen, ist es notwendig, die Vorstände so zu besetzen, dass Gewähr dafür geboten wird, dass die Einrichtungen im nationalsozialistischen Sinne gehandhabt werden. (…) Der Vorstand empfiehlt den Eintritt also (…) sieht in ihm bewusst auf lange Sicht ein großes zukunftsträchtiges Werk. Herr Klug beantragt Besprechung, die aber gegen drei Stimmen abgelehnt wurde. Ebenfalls gegen drei Stimmen wurde dann der Eintritt der ´Gesellschaft´ in den Nationalsozialistischen Lehrerbund beschlossen. (…) Brausender, nicht endend wollender Beifall …"
Bericht in der HLZ über die Gleichschaltung der "Gesellschaft" am 27. April 1933
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Gustav Küchler (SPD), 1927 - 1930 Redakteur der HLZ und bis zum 27.4.1933 Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde, fand sich mit einigen anderen Mitgliedern des alten Vorstands bereit, als Beisitzer im neuen, nationalsozialistisch geführten und dominierten Vorstand der Gesellschaft der Freunde mitzuarbeiten. Die Nazis Wilhelm (Willi) Schulz, Wilhelm Lühning und Ernst Maack standen jetzt an der Spitze. Im neuen Vorstand saßen zwölf Nationalsozialisten und Deutschnationale neun Mitgliedern des bisherigen Vorstandes gegenüber.
Damit stand die Gesellschaft der Freunde unter der Kontrolle der Nationalsozialisten. Mit dem sog. Führerprinzip wurde die innere Demokratie abgeschafft. Die Hamburger Lehrerzeitung trug seit dem Oktober 1933 auch äußerlich auf der Titelseite das Hakenkreuz. Der Ausschluss der politisch unliebsamen und der "nicht- arischen" Mitglieder begann. Wie das Hamburger Schulwesen wurde auch die Organisation im nationalsozialistischen Sinne radikal umgeformt. Mit der Auflösungsversammlung der Gesellschaft der Freunde am 14. März 1934 wurde diese "nationale Revolution" mit dem Ziel einer "einheitlichen Erzieherorganisation" abgeschlossen

Dem Beitritt waren Gleichschaltungs-Verhandlungen zwischen dem alten, von Küchler geführten Vorstand der Gesellschaft der Freunde und dem Gleichschaltungskommissar und damaligen "Gauobmann" des NSLB Hamburg, Heinrich von der Lieth, vorausgegangen. Die schriftliche Zusicherung von der Lieths, dass die Vermögenswerte der Gesellschaft der Freunde (insbesondere die Sozialkassen und das Curiohaus) "dem gegenwärtigen Mitgliedsbestande der Gesellschaft der Freunde als Eigentum verbleiben werden", genügte dem Küchler- Vorstand der Gesellschaft, um nicht gegen eine mögliche Zerschlagung der Gesellschaft der Freunde zu kämpfen, vielmehr arbeitete man fortan aktiv an der Gleichschaltung mit.

Von der Lieths Lippenbekenntnis erwies sich bald als gegenstandslos. Real übernahm der "neue" Hamburger NSLB sofort die Kontrolle über alle Vermögenswerte.
Nach einem ersten, fehlgeschlagenen Versuch Ende August 1933 beschloss am 14. März 1934 die "Auflösungsversammlung" der Gesellschaft der Freunde mit Zweidrittel- Mehrheit, die Gesellschaft direkt in den NSLB zu überführen. Zugleich wurden die Kassen der Gesellschaft der Freunde und die aller anderen Hamburger Lehrervereine zusammengelegt und allen NSLB- Mitgliedern geöffnet. Die Übernahme des Vermögens und der Kassen wurde durch eine Satzungsänderung juristisch abgesichert.

Dementsprechend firmierte die Gesellschaft der Freunde seither nur noch als "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesen r.V. (Abteilung Wirtschaft und Recht im NS Lehrerbund - Gau Hamburg)".
Der Nationalsozialist Kurt Holm, rechte Hand des Landesleiters des NSLB und NS-Landesschulrates Wilhelm Schulz, wurde Gauhauptstellenleiter und Abteilungsleiter für Wirtschaft und Recht. Er kontrollierte damit die Finanzen und Immobilien der alten Gesellschaft der Freunde.

Die Beibehaltung des alten Namens - laut Wilhelm Schulz "ein unbedeutender Schönheitsfehler" - machte Sinn, trotz und gerade wegen des juristisch abgesicherten Umbaus der Gesellschaft der Freunde zur Wirtschaftsabteilung im NSLB Hamburg. Gustav Küchler und alle anderen Mitglieder des ehemaligen Vorstandes mussten erkennen, dass es die Gesellschaft der Freunde dem Namen nach nur noch deshalb gab, weil die Hamburger Nazis das ehemalige Gewerkschaftsvermögen nicht der reichsweiten Nazi-Lehrerorganisation (Reichswaltung des NSLB in Bayreuth) zufallen lassen wollten. Die neuen nationalsozialistischen Machthaber in der Gesellschaft der Freunde und im Hamburger NSLB konnten bis 1937 selbst über das Vermögen der ehemals größten Hamburger Lehrerorganisation verfügen.

Die letztendliche Tilgung des Namens "Gesellschaft der Freunde" am 25. Juni 1937ergab sich folgerichtig daraus, dass das Vermögen des Hamburger NSLB im Zuge einer reichsweiten Zentralisierungs-Regelung an die NSLB- Zentrale in Bayreuth übertragen werden musste.

Der NSLB - Gau Hamburg

Der NSLB Hamburg war am 28. Mai 1931 gegründet worden und hatte bis Ende 1932 nur knapp 100 Mitglieder, die kaum Aktivitäten entfalteten. Im September 1932 trat Wilhelm Schulz dem NSLB bei, blieb aber zugleich Mitglied der Gesellschaft der Freunde. In Konkurrenz zu einer im Februar 1933 gebildeten neuen Führungstriade in dem zerstrittenen Hamburger NSLB (dem sog. "alten" NSLB Hamburg) wurde im März 1933 Wilhelm Schulz vom Hamburger Gauleiter der NSDAP, Karl Kaufmann, zum "Landesleiter" des Hamburger NSLB (später auch zum "Gauobmann") ernannt. Schulz wurde damit in das Machtzentrum der Hamburger NSDAP berufen. Die bisherige "alte" Führung des Hamburger NSLB einschließlich der "Triade" wurde in Kooperation zwischen Kaufmann und der NSLB-Reichsleitung Schritt für Schritt entmachtet und ausgewechselt. Fünf Monate später, nachdem zumindest in der Hamburger Öffentlichkeit lange unklar blieb, wer die Führung im Hamburger NSLB besaß, bildeten der Landesleiter des NSLB Wilhelm Schulz und seine engsten Mitarbeiter Albert Mansfeld (seit dem 15.7.1933 stellvertretender Landesleiter) und Kurt Holm (Geschäftsführer) die Führung des "neuen" NSLB Hamburg

Sitzung des NS Lehrerbundes (Gau Hamburg) im Curiohaus, vermutlich aus Anlass des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums". Das Gesetz trat am 7. April 1933 in Kraft und richtete sich auch gegen sozialdemokratische, kommunistische, pazifistische und jüdische Lehrkräfte. Es enthielt den "Arier"paragraphen.
Der Redner ist vermutlich Wilhelm Schulz.
Schulz sah seit Februar 1933 in Absprache mit Kaufmann seine Hauptaufgabe darin, die bisherigen Hamburger Lehrerverbände unter nationalsozialistische Kontrolle zu bringen und ihr Aufgehen in den NSLB voranzutreiben. Im Vordergrund stand der Plan, die mit Abstand größte Hamburger Lehrerorganisation, die Gesellschaft der Freunde, zu übernehmen, auszuhöhlen und als Nazi-Organisation weiterzuführen, nicht aber, sie offen zu zerschlagen. Schulz schien damit den Hoffnungen des bisherigen Küchler-Vorstandes der Gesellschaft der Freunde entgegenzukommen, der die Vermögenswerte der alten Gesellschaft der Freunde schützen und durch Anpassung, Selbstzensur und durch geräuschlose Mitarbeit das angeblich Bestmögliche für die Hamburger Lehrerschaft erreichen wollte. Er irrte sich gründlich. Schulz zerstörte nur wenige Tage nach der außerordentlichen Hauptversammlung alle Hoffnungen des Küchler-Vorstandes, als er sagte: "Es gibt keine Synthese zwischen nicht nationalsozialistischen und nationalsozialistischen Gedanken."
Die gleichgeschaltete Gesellschaft der Freunde entwickelte sich unter seiner Führung bis Mitte Juli 1933 zügig zu einer nationalsozialistischen Lehrerorganisation. Sie wurde zugleich seine Machtbasis. Dann erst wurde die bisherige "alte" Führung des NSLB gänzlich ausgeschaltet oder (teilweise) mit Posten abgefunden.

So gut wie alle Mitglieder der Gesellschaft der Freunde stellten nach dem 27. April 1933 einen Aufnahmeantrag an den NSLB oder wurden bis Sommer 1933 als Einzelmitglieder übernommen. Auch der ehemalige Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde (1922 - 1925) und spätere erste Vorsitzende der GEW-Hamburg und der Bundes-GEW, Max Traeger, trat am 1. Mai 1933 in die Nazi-Organisation ein.
Zählte der Hamburger NSLB Ende 1932 noch knapp 100 Mitglieder, so war seine Mitgliederzahl Anfang Mai 1933 durch den Eintritt der Mitglieder der Gesellschaft der Freunde auf 4.500 explodiert. Ende Juli 1933 betrug die Mitgliederzahl bereits 6.300, Mitte August 1933 7.000. Damit war laut HLZ Nr. 29/ 1933 "die Mitgliedschaft der alten Verbände wohl nahezu hundertprozentig erfasst". In der HLZ vom 20.10.1933 wird berichtet, dies sei auch fast die gesamte Lehrerschaft Hamburgs. Zu Beginn des Jahres 1934 wurden sogar über 8.000 Mitglieder im NSLB gezählt.

Kurt Holm 1933, stolz auf der einen Seite ……
"Es gilt die vorhandenen Einrichtungen lebensfähig zu erhalten, … und sie dem NSLB anzugliedern. Das ist zu erreichen, wenn die ´Gesellschaft´ zu einer Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB, Gau Hamburg, umgestaltet wird. … Dass im übrigen allerdings Geschäftsführung und Verwaltung ganz neuen Bestimmungen unterliegen, soll hier ausdrücklich hervorgehoben werden. Doch ist die Angleichung der Satzung an das Führerprinzip eigentlich eine Selbstverständlichkeit. (…) Es ist unmöglich, für die Überführung der ´Gesellschaft´ in den NSLB eine Form vorzuschlagen, die den Grundbesitz und die Barwerte einem Vorbehalt unterwerfen will."
Pg. Kurt Holm im Herbst 1933.

Der Unterschied zu den ADGB- Gewerkschaften

Die Gesellschaft der Freunde war nicht Mitglied des ADGB gewesen, sondern hatte der reichsweiten Lehrerorganisation Deutscher Lehrerverein (DLV) angehört. Der DLV hatte bereits am 18. März 1933 der nationalsozialistischen Reichsregierung seine Loyalität bekundet. Am 2. Mai 1933 übernahm der NSLB - analog zu den Vorgängen in Hamburg - die Führung des DLV.
Im Unterschied zu dem korporativen Beitritt der Gesellschaft der Freunde und des DLV in eine NS-Organisation wurden die im ADGB zusammengeschlossenen Einzelgewerkschaften am 2. Mai 1933 gewaltsam von den Nationalsozialisten aufgelöst. Einen Tag nachdem sie am 1. Mai 1933 noch an dem von den Nationalsozialisten ausgerufenen Tag der Nationalen Arbeit teilgenommen hatten, wurden ihre Häuser besetzt, das Gewerkschaftsvermögen beschlagnahmt und geplündert, wichtige Funktionäre misshandelt und inhaftiert.
Ein deutlicher Unterschied: Hier der Beschluss einer Lehrergewerkschaft, sich den offenbar siegreichen Nazis anzuschließen, dort staatsterroristische Gewaltakte der Nazis, um den Willen und die Organisationsfähigkeit der zumeist sozialdemokratisch geführten ADGB-Gewerkschaften zu brechen.

Einen ganz anderen Weg als die männlich dominierten größeren Lehrerorganisationen beschritt die Organisation der Lehrerinnen, der "Allgemeine Deutsche Lehrerinnenverein" (ADLV). Emmy Beckmann, die Vorsitzende des ADLV, protestierte öffentlich dagegen, dass die Nationalsozialisten alle Frauen aus Führungspositionen in Behörden und an Schulen drängten. Der ADLV wandte sich am 7. Mai 1933 auf seiner 22. ordentlichen Mitgliederversammlung in Erfurt dezidiert mit einem "Nein!" gegen den "Arier"paragraphen! Die Mitgliedsorganisationen des ADLV, der Deutsche Philologinnenverband und der Reichsverband der Lehrerinnen an beruflichen Schulen, erklärten vor einem geplanten Verbot oder einer Gleichschaltung ihre Selbstauflösung.

Die Interessen geleitete Sicht nach 1945 auf die Gleichschaltung

Nach 1945 wird in der innergewerkschaftlichen Diskussion behauptet, das eigentlich einschneidende Datum in der Geschichte der Gesellschaft der Freunde sei nicht das Jahr 1933, sondern das Jahr 1937 gewesen, weil die Gesellschaft bis dato noch mehr oder weniger in der alten Form, sprich: unter ihrem alten Namen oder angeblich sogar eigenständig, bestanden habe. Mit dieser Argumentation begaben sich manche auf die Argumentationsebene der Funktionäre des Hamburger NSLB, die auch nach 1945 den Blickwinkel auf die Geschichte "ihrer" Organisation entscheidend mitbestimmten.

… und Kurt Holm 1949, jetzt auf der anderen Seite es allen recht machend.
"Die Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens R.V. fügte im Jahr 1934 durch eine Satzungsänderung ihrem Namen den Zusatz "(Abteilung Wirtschaft und Recht im NS Lehrerbund Gau Hamburg)" hinzu. Sie war aber bis zu ihrer Liquidation am 25.6.1937 ein völlig selbstständiger, rechtsfähiger Verein und hatte sämtliche Geschäftsanteile der Lehrervereinshaus G.m.b.H. allein im Besitz..."
Kurt Holm, NSLB Hamburg, 1933 bis 1945 geschäftsführender Leiter der gleichgeschalteten Gesellschaft der Freunde, in einem Brief vom 10. Oktober 1949.

Hierzu passt die Behauptung, zumindest die Lehrervereinshaus G.m.b.H., die seit 1911 das Vermögens der Gesellschaft verwaltete und seit 1933 vom NS-Parteigenossen Wilhelm Bernhardt als Geschäftsführer geleitet wurde, sei bis 1937 unabhängig gewesen. Immerhin hätte doch das von ihr verwaltete Vermögen als
ehemaliges Gewerkschaftsvermögen auch unter den Nazis für die Gefolgschaft satzungsgemäß verwendet werden können.
Die jeweilige Kontrolle der Finanzen scheint als Indiz für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit vielen Diskutanten wichtiger zu sein als politische und moralische Handlungsmaximen.
Im Vorfeld der Nürnberger Gesetze

In der heutigen Debatte um den Verkauf von Ro 19 im Frühjahr 1935 wird innerhalb der GEW die Position vertreten, dass man sich in diesem Zusammenhang nicht mit den Nürnberger Gesetzen auseinandersetzen müsse. Diese seien ja erst Monate später nach dem Verkauf bekannt und verkündet worden. Der Verkaufsentschluss der Familie Hallgarten hätte mit dem Gesetz und seinen Inhalten nichts zu tun. Auch vorher erlebte antijüdische Exzesse könnten nicht ohne weiteres als Begründung für den Verkaufsentschluss herangezogen werden.

Dieser Ansatz verkennt, dass seit Beginn der Machtübernahme im Januar 1933 sich
Ausgrenzungs- und Verfolgungsmaßnahmen gegen Juden ständig weiter verstärkten. Dabei gibt es bestimmte Kulminationspunkte (so das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" mit seinem "Arier"paragraph, die Nürnberger Gesetze oder die Reichspogromnacht), die im Sinne eines Stufenprozesses einzuordnen sind. Antijüdische Aktionen - häufig von der NSDAP und ihren Gliederungen durchgeführt - schufen dabei einen Zustand in der Gesellschaft, der oft einer gesetzlichen Regelung vorausging. Diese neuen Gesetze entsprachen nicht den Regelungen eines Rechtsstaates, auch wenn sie formal korrekt abgefasst waren.

Die Nürnberger Gesetze haben eine jahrelange Vorgeschichte. Diese darf bei der Einschätzung des Verkaufes von Ro 19 im Frühjahr 1935 nicht unbeachtet bleiben.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wurden die Juden in Deutschland zunehmend sozial ausgeschlossen, entrechtet und verdrängt. Ihre Isolation und schließlich ihre Deportation und Ermordung war nicht nur ein politischer, sondern auch ein sozialer Prozess. Die Gesellschaft beteiligte sich in allen Phasen der Verfolgung in vielfältiger Weise. Juden lebten in einer Atmosphäre der ständigen Bedrohung und in der Erwartung eines immer näher rückenden Verhängnisses. Unaufhörlich kam es zu öffentlichen und persönlichen Beschimpfungen, Verdächtigungen und Verleumdungen. Mitmenschliche Bezüge und Kontakte wurden verunsichert und brachen ganz weg. Juden fühlten sich immer mehr schutz-, wehr- und rechtlos.
Mit zunehmender Stabilisierung und Popularität des NS-Regimes wurden Bekundungen von Solidarität immer seltener, die antijüdischen Einstellungen nahmen hingegen weiter zu. An der "legalen" Ausgrenzung gab es kaum Kritik.
Der bereits in der deutschen Gesellschaft vor 1933 ausgeprägte Antisemitismus verstärkte sich unter dem Einfluss der NS-Propaganda. Die Bevölkerung passte sich mehr und mehr den Normen und Verhaltenserwartungen des NS-Regimes an.
Der reichsweit angeordnete Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933, das kurz darauf erlassene "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933 mit der erstmaligen Einführung eines "Arier"paragraphen, eine Fülle von Aktionen und gewalttätigen Übergriffen von NSDAP-Parteiformationen, all dies markierte Juden in Deutschland frühzeitig für alle sichtbar zu Verfolgungsobjekten. Es ging nicht nur um Einschränkungen der staatsbürgerlichen Rechte.
Die neuen Gesetze stempelten Juden zu Personen minderen Rechts. Sie wurden aus der "Volksgemeinschaft" ausgegrenzt. Weitergehende und radikalere Entrechtungsmaßnahmen wie Zwangsausweisung und Internierung wurden eingefordert.
Der Antisemitismus wurde zur Staatsideologie. Die 1935 erlassenen Nürnberger Gesetze erfüllten letztlich die rassistische Forderung des Parteiprogramms der NSDAP von 1920.

Aus dem Parteiprogramm der NSDAP vom 25.2.1920:
"Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist, Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher
Volksgenosse sein."

Bereits am 13.3.1930 hatte die nationalsozialistische Fraktion im Reichstag den Entwurf eines "Gesetzes zum Schutz der deutschen Nation" eingebracht, wonach "wegen Rassenverrats mit Zuchthaus" bestraft werden sollte, "wer durch Vermischung mit Angehörigen der jüdischen Blutsgemeinschaft oder farbiger Rassen zur rassischen Verschlechterung und Zersetzung des deutschen Volkes beiträgt oder beizutragen droht". Diese Idee wurde immer wieder aufgenommen, so - noch vor der Machtübernahme im Januar 1933 - bei dem Entwurf eines "Rassenscheidungsgesetzes", dem Entwurf zu einem "Gesetz zur Regelung der Stellung der Juden" vom 6.4.1933 und dem Entwurf eines "Reichsangehörigengesetzes" im August 1933. Der preußische Justizminister Kerrl und sein Staatssekretär, der spätere Präsident des nazistischen Volksgerichtshofes, Roland Freisler, veröffentlichten im September 1933 in der Denkschrift "Nationalsozialistisches Strafrecht" Vorschläge zum "Schutz von Rasse und Volkstum", die später im Nürnberger "Blutschutzgesetz" verwirklicht wurden, so die Bestrafung der Eheschließung und des außerehelichen Geschlechtsverkehrs zwischen "Deutschblütigen" und "Angehörigen fremder Blutsgemeinschaften", zu denen vorrangig Juden und "farbige Rassen" gezählt wurden. Als diese zunächst nicht verwirklichten diskriminierenden Vorschläge im Juni 1934 in der amtlichen Strafrechtskommission zur Erörterung kamen, lösten sie vor allem in asiatischen und südamerikanischen Staaten einen Sturm der Entrüstung aus, der sogar zu einem Boykott deutscher Waren führte.
Andere Vorschläge sahen eine Erweiterung des "Erbgesundheitsgesetzes" vom 14. Juli 1933 vor. Jede körperliche Vereinigung zwischen deutschen Frauen und "Judenstämmlingen" sollte geahndet werden. Als Strafen waren Verbringung in ein Arbeitslager, Unfruchtbarmachung, Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft, Beschlagnahme des gesamten Vermögens sowie Zuchthaushaft vorgesehen.
Das Reichsjustizministerium bereitete einen Gesetzesentwurf vor, um "Mischehen" zu verbieten.
In den Nürnberger Gesetzen wurden diese seit 1933 auch staatlich entwickelten Ideen aufgegriffen. Erneut und dieses Mal umfassend wurde - wie schon beim Berufsbeamtengesetz von 1933 - die Rechtsgleichheit vor dem Gesetz, Grundsatz jedes Rechtsstaates, zerstört. Nicht die Weimarer Verfassung sondern das "Blutschutzgesetz" - so das nazistische Reichsgericht - war jetzt "Grundgesetz" des neuen Staates.
War es "Arisierung"?

"Wüsste man nicht,
dass die Juden seit 1933 aus dem öffentlichen Leben verdrängt wurden,
dass die Entjudung der Wirtschaft bedeutete, die Juden auszurauben und ins Ausland zu vertreiben, bis mit Kriegsbeginn der Mord an die Stelle der Auswanderung trat, wüsste man dies und vieles andere nicht,
könnte man glauben, es handele sich um legale Geschäfte zum Nutzen des Käufers und des Verkäufers."

Christian von Ditfurth in seinem Kriminalroman "Mann ohne Makel. Stachelmanns erster Fall"

Im Frühjahr 1935 erwarb der NSLB Gau Hamburg das Haus Rothenbaumchaussee 19 (Ro 19) von einer jüdischen Erbengemeinschaft zu einem deutlich zu niedrigen Preis.

Die geschichtliche Aufarbeitung des Falls Ro 19 liest sich wie ein Krimi, den unterschiedliche Autoren gemeinsam schreiben. Der Kern dieses Thrillers ist weniger die Geschichte des Erwerbs der Immobilie als vielmehr der Umgang mit ihr - bis zum heutigen Tag.

Ankläger und Verteidiger

Die einen, nennen wir sie die "Ankläger", beschreiben ein Verbrechen, das vor langer Zeit begangen wurde und bis heute geleugnet wird. Sie wollen es aufklären, die Ursachen ergründen, die Schuld benennen und für Sühne sorgen. Sie schreiben über die Hintergründe der Tat, den Tathergang, die Psychologie der Täter und die Auswirkungen auf die Opfer analog der allgemein bekannten Verfolgungsgeschichte der Juden. Sie zeigen die Verdrängung der Tat nach 1945 auf und ordnen diesen Prozess in die gesellschaftspolitische Entwicklung ein.

Die anderen, die "Verteidiger", bestreiten überhaupt eine Tat, sehen weder Opfer noch Täter. Sie bestreiten nicht die Tatsache der Judenverfolgung als solche. In diesem speziellen Einzelfall aber habe es keine "Arisierung" gegeben. Der Verkaufsvorgang von Ro 19 sei - gemessen an den anderen Besitztransfers von jüdischer in "arische" Hand - zu sehen wie der berühmte "weiße Rabe" inmitten seiner schwarzen Brüder. Indizien und Zeugenaussagen werden in Zweifel gezogen. Immer wieder werden abwehrend neue Beweisanträge gestellt und neue Denkansätze vorgestellt. Gefundene Spuren werden nicht weiterverfolgt, dafür andere genannt oder angedeutet. Und falls es Täter gab, waren diese nicht selbst Opfer? Die "Verteidiger" sehen es als notwendig an, ihre "Helden" dieses Krimis, die Funktionäre der Gesellschaft der Freunde bzw. der GEW Hamburg, und deren Ehre auf Gedeih und Verderb zu schützen - unabhängig von historischer Schuld. Sie fühlen sich persönlich durch "Arisierungs"vorwürfe gegen die frühere Organisation beschmutzt und reagieren empört auf den - selbst erfundenen - Vorwurf, sie hätten sich bereichert und würden von der Inbesitznahme profitieren.

Unklar bleibt, warum die "Verteidiger" sich mit den angegriffenen Funktionären der damaligen Zeit identifizieren. Selbst empfinden sie sich als durchaus honorig, unabhängig und unbeugsam. Es gibt ihnen nicht zu denken, dass Fachleute sie in die Nähe derjenigen stellen, die nach 1945 um des eigenen Vorteils willen Verbrechen bestritten und bemäntelten. Es kommt nur zu einem erneuten Aufschrei voller Selbstmitleid.

Der Krimi Ro 19 ist noch nicht zu Ende. Viele "Verteidiger" möchten vor der letzten Seite aufhören zu lesen. Ein Happy End ist nicht zwingend zu erwarten.

Die eigentliche Handlung aus dem Jahre 1935 ist schnell erfasst. Es geht um eine wahre Begebenheit, wie sie zehntausendfach vorgekommen ist. Sie könnte also kurz, knapp, sachlich und verständlich dargestellt werden. Denn bis heute findet sich kein Hinweis darauf, bei dem Erwerb von Ro 19 sei es anders zugegangen als bei vergleichbaren "Arisierungen" dieser Zeit.

"Arisierung" - eine Begriffsbestimmung

Die "Arisierung" der NS-Zeit kennzeichnet einen der größten Besitzwechsel der neueren deutschen Geschichte. Für die jüdischen Opfer war "Arisierung" ein Teil umfassender Diskriminierungs-, Entrechtungs-, Entmenschlichungs- und Gewalterfahrungen in einer wesentlich umfassenderen und längeren Verfolgungsgeschichte. Sie büßten nicht nur ihr Eigentum ein, sondern wurden auch sozial isoliert, erlitten Drangsalierungen, körperliche Gewalt und KZ-Haft, sie und ihre Angehörige wurden in den Vernichtungslagern ermordet. Aber bereits der Verlust eines zuvor nie in Frage gestellten Eigentums, das Absprechen des Rechts auf Besitz und gesellschaftliche Teilhabe erschütterten Selbstwertgefühl und Selbstdefinition.

Der Begriff "Arisierung" entstammt ursprünglich dem Umfeld des völkischen Antisemitismus. Mit der dort aufgestellten Forderung einer "arischen" Wirtschaftsordnung wurde die vollständige Verdrängung der Juden aus dem Wirtschafts- und Berufsleben und damit zugleich aus dem gesellschaftlichen Leben verstanden. Der synonym verwendete Begriff der "Entjudung" verdeutlicht dieses.

Formen und Bedingungen der "Arisierung" zwischen 1933 und 1945 bewegten sich zwischen entschädigungsloser Enteignung, Nötigung, Zwangsverkauf, freiwilligem Verkauf unter Wert und - sehr selten - fairem Handel zwischen einem resignierten jüdischen Besitzer und einem ehrlichen Erwerber.

Aus dem 1934 in Paris erschienenem
"Schwarzbuch. Die Lage der Juden in Deutschland 1933":
"Wie viele Fabriken, Grosshandelsfirmen, Kaufmannsgeschäfte im stillen abgewürgt worden sind, ohne dass je eine Zeitung eine Zeile darüber gemeldet hat, ohne dass auch die geängstigten Besitzer je ein lautes Wort darüber gesprochen haben, davon wird selbst eine spätere Geschichtsschreibung schwerlich jemals ein vollständigeres Bild geben können."

Die "Arisierung" und Liquidierung jüdischer Unternehmen vollzog sich nach 1933 nicht schlagartig, sondern als lange andauernder, zunächst schleichender Prozess. "Arisierung" kann nicht unabhängig von Entrechtung, Boykotten, Berufsverboten, Gewalt und Terror betrachtet werden. Unter dem Druck der gesellschaftlichen Verhältnisse - so von der NSDAP inszenierter Boykotte - wurden schon früh jüdische Einzelhändler und Besitzer kleinerer bis mittelgroßer Betriebe in den Ruin getrieben oder zu "freiwilligen" Verkäufen genötigt. Jüdische Kaufleute erhielten keine Kredite
mehr. Ihre Kunden blieben weg. Sie wurden nicht beliefert oder durften bei der öffentlichen Hand keine Angebote machen. Das Ehepaar Meyerhof, Mitglied der jüdischen Erbengemeinschaft Ro 19, mag hier Beispiel sein.

Als Folge der ersten Auswanderungswelle kam es auch schon in den ersten Jahren der NS-Herrschaft zu verstärkten Haus- und Grundstücksverkäufen jüdischer Eigentümer trotz mäßiger Konjunkturlage. Für den potentiellen Käufer wurden die zum Verkauf stehenden jüdischen Immobilien zu Schnäppchen. Das "freihändige" Aushandeln eines Kaufvertrages muss im Rahmen der antijüdischen Politik, des Auswanderungsdrucks und der zunehmenden finanziellen Not der jüdischen Bevölkerung gesehen werden. Nach außen hin wurde gerade bei der frühen "Arisierung" - so auch bei Ro 19 - der Anschein eines geregelten Kaufs gewahrt.

Nach 1945 wird "Arisierung" zur Beschreibung der Ausgrenzung der Juden aus dem deutschen gesellschaftlichen Leben und insbesondere aus der deutschen Wirtschaft während der Zeit des NS-Regimes von 1933 bis 1945 gebraucht, wobei immer von einer prinzipiellen Entziehungsvermutung bei allen Rechtsgeschäften zwischen jüdischen Verkäufern und arischen Erwerbern in der gesamten Zeit 1933-45 ausgegangen wird

"Arisierung" als politisch-gesellschaftlicher Prozess wäre ohne die Beteiligung Millionen Deutscher als Akteure und Profiteure nicht möglich gewesen. Dieser Kreis von Nutznießern hatte kein Interesse, von jüdischen Eigentümern nach einer möglichen Niederlage des NS-Regimes regresspflichtig gemacht zu werden.
Die Geschichte des Vermögensentzugs endete insofern keineswegs mit dem Untergang der NS-Diktatur. Die Konfrontation mit Schuld und Verantwortung fand in der deutschen Nachkriegsgesellschaft schnell ihre Grenzen. Die Strategien der Verdrängung wirkten. Es sei doch alles mit rechten Dingen zugegangen. Es habe doch ein gegenseitiges Einvernehmen gegeben. Denn alles habe doch kaufmännisch korrekt ohne Zwang mit einwandfreien Verträgen stattgefunden. Man habe doch sogar durch den Kauf des jüdischen Besitzes Hilfestellung für die Auswanderung der Juden geleistet. Es gab kein Bewusstsein vom Unrecht des eigenen Tuns.

Ohne den Druck der Alliierten wären die Rückerstattungsgesetze nicht entstanden bzw. umgesetzt worden.

Der Kauf des Hauses Ro 19 durch den NSLB Hamburg

Das im großbürgerlichen Stil errichtete Stadthaus Ro 19 liegt direkt neben dem später erbauten (1911) Curiohaus im Grindelviertel, in dem sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele vermögende jüdische Familien ansiedelten. Der Kaufmann Moses Max Bauer, der es ab 1890 bewohnte, gehörte zu einer angesehenen jüdischen Familie in Hamburg und vermachte zusammen mit seiner zweiten Frau Mathilda Bauer einen beträchtlichen Teil des Familienvermögens an die "Vaterstädtische Stiftung von 1876", die Wohnungen für ältere bedürftige Angehörige des Deutschen Reichs "ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses gegen eine geringe Vergütung" vergab. Seit 1927 erinnert das "Max und Mathilda Bauer- Stift" in der Kielortallee an dieses Vermächtnis. Beim Tod von Moses Max Bauer erbten 1925 seine Nachkommen aus zwei Ehen bzw. deren Ehepartner das Haus Ro 19.

Pg. Bernhardt zum Ankauf von Ro 19 am 1. März 1935:
" … da die Gegenseite einen schnellen Abschluss wünscht …"

Diese jüdische Erbengemeinschaft bestand 1925 aus fünf Personen. Die Vorbesitzerin Mercedes Meyerhof, geb. Hallgarten, floh Anfang 1936 zusammen mit ihrem Ehemann Robert Henry Nordheim Meyerhof zuerst in die Schweiz und später in die USA. Ihre Mutter Hedwig Hallgarten, eine weitere Vorbesitzerin, floh 1937 ebenfalls in die Schweiz. Der Vorbesitzer und Enkel Klaus Jürgen Bauer blieb in Deutschland, versuchte in der Schweiz mit einer Kur seine Lungenkrankheit auszuheilen. Er starb 1937 in Deutschland. Der Vorbesitzer Albert Hallgarten war bereits vor dem Verkauf verstorben. Der Vorbesitzer Julius Hallgarten lebte zum Zeitpunkt des Verkaufs als US-Bürger in der Schweiz.

Zu Beginn des Jahres 1935 ließ die Erbengemeinschaft das Haus Ro 19 für 50.000 RM zum Verkauf anbieten. Die Lehrervereinshaus G.m.b.H., die Vermögenstreuhandgesellschaft, die das Curiohaus für den NSLB Hamburg verwaltete und an deren Spitze seit 1933 der Geschäftsführer und NS-Parteigenosse Wilhelm Bernhardt stand, kaufte Ende April 1935 das Haus für 40.000 RM.

Wenn noch im Jahre 2007 in der GEW- Hamburg bestritten wurde, dass letztlich der NSLB 1935 der Käufer von Ro 19 gewesen ist, so beruft man sich bei dieser Argumentation, ohne die bekannte Quelle zu nennen, auf den Nazifunktionär Kurt Holm. Dieser behauptete 1949 - beauftragt(!) von der Gesellschaft der Freunde und dem DGB - , die Gesellschaft der Freunde sei auch im Ankaufsjahr von Ro 19, also 1935, ein "völlig selbstständiger und rechtsfähiger Verein" gewesen (vgl. Holm- Zitate S. 13 und 14). Die Gesellschaft der Freunde bzw. die neu gegründete GEW Hamburg erhob zu diesem Zeitpunkt Anspruch auf Ro 19 als angeblich gewerkschaftseigenen Besitz. Dies setzte im legalistischen Sinne in der Argumentation voraus, dass es noch zwei Jahre nach der Machtübernahme die Gesellschaft der Freunde als eigenständige Lehrerorganisation gegeben hätte.

Dass diese Auffassung immer noch in der Hamburger GEW des Jahres 2007 vertreten werden konnte, verwunderte nicht nur die Experten.
Die heutige GEW täte gut daran, sich nicht auf den ehemaligen Nazifunktionär Kurt Holm und seine durchsichtigen Fälschungen zu berufen, sondern zumindest seinem ersten Vorsitzenden Max Traeger zu vertrauen. Dieser schrieb am 7. Juli 1945 in einer Selbstauskunft (Fragebogen der Military Government of Germany), er sei Anfang 1933 "Mitglied der Verwaltung des Curiohauses", also des leitenden Gremiums der Lehrervereinshaus G.m.b.H., gewesen. Aus diesem Amt "wurde ich 1933 durch die Nazis entfernt." Max Traeger und die anderen demokratisch gewählten Gremiumsmitglieder haben also das Haus Ro 19 nicht angekauft.
Es war eine Nazi- Organisation.

Um den Erwerb des Hauses möglichst weit von den Nazis und dem Tatbestand der "Arisierung" fernzuhalten, wird hilfsweise behauptet, die Käufer in Gestalt der "neuen" NSLB-Führung hätten Juden nicht bedrängt. Schließlich hätte der NSLB nach 1933 noch jüdische Kulturveranstaltungen und jüdische Mieter im Curiohaus geduldet. Dabei bezieht man sich pikanterweise auf Nazi- Argumente. Der bis 1935 immer noch nicht ganz abgeschlossene Machtkampf innerhalb des NSLB wurde u.a. mit "Vorwürfen" der alten an die siegreiche neue NSLB-Leitung (Wilhelm Schulz) geführt, diese sei "judenfreundlich" und vertrete die Tradition der ehemals "roten" Gesellschaft der Freunde.

Der Vorgang der "Entjudung" des Curio-Hauses, d.h. der Hinauswurf aller jüdischen Mieter aus dem Curiohaus 1935/ 36 -,drei Jahre, bevor dies im April 1939 allgemeine und gesetzliche Verfolger- Praxis in ganz Deutschland wurde - spricht eine andere Sprache. Die antisemitische Grundüberzeugung des späteren NS-Landesschulrats und NSLB-Landesleiters Wilhelm Schulz ist hinreichend belegt.

Man kann sich nur wundern, wie ein Streit in den Reihen der Nazis, wer judenfeindlicher sei, im Jahre 2007 dafür benutzt wird, das Haus Ro 19 in eine gewerkschaftliche Erwerberlinie bringen zu wollen.

Wenig Empathie und Sensibilität gegenüber dem Schicksal der ehemaligen jüdischen Eigentümer von Ro 19, dafür aber eine irritierend unkritische Nähe zu nazistischen Quellen, so stellen sich die "Verteidiger" im Krimi Ro 19 bis heute dar.

Ro 19 - ein arisiertes Schnäppchen mit Zukunft

Der Gauhauptstellenleiter Kurt Holm stellte 1938 zum Ankauf des Hauses Ro 19 fest: "War es ein Wagnis? Ja! Aber eine Gelegenheit wie diese durfte nicht verpasst werden (1911 225.000M, jetzt angeboten für 40.000). Als Platz für den nicht gebauten Flügel des C.H. (Curiohaus; d. Verf.). Also Zukunftsmusik. Aber in seinem gegenwärtigen Zustand nach Ansicht der Verwaltung geeignet, durch Erschließung neuer Einnahmequellen die finanzielle Lage des Gesamtunternehmens zu erleichtern."

Das Haus Ro 19 war - wirtschaftlich betrachtet - ein Haus mit guter Zukunft. Die jüdischen Vorbesitzer hatten noch im Oktober 1934 prüfen lassen, ob sich für Ro 19 eine Renovierung und ein Umbau in Kleinwohnungen lohnen würden. Dass sie das Haus schließlich zu Beginn 1935 ohne lange Verhandlungen für 40.000 RM verkauften und es nicht - trotz ausreichender eigener finanzieller Mittel - renovieren und umbauen ließen, weist darauf hin, dass die jüdischen Besitzer sich zu dieser Zeit bereits für einen wirtschaftlich keineswegs sinnvollen schnellen Verkauf entschieden hatten. Die Familie Meyerhof-Hallgarten bereitete aller Wahrscheinlichkeit nach ihre Flucht vor. Die Gegenseite wünsche einen schnellen Abschluss, meldete entsprechend der Geschäftsführer der Lehrervereinshaus G.m.b.H, der Nazifunktionär Wilhelm Bernhardt, am 1. März 1935.
Der NSLB nahm kurz nach dem Ankauf die Pläne der jüdischen Vorbesitzer auf und investierte 26.000 RM für Renovierungen. Ab 1936 konnten die Räume dann gut vermietet werden. Der Kauf war insofern ein "Schnäppchen", als den Kosten von insgesamt 66.000 RM (Ankauf plus Renovierung) ein gemeiner Wert von mindestens 100.000 RM bzw. ein Rentabilitätswert von knapp 160.000 RM gegenüberstanden. Im Jubiläumsband (1961) der GEW "Das Curio-Haus 1911 - 1961" heißt es lakonisch: "Der Preis war außerordentlich niedrig."
Die GEW- Hamburg hat bis heute aus dem Haus Ro 19 stets guten Gewinn gezogen, auf den sie weiterhin nicht verzichten will.

War es im Falle Ro 19 "Arisierung"? Eindeutig ja - so der Hamburger Wissenschaftler Frank Bajohr, international gesuchter Experte auf diesem Gebiet.
Der viel zu niedrige Verkaufserlös für Ro 19 ergab sich aus der allgemeinen Zwangssituation der jüdischen Eigentümer - es war eine Vermögenstransaktion zwischen einer Nazi-Organisation und jüdischen Menschen in Zeiten zunehmender antisemitischer Unterdrückung im Vorfeld der Nürnberger Gesetze. Den jüdischen Verkäufern stand nicht der volle Kaufpreis von 40.000 RM zur Verfügung. 16.000 RM wurden auf Sperrkonten eingezahlt. Die flüchtenden Vorbesitzer von Ro 19 wurden wenig später Opfer der "Reichsfluchtsteuer" und der "Dego-Abgabe" des NS-Staates. Man kann davon ausgehen, dass sie nur einen sehr geringen Anteil ihres in Deutschland vorhandenen Vermögens, zu dem auch der Kaufpreisteil von Ro 19 gehörte, retten konnten.

Die Flüchtlinge waren einem weiteren Vermögensraub ausgesetzt: der Verlust der Firma Liebert und Meyerhof (Hauptgesellschafterin: Mercedes Meyerhof) war vorbereitet worden durch wirtschaftliche NS-Maßnahmen. Des weiteren mussten die in der Schweiz lebenden Flüchtlinge 1938 die betagten Eltern von Robert Henry Nordheim Meyerhof, Robert Meyerhof (geb. 1863) und Ella Meyerhof (geb. ca. 1873) vor der angedrohten KZ- Haft freikaufen und der noch nicht liquidierten "arisierten" Firma Liebert & Meyerhof weitere Devisen im Wert von über 100.000 RM zukommen lassen.
Anders als bei vielen armen verfolgten Juden, die in Deutschland zurückbleiben mussten und die später deportiert und ermordet wurden, hatten das Ehepaar Meyerhof und Hedwig Hallgarten genügend finanzielle Mittel um fliehen zu können. Sie überlebten. Das spricht keineswegs dagegen, ihr Schicksal entsprechend zu werten, sie als NS-Verfolgte anzuerkennen und zu entschädigen.
Alle Juden in Deutschland befanden sich nach 1933 individuell und kollektiv - egal ob arm oder reich - in einer Verfolgungssituation. Das muss in der gewerkschaftlichen Diskussion eine selbstverständliche Erkenntnisgrundlage sein.
Die nicht gewollte Rückgabe des "Judengrundstücks"

Ro 19 unterlag nach 1945 zunächst den Alliierten Bestimmungen zur Vermögenskontrolle, da das Grundstück 1935 veräußert worden war und die bis 1935 in das Grundbuch eingetragenen Voreigentümer jüdischer Herkunft waren.

Ro 19 wurde jedoch nicht an seine ehemaligen jüdischen Vorbesitzer rückerstattet. Sie erhielten auch keine Ausgleichszahlung für die mit diesem Vermögenswert seit 1935 erwirtschafteten Erträge.

Am 11. Mai 1954 gab stattdessen das Landesamt für Vermögenskontrolle dieses Vermögen für die "Gesellschaft der Freunde des Vaterländischen Schul- und Erziehungswesens"/ die GEW Hamburg auf deren nachdrücklichen Antrag hin frei. Seitdem gehört Ro 19 juristisch der GEW Hamburg. Aber anders als beim Curio-Haus, das bereits vor der NS-Zeit der "Gesellschaft der Freunde" gehörte und folgerichtig an "seine Erbauer und früheren Besitzer" zurückgegeben wurde, war die Inbesitznahme von Ro 19 durch die GEW von Anfang an umstritten.

Keine gleichberechtigten Handelspartner

Zwar gab es nach 1945 auch bei Ro 19 eine verpflichtende Rückerstattungsvermutung zugunsten jüdischer Vorbesitzer. Diese bzw. deren Erben stellten aber für Ro 19 keinen Anspruch auf Rückerstattung. Es lag auch kein Antrag der Jewish Trust Corporation (JTC) vor, die treuhänderisch für diese hätte eintreten können. Obwohl die Oberfinanzdirektion (OFD) Hamburg davon ausging, dass die JTC antragsberechtigt war und Rückerstattungsanträge hätte stellen können, informierte sie diese nicht über die Immobilie Ro 19. Das Verfahren zu Ro 19 war beim Gewerkschaftsprüfungsausschuss (GPA) anhängig und im Gegensatz zu anderen Verfahren nicht bei den für Rückerstattung zuständigen Verwaltungsinstanzen bzw. den Restitutionsgerichten.

Käufer von Ro 19 war am 29.4.1935 die "Lehrervereinshaus G.m.b.H." gewesen, die Vermögenstreuhandgesellschaft der "Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB" , also eine nazistische Organisation. Den Ankauf tätigten deren Geschäftsführer, NS-Parteigenosse Wilhelm Bernhardt, sowie deren Leiter, NS-Parteigenosse Kurt Holm. Die Lehrergewerkschaft "Gesellschaft der Freunde" existierte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Sie hatte sich korporativ am 27.4.1933 dem Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) angeschlossen.
Verkäufer war eine jüdische Erbengemeinschaft, deren Mitglieder nazistischen Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt waren.
Verkäufer und Käufer waren keine gleichberechtigten Handelspartner, wie dieses öfters in der heutigen Diskussion versucht wird zu vermitteln. Die Marktbedingungen ermöglichten keine ordnungsgemäße Veräußerung auf einem freien Markt. Die Verkäufer standen unter Zwang und Zeitdruck.

Nach dem 8.Mai 1945 stellte sich die Gesellschaft der Freunde bzw. die GEW auf den Standpunkt, Ro 19 wäre ihr Eigentum. Der neu gewählte Erste Vorsitzende der "Gesellschaft der Freunde", Max Traeger, schrieb entsprechend am 30.9.1948 an den von den Alliierten eingesetzten Treuhänder für das Curio-Haus und Ro 19, Dr. Bruno Barkowski, wobei er zunächst den vorrangigen Anspruch der jüdischen Vorbesitzer auf Restitution anerkannte:

"The former owner was a community of heirs in which, as I learned, one Jew had a share. I would think it conformable to the circumstances, in case the Jew would get no compensation, that by way of restitution the Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens will become owner of this land and building".

Zwei Jahre später kritisiert er in einem Brief an die Vermögenstreuhandgesellschaft des DGB die Entscheidung Dr. Barkowskis, die Immobilie Ro 19 gemäß den Bestimmungen des Britischen Rückerstattungsgesetzes zur Restitution anzumelden. Es scheint ihm "gar nicht notwendig gewesen zu sein, dass der damalige Treuhänder Dr. Barkowski das Haus als Judengrundstück angemeldet hat."

Willkommene Zeugen

Auf Anraten der Vermögensverwaltungs- und Treuhandgesellschaft (VTG) des DGB gab der frühere Leiter der Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB und NS-Gauhauptstellenleiter, Kurt Holm, am 10.10.1949 als Kronzeuge für die VTG der "Gesellschaft der Freunde" eine Erklärung ab. Er behauptete, die "Gesellschaft der Freunde" wäre als Lehrervereinshaus G.m.b.H. bis zu ihrer Liquidierung am 25.6.1938 ein "völlig selbständiger, rechtsfähiger Verein" und alleinige Eigentümerin von Ro 19 gewesen. Ferner bestätigte er die Anfrage des alten und neuen Geschäftsführers der VTG der Gesellschaft der Freunde, seines ehemaligen NS-Untergebenen, Wilhelm Bernhardt, das Kaufgeld für Ro 19 stamme keinesfalls aus Geldern des ehemaligen NSLB.
Die Funktionäre des DGB und der GEW glaubten mit dieser Geschichtsklitterung, die Gesellschaft der Freunde als Erwerberin von Ro 19 hinstellen zu können. Deren Erbe nach 1945 sei die GEW- Hamburg. Der genau gegenteilige Effekt hätte eintreten können. Unterstellt, Holms Behauptung würde stimmen, hätte die Gesellschaft der Freunde nach dem Rechtsverständnis der Alliierten als eigenständige nazistische bzw. mit dem NS gleichgeschaltete Organisation gegolten. Nach alliiertem Recht wäre es dann nach 1945 zu keinerlei Rückerstattung zugunsten der Gesellschaft der Freunde, auch nicht des Curio-Hauses (!), gekommen.

Denn die Alliierten Rückerstattungsgesetze sahen zwingend vor, dass nazistischen bzw. mit dem NS-Regime verquickten Organisationen keinerlei Vermögenswerte, auch solche, die ihnen vor 1933 gehört hatten, überlassen werden dürften. Obwohl es durch den korporativen Beitritt zum NSLB zu keinem Verbot der Gesellschaft der Freunde und zu keiner Beschlagnahme ihres Vermögens gekommen war, werteten die Alliierten diese Form der Gleichschaltung nicht als "verfolgungsneutrale" Gleichschaltung sondern als Umstellung gegen die politische Absicht der Mehrheit ihrer Mitglieder. Sonst hätte die Gesellschaft der Freunde entsprechend den Richtlinien der Kontrollratsdirektive No.50 keine entzogenen Vermögenswerte zurück erhalten. Diese wären dem Land Hamburg zugefallen.

Der Gewerkschaftsprüfungsausschuss für die britische Besatzungszone (GPA in Düsseldorf) folgte 1951 bei seiner Entscheidung, der GEW- Hamburg das Haus Ro 19 zu übertragen, zwar nicht der von Nazifunktionären für die GEW aufgestellten These, die Gesellschaft der Freunde sei 1935 eine eigenständige Organisation gewesen, aber er wich auf die Argumentationslinie aus, die Vermögensträgerin im bürokratischen Sinne, die Lehrervereinshaus G.m.b.H., habe quasi den gewerkschaftlichen Charakter der ehemals gewerkschaftlichen Gesellschaft der Freunde bis 1937 beibehalten: "Das Grundstück ist von früher her gewerkschaftliches Eigentum." (GPA, 15. Juni 1951). Bei der Rückerstattung des Curiohauses hatte derselbe Gewerkschaftsprüfungsausschuss ein Jahr vorher (20. Januar 1950) trotz ansonsten identischer Textbausteine in seiner Begründung nicht den argumentativen Umweg über den angeblich gewerkschaftlichen Charakter der Lehrervereinshaus G.m.b.H. gewählt, sondern schnörkellos den gewerkschaftlichen Charakter der früheren Gesellschaft der Freunde als der ehemaligen Eigentümerin (vor 1933) festgestellt

Wahrscheinlich verwendete der NSLB für den Kauf von Ro 19 tatsächlich offen oder verdeckt Gelder der ehemaligen "Gesellschaft der Freunde". Da die Kassen aller ehemaligen Lehrervereine, so auch die der Gesellschaft der Freunde, in der Abteilung Wirtschaft und Recht des NSLB Gau Hamburg ab 1934 zusammen geführt worden waren, lässt sich - nach derzeitigem Wissensstand - nur vermuten, ob und in welchem Umfang Gelder der "Gesellschaft der Freunde" genutzt worden waren.

Diese Gelder hätte die GEW in gewissem Umfang erstattet bekommen können. Wenn Ro 19 an die jüdischen Erbengemeinschaft als den ehemaligen Voreigentümer rückerstattet worden oder aber wenn, da diese keinen entsprechenden Antrag gestellt hatten, Ro 19 an den Staat gefallen wäre, so hätte die Gesellschaft der Freunde/ die GEW einen finanziellen Schaden wegen des Ankaufs von Ro 19 durch den NSLB erlitten. Die Gesellschaft der Freunde/ die GEW hätte hier ggf. einen Schadensersatzanspruch gehabt und diesen anmelden können. Dies aber tat sie nicht. Stattdessen beanspruchte sie die gesamte Immobilie.

Warum erhoben die jüdischen Voreigentümer keinen Anspruch?

Wenn die früheren jüdischen Eigentümer oder deren jeweilige Erben als "Berechtigte" nach dem Rückerstattungsgesetzen fristgerecht einen Antrag auf Rückerstattung von Ro 19 gestellt hätten, hätte diesem Anliegen nach Gesetzeslage und Rechtsprechung entsprochen werden müssen.

Dabei gilt es die Situation der jüdischen Flüchtlinge zu bedenken. Bei dem Verkauf von Ro 19 handelte es sich um Weggabe unter Zwang. Denn nach Rückerstattungsrecht waren auch Verkäufe, die ohne unmittelbaren Druck durch den Käufer getätigt wurden, ungerechtfertigte Entziehungen, da die jüdische Bevölkerung Deutschlands durch die allgemeine politische Situation einer staatlichen Verfolgung, d.h. einer Kollektivverfolgung unterlag. Es kann zudem bei Ro 19 auch von einer Individualverfolgung der Verkäufer zum Zeitpunkt des Verkaufs gesprochen werden. Denn in Entschädigungsverfahren nach dem Bundesentschädigungsgesetz (BEG) wurden einzelne Mitglieder der jüdischen Erbengemeinschaft auch individuell als NS-Verfolgte anerkannt.

"Grob gesprochen kann man sagen, dass nur diejenigen Juden ihre Vermögenswerte tatsächlich zurückbekamen, die über sehr große Ausdauer, die persönliche Kraft und die finanziellen Ressourcen verfügten, ein langes Verfahren durchzustehen".
Jan Philipp Spannuth " Rückerstattung Ost" Essen 2007, S.227

Es sind im übrigen drei Bereiche, die nach Gesetzeslage und Rechtsprechung für eine Rückerstattung von Ro 19 an die jüdischen Vorbesitzer gesprochen hätten:
- Der Entschluss der Verkäufer zum Verkauf war nicht frei.
- Der Kaufpreis war nicht angemessen.
- Die Verkäufer konnten nicht frei über den Kaufpreis verfügen.

Die Eigentümer wollten 1935 zwar verkaufen, aber ihr Entschluss war nicht frei. Die Motive des Verkaufsentschlusses (so die beabsichtigte Auswanderung aufgrund Verfolgung) sind maßgebend. Der Gesetzgeber (Britisches Rückerstattungsgesetz) sah hier nach 1945 eine gesetzliche Vermutung in dem Sinne vor, dass jeder Vermögenstransfer zwischen 1933 und 1945 von so genanntem jüdischen in so genanntem arischen Besitz unter dem Vorbehalt stand, Unrecht zu sein. Diese Entziehungsvermutung hätte durch den Nachweis der Zahlung eines angemessenen Kaufpreises zur freien Verfügung des Verkäufers widerlegt werden können. In der heutigen Debatte wird dagegen trotz Kenntnis der entsprechenden Gesetzeslage regelmäßig argumentiert, der Verkäufer, also die jüdischen Vorbesitzer, hätten beweisen müssen, dass eine Entziehung vorlag. Jedoch haben auch nach höchster Rechtsprechung der Käufer oder seine Nachfolger bzw. Erben nachzuweisen, dass der gezahlte Kaufpreis angemessen war und der Verkäufer darüber frei verfügen konnte.

Dieses hatte auch die Gesellschaft der Freunde resp. die GEW Hamburg erkannt. Die Vermögenstreuhandgesellschaft des DGB hatte die Hamburger Gewerkschaft bereits in einem Schreiben vom 6.12.1950 darauf hingewiesen: "…da wir nun versuchen müssen, nachzuweisen, dass der Verkauf des Grundstückes durch die Erbengemeinschaft an die Gewerkschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens keine Entziehung im Sinne des Artikels 1 REG, gewesen ist". Die Gesellschaft der Freunde versuchte mit Hilfe eines Gutachtens des Wirtschaftsprüfers Dr. Georg Schmidt (so genanntes Schmidt-Gutachten) entsprechend nachzuweisen, dass der gezahlte Kaufpreis "als durchaus angemessen bezeichnet werden" könnte.

Das so genannte Pfau-Gutachten vom 7.11.1945 wurde nicht beachtet. Wert 1935:
Der Sachverständige Dr. Oscar Pfau war auf Antrag des von der über 100.000 RM
britischen Besatzungsmacht eingesetzten Treuhänders durch die
Handelskammer beauftragt worden, den Wert des Curiohauses und der Kauf u. Renov.
Immobilie Ro 19 einzuschätzen. Das ausführliche Gutachten kam zu 66.000 RM
einem weitaus höheren Wert als das spätere Schmidt-Gutachten.
Das Pfau-Gutachten hätte eine Entziehungsvermutung eindeutig bestätigt. Angemessen?
Bei der Frage nach der freien Verfügbarkeit des Kaufpreises zog sich die "Gesellschaft der Freunde" trotz gegenteiliger Rechtslage auf die Position zurück, die Sonderabgaben (Reichsfluchtsteuer und Dego-Abgabe) hätte man nicht beeinflussen können und diese wären auch nicht durch die Käufer zu verantworten gewesen.
Noch heute wird in der GEW- Hamburg der die jüdischen Flüchtlinge diskriminierende Charakter der Reichsfluchtsteuer in der NS- Zeit mit dem Argument bestritten, sie habe auch für andere Auswanderer gegolten. Diese Argumentationsfigur zeugt von einer verzerrten Wahrnehmung des Nationalsozialismus´.

Weder war der Kaufpreis angemessen, noch konnten die Verkäufer frei über das Kaufgeld verfügen. Wäre in einem Rückerstattungsverfahren ein angemessener Kaufpreis zu ermitteln gewesen, hätten zudem die besonderen regionalen Umstände analog anderen Rückerstattungsverfahren berücksichtigt werden müssen. Ro 19 liegt im Stadtteil Harvestehude/ Rotherbaum. Hier wohnten über 40% der Hamburger Juden. Der Anteil der Menschen jüdischen Glaubens war hier mit 12,5% neunmal höher als in ganz Hamburg. Bereits frühzeitig hatte es in diesem Stadtteil überproportional viele antisemitische Propagandakampagnen, Boykotte und Gewaltexzesse gegeben. Die jüdische Bevölkerung erlebte bereits zu Beginn der NS-Herrschaft ein gefährliches nazistisches Gewaltpotential und die eigene Rechtlosigkeit. Ersten Entlassungen nach dem "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" folgten Entlassungen in der "freien" Wirtschaft (z.B. zum 1. April 1933, dem zentralen Boykotttag gegen jüdische Unternehmen). Jüdische Betriebe wurden von der öffentlichen Auftragsvergabe ausgeschlossen. In zahlreichen Berufsverbänden wurden jüdische Mitglieder bereits 1933, wie aus dem Reichsverband Deutscher Makler (RDM) ausgeschlossen. Jüdische Grundbesitzer hatten sich durch jüdische Makler, wie im Fall Ro 19 John Elias, vertreten zu lassen oder wurden von so genannten deutschen "Arisierungsspezialisten" vertreten. Dieses war den handelnden Organisationen ("Lehrervereinhaus G.m.b.H." bzw. NSLB) und den handelnden Personen (Holm, Bernhardt) bekannt. Bei Preisvergleichen hätte das erhöhte Angebot von Grundbesitz aus jüdischer Hand ("Angstverkäufe") im Sinne eines verzerrten Marktes nach der üblichen Rechtsprechung in den Verfahren zur Rückerstattung berücksichtigt werden müssen.

Ein weiteres Grundprinzip der Rückerstattung war der Ausschluss der Möglichkeit, der "arische" Erwerber habe den Vermögensgegenstand kraft guten Glaubens erworben. Beim Erwerb von Grundstücken in der Verfolgungszeit wurde aber regelhaft unterstellt, dass jedermann wusste, dass Eigentum dieser Art vorzugsweise von Verfolgten weggegeben wurde.

Der Erwerber musste mit dem entzogenen Gegenstand auch dessen Ertrag herausgeben. Im Gegenzug erhielt er das Kaufgeld - soweit es der Veräußerer tatsächlich erhalten hatte - zurück. Dem Verfolgten wurde nicht zugemutet Geld zurück zu zahlen, das er niemals erhalten hatte, d.h. der Käufer hätte nur einen Teil der Kaufsumme vom Veräußerer erhalten.

Und schließlich ist im Fall Ro 19 zu beachten, dass das Rückerstattungsverfahren vor den Restitutionsinstanzen bzw. dem Restitutionsgericht und nicht vor dem Gewerkschaftsprüfungsausschuss hätte verhandelt werden müssen. Der NSLB als im Grundbuch eingetragener Besitzer war keine nach 1945 anerkannte bzw. zugelassene Gewerkschaft. Es kann vermutet werden, dass die Jewish Trust Corporation ihr Augenmerk nicht auf die Verfahren vor dem Gewerkschaftsprüfungsausschuss richtete und möglicherweise schon deshalb ihrerseits keinen Antrag auf Rückerstattung stellte. Die zuständigen Hamburger Behörden werden sie nicht auf das Verfahren Ro 19 aufmerksam gemacht haben.

Zusammenfassend kann gesagt werden: Weder die jüdischen Voreigentümer, die möglicherweise die Antragsfristen nicht einhielten, noch die JTC erhoben auf Ro 19 Anspruch. Da Ro 19 nachweislich des Grundbuchs zuletzt Eigentum des NSLB gewesen war, hätte es zunächst dem Land Hamburg zufallen müssen.

Fehlende Empathie mit den jüdischen Opfern

"Wenn von einem moralischen Versagen gesprochen werden kann, so offenbart es sich am ehesten in dem Mangel an Sensibilität und Empathie derjenigen, die nach 1945 in ihrem verständlichen und guten sozialem Eifer für die Mitglieder der Gewerkschaft zumindest, was diesen speziellen Fall betrifft, bei dem es um ihre eigenen Interessen ging, blind für das Schicksal der Verfolgten waren"
Sielke Salomon "Rothenbaumchaussee 19. Der Kauf 1935 und die Rückerstattung 1948-1955" Hamburg 2002, S.48.

In den Verfahren um Rückerstattung fehlte es an Empathie und Unrechtsbewusstsein für die Problematik der NS-Opfer. Dies gilt auch und besonders für Hamburg. Die Vorgeschichte wurde verschleiert. Grund mag auch sein, dass Richter der Wiedergutmachungskammer Mitglied der NSDAP bzw. anderer NS-Organisationen gewesen waren. Es kam vor, dass dieselben Beamten, die vorher die Liquidation und den Entzug jüdischen Vermögens betrieben hatten, nun mit den Rückerstattungsanträgen der Enteigneten beschäftigt waren.

Stattdessen fand sich nicht gerade selten umgekehrt ein großes Einfühlungsvermögen für die Situation der Herausgabepflichtigen, d.h. der "Arisierer". Auch wurden die Verfahren so abgehandelt, als ginge es dabei um ein rein juristisches Problem. Dem übergeordneten Sinn der Rückerstattungsgesetze - der Anerkennung und Wiedergutmachung von NS-Unrecht - wurde so wenig Platz wie möglich eingeräumt.

Eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen Verstrickung in das NS-Regime fand bei den "arischen" Erwerbern nicht statt. Ohne Bruch mit den Traditionen der nazistischen Volksgemeinschaft konnten sie sich selbst zu Opfern der Verhältnisse machen. Nicht der "arische Erwerber" hatte ihres Erachtens die Rechtmäßigkeit des Kaufes nachzuweisen, sondern der frühere jüdische Eigentümer sollte seinen Besitzanspruch akribisch belegen müssen. In den Rückerstattungsverfahren wurden der Zwangscharakter der "Arisierung" und die Härte der Verfolgung immer wieder in Frage gestellt.

Die Art und Weise, wie führende Vertreter der Hamburger GEW die Inbesitznahme des Hauses Ro 19 nach 1945 betrieben, widersprach zentralen humanitären und gewerkschaftlichen Werten.

Die Erbauer des Curiohauses hatten ihre Tradition einst mit der Maxime begründet:

"Der Aufklärung verpflichtet."
Die GEW Hamburg hat, was die eigene Geschichte angeht - wie andere auch - noch einen Lernprozess vor sich.
Es ist Zeit für die ganze Wahrheit

Am 8.Mai 1945 gab es in Deutschland keine "Stunde Null" im Sinne eines Neubeginns. Das NS-Regime war militärisch besiegt worden. Was kam jetzt?
In den drei westlichen Besatzungszonen wurde versucht, die wirtschaftlichen, politischen, rechtlichen und kulturellen Verhältnisse vor der NS-Zeit zu rekonstruieren. Es ging um den wirtschaftlichen Wiederaufbau, um die Wiederherstellung parlamentarisch-demokratischer und rechtsstaatlicher Verhältnisse wie zur Zeit der Weimarer Republik.

In der gesellschaftspolitischen Diskussion wurde und wird auch heute noch oftmals davon ausgegangen, dass der zivile Rechtsstaat im NS-Regime im Wesentlichen in seinen normativen und institutionellen Strukturen intakt geblieben wäre und seine Organe lediglich durch die NS-Haupttäter ‚politisch gefesselt' worden wären. Entsprechend wird auch in der Debatte um Ro 19 argumentiert. NSLB und jüdische Verkäufer wären gleichberechtigte Handelspartner gewesen. Der zustande gekommene Kaufvertrag wäre - rechtsstaatlich gesehen -einwandfrei. Die NSLB-Funktionäre hätten sich ja an die Statuten halten müssen usw. usf. Diese Sichtweise entlastet die Mittäter und macht sie tendenziell zu Opfern der Verhältnisse. Vertreter dieser Sichtweise wenden sich daher gegen die Auffassung, der NS-Unrechtsstaat habe, indem er vor allem seinen rassen - und vernichtungspolitischen Ziele nachjagte, den Rechtsstaat schon frühzeitig weitgehend beseitigt und ein rechtsstaatliches Bewusstsein im Sinne der NS-Rassenideologie ausgehöhlt bzw. überformt.

Die Rückkehr

"Es ist der bis heute andauernde, konfliktreiche Prozess der Schuldbewältigung und Schuldverdrängung, des politischen Wandels, des trauernden Gedenkens, des öffentlichen Erinnerns und Vergessens, der historiographischen Deutung und Umdeutung, des Erfindens und Erzählens"
Peter Reichel "Vergangenheitsbewältigung in Deutschland"

Die Rückkehr zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nach 1945 wurde nicht von einer umfassenden Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit begleitet. Gängige Meinung war, wenn man neu anfangen und wiederaufbauen wolle, dann müsse man die Vergangenheit vergessen und den Blick nach vorne richten. Die Opfer des NS-Regimes wurden ungenügend rehabilitiert und entschädigt. Im Gegensatz dazu wurden nur wenige Täter, Mittäter und Mitläufer bestraft und auf Dauer aus öffentlichen Ämtern entfernt. Die meisten dieser zunächst "Verdrängten" kehrten wenige Jahre später zurück - spätestens mit dem "Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der unter Artikel 131 des Grundgesetzes fallenden Personen"(131er-Gesetz). Entsprechend wurde in den 1950er Jahren unter "innerer Aussöhnung" nicht die Integration der Verfolgten sondern die der Täter, Mittäter und Mitläufer verstanden. Dieses galt auch für die Bemühungen der Lehrergewerkschaft, nach den Bestimmungen der Alliierten als NS-Belastete eingestufte Lehrer zu rehabilitieren und deren Anliegen nach Wiederaufnahme in den Staatsdienst zu unterstützen.

Die von den Alliierten zunächst beabsichtigte Säuberung des Erziehungswesens von NS-Funktionären fand nicht statt. Wie andere Organisationen auch formulierte die Gesellschaft der Freunde und später die GEW Hamburg keine eigene historische Schuld. Es gab kein öffentlich geäußertes Interesse, Erkenntnis darüber zu gewinnen, welche Ursachen und Umstände zur Selbstgleichschaltung und zum Mitmachen führten. Auch in der GEW begann eine zweite Geschichte des Nationalsozialismus.

Ausschnitthaft und ansonsten schweigsam wurde die Verbrechensgeschichte zwischen 1933 bis 1945 zur Kenntnis genommen. Ohne umfassende Debatte wurde gefordert schnell einen "Schlussstrich" zu ziehen. Schuld und Verantwortung wurden abgewiesen oder richteten sich an eine kleine, klar abgeschiedene und überschaubare Gruppe außerhalb der eigenen Reihen. Die NS-Vergangenheit der eigenen Organisation, der GEW, wurde ignoriert, parzelliert, minimiert und verdrängt.
Die Gesellschaft der Freunde/ die GEW bemühte sich nach 1945 um die Wiederherstellung der Organisation. Alte Kontakte wurden wiederbelebt. Alte Funktionäre stiegen wieder in die Organisationsarbeit ein. Trotz NS-Belastung verblieben andere auf ihrem Posten wie der Geschäftsführer Wilhelm Bernhardt. Sie wurden weiter und wieder verwendet.

Erst in den 1980er Jahren öffnete sich der Blick. Es kam zu einer bis heute andauernden und notwendigen Emotionalisierung. Soweit die Aufarbeitung der Vergangenheit aber unmittelbare Auswirkungen auf das heutige Geschehen hat, wurde und wird weiter erbittert gestritten über Fakten und Deutungen, über Schuld und Scham. Symbol dieser Auseinandersetzung ist für die GEW Hamburg zur Zeit die Debatte um die Immobilie Ro 19. Der Ort wurde zur greifbaren Erinnerung. Hier kann ein NS-Verbrechen, die Auflösung eines soziokulturellen Milieus im Grindelviertel durch den nazistischen Terror der Judenverfolgung, konkret vor Ort nachvollzogen werden. Hier scheitert das auch in der Lehrerschaft tradierte Selbstbild Hamburgs vom liberalen hanseatischen Sonderweg des Nationalsozialismus in einer ansonsten terroristischen Gesellschaft. Allein die schon frühzeitig durchgeführte "Entjudung" des Curiohauses widerspricht der behaupteten Liberalität um den "gemäßigten" Führer des NS-Lehrerbundes Schulz. Hamburg war genauso wie anderswo an den Verbrechen und der Maßlosigkeit des Nationalsozialismus beteiligt.

Auch jetzt noch - nach jahrzehntelangem Beschweigen - fehlt eine offene, offensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, stattdessen überwiegt immer noch eine "Sehnsucht nach Normalität und Verdrängung der Schuld", wie es die Kulturstaatsministerin Christina Weiss anlässlich der Neueröffnung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme 2005 allgemein beschrieb. Bereits 1984 ermutigte der damalige Bürgermeister Dohnanyi alle Bürger Hamburgs im Hinblick auf den Nationalsozialismus offen, wahrheitsgemäß und vollständig Ursachen, Beteiligung und Verstrickung vorausgegangener Generationen zu benennen und daraus Schlüsse für heute zu ziehen.

"Es ist Zeit für die ganze Wahrheit.
Kein Volk kann seiner Geschichte entfliehen.
Und nur wer sich der Vergangenheit stellt, wird in der Zukunft stehen."
Klaus von Dohnanyi "Es genügt nicht zu erinnern - eine Hamburger Initiative" 13.12.1984.

Wie sich die GEW in Zukunft an Ro 19 erinnert, wird nicht unwesentlich ihren Umgang mit der Wahrheit, der Moral und der Politik bestimmen.
Welcher Erinnerung bleibt? Diese?

Hamburger Abendblatt, 26 April 2007


Ein lösbares Dilemma?

Die Diskussion auf der Landesvertreterversammlung am 23. April 2007 offenbarte eine Zerrissenheit des Landesverbandes, die sich in Personalisierungen, Anwürfen und in der verbittert geführten nachfolgenden Auseinandersetzung zeigten. Ohne intensive inhaltliche Debatte ist der Dissens nicht zu überwinden,

Die Landesvertreterversammlung der GEW- Hamburg hatte mit knapper Mehrheit (57:50 Stimmen, 10 Enthaltungen) beschlossen, das Haus Ro 19 zu behalten. Sie lehnte den Vorschlag ab, es der Freien und Hansestadt Hamburg unter der Maßgabe, dort ein Jüdisches Museum zu errichten, zu verkaufen und einen Teil des Verkaufserlöses zu spenden. Statt dessen schlugen die drei Landesvorsitzenden vor, eine jährliche Spende von 10.000 € einem Fonds zukommen zu lassen, der sich gegen rassistische und fremdenfeindliche Aktivitäten und für ein gleichberechtigtes und friedliches Miteinander einsetzt.
Der Beschluss der GEW- Hamburg gründete sich zum einen auf finanzielle Bedenken und zum anderen darauf, "dass unter den Mitgliedern der GEW- Hamburg erhebliche Meinungsverschiedenheiten" hinsichtlich der Bewertung des Materials über die Umstände des Ankaufes des Gebäudes Ro 19 im Jahre 1935 sowie seiner Inbesitznahme durch die GEW Hamburg nach 1945 vorlägen. Die GEW- Hamburg wolle aber, so die GEW- Vorsitzenden, die genannten Umstände auch nicht einfach übergehen, daher die Spende. Was die Bewertung des historischen Materials anging, so zogen sich die Vorsitzenden in der Diskussion auf die vereinzelte Position eines Historikers zurück, die bis heute von keinem Experten geteilt wird.

Die öffentliche Reaktion auf den Beschluss der Landesvertreterversammlung der GEW war vernichtend. Nicht nur der BERTINI-Preis, der die ursprünglich ihm von der GEW zugedachte jährliche Spende ablehnte, reagierte empört, auch die Jüdische Gemeinde äußerte ihr Bedauern.

Überraschend appellierte Hamburgs Erster Bürgermeister, Ole von Beust, am 26. April 2007 dringend an die GEW, die Entscheidung zu überdenken. Moralische Pflicht müsse Vorrang haben vor materiellen Interessen. "Es geht hier", so ließ er erklären, "auch nicht um juristische Fragen, sondern um die moralische Pflicht, um die historische Verantwortung und um menschlichen Anstand." Von Beust verwies auf die Talmud- Tora -Schule, die der Hamburger Senat an die jüdische Gemeinde zurückgegeben hatte, ohne juristisch dazu verpflichtet gewesen zu sein.

Zwar hätten, schrieb daraufhin der Historiker Frank Bajohr von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg, viele Hamburger Verantwortliche in der Vergangenheit eine derartige Haltung vermissen lassen, die Stadt Hamburg habe sogar zu den größten "Ariseuren" gehört und nach 1945 eine Rückerstattung mit demselben Unverständnis quittiert wie die meisten ehemaligen ""Arisieure"", aber die klare Stellungnahme Ole von Beusts habe ihm umso größeren Respekt abgenötigt.

Die GEW- Hamburg befindet sich seither in einem Dilemma. Ob diese Lage lösbar ist, wird sich zeigen. Die historische Bewertung ist mit Hilfe einer wissenschaftlichen Bearbeitung zu lösen, die sowohl die Frage nach den Lebensbedingungen der Juden in Deutschland der Jahre 1933 bis 1938 einschließt als auch die Frage der Verkaufsbedingungen von Ro 19 und der Inbesitznahme nach 1945 zum Gegenstand hat. Die Frage der finanziellen Handlungsfähigkeit der GEW- Hamburg darf hiermit nicht verknüpft werden. Sie ist getrennt zu behandeln.

Der Hinweis des Ersten Bürgermeisters auf die Talmud-Tora-Schule weist in die richtige Richtung, der die GEW folgen könnte. Es war die hochgeachtete Sonderschullehrerin und GEW- Kollegin Ursula Randt (1929 - 2007), die im Jahre 2005 ihr letztes Buch "Die Talmud -Tora -Schule in Hamburg 1805 - 1942" vorgelegt und viel dazu beigetragen hat, die Erinnerung an das jüdische Leben im Grindelviertel und an diese jüdische Schule wieder wachzurufen. Sie hat über viele Jahrzehnte eine intensive Erinnerungsarbeit mit großem Einfühlungsvermögen betrieben. Ihre weltweite Korrespondenz trug mit Berichten, Fotos und Dokumenten zu Ausstellungen wie "Jüdisches Leben am Grindel" und "Vierhundert Jahre Juden in Hamburg" bei. Sie stand auf der Seite der Verfolgten und gab ihnen eine Stimme. Der vom Ersten Bürgermeister zitierte Rückgabe- Beschluss des Senats wäre ohne die Arbeit dieser GEW-Kollegin vermutlich nicht denkbar gewesen. Sie hat zum Ansehen der GEW- Hamburg gerade bei den NS- Verfolgten beigetragen.

"Nicht vorschnelle Versöhnung, detaillierte Recherche und genaue Erinnerung waren ihr Anliegen." schrieb Wilfried Weinke in einem Nachruf auf Ursula Randt.
Könnte dasselbe auch über den Umgang ihrer Gewerkschaft mit Ro 19 gesagt werden, wäre vieles gewonnen.
Dann wäre der Weg frei zur gemeinsamen Aufklärung der Geschichte mit Empathie für die Opfer, zur Achtung des Grundsatzes, dass keine Organisation, auch nicht unsere Gewerkschaft, von Nazi-Unrecht profitieren darf und dass es eine Verpflichtung zur Sühne gibt.


Erinnerungssplitter 1925 Erinnerungssplitter 1933 Erinnerungssplitter 2007

Moses Max (Max Moritz) Bauer, erwarb 1890 das Haus Ro 19 1925
Kaufmann, geb. 1846 Hamburg, gest. 1925 Hamburg
Heirat: 1874 mit Clara Elisabeth, geb. von Praag (1851-1876), 1 Kind
1889 mit Mathilde, geb. Nordheimer, verw. Hallgarten (1848 Toronto- 1921 Hamburg)
Bauer wuchs in einer liberalen, großbürgerlichen jüdischen Kaufmannsfamilie auf und war als hanseatischer und überzeugter Lokalpatriot … erfolgreich … im Tabakgroßhandel tätig. Seinen einzigen Sohn aus erster Ehe, Dr. Dr. Moritz Max Bauer (1875 Hamburg - 1932 Frankfurt) besuchte er häufig in Frankfurt am Main, wo dieser als Professor für Botanik arbeitete. … Durch seine zweite Heirat entstanden verwandtschaftliche Beziehungen zu den auch in Nordamerika lebenden Mitgliedern der Familien Nordheim/er und der bekannten Bankiersfamilie Hallgarten. … Er gehörte den Vorständen vieler reformorientierter und traditioneller jüdischer Institutionen an … Herausragende Bedeutung bei seinem wohltätigen Engagement hatte jedoch stets die Vaterstädtische Stiftung … Das Ehepaar stiftete testamentarisch rund 400 000 Mark zur Errichtung eines neuen Stiftgebäudes, das 1925 in der Kielortallee bezogen werden konnte. Neben…wurden zahlreiche soziale jüdische und städtische gemeinnützige Institutionen großzügig bedacht: u.a. die Blinden-Anstalt. die Taubstummen-Anstalt, der Verein für Volkskindergärten, das Asyl für obdachlose Männer, das Asyl für obdachlose Frauen, die Arbeiter-Kolonie, das Hamburger Volksheim, der Wohltätige Schulverein für Ferienkolonien, das Altenhaus der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, der Israelitische Humanitäre Frauenverein und das Israelitische Siechenheim.
Aus: Angela Schwarz, Die Vaterstädtische Stiftung in Hamburg in den Jahren von 1949 bis 1945. Hamburg, 2007, S. 232 f.

1. April 1933
SA- Posten vor dem Geschäft von Eisek und Rosa Getzler in der Grindelalle 79


Juergen Schulz, der Urenkel von Max Moritz Bauer 19. März 2007
und einer der Nachfahren der jüdischen Voreigentümer von Ro 19 :

Geboren 1927 in Hamburg, mit seiner Mutter 1938 in die USA geflohen, Professor

Aus einem Brief vom 19. März 2007

"…. Ich danke vielmals für Ihren Brief des 8. mit den weiteren Nachrichten über Ro 19 …
In 1933 war es eigentlich nur meine Mutter (Ilse Lebenbaum), die sich sofort entschied, auszuwandern, und zwar nach Amerika. Sie war eingeschüchtert worden von Hitlers Drohungen der vorangehenden Jahre, die Verluste, die Einschränkungen und die finanziellen Belastungen des Vertrags von Versailles rückgängig zu machen, und die "Schande" der deutschen Niederlage wieder gut zu machen. Ihrer Meinung nach voraussagten diese Drohungen einen neuen europäischen Krieg - einen Krieg, dem ihre Söhne zum Opfer fallen könnten. … Im Laufe der Dreißiger wurde es dann immer klarer, dass der Antisemitismus Hitlers und der NSDAP genau so gefährlich als die militärischen Drohungen sei. D.h., die mehr und mehr eingreifenden Verfügungen gegen Juden, das steigende Aufhetzen der Nation gegen Juden …
Mit der ´Arisierung´ von den Lebenbaum Besitzen hatte es schon 1933 angefangen, indem der älteste Sohn der Familie (Ernst Lebenbaum) von einem Lebenbaum Landgut in Büttelkow (Mecklenburg) mit kurzer Einsperrung in Bismarck, einem Verbot hinfort Wanderarbeiter anzustellen, und Vertreibung aus der Milchwirtschaftskooperative dazu gejagt wurde, das Gut billig an einen "arischen" Ankäufer, der im Hintergrund bereit stand, abzutreten. In 1937 wurden die großen Lebenbaum Firmen in Hamburg, Kiel, Kühnhausen, Langensalzen und Merseburg (die Getreide einfuhren und mahlten und Backmittel fabrizierten …) auch billig an "Arier" abgetreten…."

12.12.08

Sehr geehrter Herr Herzberg,
danke für Ihr Schreiben vom 8.12.2008.
Nachdem Sie in einem Rundfunkbericht des NDR zur Entscheidung der LVV vom 24.11. einige Tage später zitiert wurden, bin ich selbstverständlich davon ausgegangen, dass Sie auf anderem Wege hinreichend über den Sachstand informiert waren, sonst hätten Sie sich sicherlich vor einer Stellungnahme im NDR bei mir informiert. Deshalb hielt ich es nicht mehr für nötig, Sie über den Beschluss der LVV in Kenntnis zu setzen. Ich bedauere, wenn Sie das anders wahrgenommen haben.
Zur Sache selbst möchte ich folgendes sagen:
Das Zitat, das Sie aus dem ZEIT-Artikel anführen, ist nicht von mir und schon gar nicht von mir autorisiert. Ich vertrete vielmehr wie Sie die Auffassung, dass es bei der Frage Ro19 um Wahrheit und Moral gehen muss und nicht in erster Linie um finanzielle Gesichtspunkte. Das Zitat des 1. Bürgermeisters bezieht sich auf eine verkürzt wiedergegebene Aussage von mir im Frühjahr 2007 im Hamburger Abendblatt, die ich inzwischen wiederholt richtig gestellt habe.
Die historischen Fakten des Verkaufs von Ro 19 waren aus meiner Sicht auf dem Symposium keineswegs aus der Sicht aller Experten eindeutig, wie Sie schreiben. Vielmehr wurde über Ro 19 erst am Ende bei der Podiumsdiskussion gesprochen und dabei ging es nicht um die konkrete Auseinandersetzung mit der Forschung zum Verkauf von Ro 19, sondern um Stellungnahmen einiger Diskutanten dazu.
Politische und moralische Verantwortung übernimmt die GEW- Hamburg durchaus, ich schicke Ihnen dazu in der Anlage den Beschluss der LVV vom 23.4.2007 zur Einrichtung eines Fonds im Zusammenhang mit Ro 19.
Schließlich gilt nach wie vor der Text, der auf der Gedenktafel am Haus Ro 19 angebracht wurde, auf einmütigen Beschluss der LVV und des Landesvorstands.
Dass die Mehrheit der Delegierten auf der LVV vom 24.11.2008 nicht qua Mehrheitsabstimmung darüber entscheiden wollte, welche konkrete Sichtweise auf die historischen Umstände des Verkaufs von Ro 19 die richtige sein soll und deshalb beschlossen hat, diesen Passus des Antrags nicht mit abzustimmen, hat auch meine ausdrückliche Zustimmung gefunden. Daraus zu folgern, dass sich die GEW nicht der Geschichte stellt, oder - wie es bei manchen anklingt - die Verbrechen des Nationalsozialismus und die Judenverfolgung verharmlost, ist aus meiner Sicht nicht nur falsch sondern in der Debatte hinderlich.

Mit freundlichen Grüßen

Klaus Bullan

Ro 19 Bullan an Herzberg 17 7 08-1.pdf

Ro 19 Detlef Garbe Verantwortung für die Geschichte übernehmen .pdf

Ro 19 Deutschlandfunk April 2009.pdf


GEW Hamburg

Beschluss des GA vom 29.11.2005
zur Gründung einer
Arbeitsgemeinschaft Rothenbaumchaussee 19

Der GA beschließt die Gründung einer Arbeitsgruppe "Ro 19".
Diese AG soll folgende Aufgaben haben:
1. Der Komplex Ro 19 wird der Gewerkschaftsöffentlichkeit noch breiter vorgestellt. Dabei gehen auch die Ergebnisse der Veranstaltung vom 9.11.2005 mit ein. Zu denken ist an einen weiteren hlz-Artikel und an eine Vorstellung der Problematik auf der LVV. Im Sommer 2006 wird eine GEW-eigene Veröffentlichung vorbereitet.
2. Die AG nimmt mit allen ihr wichtig erscheinenden Personen und Institutionen Kontakt auf, um weitere Informationen zu sammeln und um zu der unter 4. genannten Fragestellung Ratschläge einzuholen.
3. Es werden eventuelle Nachfahren der jüdischen Vorbesitzer ausfindig gemacht, um mit ihnen gemeinsam die unter 4. genannten Vorschläge zu erarbeiten bzw. zu erörtern. .
4. Die AG erarbeitet Vorschläge, welche Konsequenzen aus der Geschichte mit Ro 19 zu ziehen sind.

Der Arbeitszeitraum umfasst ein Jahr.
Zur Frühjahrs-LVV soll ein vorläufiger Bericht erstellt werden.
Im Haushalt 2006 werden die für die Arbeit der AG (evtl Reisen, Veröffentlichung) nötigen Ausgaben bis zur Höhe von 3.000 € vorgesehen.
Die AG ist für alle GEW-Mitglieder offen. Sielke Salomon wird als Sachverständige hinzugezogen.

Kann das Grundstück Rothenbaumchausse 19 unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus dem Vermögen der GEW Hamburg herausgelöst und an die Freie und Hansestadt Hamburg zum Zweck der Gründung eines jüdischen Museums verkauft werden?
Ein Beitrag an die Landesvertreterversammlung von Peter Gohl.

Vorbemerkung:
Die AG Ro 19 der GEW- Hamburg hat diesem Beitrag zugestimmt und beschlossen, ihn ihrem Prüfbericht an die Frühjahrs- LVV am 23. April 2007 ("Ist es möglich Ro 19 an die Freie und Hansestadt Hamburg zu verkaufen, um dort ein Jüdisches Museum einzurichten?") hinzuzufügen.


Ich gehe an dieser Stelle nicht auf die politisch-moralischen Gründe ein, die die GEW Hamburg veranlassen sollten, sich von ihrem Arisierungserbe, dem Grundstück Rothenbaumchausse 19, zu trennen. Der Auftrag der LVV an die AG Ro 19 zielt darauf zu überprüfen, ob es überhaupt möglich ist, das Grundstück zu verkaufen. Von diesem komplexen Prüfauftrag soll hier nur der wirtschaftliche Aspekt beleuchtet werden. Kann es sich die GEW Hamburg finanziell leisten, das Grundstück Rothenbaumchausse 19 abzugeben?
Die Antwort lautet kurz und bündig: ja.
Hier die Gründe. Wenn man sich mit den Finanzen der GEW und ihrem Vermögen beschäftigt, muss man zum einen den Betriebshaushalt betrachten - ausgewiesen in dem jährlich zu beschließenden Haushaltsplan der GEW Hamburg - sowie die Vermögensverwaltung, die von der Vermögens- und Treuhandgesellschaft (VTG) im Auftrag der GEW Hamburg betrieben wird. Sie soll mit dem Vermögen der GEW Gewinn erwirtschaften und der GEW Hamburg neben den Beitragseinnahmen zusätzliche Einnahmen zuführen. Ihr Betriebsergebnis wir in der jährlich erstellten Bilanz und der dazugehörigen Gewinn- und Verlustrechnung ausgewiesen.
Beginnen wir mit der Vermögens- und Treuhandgesellschaft (VTG). Sie hat in den letzten Jahren aus dem Grundstück Rothenbaumchausse 19 Bruttoeinnahmen in Höhe von rd. 145.000 EUR jährlich erzielt. Diese Einnahmen würden bei einer Abgabe des Grundstücks Rothenbaumchausse 19 wegfallen. Zugleich hat die VTG für die Geschäftsstelle der GEW Hamburg einschließlich der Tagungsräume jährlich knapp 70.000 EUR Betriebskosten übernommen und auf weitere rd. 80.000 EUR Miete verzichtet. Stellt die VTG diese direkten und indirekten Zahlungen an die GEW ein, so gleichen sich Einnahmeverlust und Ausgabenreduzierung annähernd aus. Für die VTG wäre die Abgabe des Grundstücks Rothenbaumchausse 19 kostenneutral und betriebswirtschaftlich unerheblich.
Die VTG hat aber ein ganz anderes und viel größeres Finanzproblem. Wegen der viel zu niedrigen Pachteinnahmen für das Saalgebäude des Curiohauses will die VTG die Einnahmen aus Ro 19 zur Bezahlung der Schulden mit heranziehen, die sich aus der Kreditaufnahme bei der Renovierung des Curiohauses ergeben haben. Diese Zahlungsverpflichtungen der VTG können aber auch anders erfüllt werden. Selbst nach Abzug aller Verbindlichkeiten hat die GEW ein Vermögen von vielen Millionen Euro. Wenn die VTG ihre Finanzstrategie bezüglich des Curiohauses änderte, könnte sie ihre Zahlungsverpflichtungen erfüllen und sogar wieder Gewinne erzielen, ohne auf die Einnahmen aus Ro 19 zurückgreifen zu müssen.
Nun zur GEW Hamburg. Wenn sie zu dem Entschluss kommt, sich aus politisch-moralischen Gründen von ihrem Arisierungserbe zu trennen, dann kann sie selbstverständlich auch keinen Gewinn mehr aus diesem Teil ihres Vermögens ziehen. Sie müsste also auf die bisherigen zusätzlichen Einnahmen aus dem Vermögen in Höhe von rd. 150.000 EUR verzichten und sehen, wie sie diese Mindereinnahmen durch andere Einnahmen und geringere Ausgaben kompensieren kann. Dazu sind in den letzten Jahren (zum Teil aus anderen Gründen) bereits zahlreiche Vorschläge gemacht und zum Teil detailliert ausgearbeitet worden.
Die wichtigsten sollen hier genannt werden. Das zur Kompensation genannte Einnahme- bzw. Ausgabenvolumen überschreitet die genannten Mindereinnahmen von 150.000 EUR deutlich. Allerdings werden sich nicht alle Vorschläge kurzfristig oder überhaupt umsetzen lassen. Doch auch ein Verkauf des Grundstücks Ro 19 wird einige Jahre in Anspruch nehmen. Bei dem genannten Gesamtvolumen von 200.000 EUR kann aber kein Zweifel daran bestehen, dass sich die durch de Verkauf bedingten Mindereinnahmen kompensieren lassen.

Kürzungen im Stellenplan (Personalhaushalt).
Bei einem so kleinen Landesverband wie der GEW Hamburg bedarf es keiner besonderen Stelle eines Geschäftsführers. Die Aufgaben des Geschäftsführers und die des Sekretärs können zusammengelegt werden. Wenn der jetzige Geschäftsführer in Rente geht, übernimmt der jetzige Sekretär dessen Aufgabe zusammen mit seinen bisherigen Aufgaben. Die Stelle des Sekretärs wird gestrichen. (Wert der Kürzung ca. 80.000 EUR)
Personalverwaltung und Buchhaltung werden heute weitgehend über EDV-Programme abgewickelt, so dass dafür bei einem so kleinen Landesverband wie der GEW Hamburg keine zwei vollen Stellen notwendig sind. Es sollte versucht werden, mit einem anderen kleinen Landesverband die beiden Aufgaben gemeinsam wahrzunehmen, so dass jeder Landesverband eine Stelle einsparen kann. Es ist selbstverständlich, dass eine Gewerkschaft wie die GEW Hamburg solche Veränderungen im Stellenplan nicht mit betriebsbedingten Kündigungen durchsetzt. Eine Umsetzung im Rahmen der Fluktuation im Personalbereich kann einige Jahre dauern. Das ist aber kein Problem. Denn auch der Verkauf des Grundstücks Rothenbaumchausse 19 wird einige Jahre in Anspruch nehmen. (Wert der Kürzung ca. 50.000 EUR)
Kostenoptimierung bei der HLZ
Eine Vorbemerkung vorweg. Es ist nicht beabsichtigt, mit diesen Vorschlägen die Anzahl der Ausgaben der HLZ zu reduzieren oder die Arbeitsbedingungen der ehrenamtlich arbeitenden Redaktion zu verschlechtern. Es gibt aber Möglichkeiten, die Kosten zu reduzieren.
Druck und Verlag werden wieder getrennt. Die verlegerische Betreuung kann im Selbstverlag vorgenommen werden. Der Druck wird neu ausgeschrieben. Der Postversand erfolgt zusammen mit der E+W. (Wert der Kürzung ca. 10.000 EUR)
Länderfinanzausgleich
In der GEW wird die Handlungsfähigkeit der einzelnen Landesverbände durch einen Finanzausgleich zwischen großen und kleinen, ostdeutschen und westdeutschen Landesverbänden sichergestellt. Als dieses Instrument geschaffen wurde, hatte die GEW Hamburg noch fast 15.000 Mitglieder und stattliche Einnahmen aus ihrem Vermögen. Sie wurde deshalb unter den Landesverbänden eingeordnet, die in den Topf einzahlen, aber nicht heraus bekommen. Jetzt gehört die GEW Hamburg zu den kleinen Landesverbänden, die Schwierigkeiten haben, die Grundversorgung aus den Mitgliedsbeiträgen zu leisten. Aus dem Vermögen ist - wie bekannt - wegen der langjährigen Verluste der VTG nichts zu holen. Zahlreiche Empfängerländer stehen heute finanziell besser da als die GEW Hamburg. Sie sollte Bundeshilfe anfordern und beantragen, in den Kreis der Empfängerländer aufgenommen zu werden. (Wert der Kürzung ca. 50.000 EUR)
Einnahmen aus Vermietungen der Räume A, B, C und D
Der Raum D sollte dauerhaft vermietet werden, die Räume A, B, und C freitags bis sonntags. Dazu muss die Nutzung durch die GEW Hamburg neu organisiert werden. Die gesamten Nutzungszeiten sind aber weit geringer als die an den Nachmittagen montags bis donnerstags zur Verfügung stehende Zeit. (Wert der zusätzlichen Einnahmen ca. 10.000 EUR)

Peter Gohl, 26.02.2007

Frankfurter Rundschau vom 28. April 2007-04-28

Rothenbaumchaussee 19 - Das Arisierungs- Erbe der GEW


Der GEW Hamburg gehört das Haus Rothenbaumchaussee 19 (Ro 19) direkt neben dem Curio-Haus. Der NS Lehrerbund, in den sich 1933 die "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens" eingegliedert hatte, kaufte es 1935 seinen jüdischen Vorbesitzern ab. Nach 1945 wurde Ro 19 unter merkwürdigen Umständen in das Eigentum der neu gegründeten GEW Hamburg übertragen.

Die Umstände des Erwerbs von Ro 19 und seiner Übertragung wurden im Auftrag der GEW von Bernhard Nette (seit 2000), Sielke Salomon (seit 2001/ 2002) und im Jahr 2006 von der AG Ro 19 der GEW- Hamburg aufgearbeitet.
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Zusammenfassung
Der "Erwerb" der Immobilie Ro 19 von den jüdischen Vorbesitzern 1935 durch den Nationalsozialistischen Lehrerbund erfolgte in einer Zeit steigender rassistischer Verfolgung. Unter den damals bereits seit zwei Jahren andauernden permanenten Einschüchterungen, der Entrechtung ganzer Berufsgruppen sowie den ökonomischen Schikanen und der antisemitische Hetz litten auch die jüdischen Eigentümer von Ro 19. Drei der vier damals noch lebenden Erben flüchteten kurz darauf aus Deutschland. Den Erlös aus dem Verkauf von Ro 19 konnten sie nur zu einem geringen Teil mitnehmen.

Beim Kauf von Ro 19 handelte es sich Arisierung. Das bedeutet: Im Jahr 1935 fand ein vertraglich fixierter Vermögenstransfer aus dem Besitz von Juden in die Hände sog. Arier statt, und zwar unter den Bedingungen der NS- Herrschaft mit ihrer stetig sich verschärfenden Verfolgungspraxis und den sich daraus ableitenden Zwangssituationen für die jüdischen Verkäufer. Es handelt sich noch nicht um die sog. Raubarisierung, wie sie ab 1937/8 typisch wurde.

Die früheren Besitzer, eine Erbengemeinschaft, gehörten dem jüdischen Hamburger Groß- und Bildungsbürgertum an. Sie sind nach 1935 zum großen Teil in die USA emigriert. Dabei verloren sie einen großen Teil ihres Vermögens.

Der Kauf von Ro 19 erfolgte zu einem Preis, der weit unter dem Wert des Hauses lag. Diese Tatsache war den leitenden Mitgliedern der GEW zu Beginn der 50er Jahre bekannt. Sowohl für den NS Lehrerbund als auch ab 1951 für die GEW war die Arisierung von Ro 19 sehr gewinnbringend.

Die neu gegründete "Gesellschaft der Freunde" / GEW- Hamburg sah sich als Rechtsnachfolgerin bezüglich des Eigentums an Ro 19 und handelte dementsprechend. Sie trug und trägt damit die direkte Verantwortung für die problematische Aneignung ("Rückerstattung") des Hauses Ro 19 zu Beginn der 50er Jahre.

Die GEW behauptete, das Haus Ro 19 sei von früher her gewerkschaftliches Vermögen. Damit wurde unterstellt, die "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesen in Hamburg" bzw. ihr "Lehrervereinshaus GmbH" habe Ro 19 im Jahre 1935 als eine freie Gewerkschaft gekauft.

Die GEW- Hamburg wehrte nach 1945 etwaige jüdische Restitutionsansprüche mit unwahren Behauptungen über den Zustand des Hauses und über seinen Wert im Jahr 1935 ab, die sie u.a. durch Aussagen ehemaliger Nazi- Funktionäre und durch ein zweifelhaftes Gutachten zu untermauern versuchten.

Die jüdischen Vorbesitzer erhoben vermutlich keine Restitutionsansprüche nach 1945.

Die "Rück"erstattung von Ro 19 an die GEW- Hamburg 1951 widersprach dem geltenden Restitutionsrecht und wurde mittels zweifelhafter Rechtskonstruktionen begründet. Die GEW- Hamburg ist heute trotzdem juristisch Eigentümerin von Ro 19.

Die GEW entwickelte keinerlei Gespür für die moralische Dimension ihres Handelns. Sie sah in der "Rück"erstattung von Ro 19 ein rein juristisches Problem und setzte sich nicht mit dem Nationalsozialismus und vor allem nicht mit all seinen Opfern auseinander. Sie handelte unter moralisch-politischen Gesichtspunkten falsch. Die Art und Weise, wie führende Vertreter der Hamburger GEW herumtricksten und mit ehemals hochrangigen Nazis wahrheitswidrige Absprachen trafen, nur um das Haus Ro 19 "zurück" zu erhalten, widersprach zentralen humanitären und gewerkschaftlichen Werten, auf die sich die GEW-Hamburg berief und heute noch beruft.

Die GEW stand mit dieser Haltung nicht allein da. Der Nachkriegsgesellschaft , die sich anschickte, in die Zeit des Wirtschaftswunders aufzubrechen, war die deutsch-jüdische Geschichte und ihr gewaltsames Ende mehr oder weniger gleichgültig. Mögliche Ansprüche, die überlebende Juden oder ihre Erben geltend machen konnten, betrachteten die meisten Deutschen als Hindernis auf dem Weg zu eigenem Wohlstand und als lästige Erinnerung an zu vergessende Verbrechen. Auch diese Tatsache spiegelt sich in Ro 19.

Das Wissen über die Vorgänge um Ro 19 ging in der GEW- Hamburg verloren. Erst im Jahre 2000 begann die Gewerkschaft sich an ihr Arisierungsproblem zu erinnern. Schon die Erbauer des Curiohauses hatten ihre Tradition einst mit der Maxime begründet: "Der Aufklärung verpflichtet!"

Die Hamburger GEW, die älteste Lehrergewerkschaft der Welt, blendete im Jahre 2005 in ihrem Rückblick auf ihre 200jährige Geschichte das Geschehen um Ro 19 nicht aus. Sie ließ in der Jubliäums- hlz einen langen Artikel veröffentlichen und veranstaltete am 9.11.2005 mit namhaften Experten eine öffentliche Veranstaltung, wo die Fakten auf den Tisch gelegt und mögliche Konsequenzen diskutiert wurden. Die Hamburger Presse und der NDR berichteten über diese Veranstaltung. Die GEW- Hamburg gründete die AG Ro 19, die den Komplex Ro 19 noch einmal gründlich untersuchen und Vorschläge unterbreiten sollte, wie mit der Problematik Ro 19 umgegangen werden solle.

Die AG Ro 19 der GEW- Hamburg hat im August 2006 ihren Abschlussbericht und ihre Vorschläge vorgelegt. Nach intensiven Diskussionen in den GEW- Gremien und Vorabstimmungen soll am 27. November 2006 auf der Landesvertreterversammlung der GEW- Hamburg über die Vorschläge der AG Ro 19 abgestimmt werden.

Die GEW- Hamburg steht mit ihrer Haltung zu Ro 19 seit einem Jahr im Licht der Öffentlichkeit. Sie sollte sich ihrer geschichtlich- moralischen Verantwortung stellen. .

Max Traeger, der erste Vorsitzenden der am 1. November 1945 wiederbegründeten "Gesellschaft der Freunde", arbeitete intensiv und erfolgreich daran, dass das Curiohauses als Gewerkschaftseigentum am 26. August 1949 "an seine Erbauer und früheren Besitzer", die "Gesellschaft der Freunde", zurückgegeben wurde. Es war von der britischen Besatzungsmacht als Vermögen des NS Lehrerbundes (NSLB) beschlagnahmt worden. Aber Max Traeger wollte zusätzlich, dass das Nachbargebäude des Curiohauses, das Haus Rothenbaumchaussee 19, an die Gesellschaft übertragen würde. Das Curio- Haus hatte nachweislich vor 1933 der "Gesellschaft der Freunde" gehört. Die Forderung nach Rückgabe war berechtigt. Aber Ro 19? Offensichtlich gab es da Schwierigkeiten.
Das Haus hatte bis 1935 einer jüdischen Erbengemeinschaft gehört. Dann war es vom NS Lehrerbund gekauft worden. Max Traeger schlug 1948 vor, das Haus Ro 19 sollte, wenn die jüdischen Vorbesitzer keine Wiedergutmachung erhalten würden, in das Eigentum der "Gesellschaft der Freunde" kommen. Das sei den Umständen angemessen. Welche Umstände waren dies - vor 1933, in der Zeit der Nazidiktatur und schließlich nach 1945?

Die früheren Besitzer von Ro 19
Das Gebäude Ro 19 wurde in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts in dem damaligen Neubaugebiet außerhalb des Dammtors (Butendammtor), dem heutigen Grindelviertel, gebaut Das Grindelviertel blieb bis in die Nazizeit ein von seinen vielen jüdischen Bewohnern mitgeprägter Stadtteil. Ro 19, ein repräsentatives viergeschossiges Haus mit Garten, ist eng mit großbürgerlichen und bildungsbürgerlichen jüdischen Familien aus Hamburg, den USA und Kanada verknüpft und repräsentiert somit eine ganze Epoche deutsch-jüdischer und deutsch-amerikanischer Geschichte vor 1933.

Ro 19 befand sich von 1890 bis 1925 im Besitz seines Erbauers, des jüdischen Kaufmanns Moses (auch Moritz) Max Bauer (im folgenden Max Bauer). Der 1846 in Hamburg geborene Geschäftsmann, der und anderem mit Tabak handelte, hatte einen Sohn, Moritz Max Bauer (geb.1875), aus seiner ersten Ehe mit Clara Elisabeth van Praag (geb. 1852 in Amsterdam). Das Haus Ro 19 hatte er für sich und seine zweite, 1848 in Toronto/Kanada geborene Ehefrau Mathilda (Mathilde), geb. Nordheimer, verw. Hallgarten erworben. Diese 1889 geschlossene Ehe blieb kinderlos.

Obwohl ihn die Quellen als Anhänger der Assimilation ausweisen, dokumentierte Max Bauer in den existentiell wichtigen Fragen zeitlebens seine Bindung an das Judentum. Er verband eine freigeistige Haltung mit der Fortsetzung jüdischer Traditionen. Dies gilt auch für die Verfügung, einen Teil des Familienvermögens der "Vaterstädtischen Stiftung von 1876" zu vermachen, die Wohnungen für ältere, würdige, bedürftige Angehörige des Deutschen Reiches "ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses gegen eine geringe Vergütung" vergab. Seit 1927 erinnert das Max und Mathilda Bauer-Stift Kielortallee an dieses Vermächtnis.

Max Bauer starb 1925 und vererbte das Haus Ro 19 zu einem Fünftel seinem Sohn aus erster Ehe Prof. Moritz Max Bauer (1875 - 1932). Dieser war ein bedeutender Musiker, Musikpädagoge und Musikwissenschaftler und wirkte seit 1918 an der Universität Frankfurt, war seit 1923 Universitätsmusikdirektor und gründete dort das musikwissenschaftliche Institut. Ursprünglich jüdischen Glaubens, ließ er sich später evangelisch taufen. Nach seinem Tod 1932 erbte sein einziger Sohn Dr. Klaus Jürgen Bauer (1905 - 1937) das erste Fünftel am Haus Ro 19. Er war Physiker und Komponist und Maler. Da bereits sein Vater konvertiert war, ist davon auszugehen, dass er ebenfalls nicht der jüdischen Gemeinde angehörte. Er wuchs in Frankfurt am Main bei seinem Vater auf und starb nach langer schwerer Krankheit 1937 kinderlos in Berlin.

Max Bauer vererbte 1925 die anderen vier Fünftel des Hauses Ro 19 vier Verwandten seiner zweiten Frau Mathilda, die Angehörige der jüdischen deutsch-amerikanischen Familie Hallgarten waren: Albert Nordheimer Hallgarten, dessen geschiedener Ehefrau Hedwig Hallgarten, geb. Rée sowie ihren gemeinsamen Kindern Mercedes Meyerhof, geb. Hallgarten und Julius Hallgarten.
Albert Nordheimer Hallgarten, 1870 in New York geboren - der zweite 1/5 Ro 19- Erbe -, stammte aus einer weit verzweigten jüdischen deutsch-amerikanischen Familie. Sein Großvater Lazarus Hallgarten war 1850 aus Mainz nach New York ausgewandert und hatte dort das Bankhaus Hallgarten and Company gegründet. Wie einige andere Mitglieder der Familie, die um die Jahrhundertwende bereits zur Hochfinanz zählte, war Albert - unter Beibehaltung der amerikanischen Staatsbürgerschaft - als Remigrant nach Deutschland zurückgekehrt. In Hamburg war er als Importkaufmann sowie von 1907-14 als königlich-serbischer Generalkonsul tätig. Er verließ die Hansestadt im Ersten Weltkrieg, arbeitete später im New Yorker Bankhaus der Familie und muss zwischen 1925 und 1935 verstorben sein. Er bekannte sich ursprünglich zur jüdischen Religion, scheint diese Bindung später jedoch gelockert zu haben.

Seine Ehefrau Hedwig Hallgharten, geb. Rée (1876 in Rio - 1959 in NY, Scheidung 1915), - die dritte 1/5 Ro 19- Erbin -, kam aus einer alten angesehenen jüdischen Hamburger Familie, deren Mitglieder sich als Kaufleute, Reeder und Fabrikanten in ganz Europa sowie in Nord- und Südamerika niedergelassen hatten. Ihr Vater war der Hamburger Kaufmann Ludwig Rée (1841 - 1916). Ihr Großonkel, der bedeutende Hamburger Pädagoge, Schulreformer und Politiker Anton Rée (1815-1891), hatte sich für die politische Emanzipation und soziale Integration der Juden eingesetzt und als Direktor der liberalen Israelitischen Freischule für eine nicht konfessionell gebundene Volksschule engagiert. Als Anhänger liberaldemokratischer Ideen war er zum Mitglied der Hamburger Verfassunggebenden Versammlung und der Bürgerschaft sowie als Mitglied des Deutschen Reichstages gewählt worden. Eine entfernte Cousine Hedwigs, Anita Rée, die bekannte Hamburger Malerin, war bereits vor 1933 ihrer jüdischen Herkunft wegen von der NS-Presse angegriffen worden und hatte sich unter dem Druck der Verfolgung im Dezember 1933 das Leben genommen.

Hedwig Hallgarten war konfessionslos. Ihr Leben war ebenso wie das ihrer Kinder von dem kosmopolitischen und großbürgerlichen Lebensstil ihrer Familie geprägt. Sie wohnte im Viertel Rotherbaum.

Ihre Tochter Mercedes )1902 - 1998 in NY) - die vierte 1/5 Ro 19- Erbin -, heiratete Robert Nordheim Meyerhof (1894 - 1960 in NY). Auch er war im Viertel Rotherbaum aufgewachsen. Er nahm wie viele deutsche Juden als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teil. Im Rang eines hochdekorierten Leutnants entlassen, trat er in die väterliche Firma ein und widmete sich dort hauptsächlich dem Handel mit Rohkakao.

Julius Hallgarten (1899 -1974 in Florida) - der fünfte 1/5 Ro 19- Erbe -, der Sohn von Hedwig und Albert Hallgarten und damit der Bruder von Mercedes, lebte 1935, also zum Zeitpunkt des Verkaufs von Ro 19, in der Schweiz. Er war kurzzeitig verheiratet mit Helene (Ellen) Hallgarten. geb. Lebenbaum (1898 - 1990 in NY). Sie kam aus der bekannten Hamburger jüdischen Familie Lebenbaum, die ebenso in Rotherbaum lebte und mit der Familie Meyerhof eng befreundet war. Ihre drei Geschwister Ernst Landers Lebenbaum (1899 - 1990 in NY), Ilse Schulz- Hiller, geb. Lebenbaum (1900 - 1998) und Manfred Landers (!904 - 2003 in NY) sind wie die übrigen Mitglieder der Familien Hallgarten, Meyerhof und Lebenbaum vor der Naziherrschaft in die USA geflohen. Dort leben noch die Söhne von Ilse Schulz- Hiller: Peter Schulz (geb. 1925) und Juergen Schulz (geb. 1927), zu denen die GEW- Hamburg brieflichen Kontakt aufnehmen konnte. Auch die beiden Söhne von Manfred Landers, Eric und Jon Landers, leben noch in den USA.

Der Erbauer von Ro 19, Max Bauer, hatte bis zu seinem Tod 1925 im Erdgeschoss des Hauses Ro 19 gewohnt. Danach wurde es bis zum Verkauf 1935 von keinem der fünf Erben genutzt, sondern vermietet und von dem Hausmakler John Elias verwaltet.


Die jüdischen Besitzer 1935 und ihr weiteres Schicksal
Dr. Klaus Jürgen Bauer, der Enkel von M. Bauers, starb1937.

Albert Nordheimer Hallgarten, der geschiedene Ehemann von Hedwig Hallgarten, war zum Zeitpunkt des Verkaufs bereits verstorben. Julius Hallgarten, ihr gemeinsamer Sohn, lebte 1935 vermutlich in der Schweiz, arbeitete spätestens 1937 im New Yorker Bankhaus der Familie und besaß wie sein Vater die amerikanische Staatsangehörigkeit. Möglicherweise war er nie deutscher Staatsbürger gewesen.

Mercedes Meyerhof emigrierte mit ihrem jüdischen Mann Robert im Januar 1936 nach Zürich. Robert Nordheim Meyerhof sah sich zur Auswanderung gezwungen, da für ihn in Deutschland, dem er im 1. Weltkrieg sein Leben zu opfern bereit gewesen war, durch die nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen die Existenzmöglichkeit entzogen wurde.

Ein großer Teil seines eigenen Vermögens sowie des Vermögens seiner Frau wurden ihm durch die "Reichsfluchtsteuer" und die "Dego-Abgabe" geraubt bzw. nach seiner eigenen Emigration als Lösegeld für die Auswanderungsgenehmigung für seine in Deutschland zurückgebliebenen über 75 bzw. 62 Jahre alten und von der Einweisung in ein KZ bedrohten Eltern Robert Meyerhof (1863 - ?) und Ella Meyerhof (1873 - 1967 in NY) abgepresst.

Ob der Entschluss zur Auswanderung vor oder nach dem Verkauf von Ro 19 gefasst wurde, bleibt offen. Für einen Zusammenhang spricht die Tatsache, dass die Im- und Exportfirma Liebert & Meyerhof, in der Robert Meyerhof als Geschäftsführer tätig war, bereits seit 1933 unter den antisemitischen Boykottmaßnahmen litt. Für einen Zusammenhang spricht auch, dass die Emigration nicht einmal ein Jahr nach dem Hausverkauf erfolgte. Die Verlegung des Wohnsitzes der Familie vom Mittelweg zur Fernsicht am 1. April 1935 allerdings könnte gegen Emigrationspläne im Frühjahr 1935 und für die Absicht sprechen, (zunächst?) in Hamburg zu bleiben, es sei denn, dass der Umzug als Interimslösung bis zur Emigration gedacht war.

Hedwig Hallgarten folgte ihren Kindern im Januar 1937 nach Zürich, wo Robert Meyerhof erst nach großen Schwierigkeiten beruflich Fuß fassen konnte. Wenngleich nicht bekannt ist, ob Hedwig Hallgarten bereits direkt vom NS-System bedroht war, wird auch sie unter der antisemitisch aufgeladenen, von permanenter Einschüchterung und beginnender Entrechtung geprägten Atmosphäre gelitten haben, zumal sie das Schicksal ihrer Tochter und ihres Schwiegersohnes vor Augen hatte. Zudem hatte es in den weit verzweigten Familien Rée und Hallgarten schon vor 1933 Fälle direkter Verfolgung durch die Nationalsozialisten gegeben. Hedwig Hallgarten war zum Zeitpunkt der Auswanderung etwa 60 Jahre alt und hätte ihren Lebensabend gern in Deutschland verbracht.

1939 siedelte die Familie nach New York über. Robert Nordheim Meyerhof, der in der amerikanischen Metropole als Kaufmann tätig war, starb dort 1960, ein Jahr nach dem Tod seiner Schwiegermutter Hedwig Hallgarten, im Alter von 65 Jahren.

Für keinen der drei in Deutschland lebenden Erbinnen und Erben bestand - das lässt sich nach dem Studium der in Hamburg zugänglichen Quellen mit großer Wahrscheinlichkeit sagen - Anfang 1935 eine unmittelbare direkte Bedrohung für Leib und Leben. Es lässt sich nicht zweifelsfrei nachweisen, dass der Verkauf von Ro 19 eine direkte Vorbereitung auf die Emigration war. Aber es waren die offen rassistischen Zustände in Deutschland von 1935, unter denen Hedwig Hallgarten, ihre Tochter Mercedes Meyerhof und ihr Schwiegersohn Robert Nordheim Meyerhof litten, als sie das Haus Ro 19 verkauften und ein dreiviertel Jahr später Deutschland für immer verließen.


Der Kauf von Ro 19 durch den Nationalsozialistischen Lehrerbund
Die jüdischen Besitzer boten das Gebäude Ro 19 im Februar 1935 zum Kauf an. Am 29.4.1935 wurde es an die "Lehrervereinshaus Gesellschaft mbH", die das Curiohaus seit seinem Bau 1911 für die "Gesellschaft der Freunde des Hamburgischen Schul- und Erziehungswesens" verwaltete, verkauft. Der notariell vereinbarte Preis belief sich auf 40.000 RM zuzüglich einer mit 562,50 RM abzulösenden Rente.

Auf der Basis der bisherigen Aktenlage ging die Initiative von den Verkäufern aus, die "Gesellschaft der Freunde" übte keinen Druck auf die jüdische Erbengemeinschaft aus.

Mit dem Ankauf wurde ein alter Plan der "Gesellschaft der Freunde" realisiert. Schon, als 1909 das Gelände für das zukünftige Curiohaus angekauft wurde, hatte man den Mitkauf des benachbarten Gebäudes Ro 19 erwogen, um der Vorderfront des Curiohauses ein symmetrisches Aussehen geben zu können. Allerdings wurde nicht mehr an Abriss und Anbau eines rechten Curiohaus-Flügels gedacht, sondern das Gebäude Ro 19 sollte modernisiert und gewinnbringend vermietet werden

Die "Gesellschaft der Freunde" hatte sich und ihren gesamten Besitz, vor allem das Curiohaus, auf ihrer großen Versammlung vom 27.4.1933 mit überwältigender Mehrheit in den Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) überführt. Damit war die "Gesellschaft der Freunde" gleichgeschaltet worden und firmierte fortan (de iure ab Anfang 1934) als "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens, Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB, Gau Hamburg". Der Parteigenosse (Pg.) Kurt Holm war die rechte Hand des neuen NS-Landesschulrats und Gauhauptstellenleiters (Vorsitzenden) des NSLB Hamburg, des Pg. Wilhelm Schulz, und leitete diese "Abteilung Wirtschaft und Recht". Zum Geschäftsführer der "Abteilung" und der "Lehrervereinshausgesellschaft GmbH" wurde der Pg. Wilhelm Bernhardt ernannt. Er blieb Geschäftsführer auch in der nach 1945 wiedergegründeten "Gesellschaft der Freunde" bis zu seinem Tod 1959.

In sämtlichen Personalien und Bestimmungen offenbart sich die neue Gliederung der Organisation von oben nach unten. Die neue Satzung spiegelt wider, dass auch in der "Gesellschaft der Freunde" der demokratische Entscheidungsprozess durch das autoritäre Führerprinzip ersetzt war und von gewerkschaftlicher Autonomie keine Rede mehr sein konnte. Es ist daher richtig zu sagen, dass der NS Lehrerbund Hamburg das Gebäude Ro 19 im April 1935 kaufte. Es gab keinen Einfluss einer wie auch immer gearteten unabhängigen Gewerkschaft auf die Kauf- Entscheidung der Lehrervereinshaus GmbH. Die handelnden NS-Funktionäre Schulz, Holm und Bernhardt, allesamt Parteimitglieder, waren den Weisungen der NSDAP unterworfen.

Holm und Bernhardt wickelten von Seiten des NSLB den Kauf von Ro 19 ab. Die vereinbarte Kaufsumme kam zur Hälfte direkt vom NSLB, zur Hälfte von den durch den NSLB übernommenen wohltätigen Kassen der alten "Gesellschaft der Freunde" als Hypothek.


Konnten die jüdischen Vorbesitzer über die Verkaufssumme verfügen?
Den früheren Eigentümern wurde die vereinbarte Kaufsumme teils in bar ausgezahlt, teils auf Hypothekenkonten überwiesen. Konnten sie auch über das Geld verfügen?

Klaus Jürgen Bauer konnte bis zu seinem Tod 1937 über seinen Anteil frei verfügen. Hedwig Hallgarten konnte bis zu ihrer Emigration 1937 ebenfalls frei über ihren Anteil verfügen. Ihre Auswanderung 1937 war allerdings mit erheblichen Vermögensverlusten verbunden. Zweifellos wird bei diesem Vermögensraub durch antijüdische Maßnahmen auch ein Teil aus ihrem Erlösanteil von Ro 19 betroffen gewesen sein. Auch ihre Tochter Mercedes erlitt bei ihrer Emigration 1936 erhebliche Vermögenseinbußen, so dass zumindest ein Teil ihres Ro 19-Erlöses den finanzpolitischen Repressionsmaßnahmen zum Opfer gefallen sein dürfte. Der Anteil von Julius Hallgarten und Albert Hallgarten Nachlass musste, weil vermutlich beide US-Bürger waren, auf ein Sperrkonto überwiesen werden, das die Verfügungsgewalt beschränkte. Mercedes Meyerhof wurde zur Treuhänderin bestimmt. Ob das Geld vor 1936 ins Ausland transferiert werden konnte, bleibt offen. Verblieb es bis zur Auswanderung von Mercedes Meyerhof in Deutschland, gilt das Gleiche wie für ihr eigenes Vermögen.

Es kann also gesagt werden, dass der NSLB entsprechend dem notariellen Vertrag die vereinbarte Summe auszahlte und von sich aus nichts unternahm, es nachträglich wieder "einzukassieren". Dass ein Teil von der Verkaufssumme den späteren antijüdischen Repressionsmaßnahmen des NS-Staates zum Opfer fiel, ist allerdings sehr wahrscheinlich. Wenn es dafür eine Verantwortlichkeit des NSLB als des Käufers von Ro 19 gab, dann nur, weil der NSLB Teil des gesamten NS-Repressionssystems war und damit auch an der Gesamtverfolgung der jüdischen Bevölkerung teilhatte. Sowohl durch seine bloße Zugehörigkeit zum NS-System, aber auch durch seine aktive antisemitische Umorganisierung und Ausrichtung der Hamburger Schulen machte sich der NSLB schuldig. Ob dies im juristischen Sinne bei dem Ankauf von Ro 19, z.B. bei etwaigen jüdischen Restitutionsansprüchen nach 1945, eine Rolle hätte spielen können, ist angesichts der Rückerstattungs-Rechtssprechung in der Bundesrepublik fraglich.

Der Kaufpreis
Der Kaufpreis für Ro 19 in der Höhe von von 40.000 RM war nicht nur nicht angemessen, er war dramatisch zu niedrig.

Zwar könnte für die Angemessenheit des Preises sprechen, dass die Immobilienpreise, insbesondere für große ältere Stadtvillen wie Ro 19, im Gefolge der Weltwirtschaftskrise stark gefallen waren. In welchem Maße sich die Preise bis 1935 schon wieder erholt hatten, kann nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden, aber sie waren sicher noch nicht wieder auf dem Stand von der Zeit vor der Krise oder gar vor dem 1. Weltkrieg. Inzwischen lässt sich der eigentliche Wert des Hauses Ro 19 aber rekonstruieren.

Vom Oktober 1935 bis Mitte 1936 ließ der NSLB Ro 19 renovieren und umgebauen. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 35.000 RM. Zählt man sie zum Kaufpreis von 40.000 RM hinzu, erhält man 1936 für Ro 19 eine Summe von 75.000 RM, die der NSLB für Kauf und Modernisierung aufgewendet hat.

Dazu sagte der Gauhauptstellenleiter des NSLB, Kurt Holm, in der Aufsichtsratssitzung der Curiohaus GmbH in Hamburg am 10. November 1938: "Es bot sich die günstige Gelegenheit, ein angrenzendes Gebäude zu erwerben, dessen Wert mit 200.000 RM geschätzt wurde. Es wurde erworben mit einem Aufwand von 40.000 RM. 30.000 RM wurden verwendet für Umbau- und Ausbesserungsarbeiten. Auch dieses Haus befindet sich jetzt in einem guten Zustand und konnte gut, in der Hauptsache an Behörden, vermietet werden." Möglicherweise bezog sich Bernhardt bei den angegebenen 200.00 RM auf die Zeit vor 1914, sicher scheint aber zu sein, dass der Vorsitzende der Lehrervereinshaus-Gesellschaft von einem Wert für Ro 19 ausging, der deutlich höher lag als der gezahlte Preis.

Dieser Sachverhalt wird bestätigt durch eine neu aufgefundene interne Akte zu Ro 19, angelegt 1936. In einem Schreiben vom 10.11.1936 wird für Ro 19 ein Schätzwert von 166.320 RM nach dem Einbau der Zentralheizung etc. und der drei Garagen im Keller angegeben. Und der Feuerkassenwert für das Haus Ro 19 lag 1936 bei 176.610 RM.

Diese Summen entsprechen denen des sog. Pfau- Gutachtens vom 7. November 1945, das kürzlich auch wiedergefunden werden konnte. Auf Antrag des von der britischen Besatzungsmacht eingesetzten Treuhänders und nach Vermittlung der Handelskammer wurde der renommierte Sachverständige Dr. Oscar Pfau mit der Aufgabe betraut, den Wert des Curiohauses (und damit auch von Ro 19) zu ermitteln. Er kam für Ro 19 auf einen gemeinen Wert von 164.551 RM, bezogen auf das letzte Friedensjahr. Diese Summe ist fast identisch mit den 166.320 RM aus dem oben erwähnten Dokument vom 1936.

Ob Ro 19 bereits 1935 166.000 RM wert war, ist zu bezweifeln, weil in dem Jahr die Immobilienpreise generell niedriger waren als z.B. 1938, dem Jahr, auf das sich die Daten des Pfau-Gutachten beziehen. Auf der anderen Seite verringerte Dr. Pfau den Bauwert entsprechend dem 75jährigen Alter des Gebäudes im Jahr 1945 um 75 % (1 % pro Jahr), aber 1935 wären nur 65 % abzuziehen. Umgerechnet auf den gemeinen Wert würde dies für 1935 sogar einen um 11.000 RM höheren Wert bedeuten.

Konservativ berechnet hat der Wert des Hauses 1935, d.h. vor Renovierung und Umbau, zwischen 120.000 und 130.000 RM betragen, also knapp 80.000 bis 90.000 RM höher als die Kaufsumme von 40.000 RM, die mit dem NSLB vereinbart worden war. Die jüdischen Vorbesitzer haben für das Haus Ro 19 etwa ein Drittel von dem erzielt, was es wert war.


Warum ließen sie sich auf diesen schlechten Handel ein? Ursprünglich hatten sie das Haus noch für 50.000 RM, also für 10.000 RM mehr angeboten. Aber: "Es rentierte sich für jüdische Eigentümer normalerweise nicht, um entsprechende Kaufpreise zu pokern oder die Verhandlungen irgendwie in die Länge zu ziehen, weil ihre Rechtsposition sich im nationalsozialistischen Deutschland eigentlich stetig verschlechterte." (Frank Bajohr, Interview in der hlz 03-04/2006, S. 46). Einige Mitglieder der jüdischen Erbengemeinschaft, unter ihnen versierte Geschäftsleute, standen offensichtlich zusätzlich unter Zeitdruck. Bernhardt hatte in einem Brief vom 1.März 1935 an seinen Vorgesetzten Holm darauf hingewiesen, dass "die Gegenseite einen schnellen Abschluss wünscht." Es spricht einiges dafür, dass diejenigen, die im Januar 1936 emigrierten, dies bereits beim Verkauf von Ro 19 planten.

Eines ist ganz sicher: Der NSLB und auch die neugegründete "Gesellschaft der Freunde" nach 1945 wussten um den eigentlichen Wert des Gebäudes Ro 19. Ihre Akten beweisen es. In einer Festschrift der "Gesellschaft der Freunde", die zum 50jähigen Bestehen des Curiohauses 1961 herausgegeben wurde, heißt es denn auch: "Der Preis war außerordentlich niedrig."

Die Arisierung von Ro 19, denn um eine solche handelte es sich, war ein Schnäppchen gewesen..


Hat sich der Ankauf gelohnt?
Bernhardt und Holm waren überzeugt davon, dass der Ankauf von Ro 19 auf Dauer finanziell sehr lohnend sein müsse. Wie sich aus einem "Bericht über das Curiohaus von Herbst 34 - Mai 38" ergibt, erfolgte der Kauf des Gebäudes Ro 19 zwar "1935 im Frühjahr, in der Zeit größter Regression." [Gemeint ist wohl Rezession; d. Verf.]. Das Unternehmen sei ein "Wagnis" gewesen, aber, so rechtfertigte man die Investition: "eine Gelegenheit wie diese durfte nicht verpasst werden. 1911 225 000 M, jetzt angeboten für 40 000." Man betrachtete den Kauf primär als "Zukunftsmusik", als "Platz für den nicht gebauten Flügel" des Curiohauses. Aber auch "in seinem gegenwärtigen Bestand" war das Gebäude "nach Ansicht der Verwaltung geeignet, durch Erschließung neuer Einnahmequellen die finanzielle Lage des Gesamtunternehmens zu erleichtern."

Wie beim Curiohaus entschied man sich dafür, die Großwohnungen nicht aufzuteilen, sondern modernisiert als Geschäftszimmer anzubieten. Diese Strategie erwies sich als erfolgreich. Nachdem die Umbaumaßnahmen gut ein Jahr nach dem Ankauf abgeschlossen waren, zog in die beiden unteren Stockwerke das Staatliche Lichtbildamt, die beiden oberen Etagen und der halbe Boden wurden (offenbar im April 1936) von der Heeresstandortverwaltung angemietet.

Trotz Krieg und (geringer) Zerstörung war und ist Ro 19 bis heute eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte. Kurz nach dem 2. Weltkrieg bezifferte Bernhardt für Ro 19 die "jährlichen Ertragsnormen (…) in den letzten Jahren vor der (britischen; d.Verf.) Besetzung" mit 11.400 RM für das Bürohaus und 3.100 RM für die neugebauten Garagen im Hof. Der Gesamtertrag (Haus und Garagen) von 1937 bis 1945 belief sich also auf insgesamt ca. 130.000 RM. Damit war die Gesamtinvestition aus den Jahren 1935/36 in Höhe von 75.000 RM bereits nach 9 Jahren Jahren mehr als ausgeglichen worden.

Die "Gesellschaft der Freunde"/GEW zog auch nach der "Rück"erstattung von Ro 19 zu Beginn der 50er Jahre einen stetigen Gewinn aus der Vermietung des Gebäudes. Sie ließ gleich nach der endgültigen Übertragung noch in den 50er Jahren (Planungsbeginn 1953) das Hinterhaus errichten, in dem lange Zeit der Curio-Verlag seine Räume hatte. Die "Gesellschaft"/ die GEW- Hamburg hat insgesamt in den mehr als 50 Jahren, also von der Übertragung Anfang der 50er Jahre bis 2006, nur mit dem Haus Ro 19 umgerechnet knapp vier Millionen Euro eingenommen, und zwar nach vorsichtiger Rechnung.


Nach 1945: Restitution, aber an wen? Das Handeln der GEW.
Nach dem Zusammenbruch des Faschismus 1945 war es das Ziel der neugegründeten "Gesellschaft der Freunde" und ihres Vorsitzenden Max Traeger, das Gebäude Ro 19 als ehemaliges Gewerkschaftseigentum in das Eigentum der "Gesellschaft" / der GEW- Hamburg übertragen zu lassen. Dafür musste die britische Besatzungsmacht bzw. der Gewerkschaftsprüfungsausschuss für die britische Besatzungszone ab 1948/49 davon überzeugt werden, dass die "Gesellschaft der Freunde" bzw. die "Lehrervereinshaus Gesellschaft" zum Zeitpunkt des Kaufs, also 1935, keine Nazi-Organisation war, sondern als freie Gewerkschaft das Haus erworben habe. Nur so war es überhaupt möglich, das Haus als ehemaliges Gewerkschaftseigentum zu beanspruchen.

Da die "Gesellschaft der Freunde" ihren Restitutionsanspruch auf Ro 19 als Mitglied der GEW und damit des DGB (seit 1948) erhob, wurde sie wie auch im Falle des Curiohauses durch die Vermögens- und Treuhandgesellschaft des mächtigen DGB vertreten. Es konnte erreicht werden, dass der Fall vor dem Gewerkschaftsprüfungsausschuss für die britische Besatzungszone (GPA) in Düsseldorf und nicht vor dem Restitutionsgericht in Celle verhandelt wurde. Im Mai 1951 begannen die Verhandlungen und wurden am 15 Juni 1951 abgeschlossen.

Zur Vorbereitung erhielt Max Traeger, der neue Vorsitzende der "Gesellschaft der Freunde" /GEW- Hamburg, einen vom 12. September 1949 datierten Brief von Dr. Ebers, zuständig im DGB für die Vermögensverwaltung. Ebers schrieb: "…. wird das Objekt Rothenbaumchaussee 19 mit Rücksicht darauf, dass es aus ehemaligem jüdischen Besitz stammt, erst Anfang nächsten Jahres zur Rücküberstattung angemeldet. Wir bitten aber, uns schon heute Abschriften der Urkunden zuzusenden, aus denen hervorgeht, dass Euch das Objekt Anfang 1935 zum Kauf angeboten worden ist und dass die Geldmittel aus dem früheren Vermögen der Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens stammen. Wir würden empfehlen, dass der frühere Leiter der Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB, Herr Holm, eine entsprechende Erklärung schon heute abgeben würde."

Am 27. September 1949 präzisierte der alte und neue, aus Nazizeiten übernommene "Gesellschaft"/ GEW- Geschäftsführer Bernhardt diesen Wunsch des DGB und bat seinem alten NS-Vorgesetzten Kurt Holm: "höflichst um Abgabe einer ausführlichen Erklärung darüber, dass die Geldmittel zu dem im März 1935 erfolgten Kauf des oben bezeichneten Grundstücks aus dem früheren Vermögen der Gesellschaft der Freunde etc. stammen, keinesfalls aus Geldern des ehemaligen NSLB."

Es war eine unlösbare Aufgabe, die der DGB den beiden ehemaligen Pg. zumutete. Sowohl Wilhelm Bernhardt als auch Kurt Holm selber, der zusätzlich zu all seinen NS-Ämtern vor 1945 auch das Amt des Vorsitzenden des Aufsichtsrats der Lehrervereinshaus G.m.b.H bekleidet hatte, mussten wissen, dass die Gelder zum Ankauf von Ro 19 vom NSLB bereitgestellt worden waren. Die entsprechenden Unterlagen haben sich bis heute erhalten.

Also sagte Holm schlicht die Unwahrheit. Am 10.Oktober 1949 erklärte er in einem Antwortschreiben, die "Gesellschaft der Freunde" sei bis zu ihrer Liquidierung 1937 "ein völlig selbstständiger, rechtsfähiger Verein" gewesen. Sie habe "sämtliche Geschäftsanteile der Lehrervereinshaus G.m.b.H. allein im Besitz" gehabt. Das habe sich erst 1937 (Gesetz zur Auflösung von Beamtenvereinigungen) mit der Auflösung der "Gesellschaft der Freunde" geändert, als die Geschäftsanteile der Lehrervereinshaus G.m.b.H. "in den Besitz der Reichswaltung des Nationalsozialistischen Lehrerbundes" überging. Er betonte: "Es steht mithin außer allem Zweifel, dass die Gesellschaft der Freunde bis zum Abschluss des Liquidationsjahres am 25.6.1938 alleinige Eigentümerin des Grundstückes Rothenbaumchaussee 19 war." Erst danach habe die "Reichswaltung" "das Curiohaus und das Grundstück Rothenbaumchaussee 19 ihrer eigenen Grundstücksverwaltung in Bayreuth eingliedern" können. Zum Kauf von Ro 19 seien ausschließlich Mittel eben jener vorgeblich völlig selbstständigen "Gesellschaft der Freunde" verwandt wurden. Die "Gesellschaft der Freunde" sei bis 1938 "alleinige Eigentümerin" von Ro 19 gewesen.

Hier wählten also die Hamburger Leitung der neuen GEW und der DGB das Hilfskonstrukt, das für manche GEW- Funktionäre bis in die Gegenwart bedeutsam geblieben ist: Das Geld zum Ankauf von Ro 19 habe der NSLB den geraubten Kassen der freien Gewerkschaften, die es vor 1933 gab, entnommen. Diesem Argument folgte der GPA übrigens nicht, er ging in seiner späteren Entscheidung gar nicht darauf ein. Er übernahm auch nicht die abenteuerliche These von Holm, dass die "Gesellschaft der Freunde" ein "völlig selbstständiger, rechtsfähiger Verein" gewesen sei.

Aber Holm zeichnet hier auch schon vorsichtig einen zweiten Weg vor, dem der GPA später folgen konnte. Die Selbstständigkeit der "Gesellschaft der Freunde" in Nazizeiten ergebe sich aus der (angeblichen) Selbständigkeit seiner Vermögensträgerin, der "Lehrervereinshaus G.m.b.H.", die erst 1937 liquidiert worden sei. Es hat danach, um ein Bild zu gebrauchen, der vorgeblich bis 1937 freie Schwanz mit dem seit 1933 gleichgeschalteten Nazi- Hund gewedelt.

Von den Behauptungen Holms stimmte nur, dass die nationalsozialistische "Gesellschaft der Freunde" alle Geschäftsanteile der Lehrervereinshaus G.m.b.H. in ihrem Besitz gehabt hatte. Von der "Gesellschaft der Freunde" als von einem völlig selbstständigen und rechtsfähigen Verein zu sprechen, ist aber Unsinn. Richtig ist nur, dass der Hamburger NSLB seit 1933 alle Vermögensteile kontrollierte, dann aber ab 1937/38 in Etappen an die Reichswaltung des NSLB in Bayreuth übertragen musste. Insofern war die Vermögensträgerin der "Gesellschaft", die Lehrervereinshaus Gesellschaft, seit 1933 eine völlig von dem NSLB abhängige Vermögensträgerin, erst in Hamburg, dann in Bayreuth und ab 1942 als Gesellschafts"hülle" völlig liquidiert.

Warum war die Frage, ob das Haus Ro 19 "keinesfalls aus Geldern des ehemaligen NSLB", so Bernhardts Formulierung, gekauft worden war, so wichtig? Es wäre völlig unmöglich gewesen, dass die Gewerkschaft "Gesellschaft der Freunde" nach 1945 ein Gebäude zugesprochen bekommen hätte, das von einer NS-Organisation erworben wurde. Das wussten der DGB und die neue Gewerkschaft "Gesellschaft der Freunde". Die einfache Wahrheit ist: Das Haus Ro 19 war von Anfang an kein Eigentum einer freien Gewerkschaft. Genau dies aber behauptete 1951 der Gewerkschaftsprüfungsausschuss und machte es zur Grundlage seiner Entscheidung, Ro 19 an die GEW- Hamburg zu übertragen.

Frank Bajohr bewertet den Vorgang so: Der Erwerber 1935 sei in jedem Fall der NS- Lehrerbund gewesen. Das sei auch der Grund gewesen, warum das Landesamt für Vermögenskontrolle dieses Grundstück nach 1945 zunächst nicht freigegeben habe, es habe ganz offiziell als nationalsozialistisches Grundstück gegolten und sei völlig zu Recht nicht als Gewerkschaftsgrundstück behandelt worden. Es sei es kein verkapptes Gewerkschaftseigentum gewesen. Andererseits sei vermutlich ehemaliges Gewerkschaftsvermögen beim Ankauf 1935 genutzt worden. Die Gewerkschaft habe nach 1945 nur einen Anspruch gehabt, nach Freigabe der Immobilie durch das Landesamt für Vermögenskontrolle finanziell im Hinblick auf das beim Kauf eingesetzte beschlagnahmte Gewerkschaftsvermögen entschädigt zu werden. Die Immobilie selbst hätte der Allgemeinheit zugeordnet werden müssen. Die GEW habe kein Recht auf Naturalrestitution von Ro 19 gehabt.

Um etwaige Restitutionsansprüche der jüdischen Vorbesitzer oder der Jewish Trust Corporation abzuwehren, schrieb am 20. Dezember 1950 Dr. Ebers im Namen der Vermögens- und Treuhandgesellschaft des DGB: "In der obigen Rückerstattungsangelegenheit wurde uns durch Oberregierungsrat Klesper (vom Hamburger Landesamt für Vermögenskontrolle; d. Verf.) mitgeteilt, dass die Erbengemeinschaft, die seinerzeit das obige Grundstück an Euch (Die Gesellschaft der Freunde; d. Verf.) verkauft hat, einen Rückerstattungsantrag gestellt hat." Ebers forderte daher von der "Gesellschaft der Freunde" "eine möglichst eingehende Darstellung über den seinerzeitigen Ankauf des Grundstückes, damit wir beurteilen können, ob Einwendungen gegen Rückerstattungsanspruch (der jüdischen Vorbesitzer; d. Verf.) überhaupt Erfolg haben könnte."

Es sollte vor allem die Angemessenheit des niedrigen Kaufpreises herausgestellt werden. Das Haus musste als verwahrlost, unmodern und unvermietbar charakterisiert werden, das der "Gesellschaft" förmlich hätte aufgedrängt werden müssen und für das 40.000 RM schon fast eine zu große Geldausgabe gewesen sei. Des weiteren sollte bewiesen werden, dass die jüdischen Vorbesitzer den vereinbarten Kaufpreis auch wirklich erhalten hätten.

Auf Ebers Schreiben antwortete der Geschäftsführer der "Gesellschaft der Freunde ", der bereits bekannte Wilhelm Bernhardt. Er war 1935 Geschäftsführer der Lehrervereinshaus G.m.b.H. gewesen war und hatte in dieser Funktion den Ankauf von Ro 19 mit getätigt. Er stilisierte in seinem Schreiben vom 3. Januar 1951 den Ankauf zu einem Akt der Gefälligkeit, und zwar in einem unerträglichen Jargon, der an gerade erst zu Ende gegangenen Zeiten erinnerte und jede Sensibilität den ehemaligen jüdischen Eigentümern gegenüber vermissen ließ. Es habe sich bei Ro 19 um ein "verwahrlostes Gewese" gehandelt, das "anzufassen" man zunächst "wenig Neigung" gezeigt habe. Die "Gesellschaft der Freunde" habe als einziger Käufer " mit diesem wie Sauerbier angebotenen Grundstück überhaupt etwas" habe anfangen können. Nur 11 Jahre vorher, 1938, hatte Bernhardt noch festgestellt, eine solche Gelegenheit wie den Kauf von Ro 19 habe man sich nicht entgehen lassen dürfen.

Ein angeblich in den Akten befindliches Gutachten des botanischen Instituts, das als weiterer Beleg für eine "Verwahrlosung" die "Einnistung" von echtem Hausschwamm im gesamten Treppenhaus bestätigen sollte, ist nicht auffindbar, ebensowenig Rechnungen über die Beseitigung eines solchen Schadens. In der Bauakte befinden sich keine Hinweise auf diesen meldepflichtigen Schaden. Dagegen waren im Sommer 1936 im Haus Bekämpfungsarbeiten gegen den gemeinen Hausbock ausgeführt worden, an dessen Stelle Bernhardt nachträglich offensichtlich den viel gefährlicheren und teurer zu beseitigenden Schwamm setzte.

Um begründen zu können, dass der Preis von 40.000 RM angemessen war, hatte Max Traeger ein Gutachten beim Wirtschaftsprüfer Dr. Georg Schmidt aus Hamburg Volksdorf bestellt, das er im Oktober1950 vorgelegt wurde. Schmidt kam zum Ergebnis, der gezahlte Kaufpreis von 40.000 RM könne "als durchaus angemessen bezeichnet werden." Was der "bekannte Hausmakler", so Max Traeger in einem Brief vom Oktober 1950 an Ebers, auf anderthalb Seiten als Expertise ablieferte, war allerdings eine Farce. Anstatt zumindest Vergleichszahlen aus der Zeit des Verkaufs und den Jahren zuvor zu präsentieren, wiederholte der vermeintliche Experte eine Kalkulation des damaligen Ro 19-Hausmaklers John Elias vom 18. Februar 1935, der - als Verkaufsargument(!) - auf eine möglichst geringe Grundsteuer abgezielt hatte. Schmidt verzichtete ansonsten auf jede Einordnung in den historischen Kontext. Sein einziges Recherchebeispiel bestand in einem einzigen Hinweis auf den als Vergleichsbeispiel nicht wirklich hilfreichen Verkauf einer Immobilie am Mittelweg - aus dem Jahre 1950!

Dieses Schmidt-Gutachten war ein (brüchiger) Eckstein im Argumentationsgebäude der "Gesellschaft der Freunde" zur Abwehr etwaiger jüdischer Ansprüche. Am 10. Oktober 1950 schrieb Max Traeger eher erleichtert an Dr. Ebers vom DGB: "Nach diesem Gutachten scheint es mir gar nicht notwendig gewesen zu sein, dass der damalige Treuhänder Dr. Barkowski das Haus als Judengrundstück angemeldet hat."

In all diesen Fragen arbeiteten die führenden DGB- und GEW- Mitglieder mit Fritz Klesper zusammen, der nach 1945 Leiter des Landesamtes für Vermögenskontrolle war. Seine Aufgabe war es u.a., sich mit den unrechtmäßigen Enteignungen in der Nazi- Zeit zu befassen. Für diese Tätigkeit war er im Sinne einer "abstrusen Ironie" (Frank Bajohr) besonders wenig geeignet. Er war während der Nazizeit Leiter der Überwachungsabteilung in der Hamburger Devisenstelle und damit direkt verantwortlich für die finanziellen Enteignung der Hamburger Juden. Es gibt handschriftlichen Notizen über Klespers Gespräche mit Bernhardt zum Thema Ro 19.

Zwischenbemerkung: Das eigentlich Irritierende
Das eigentlich Irritierende, ja, Empörende ist jedoch nicht dies "Gutachten" und ist auch nicht das unsägliche Schreiben des ehemalige leitenden Pg.s Bernhardt, sondern der Stellenwert, der dem Schmidt-Gutachten von dem Gewerkschaftsvorsitzenden Max Traeger beigemessen wurde. Nicht nur, dass er die Legitimität für den Besitz des Gebäudes Ro 19, das unter höchst fragwürdigen Voraussetzungen in der NS-Zeit erworben worden war, von einem derart windigen Zeugnis herleitete, nein, er ließ auch das 1945 erstellte Pfau-Gutachten über den tatsächlichen Wert des Hauses bewusst in der Schublade liegen und ersetzte es durch ein Gutachten, das das Papier nicht wert war, auf dem es stand. Max Traeger und die Mitbeteiligten in der "Gesellschaft", aber auch im DGB, tricksten, es ging ihnen gar nicht um die Aufklärung problematischer Vorgänge und auch nicht um moralische oder gar materielle "Wiedergutmachung". Sie verfolgten borniert organisationsegoistische Interessen.

Empörend ist die Kumpanei von Max Traeger mit den ehemaligen NS- Größen aus dem Bildungssektor wie Bernhardt oder Holm, wenn es darum ging, Beweise über den Ankauf von Ro 19 zu frisieren. Irritierend sind seine Gespräche über Ro 19 mit Klesper.

Max Traeger kam offenbar nicht auf den Gedanken, nach dem Schicksal der ehemaligen Besitzer zu fragen, geschweige denn das Verhalten der Gesellschaft im Jahre 1935 einer kritischen Reflexion zu unterziehen oder gar so etwas wie Scham zu empfinden.

Max Traeger und die führenden Mitglieder der Lehrergewerkschaft wollten nicht zur Kenntnis nehmen, dass das eigentliche Ziel der Restitutionsverfahren die "Wiedergutmachung" nationalsozialistischen Unrechts war. Rückerstattungsverfahren hätten den Raum für eine offene Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Opfern geboten. Statt dessen erhob die "Gesellschaft der Freunde" selbst einen Restitutionsanspruch auf Ro 19.


Restitutionsansprüche der jüdischen Vorbesitzer?
Erhoben die überlebenden jüdischen Vorbesitzer tatsächlich Restitutionsansprüche? Die Quellen zeigen ein widersprüchliches Bild.

Einerseits wurde bis zum Ablauf der Anmeldefrist für individuelle Antragsteller am 30. Juni 1950 von den ehemaligen Eigentümern kein Rückerstattungsantrag bei der Central Claims Registry in Bad Nenndorf eingereicht. Dort war die zentrale Anmeldestellestelle, die die Verfahren dann dem Wiedergutmachungsamt zuwies, "in dessen Zuständigkeitsbezirk sich der Vermögensgegenstand befand". Andererseits heißt es in einem Schreiben des Hamburger Landesamtes für Vermögenskontrolle, das laut Verordnung der Militärbehörden für die Kontrolle von blockiertem Vermögen zuständig war, an das Zentralamt für Vermögensverwaltung in Bad Nenndorf vom 29.11.1950 und auch in dem Schreiben der VTG des DGB an die VTG der "Gesellschaft der Freunde" vom 20.12.1950, die früheren Eigentümer hätten einen Anspruch auf Rückerstattung angemeldet.

Die Maßnahme des Landesamtes Hamburg dürfte daraus zu erklären sein, dass mit der Möglichkeit einer Anmeldung durch die Jewish Trust Corporation gerechnet werden musste (s.u.). Auf diese für die britische Zone zuständige Nachfolgeorganisation gingen bei erblosen rückerstattungspflichtigen Vermögen, d.h. wenn die Berechtigten ermordet worden waren, oder in Fällen der Säumigkeit, wenn die Berechtigten von sich aus keine Ansprüche geltend gemacht hatten, automatisch die Ansprüche über. Da das am 1.10.1949 eingerichtete Wiedergutmachungsamt beim Landgericht Hamburg Anfang 1951 erklärte, es liege kein Antrag vor, kann das Schreiben des Landesamtes an die VTG der "Gesellschaft der Freunde" vom 29.11.1950 wohl nur so interpretiert werden, dass es sich um eine prophylaktisch durch das Landesamt vorgenommene Eintragung handelte, die auf die Verfügung vom 25.10.1950 zurückzuführen ist. Es war jene "K-Eintragung", von der in dem Beschluss des Gewerkschaftsprüfungsausschusses für die britische Zone (GPA) vom 15. Juni 1951 (s.u.) die Rede ist und die nach dessen Wortlaut "zur Verfolgung eines Wiedergutmachungsanspruchs nicht ausreicht[e]." Auch ein Antrag der Jewish Trust Corporation lag nach Ablauf der ihr eingeräumten Frist bis zum Januar 1952 nicht vor.

Auf der Basis der Akten bestehen also kaum noch Zweifel daran, dass die ehemaligen Eigentümer keine Restitutionsanträge gestellt haben. Die Bauer-Erben und Familie Hallgarten/Meyerhof wurden nach 1945 von renommierten Sozietäten vertreten, die schon vor ihrer Emigration für sie tätig waren und die für sie andere Wiedergutmachung- und Restitutionsansprüche (u. a. wegen Entziehung von Wertpapieren, Bargeld und Devisen oder Schädigung im beruflichen Fortkommen) fristgemäß angemeldet und engagiert vorgetragen haben. Die vom Testamentsvollstrecker aufbewahrten Akten zum Nachlass Prof. Moritz Max Bauer und Dr. Klaus Jürgen Bauer enthalten offenbar keinerlei Hinweis auf einen von Dr. Klaus Jürgen bauer geltend gemachten Rückerstattungsanspruch für das Gebäude Rothenbaumchaussee 19.

Nach Informationen des Richters Dr. Weyhe am Landgericht Hamburg liegen bei der Wiedergutmachungskammer zwar zwei Akten vor, die sich auf Restitutionsansprüche von Hedwig Hallgarten "wegen Heranziehung zur sog. Reichsfluchtsteuer und wegen der Entziehung von Devisen" beziehen. Ferner existiere eine weitere Akte, in der der Testamentvollstrecker Ansprüche der Erben Dr. Klaus Jürgen Bauer "wegen Entziehung von Wertpapieren" geltend gemacht habe. In allen drei Akten befänden sich jedoch "keine Hinweise auf Ansprüche wegen Entziehung von Grundeigentum."

Gründe für eine Nichtanmeldung von Restitutionsansprüchen durch die ehemaligen Besitzer lassen sich viele denken. Auch für das Nichtvorhandensein von möglichen Restitutionsakten könnte es Gründe geben. Diesbzügliche Anfragen bei den entfernten Nachfahren von Helene Hallgarten in den USA (Peter Schulz, Juergen Schulz) sind noch nicht abgeschlossen.

"Rück"gabe an die GEW- Hamburg
Nachdem sich herausstellte, dass die jüdischen Vorbesitzer offenbar keinen Restitutionsanspruch gestellt hatten, beschloss der Gewerkschaftsprüfungsausschuss (GPA) auf seiner Sitzung vom 15. Juni 1951, dem Antrag zu folgen und Ro 19 kostenfrei der VTG der Gewerkschaft "Gesellschaft der Freunde" zu übertragen.

Zwar sei Ro 19 "nachweislich des Grundbuchs" das Eigentum des NS Lehrerbunds, also einer durch Kontrollratsgesetz Nr. 2 aufgelösten Organisation, gewesen. Wörtlich heiß es weiter:
"Vorher war seit dem 29.4.1935 (…) das ´Lehrervereinshaus, Gesellschaft mit beschränkter Haftung´ als Eigentümer in der I. Abteilung des Grundbuches eingetragen. Diese erst nach Inkrafttreten des NS-Gesetzes über Beamtenvereinigungen vom 27.5.1937 aufgelöste Gesellschaft war nur Vermögensträgerin der früheren ´Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens in Hamburg´. Letztere hatte vor der Überführung in den NSLB gewerkschaftlichen Charakter, wie sich aus den §§ 1, Absatz (1) 118 der am 1.1.1928 in Kraft getretenen Satzung ergibt und auch durch eidesstattliche Versicherungen ehemaliger Mitglieder dieser Gesellschaft bekräftigt wird."

Der GPA schloss daraus: "Das Grundstück ist von früher her gewerkschaftliches Vermögen". Diese Schlussfolgerung ist falsch.

Richtig sind die Ausführungen des GPA zwar insoweit, als dass die "Gesellschaft der Freunde" vor 1933 eine Gewerkschaft und die Lehrervereinshaus Gesellschaft nur Vermögensträgerin der "Gesellschaft der Freunde" gewesen sei. Allerdings fehlt der explizite Hinweis darauf, dass die "Gesellschaft" nach 1933 keine freie Gewerkschaft mehr war. Nun könnte man meinen, das ergebe sich aus der eben wiedergegebenen Ausführung, die Gesellschaft habe "vor der Überführung in den NSLB gewerkschaftlichen Charakter" besessen und eben danach nicht mehr.

Der GPA führte mit dem Hinweis auf die Vermögensträgerin - die Lehrervereinshaus Gesellschaft sei ja schließlich erst 1937 aufgelöst worden - , ein argumentatives Hilfskonstrukt ein. Die pure Existenz der Vermögensträgerin bis 1937 scheint in dieser Argumentation stellvertretend für den folgenden Nachweis zu stehen: Indem sie einer früheren freien Gewerkschaft als Vermögensträgerin diente, habe sie das Gebäude Ro 19 1935 mitten in der nationalsozialistischen Herrschaft quasi stellvertretend für eine - nicht vorhandene - freie Gewerkschaft gekauft.

Implizit wurde die "Gesellschaft der Freunde" damit für 1935 noch als eine freie Gewerkschaft behandelt, explizit konnte der Gewerkschaftsprüfungsausschuss - im Gegensatz zu Kurt Holm - das selbstverständlich nicht so genau ausdrücken.

Die Unhaltbarkeit dieser Gedankenkonstruktion muss dem Gewerkschaftsprüfungsausschuss, aber auch dem DGB und der "Gesellschaft der Freunde" klar gewesen sein. Dafür gibt es einen Hinweis. Mit dem Beschluss des Prüfungsverfahren vom 20. Januar 1950 übertrug der GPA das Curiohaus der VTG der "Gesellschaft der Freunde". Im Beschlusstext werden Textbausteine verwendet, die identisch mit denen sind, die ein Jahr später auch für den Ro 19-Beschluss Verwendung fanden. Es gibt nur einen Unterschied: Beim Curiohaus lautete die Begründung völlig schnörkellos und logisch-gradlinig, dass die frühere Gesellschaft der Freunde vor 1933 gewerkschaftlichen Charakter gehabt habe. Der argumentative Umweg über die Lehrerhaus GmbH entfiel, schließlich hatte die Gesellschaft der Freunde das Curiohaus als Gewerkschaft bereits 1911 bauen lassen. Ro 19 war dagegen 1935 von einer nationalsozialistischen Organisation unter dubiosen Umständen gekauft worden - und sollte trotzdem als altes Gewerkschaftseigentum zurückgeholt werden.

Die Entscheidung des GPA vom 15. Juni 1951 blieb nicht ohne Widerspruch. Im Beschlusstext des GPA zu Ro 19 heißt es: "Das Landesamt (für Vermögenskontrolle; d.Verf.) Hamburg hat jedoch gegen die Übertragung wegen möglicher Rückerstattungsansprüche jüdischer Vorbesitzer Bedenken geäußert." Zwar liege nur eine K-Anmeldung vor, die zur Verfolgung eines Wiedergutmachungsverfahrens nicht ausreiche. Dennoch: "Gemäß Art. 8 und 9 des Gesetzes Nr. 59 können aber Treuhandgesellschaften noch Ansprüche erheben. Der Ausschuss hat sich entgegen den Bedenken des Landesamtes Hamburg auf den Standpunkt gestellt, dass durch Übertragung des Grundstückes auf die neue gewerkschaftliche Rechtspersönlichkeit die Verfolgung etwaiger sonstiger Ansprüche aus dem jüdischen Vorbesitz keine Behinderung erfährt." Allerdings könne die alliierte Kontrollbehörde bzw. dem Landesamt Hamburg überlassen bleiben, ob sie die Freigabe des Grundstückes vorerst aussetzen wollten.

Man ging 1951 weiterhin von möglichen Wiedergutmachungsansprüchen der jüdischen Treuhandgesellschaft aus, ja, man nahm sogar an, dass eine "gewerkschaftliche Rechtspersönlichkeit" auf entsprechende Ansprüche sensibel reagieren würde. Woher diese Hoffnung genommen wurde, bleibt bis heute unklar.

Am 11. Mai 1954 gab das Landesamt für Vermögenskontrolle in der "Rückerstattungssache Prof. Dr. Bauer /Vermögens- und Treuhand-Gesellschaft der Gewerkschaft ´Gesellschaft der Freunde des Vaterländischen Schul- und Erziehungswesens´ GmbH" das Grundstück Rothenbaumchaussee 19 endgültig frei. Ro 19 gehört seither juristisch der GEW-Hamburg.

Seitdem hat die GEW- Hamburg ein politisch- moralisches Problem. Sie besitzt eine arisierte Immobilie.


Bernhard Nette
Oktober 2006

Anmerkung:
Dieser Text ist eine gekürzte und überarbeitete Fassung des Artikels in der hlz 10 - 11/2005: "Das jüdische Erbe der GEW".
Die Textteile "Die früheren Besitzer von Ro 19", "Die jüdischen Besitzer 1935 und ihr weiteres Schicksal" und "Restitutionsansprüche der jüdischen Vorbesitzer" gehen auf Ausarbeitungen von Sielke Salomon zurück. Viele weitere Passagen sind Resultat der gemeinsamen Arbeit von Sielke Salomon und Bernhard Nette.

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Rotherbaum GEW-Vorg?nger hatte Haus w?hrend Nazizeit erworben

Gewerkschaft beh?lt j?dische Villa

Die Vertreterversammlung der GEW stimmte stattdessen daf?r, j?hrlich 10 000 Euro einem Fonds zur Verf?gung zu stellen.

Blick auf die reich gegliederte Gr?nderzeit-Fassade des Hauses Rothenbaumchaussee 19, direkt neben dem Curio-Haus, das ebenfalls im Besitz der GEW ist.

Blick auf die reich gegliederte Gr?nderzeit-Fassade des Hauses Rothenbaumchaussee 19, direkt neben dem Curio-Haus, das ebenfalls im Besitz der GEW ist. Foto: RAUHE

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat sich nach Jahren des heftigen internen Streits entschieden, das Wohnhaus Rothenbaumchaussee 19, das bis 1935 einer j?dischen Eigent?mergemeinschaft geh?rte, nicht zu verkaufen. Die Vertreterversammlung der GEW stimmte mit 57 zu 50 Stimmen bei zehn Enthaltungen stattdessen daf?r, j?hrlich 10 000 Euro einem Fonds zur Verf?gung zu stellen, der sich "gegen rassistische und fremdenfeindliche Aktivit?ten einsetzt". Der Versuch, mit dem Geld den renommierten Bertini-Preis aufzustocken, war kurz zuvor am Widerstand der Bertini-Stiftung und speziell Ralph Giordanos gescheitert.

Die Immobilie in bester Wohnlage und Uni-N?he ist politisch hochbrisant. Im M?rz/April 1935 kaufte der Nationalsozialistische Lehrerbund (NSLB) das 1876 erbaute Wohnhaus f?r 40 000 Reichsmark. Die Vorbesitzer waren Hedwig und Albert Hallgarten, ihre Kinder Mercedes und Julius sowie deren Verwandter Karl Ludwig Bauer. Bis auf Albert Hallgarten, der vor dem Verkauf im Exil gestorben war, und Bauer, der in Deutschland blieb und hier 1937 starb, flohen alle anderen Verk?ufer 1936 oder 1937. Die GEW ?bernahm nach 1945 als Rechtsnachfolgerin des NSLB das Haus, das intern nur "Ro 19" hei?t.

Die GEW leistet sich einen teilweise bizarren und erbittert gef?hrten Streit dar?ber, ob die "Ro 19" 1935 unter Wert und unter dem Druck der NS-Verfolgung verkauft worden war. J?rg Berlin, Historiker und GEW-Mitglied, versuchte in seinem Gutachten in Zweifel zu ziehen, dass der Verkauf des Hauses zwangsl?ufige Folge des NS-Unrechtsregimes war. Auf der Gegenseite pl?dierte eine Gruppe um den Gewerkschafter Bernhard Nette daf?r, sich zur moralischen Schuld zu bekennen. Ihr Vorschlag: Verkauf des Hauses an die Stadt zu einem geringen Betrag, um dort ein J?disches Museum einzurichten.

Ralph Giordano nennt den Beitrag J?rg Berlins eine "Infamie". "Jeder Wechsel aus j?dischem in ,arischen' Besitz im Deutschland des Jahres 1935 fand unter NS-Zwang statt. Aber J?rg Berlin tut so, als ob der Wechsel auch stattgefunden h?tte, wenn 1935 die Weimarer Republik noch am Leben gewesen w?re", sagte Giordano dem Abendblatt. Das Angebot der GEW, mit Geld aus dem Immobiliengesch?ft den Bertini-Preis zu unterst?tzen, lehnt er ab: "Bertini-Preis und Arisierung passen nicht zusammen - kategorisch und unwiderrufbar."

Der GEW-Vorsitzende Klaus Bullan verteidigte dagegen das Nein zum Verkauf. "Eine Trennung haben wir nicht als notwendig angesehen. Eine Reihe von Punkten sind strittig." So sei unklar, ob der Kaufpreis wirklich zu niedrig war und ob die j?dischen Besitzer tats?chlich gezwungen waren zu verkaufen. Aber Bullan gibt auch zu: "Wir sind gegenw?rtig auf die Mieteinnahmen aus dem Haus angewiesen." Der GEW-Chef wei?, dass das Festhalten an "Ro 19" eine Kontroverse ausl?sen wird. "Das muss man aushalten", sagt Bullan gelassen.

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erschienen am 26. April 2007

Ro 19 Herzberg an Bullan 8Dez2008.pdf


Verantwortung für die Geschichte übernehmen
ein Rückblick auf das Historische Symposium am 27.2.2008

Materialien


Gina Schmidt Vorwort

Detlev Garbe Bericht über das Historische Symposium

Hans-Peter de Lorent "Die Machtübernahme in der Lehrergewerkschaft"

Beate Meyer "Verfolgung der Juden in Hamburg"

Elsa Werner "Zur Anerkennung und Entschädigung der NS-Opfer"

Redaktion: Bernhard Nette, Stefan Romey

Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Landesverband Hamburg.
Rothenbaumchaussee 15, 20148 Hamburg, Tel. 040-41 46 33-0


Impuls

In der Hamburger Lehrerzeitung (hlz 10/11-2007) stellte Gina Schmidt einen Stufenplan vor, wie zukünftig über die Frage "Wie weiter mit Ro 19?" diskutiert werden soll:


Ungeachtet der Beschlusslage sollte die GEW folgende drei Schritte einleiten:


Schritt 1:
In einem Historischen Symposium werden sowohl die Lebensbedingungen
der - insbesondere jüdischen - Bevölkerung Deutschlands als auch die Details des Verkaufsvorganges zusammen betrachtet.
Das Ziel ist die historisch-wissenschaftliche und politische Klärung der Frage, wie der Erwerb des Gebäudes Ro 19 zu bewerten ist.

Schritt 2:
Die GEW Hamburg stellt abschließend fest, welche historisch-politische und moralisch-ethische Bewertung sie ziehen will. Daran entlang orientiert sich alles weitere Vorgehen.

Schritt 3:
Die Finanzen der GEW werden geklärt. Dazu wird ein von der LVV gewählter Ausschuss gebildet, der die Finanzlage der GEW im Hinblick auf eine mögliche Neustrukturierung prüft.
Ein Ziel der Finanzprüfung ist die langfristige Sicherung und Finanzierbarkeit gewerkschaftlicher Aufgaben unter Einbeziehung aller Immobilien und aller politisch-moralischen Verbindlichkeiten.


Der Landesvorstand der GEW Hamburg beschloss in diesem Zusammenhang auf Antrag Gina Schmidts ein Historisches Symposium zum Thema "Verantwortung für die Geschichte übernehmen".
Als Veranstaltungsdatum wurde der 27. Februar gewählt. An diesem Tag kam es vor 75 Jahren zum Brand des Reichstages. Am nächsten Tag begann mit der Verordnung "zum Schutz von Volk und Staat" der Niedergang des Rechtsstaates.

Der GEW Hamburg gelang es für diese Tagung führende Wissenschaftler und Repräsentanten Hamburgs als Mitwirkende zu gewinnen.
Die GEW Hamburg dokumentiert die drei Impulsreferate der Tagung und veröffentlicht den Bericht des Direktors der KZ-Gedenkstätte, Dr. Detlev Garbe, über das Symposium in seiner Langfassung.
Eine gekürzte Fassung erschien bereits in der Hamburger Lehrerzeitung.

Wer der Ermordeten gedenkt,
ist verpflichtet, sich für die Rechte der überlebenden Opfer einzusetzen.
Elsa Werner
Vorwort
Erinnerungsarbeit hat viele Seiten: Sie macht konkret, was vorher abstrakt war. Sie wirft viele zuvor verborgene Fragen neu auf. Sie nennt Daten, Ereignisse und Namen. Sie zeigt Gesichter, mit etwas Glück trägt sie Erzähltes weiter. Sie empört. Sie berührt Herzen. Sie macht traurig oder froh. Sie ist politisch. Wenn sie den deutschen Faschismus berührt, ist sie oft auch schmerzhaft und sie lässt sich trotz vieler anscheinend unvermeidlicher Versuche nicht verdrängen.
Die Hamburger Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat sich nach einigen Mühen der eigenen Erinnerungsarbeit zugewandt; schwer wog die Erkenntnis, dass eine ungebrochen antifaschistische Überzeugung im politischen Handeln dann zur Last werden kann, wenn es um die eigene Geschichte geht. Wie anders ist es zu erklären, dass es Jahrzehnte brauchte, bis in den Kellern des Curiohauses Belege gefunden wurden, die nachwiesen, dass die gewerkschaftlich organisierte Hamburger Lehrerschaft 1933 schnell und willig in den Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) übertrat und sich finanzieller Vorteile bediente, wie sie sich aus dem Kauf des Hauses an der Rothenbaumchaussee 19 von jüdischen Besitzern ergaben? Was 1935 dem NSLB lediglich als buchhalterisches Schnäppchen erschien, wurde nach fast 75 Jahren aus historischen Puzzleteilen rekonstruiert, sodass jetzt ein vollständiges Bild erkennbar ist, in dem Menschen mit ihrer Not und ihrer Angst vor Verfolgung und Tod Namen und Gesicht erhalten.
Im Spannungsbogen des Historischen Symposiums standen Fragen nach der Wirksamkeit gewonnener politischer und gesellschaftlicher Erkenntnisse: Wann und womit fing der Terror an? Welche Veränderungen brachte die Errichtung des NS-Staates? Wie kritisch und wie genau widmen sich heute Wissenschaftler, Historiker und Pädagogen den historischen Fakten? Welche Hindernisse in der Erinnerungsarbeit werden heutzutage sichtbar, wie gehen wir mit ihnen um und wie sichern wir eine kritische Wachsamkeit?
Im Laufe der Diskussion wurde auf dem Symposium sichtbar, dass die politisch-historische und moralische Bewertung der Geschichte der Hamburger Lehrergewerkschaft zwischen 1933 und 1945 und ihres Umgangs mit dem Haus Rothenbaumchaussee 19 nicht auf die Frage der direkten Schuld begrenzt werden kann. Vielmehr werden sich die Übernahme von Verantwortung und die Frage der Wiedergutmachung letztlich am konkreten Handeln messen lassen müssen.
Offen bleibt, was dies angesichts der Leiden von Menschen durch Krieg, Verfolgung und faschistischem Terror bedeutet. Was ist Wiedergutmachung, wenn nichts wieder gut werden kann; wenn Leben nicht zurückgegeben, das Leiden der Menschen, der Entrechteten und der Ermordeten nicht ungeschehen gemacht werden kann? Und doch ist Wiedergutmachung Pflicht und Schuldigkeit zugleich, auch wenn uns als Nachgeborene keine persönliche Schuld trifft. Es ist die Schuldigkeit zur Erinnerung, zur Wiedergutmachung, zur Wahrung von Frieden, zur Achtung der politischen und sozialen Rechte und der Menschenwürde aller - egal welcher Herkunft, welchen Glaubens oder welcher Hautfarbe.
Hiermit sei noch einmal ein Dank an alle mitwirkenden Gäste des Symposiums gerichtet: Klaus Bullan, Ruben Herzberg, Prof. Dr. Andreas Körber, Dr. Hans-Peter de Lorent, Dr. Beate Meyer, Prof. Dr. Axel Schildt, Dr. Martin Schmidt, Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum und Elsa Werner. Ein besonderer Dank für die Leitung der Podiumsdiskussion geht an Dr. Detlef Garbe.

Gina Schmidt

"Verantwortung für die Geschichte übernehmen"

Bericht über das Historische Symposium am 27.2.2008

Am 27. Februar 1933 loderte im Berliner Reichstag ein Feuer, das die Nationalsozialisten zum Anlass für die Niederschlagung ihrer politischen Gegner und zur Aufhebung der Grundrechte nahmen. Für den 27. Februar 2008 lud die GEW zu einem Symposium "Verantwortung für die Geschichte übernehmen" ins Curiohaus, um an die 75. Wiederkehr der Ereignisse der nationalsozialistischen Machtübernahme zu erinnern. Die Beteiligung der GEW an dem von 24 Hamburger Institutionen und Verbänden unter Federführung der Landeszentrale für politische Bildung ausgerichteten Programm, in dessen Rahmen eine Vielzahl von Veranstaltungen und Ausstellungen stattfinden (siehe www.gedenkjahre.hamburg.de), knüpfte an dem langjährigen starken Engagement der Bildungsgewerkschaft für die Aufarbeitung der NS-Zeit an. Doch gewann diese ganz in der Tradition der Hamburger GEW stehende Veranstaltung besondere Brisanz durch die in den letzten Jahren in den eigenen Reihen intensiv geführte Diskussion um das historische Erbe "Ro 19", dem 1935 durch die "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesen (Abteilung Wirtschaft und Recht im NS-Lehrerbund - Gau Hamburg)" bzw. der "Lehrervereinshaus GmbH" als "günstige Gelegenheit" von den jüdischen Vorbesitzern deutlich unter Wert erworbenen, in den Nachkriegsjahren als "gewerkschaftliches Eigentum" deklarierten Wohn- und Bürohauses Rothenbaumchaussee 19. Da die Diskussion um Ro 19 zu Konflikten geführt hatte, die immer wieder von Personalisierungen und verbittert geführten Detailauseinandersetzungen geprägt waren, beschloss der Landesvorstand auf Anregung von Gina Schmidt die Ausrichtung des "Historischen Symposiums" (hlz 10-11/2007, S.50f), um Gemeinsamkeit und die ungebrochene Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme zu demonstrieren.
Die zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Symposiums - unter ihnen auch viele nicht in der GEW organisierte Gäste - erlebten einen zum Thema ausgewiesenen Expertenkreis, vier äußerst informative Stunden, eine hoch konzentrierte, fair geführte, gleichwohl aber inhaltlich harte Debatte, die in ihrer inneren Dynamik kaum dokumentiert werden kann, auch wenn die beabsichtigte Dokumentation der Redebeiträge wünschenswert und für die weitere Diskussion wichtig ist.
Zu Beginn des Symposiums verwies Klaus Bullan für die Veranstalter darauf, dass sich die GEW in Hamburg in den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten sehr stark mit der NS-Vergangenheit auseinandergesetzt habe. Die antifaschistisch-demokratische Orientierung sei zentraler Teil des eigenen Selbstverständnisses, die NS-Untaten und der Holocaust seien für ihn wie für die Gewerkschaft singulär in der Geschichte, in der GEW gebe es keinen Platz für eine Relativierung der Verbrechen des NS-Regimes. Die Auseinandersetzung mit der NS- Geschichte sei nicht beendet, so werde die GEW-Hamburg am 1. Mai 2008 zusammen mit dem DGB unter der Losung: "Nie wieder Faschismus! Gegen rechts!" demonstrieren.
Vor der Diskussion zur Frage, was geschichtliche Verantwortung für gegenwärtiges und zukünftiges Handeln bedeutet, beschäftigten sich mit einführenden Referaten von Dr. Hans-Peter deLorent (ehem. GEW-Vorsitzender), Dr. Beate Meyer (Institut für die Geschichte der deutschen Juden) und Elsa Werner (Jüdische Gemeinde) drei Arbeitsgruppen mit den Themen "Machtübernahme in der Lehrergewerkschaft 1933-1935", "Leben der jüdischen Bevölkerung - Verfolgung der Juden in Hamburg 1933 bis zur Pogromnacht" und "Anerkennung und die Entschädigung der NS-Opfer".

Gleichschaltung geräuschlos und geschmeidig
Wie bei anderen gesellschaftlichen Gruppen gelang es dem Nationalsozialismus auch innerhalb der Hamburger Lehrerschaft relativ schnell Fuß zu fassen. Peter de Lorent führte aus, die durch den alten Vorstand selbst bereits im April 1933 in die Wege geleitete Gleichschaltung der "Gesellschaft der Freunde" mit dem NS-Lehrerbund (NSLB) sei "verhältnismäßig geräuschlos und geschmeidig" vonstatten gegangen. Geschickte Kampagnen, soziale Demagogie und ein System von Vertrauensleuten in den Schulen hätten dies ebenso begünstigt wie der Umstand, dass es sich bei den dominierenden NS-Funktionären um langjährige Mitglieder aus den eigenen Reihen gehandelt habe, die allerdings von vielen unterschätzt worden seien. De Lorent berichtete von fehlendem Widerstand und mangelnder Zivilcourage innerhalb der Lehrerschaft. Er wies in der Arbeitsgruppe auch auf neuere Forschungsergebnisse von Dr. Uwe Schmidt, des kürzlich überraschend verstorbenen Gründungsvorsitzenden des Deutschen Lehrerverbandes Hamburg, und von ihm selbst hin, wonach das Curiohaus durch den NSLB aus den Kassen aller gleichgeschalteten Lehrervereine bis 1943 entschuldet worden sei. Mithin habe die Gewerkschaft rein materiell gesehen von der Gleichschaltung nicht nur keinen Schaden davon getragen, sondern sie habe von der Wirtschaftstätigkeit des NSLB auch insofern profitiert, als das Curiohaus 1949/50 völlig schuldenfrei an die GEW-Hamburg zurückgegeben wurde.
Dr. Martin Schmidt (Verein zur Erforschung der Geschichte der Juden in Blankenese) ergänzte, dass es zwar anfangs noch unterschiedliches Verhalten in den Schulen gab, so seien die Verhältnisse beispielsweise in der Klosterschule lange noch "moderat" gewesen, während sie in der Bergedorfer Hansaschule von Anfang an besonders schlimm und perfide gewesen wären. Jedoch sei der Druck kontinuierlich gestiegen, auch durch die Entfernung demokratisch und humanistisch gesinnter Lehrer aus dem Amt mittels Berufsverbot. Wie Schmidt und die anderen geladenen Experten verneinte auch Klaus Bullan, dass innerhalb der in den NSLB aufgegangenen "Gesellschaft der Freunde" 1935 noch Strukturen einer demokratischen Gewerkschaft bestanden haben, auch wenn der alte Name noch bis 1937 beibehalten wurde.

Ausgegrenzt und rechtlos dem Verfolgungsruck ausgesetzt
In der zweiten Arbeitgruppe erläuterte Beate Meyer, Herausgeberin des bei der Landeszentrale für politische Bildung erhältlichen Sammelbandes "Die Verfolgung und Ermordung der Hamburger Juden 1933-1945", den Prozess der Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung. An die sogleich mit dem reichsweiten Boykott des 1. April 1933 einsetzende öffentliche Stigmatisierung schlossen sich die Entrechtung mit den Nürnberger Gesetzen 1935, dann die Zerstörung der Synagogen und die Steigerung des Auswanderungsdrucks durch Massenverhaftungen im November 1938 an. Es folgten die Deportationen aus Hamburg ab Oktober 1941 und die Vernichtung. Auch wenn der Holocaust 1933 oder 1935 noch nicht abzusehen war, wies die Eskalation auf die zunehmende Ausweglosigkeit hin. Für die jüdische Bevölkerung wurden die Handlungsräume immer enger, wer konnte, versuchte seinen Besitz - wenn auch unter Wert - zu veräußern, das Land zu verlassen und zu fliehen.
Beate Meyer führte aus, dass der Druck auf die jüdische Bevölkerung bereits 1933 so stark gewesen sei, dass es schon zu diesem Zeitpunkt eine erste Auswandererwelle gegeben habe. Sie betonte, die Bedrohung der jüdischen Kinder im Hamburger Alltagsleben sei für deren Eltern besonders bedrückend gewesen. Selbst unter denjenigen, die persönlich noch keine Gewalterfahrungen machen mussten, seien viele aus Sorge um die zukünftige Entwicklung geflohen. Nach den ersten "wilden" antisemitischen Exzessen vor allem im Grindelviertel seien in Hamburg zunächst "nur" die offiziellen antisemitischen Maßnahmen durchgesetzt worden. Hamburg galt als wirtschaftliches Notstandsgebiet. Es war insbesondere abhängig vom Handel. Offiziell sollte das Wirtschaftsleben erst einmal nicht gestört werden. Allzu deutliche "Arisierungs"maßnahmen hätten zu Protesten aus dem Ausland führen und dadurch eine wirtschaftliche Gesundung gefährden können. Trotzdem sei es wie im übrigen Reich auch in Hamburg zu einer schnellen Ausgrenzung der Juden gekommen.
Auf die Frage, ob es im ehemals roten Hamburg organisierten Widerstand gegen die Judenverfolgung gab, antwortete Beate Meyer, es habe in Hamburg nichts dergleichen gegeben, es sei ein "Trauerspiel" gewesen. Zum Aufstand der "Anständigen" sei es nicht gekommen. Aber auch nach 1945 habe man jahrzehntelang die Verfolgung der Juden in Hamburg einschließlich des Holocausts ausgeblendet. Selbst politische Rückkehrer wie Bürgermeister Max Brauer hätten wenig bei der Aufarbeitung geholfen. Noch immer seien viele Aspekte der Judenverfolgung nicht hinreichend erforscht. Auf die direkte Frage, ob der Erwerb des Hauses Ro 19 im Jahr 1935 "Arisierung" gewesen sei, sagte sie: "War das nicht genug Unrecht für die jüdische Erben, ein zu niedriger Preis und keine Verfügbarkeit über den Verkaufserlös?"
Die Ausführungen von Beate Meyer veranschaulichte im weiteren Verlauf der Veranstaltung Ruben Herzberg. Der Schulleiter des Gymnasiums Klosterschule, der vor einem halben Jahr den Vorsitz in der Hamburger Jüdischen Gemeinde übernommen hat, berichtete von dem Schicksal seiner jüdischen Großeltern, die sich nicht entschließen konnten zu fliehen und im Holocaust ermordet wurden. Seine Eltern dagegen verließen als Jugendliche Mitte der 1930er-Jahre fluchtartig Deutschland, weil sie hier für sich keinerlei Zukunft mehr sahen. Wie in seiner Familie habe es innerhalb der jüdischen Bevölkerung unterschiedliche Einschätzungen über den Grad der persönlichen Gefährdung gegeben, aber ab dem 30. Januar 1933 habe es für alle Juden in Deutschland keine Perspektive mehr gegeben.
Prof. Dr. Stefanie Schüler Springorum, die Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden, bekräftigte, dass Juden die Bedrohungssituation ab 1933 unterschiedlich wahrgenommen hätten. Es habe aber genügt, von einer Misshandlung zu hören, gegen die es keinerlei rechtsstaatliche Abwehrmöglichkeit gab, um sich selbst betroffen zu fühlen. Besonders die jüdischen Kinder hätten unter den Gewaltausübungen leiden müssen, in den Schulen, auf dem Schulweg, beim Spielen usw. Ihre Eltern hätten voll ohnmächtigen Zorns immer wieder erfahren müssen, dass sie ihre Kinder nicht schützen konnten, dass sie sich nicht an die Polizei oder andere Stellen um Hilfe wenden konnten.

Ein zweites Mal gedemütigt
Die dritte Arbeitsgruppe beschäftigte sich mit der Frage, wie sich nach der durch den Sieg der alliierten Truppen bewirkten Befreiung Staat und Mehrheitsgesellschaft zum nationalsozialistischen Unrecht verhielten, insbesondere wie es den Überlebenden der Nazi-Verfolgung erging. Elsa Werner, die sich seit über 60 Jahre mit entschädigungsrechtlichen Fragen befasst und bis heute ehemals Verfolgte in der Jüdischen Gemeinde und in der VVN berät, erläuterte die Debatte um die "Wiedergutmachung" vor dem Hintergrund der Entwicklungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Die deutsche Gesellschaft habe sich von Anfang an schwer getan, die NS-Verfolgung in ihrer Gesamtheit anzuerkennen. Es habe grundsätzlich an Empathie gefehlt. In zahllosen Entschädigungsverfahren sei der Leidensweg der NS-Verfolgten gerechtfertigt, verharmlost, reduziert, bis zur Unkenntlichkeit parzelliert worden, um einen Anspruch verkleinern oder verneinen zu können. Wer von den Nazis verfolgt wurde, sei in vielen Fällen nach 1945 nicht oder nicht ausreichend anerkannt und entschädigt worden (so Zwangsarbeiter, Sinti und Roma, Homosexuelle, Zwangssterilisierte, so genannte Asoziale, Opfer der Wehrmachtjustiz usw.). Ehemalige Täter traten den NS-Opfern als Sachbearbeiter, als Richter, als Sachverständige und Gutachter in Entschädigungsverfahren gegenüber. Sie wiederholten - wenn auch im Rahmen der neuen Gesetze und Rechtsprechung - ihre Einschätzung über Wert und Unwert ihres Gegenübers. Die NS-Opfer seien ein zweites Mal gedemütigt worden. Der von Ralph Giordano geprägte Begriff der "zweiten Schuld" bezeichne zutreffend diese gesellschaftliche Entwicklung. Gesetzliche Regelungen für NS-Verfolgte seien zunächst von den Alliierten gegen den Willen deutscher Politiker durchgesetzt worden. Die Ansprüche der NS-Verfolgten würden in Deutschland bis heute nicht uneingeschränkt gelten. Im Gegensatz zu anderen Sozialgesetzen gebe es in den Entschädigungsgesetzen Schlussfristen; Anträge können seit mehr als vier Jahrzehnten nicht mehr gestellt werden. Die Verfolgtenverbände konnten lediglich in einigen Bundesländern die Einrichtung von Stiftungen und Härtefonds erreichen. Auch die Zusagen der rot-grünen Bundesregierung, nach Ende der Ära Kohl die Versorgung der noch lebenden NS-Opfer durch Öffnung der Gesetze bzw. durch Bundesstiftungen menschenwürdig zu gestalten, seien nicht umgesetzt worden. Realisiert wurde allerdings die gemeinsam mit der Wirtschaft initiierte Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft", die zwar 1,6 Millionen in aller Welt lebende ehemalige Zwangsarbeiter bedachte, doch ermöglichte die Ausstattung mit knapp 5 Milliarden € lediglich einmalige Beträge zwischen 2500 und 7500 €. Im Blick auf die Veränderungen in der Erinnerungskultur forderte Elsa Werner mit klaren Worten: "Wer der Ermordeten gedenkt, hat sich für die Rechte der Überlebenden einzusetzen."
Stefan Romey betonte in seinem Bericht von der Arbeitsgruppe, dass Schuldabwehr und Entschädigungsverweigerung nicht Resultat der Regierungspolitik Adenauers gewesen seien, sondern dass in der Nachkriegszeit in dieser Frage ein Konsens in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft geherrscht habe.

Historische Schuldigkeit und politische Verantwortung
In Anschluss an die Arbeitsgruppen fand unter meiner Moderation eine Podiumsdiskussion statt, in der die drei Themenkreise Nazifizierung der Gesellschaft, Verfolgung der Opfer und Umgang mit dem historischen Erbe in der Zusammenschau unter dem Blickwinkel heutiger historischer Verantwortung erörtert wurden.
Prof. Dr. Axel Schildt, der Direktor der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, knüpfte an die Ausführungen zur "zweiten Geschichte des Nationalsozialismus" an. Bei der Debatte um Recht und Unrecht dürfe der Umgang mit der NS-Verfolgung in den Nachkriegsjahren und -jahrzehnten nicht ausgeklammert werden. Nach 1945 seien die meisten Deutschen weder zu Empathie gegenüber den Juden und anderen Verfolgten fähig gewesen noch hätten sie sich ihrer gesellschaftlichen Verpflichtung gestellt. Erst seit Ende der 1970er-Jahre entstand ein öffentliches Interesse am Verfolgungsschicksal der Juden. Meinungsumfragen und andere Zeugnisse zeigen, dass die 1952 von der Regierung Adenauer mit dem Staat Israel vereinbarten Entschädigungszahlungen in der Bevölkerung abgelehnt wurden. Hätte man diese Entscheidung einer Volksbefragung unterworfen, wäre vermutlich überhaupt keine Entschädigung gezahlt worden.
Stefanie Schüler Springorum und Axel Schildt betonten während der Podiumsdiskussion den hohen Zustimmungsgrad, den das NS-Regime in der Bevölkerung über lange Phasen und in vielen Fragen fand. Bei der gesellschaftlichen Disposition müsse zum Beispiel auch das Erbe der Jugendbewegung und der Reformpädagogik bedacht werden, das Affinitäten nach links und rechts zeigte (Schüler-Springorum). Die Aufnahme von Elementen aus der bündischen Tradition erleichterte es den Nationalsozialisten Zuspruch zu finden. Die Distanz des Bildungsbürgertums zu den kleinbürgerlichen Nazis habe es gegeben, aber die "Klassenlinie" sei nicht deutlich gewesen (Schildt). Es habe, so Schildt, keine hermeneutische Nazi-Ideologie gegeben, eher breit gefächerte Theorie-Angebote unterschiedlicher Reichweite und Genese, z.B. die soziale Frage völkisch zu lösen. In der Gefolgschaft verschränkten sich Opportunismus und Überzeugung, Angst und Karrierestreben.
Die Debatte um Ro 19 - ein Lehrstück
Im Verlauf der Veranstaltung zeigte sich immer wieder, dass die Frage nach der Übernahme historischer Verantwortung nicht abstrakt gestellt werden kann. Auch wenn die Problematik um die Immobilie Ro 19 nicht zum Thema der Veranstaltung gemacht werden sollte, so bestimmte sie gleichwohl viele Debattenbeiträge. Unisono erklärten die geladenen Experten, der Verkauf von Ro 19 könne nur vor dem Hintergrund des Verfolgungsdrucks verstanden werden. Zum Zeitpunkt des Ankaufs sei die "Gesellschaft der Freunde" schon vollständig im NSLB aufgegangen gewesen, der Ankäufer sei mithin eine NS-Organisation gewesen. Auch die nach 1945 ohne Restitutionsauflagen, d. h. entschädigungslos erfolgte Zuerkennung des Gebäudes zum früheren Vermögen der "Gesellschaft der Freunde" sei unter Umgehung der zur Regulierung erlassenen Vorschriften und damit gegen geltendes Recht erwirkt worden.
Ruben Herzberg nannte die These, im Jahr 1935 habe es sich beim Erwerb der Immobilie um einen normalen Verkaufsvorgang gehandelt, "geradezu abenteuerlich". Zweifellos habe der Druck der Verhältnisse die Eigentümergemeinschaft zum Verkauf weit unter Wert gezwungen.
Martin Schmidt betonte, es müsse davon ausgegangen werden, dass die handelnden Funktionäre beim Ankauf sehr wohl wussten, was sie taten und wem sie das Haus abnahmen. Auch nach 1945 - das zeigten den Quellen eindeutig - hätten die Verantwortlichen der wieder gegründeten "Gesellschaft der Freunde" kein Unrechtsbewusstsein gehabt. Die Bestimmungen der Restitutionsgesetze seien auch im Fall Ro 19 gegen die betroffenen Opfer angewandt worden. Für die heutige Debatte sei deshalb nicht so sehr die "Arisierung" 1935 als vielmehr die Aneignung nach 1945 bemerkenswert. Sein Fazit lautete: Die GEW-Hamburg müsse "das Grundstück schnell loswerden". Im Verlauf der Diskussion präzisierte er seine Meinung und forderte: "Der Nutzen des Hauses für die GEW muss beendet werden!"
Klaus Bullan gab zu bedenken, dass selbst wenn sich alles so zugetragen hat, wie von den Vorrednern dargestellt, die schnelle Trennung vom Grundstück nur eine vermeintlich einfache Lösung sei. Ferner dürfe die interne Auseinandersetzung um die konkreten Bedingungen des Vermögenserwerbs und des Rückgabeverfahrens nicht darüber hinwegtäuschen, dass die GEW die moralisch-politische Verantwortung annehme und die Empathie für die Opfer als ein zentrales Anliegen begreife.
"Schuldigkeit annehmen, auch wenn keine eigene Schuld besteht", forderte der an Universität Hamburg lehrende Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Andreas Körber. Zugleich bekundete er seinen hohen Respekt davor, dass sich die GEW ihrer Geschichte und der Debatte um Ro 19 stellen würde. Er plädierte nachdrücklich dafür, die Auseinandersetzung mit der Geschichte des eigenen Berufsstandes und seiner Verbände in der Lehrerbildung fest zu verankern. Gerade aus der Perspektive des Geschichtsdidaktikers stelle sich der Streit um den richtigen Umgang mit Ro 19 als ein paradigmatischer Fall dar, der Schüler und Studenten mit Elementen historischen Lernens (Multiperspektivität, Geschichte als Re-Konstruktion, De-konstruktion von Geschichtsbildern) vertraut machen kann. Beispielsweise könne mit Schülern diskutiert werden, warum das in diesem Zusammenhang von der GEW eingebrachte Angebot an den Bertini-Preis auf Ablehnung gestoßen ist. Die Debatte um Ro 19 sei geradezu ein "Lehrstück" für die Analyse eines Konflikts und legitimer unterschiedlicher Deutungen.
Diesen Gedanken scheinbar weiterführend, stellte mit einer Wortmeldung aus dem Publikum Dr. Jörg Berlin fest, die GEW habe immer darauf hingewirkt, dass das NS-Regime Gegenstand im Unterricht sein müsse. In diesem Zusammenhang verwies er auf die zahlreichen Veröffentlichungen der Hamburger GEW in den letzten 25 Jahren zum Thema. Ebenfalls aus dem Publikum erwiderte Stefan Romey, der Verweis auf die Verdienste der GEW sei richtig, aber heute stelle sich vor dem Hintergrund der Frage, "wie wir uns als Gewerkschaft verhalten, wenn wir selbst betroffen sind" die Frage nach der eigenen Glaubwürdigkeit. Bernhard Nette sieht in der Feststellung, dass die GEW sich einen verantwortlichen Umgang mit dem Haus Ro 19 finanziell nicht erlauben könne, eine Analogie zum Verhalten der Nachkriegsgesellschaft. Das Argumentationsmuster entspreche dem von Banken und Wirtschaftsunternehmen, die Entschädigungszahlungen ablehnten - unter Hinweis auf ihre wirtschaftliche Lage und weil sie keine Profiteure des NS-Regimes gewesen seien.

Eine Prophezeiung
Auch Ruben Herzberg hielt es für unabdingbar, dass die GEW-Hamburg eine eindeutige Position zu ihrem Erbe beziehe. Seiner Auffassung nach dürfe dabei nicht die wirtschaftliche Machbarkeit in den Vordergrund gerückt werden, denn hier bestehe eine politisch-moralische Verpflichtung. Zur Wertschätzung der GEW habe beigetragen, dass sie sich in ihrer Vergangenheit ernsthaft und empathisch mit den Opfern der NS-Herrschaft beschäftigt und zahlreiche verdienstvolle Arbeiten veröffentlicht habe. Nunmehr sei die GEW bei der Diskussion um das Gebäude Ro 19 aber erstmalig als Organisation selbst betroffen, es gehe um das eigene Handeln der Gewerkschaft, nicht das anderer Institutionen. Hier müsse sich die GEW an den Ansprüchen messen lassen, die sie so häufig zu Recht an andere angelegt habe. Da reiche es nicht, eine Literaturliste hochzuhalten, was die GEW alles zur NS-Diktatur und zum Schicksal der Opfer veröffentlicht habe, wie ihm dieses in der Diskussion entgegen gehalten wurde. Hier sei der "verantwortungsvolle Umgang mit der eigenen Erbschaft" gefordert. Es gebe in Hamburg eine Parallele: Die ehemals jüdische Talmud Tora Schule (bis 1939) sei nach 1945 von der Freien und Hansestadt Hamburg in eine Bibliothekarsfachschule umgewandelt worden, sei aber dann von der Stadt der Jüdischen Gemeinde zurückgegeben worden. Heute sei sie wieder eine jüdische Schule unter dem alten Namen. "Hier und heute" - so Herzberg während der Veranstaltung - "wage ich eine Prophezeiung: In zehn Jahren werden sich die Menschen in dem Gebäude Ro 19 über das jüdische Leben Hamburgs in den letzten 100 Jahren informieren können." In einem solcherart genutzten Gebäude Ro 19 würden dann auch Informationen darüber zu finden sein, wie die GEW-Hamburg ihr eigenes Erbe bearbeitet hat.
Die Chance sollte genutzt werden, den guten Ruf als eine offene, diskussionsfreudige, der Aufklärung und dem kritischen Geschichtsbewusstsein verpflichtete Organisation zu wahren. Einer Bildungsgewerkschaft steht Lernfähigkeit allemal gut zu Gesicht.

Dr. Detlef Garbe, Direktor der KZ-Gedenkstätte Neuengamme
Die Machtübernahme in der Lehrergewerkschaft 1933-35

Die Gleichschaltung der Gesellschaft der Freunde (GdF) durch den Nationalsozialistischen Lehrerbund war verhältnismäßig geräuschlos und geschmeidig.
Folgende Faktoren spielten dabei eine besondere Rolle:

· Die neuen nationalsozialistischen Funktionäre waren in der GdF nicht neu. Wilhelm Schulz, Albert Mansfeld, Kurt Holm waren seit Anfang der Zwanziger Jahre Mitglieder der GdF, im Laufe der Jahre traten sie auf Versammlungen der GdF auf, schrieben in der HLZ. Sie setzen sich durch gegen die sog. "alten Kämpfer" im NSLB, die ohne politisches Konzept waren und einen erbitterten Kampf gegen die Gruppe um Willi Schulz führten ( Partei- gerichtsverfahren).
· Die neue Führung wurde unterschätzt. Über W. Schulz: " von dürftiger Qualität" ( K. Zeidler), "zu einer zusammenhängenden Darstellung nazistischen Gedankenguts unfähiger Redner" (Curt Bär).
Albert Mansfeld in der GdF vorgeführt, aber unterschätzt, was das strategische Denken im Sinne der Nazis betrifft. Die Gruppe um Schulz bestand aus überzeugten Nazis, veränderte das Schulwesen planmäßig und zielgerichtet im Sinne der Nazis, trat im beruflichen Alltag z.T. vergleichsweise menschlich und moderat auf (Mansfeld gegenüber unfähigen Nazi- Schulleitern), auch gegenüber den jüdischen Mietern im Curiohaus (bis zur Denunziation 1935). Andererseits: gezielte Zerschlagung des jüdischen Schulwesens mit Deportationen in der Verantwortung von Schulz und Mansfeld.
· Politisch- ökonomische Bedingungen in den Wirren am Ende der Weimarer Republik sind zu berücksichtigen, will man den geräuschlosen Übergang verstehen. Die Nazis zogen viele junge Lehrer an mit ihrer Politik der Einstellung junger Lehrer (auf Kosten der sog. Doppelverdiener ). Die ersten Maßnahmen der von der NSDAP geführten Regierung waren die Herabsetzung des Pensionsalter der Lehrer auf 58 Jahre, der Lehrerinnen auf 52 Jahre. Dadurch wurden 540 Lehrerplanstellen frei. Dazu wurden 254 verheiratete Lehrerinnen als "Doppelverdienerinnen" (mit Lehrern verheiratet) entlassen, wodurch 340 männliche arbeitslose Lehrkräfte eingestellt werden konnten.
· In der Gruppe um Schulz waren solche jungen Lehrer: Mansfeld, Holm, Lühning, alle nach 1900 geboren und jung auch Mitglieder der GdF geworden.
· Es bestand, wie in der Gesamtgesellschaft, die Illusion auf Seiten der alten GdF- Führung: Der Spuk wird bald vorüber sein - manche sprachen von 6 Monaten, die es zu überdauern galt.
· Bedeutsam ist auch die Rolle, die Fritz Köhne und andere gespielt haben, die mitmachten, "um das Schlimmste zu verhindern", " die schützende Hand über Gefährdete zu halten". Hat real etwas bewirkt, aber auch Legitimationscharakter. >>> Siehe auch die Rolle Köhnes in den Entnazifizierungsverfahren.
· GdF- Vorstand war politisch nicht einheitlich, nicht sozialdemokratisch. Politische Gemengelage: Im 1. Koalitionssenat mit der NSDAP war die Dt. Staatspartei (vormals DDP) und DVP und DNVP, darin auch prominente GdF- Mitglieder und Funktionäre aus dem Bildungsbereich ( wie Max Traeger, Heinrich Landahl )
· Mangelnde Zivilcourage :
Ø Gleichschaltungsversammlung: Die Modalitäten der Gleichschaltung waren vom NSLB ( Gruppe um Willi Schulz) und dem alten Vorstand der GdF ausgehandelt worden, ebenso wie die Zusammensetzung des neuen Vorstandes.
Ø Der Antrag von Rudolf Klug (IOL und KPD) auf Diskussion wurde gegen 7 Stimmen abgelehnt.
Ø Die Gleichschaltung fand am 27.4.1933 statt und schon am 14.3. 1934 wurde die Gesellschaft der Freunde aufgelöst und in den NSLB überführt.
Ø Zivilcourage wäre möglich gewesen, wie das Schreiben des parteilosen Oberschulrates Gustav Schmidt belegt, der auch als Parteiloser bis zum Krieg in der Behörde blieb. Schmidt schrieb 1952 im Entnazifizierungsverfahren an Albert Mansfeld: "Daß Sie damals das drängende Schreiben des Lehrerbundes unterschrieben haben, ist Ihr Schicksal gewesen; aber man sollte Ihnen nicht allein die Schuld an dem Masseneintritt zuschieben. Nach meiner Meinung liegt bei den Eingetretenen die gleiche Schuld. Warum sind sie so ängstlich gewesen? Warum haben sie nicht widerstanden? Sollten Sie nun die Feigheit der anderen alleine ausbaden? Das wäre ungerecht. Ich weiß keinen Fall, daß einem Lehrer dienstlich etwas geschehen ist, weil er 1937 nicht eintrat." (Schreiben v. 9.2.1952)
· 2 Anmerkungen im Kontext der Gesamtveranstaltung:

1. Das Curiohaus ist durch den NSLB, seine Mitglieder und die Geschäftsführung von NSLB und Curiohaus in den Jahren von 1933 bis 1943 entschuldet worden. Auch das gehört zum Erbe der Gesellschaft der Freunde/der GEW nach 1945.
2. Der Geschäftsführer des Curiohauses in der Nazizeit und, erstaunlicherweise, auch nach 1948, von der wieder zugelassenen Gesellschaft der Freunde erneut berufen, Wilhelm Bernhard, war NSDAP- Mitglied, hat deswegen in der Nazizeit Karriere gemacht, wurde 1934 stellvertretender Schulleiter und ab 1.1.1939 Schulleiter einer Gewerbeschule. Seit 1934 Geschäftführer des Curiohauses bis 1945 und auch wieder nach 1948. Im Gutachten für seine Beförderung zum Schulleiter schreibt der Landesschulrat und NSLB- Gauleiter Willi Schulz:
14. Okt. 1938
"Der Gewerbeoberlehrer Wilhelm Bernhard ist seit dem 1.10 1934 Geschäftsführer der Lehrervereinshaus- GmbH. Er mußte seiner Zeit die nicht ganz leichte Aufgabe übernehmen, die wirtschaftlichen Verhältnisse der GmbH auf neue gesunde Grundlagen zu stellen und für die Zukunft zu sichern. Durch umsichtige Maßnahmen beim Vermietungsgeschäft, den Bau einer Garage und den Kauf eines weiteren Hauses ist die Sanierung der GmbH bis heute erfolgreich durchgeführt. PG Bernhard hat im Laufe seiner Tätigkeit mit den verschiedensten Behörden und Parteistellen verhandeln und dabei der wirtschaftlichen und politischen Bedeutung der Lehrervereinshaus GmbH Rechnung tragen müssen. PG Bernhard hat nicht nur mit außerordentlichem Fleiß und Geschick das ihm vom Reichswalter des NSLB, Gauleiter Fritz Wächtler, übertragene Aufgabengebiet betreut, sondern auch verstanden, insbesondere durch Abschluß des neuen Pachtvertrages, die politischen Belange genau so gut wie die wirtschaftlichen zu wahren. Die Reichswaltung des NSLB setzt in den PG Bernhard großes Vertrauen.
I.A. gez. Schulz

Auf Vorschlag der Schulverwaltung wurde Bernhard zum 30.1.39 Schulleiter.


Dr. Hans- Peter de Lorent, Vorsitzender der GEW Hamburg 1990-1996
Judenverfolgung in Hamburg (1933-1938)
- ein kurzer Überblick

1933 lebten in Hamburg, Altona, Wandsbek und Harburg zusammen knapp 20.000 Juden, die noch in eigenständigen Jüdischen Gemeinden organisiert waren. Von ihrer sozialen Zusammensetzung her gehörten die Hamburger Juden überwiegend der Mittelschicht an. Für Bedürftige und Arme hatte die Gemeinde ein recht umfassendes Wohlfahrtssystem entwickelt. In der Mehrheit handelte es sind um askenasische, assimilierte Juden, die stolz auf ihre Integration in die deutsche Gesellschaft waren, nur eine kleinere, in Hamburg ansässige und eine größere in Altona lebende Gruppe ostjüdischer Zuwanderer organisierte sich in eigenen Vereinen. Die Deutsch-Israelitische Gemeinde Hamburgs stellte eine Art Dachverband dar. Sie sorgte für Schul- und Erziehungs-, Wohlfahrts- und Begräbniswesen. Die Mitglieder konnten einer der drei Kultusvereinigungen oder aber nur der Gemeinde angehören. Die Zahl der Mischehen, die vor allem jüdische Männer mit nichtjüdischen Frauen eingingen, lag in Hamburg besonders hoch.

Das Jahr 1933 stellte einen drastischen Einschnitt im Leben der einzelnen Juden, ihrer Organisationen und ihrer Gemeinden dar. Zum einen ging die nationalsozialistische Machtübernahme mit gewalttätigen Ausschreitungen von NSDAP- und SA-Mitgliedern einher. Im Grindelgebiet, wo 1933 knapp die Hälfte der Hamburger Juden lebte, wurden 1933 regelrechte Treibjagden auf Juden veranstaltet. Zum anderen demonstrierten gleich die ersten antijüdischen Maßnahmen, dass die wirtschaftliche Existenz und der mühsam erarbeitete soziale Aufstieg samt der Integration in Frage gestellt wurden.
Eine der ersten einschneidenden Maßnahmen stellte der April-Boykott 1933 dar: Vorbereitet von Julius Streicher im Auftrage der NS-Führung und von Hitler persönlich auf den 1. April terminiert, bezogen am Boykotttag SA-Posten Stellung vor Geschäften, Praxen und Betrieben. Die Aktion sollte Juden wie ihre nichtjüdischen Kunden bzw. Patienten oder Klienten einschüchtern.

Ob und wie dieses Ziel erreicht wurde, war unterschiedlich, wie drei Beispiele zeigen:
Einer meiner jüdischen Interviewpartner, 1933 ein junger Mann voller Selbstbewusstsein, zerknüllte auf dem Stephansplatz wutentbrannt ein Flugblatt von SA-Leuten, das zum Boykott aufrief. Die SA-Leute schlugen ihn krankenhausreif. Nur dem beherzten Eingreifen eines Passanten verdankte er es, dass er aus der Situation entkommen konnte. Am nächsten Tag leitete er seine Auswanderung nach Palästina ein. Ähnlich reagierte Dr. Bruno, ein Eimsbütteler Arzt in mittleren Jahren. Seine Patienten erschienen am Boykotttag, um Solidarität zu beweisen. Er verzeichnete keinen Patientenschwund und keine Einbußen, doch er und seine Frau interpretierten den für sie glimpflich abgelaufenen Boykott als Auftakt zu Schlimmeren. Auch sie emigrierten kurz darauf nach Palästina. Ihr Sohn, der Psychologe Dan Bar-On, bekannt durch seine Forschungen mit Täter- und Opferkindern, wurde dort geboren.
Für das Haushaltswarengeschäft von Samuel Gerson in der Eimsbüttler Chaussee stellte der Boykotttag den Auftakt zum unaufhaltsamen Niedergang dar, der mit dem Konkurs 1937 endete. Max Plaut von der jüdischen Gemeinde fasste die Reaktionen von Geschäftsleuten zusammen: " Tietz wurde geschlossen. Max Haack ... gab am Boykotttag 10% Rabatt und jedem Kunden einen Luftballon und erzielte doppelten Umsatz." Kaufhausbesitzer Bucky habe sich mit seinem im Ersten Weltkrieg erworbenen EK I werbend vors Geschäft gestellt. Insgesamt erhielten die Boykottierten zwar Bekundungen des Mitgefühls und der Sympathie, doch wirksamer öffentlicher Protest gegen diese Art der Diskriminierung erhob sich nicht.
Fast gleichzeitig mit dem Boykott wurden jüdische Richter und Staatsanwälte in Hamburg, Preußen, Bayern, Sachsen und Hessen zwangsweise beurlaubt und daran gehindert, ihre Arbeitsstätten zu betreten. Am 7. April 1933 schrieb das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" dieses rechtswidrige Vorgehen dauerhaft fest. Es wurde nun sukzessive auf den gesamten öffentlichen Dienst und halb-öffentliche Unternehmen ausgedehnt: Politisch "nicht tragbare" Beamte oder solche "nicht arischer Abstammung" wurden pensioniert bzw. entlassen, in Hamburg betraf dies beispielsweise 40 Hochschullehrer. Der Begriff "Nichtarier" umfasste zu dieser Zeit alle Personen, die auch nur einen jüdischen Großelternteil gehabt hatten, d.h. der Begriff war weiter gefasst als die spätere Definition nach den Nürnberger Gesetzen, und darum noch viel bedrohlicher für die Betroffenen. Lediglich Beamte aus der Zeit von vor 1914 oder Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges konnten Ausnahmeregelungen beanspruchen.

Die Betroffenen wehrten sich - meist vergebens - mit Eingaben, in denen sie ihre Verdienste fürs Vaterland und seine Kultur anführten. In der Folgezeit wurden Zulassungen entzogen, z.B. bei Rechtanwälten: von 646 Hamburger Anwälten war 1/3 "nichtarisch", von diesen verlor 1/3 die Zulassung schon 1933. Von 340 jüdischen Hamburger Ärzten verlor die Hälfte die Kassenzulassung schon 1933. Dann nahmen auch Berufsverbände, Vereine und Clubs den "Arierparagraphen" in ihre Satzungen auf, so dass die ökonomische Isolierung mit einer zunehmenden gesellschaftlichen einherging. Immer mehr Hotels und Gaststätten inserierten, Juden als Gäste seien unerwünscht. "Nichtarische" Schüler wurden nach einem NC in öffentlichen Schulen teils nicht mehr aufgenommen, teils aus ihnen vertrieben.

Die hier skizzierten Maßnahmen richteten sich vor allem gegen die Mittelschicht, gegen Akademiker und Geschäftsleute, gegen die Integrierten, die Vereinen angehörten oder ihre Kinder auf staatliche Schulen schickten. Auch wenn die gewaltsamen Ausschreitungen auf den Straßen ab Ende 1933 abflauten, mussten die Hamburger Juden nun als einzelne eine Umgangsstrategie für sich finden: Hoffen, dass sich diese Auftaktwirren einer neuen Regierung legen würden; sich auf eine Existenz zweiter Klasse einrichten oder aber über Emigration nachdenken. Die jüdischen Gemeinden wiederum versuchten, die jüdische Identität über kulturelle und religiöse Angebote zu stärken, der Ausgrenzung praktische Maßnahmen wie beispielsweise Ausbildungs- und Auswanderungsangebote oder wirtschaftliche Stützungsmaßnahmen entgegenzusetzen.

Die hier erwähnten Maßnahmen fußten auf reichseinheitlichen Gesetzen und Verordnungen, die die Stadt Hamburg - entgegen dem später gepflegten Mythos, hier sei alles nicht so schlimm gewesen - allesamt buchstabengetreu umsetzte. Die Stadt hielt sich bis Ende 1937 allerdings mit regionalen Verschärfungen im Prozess der Ausplünderung zurück, die den Ruf der Handelsstadt im Ausland schädigen oder die seit der Weltwirtschaftskrise immer noch desolate Wirtschaftslage weiter verschlechtern konnten, denn Hamburg galt immer noch als Notstandsgebiet mit hoher Arbeitslosigkeit. Deshalb griff die Stadt vor allem in den Prozess der "Arisierung" erst ab 1937/38 massiv ein. Diese temporäre Zurückhaltung wiederum erzeugte bei den ortsansässigen Juden die Hoffnung, dass die wirtschaftliche Existenz trotz des "Arierparagraphen" nicht überall und nicht restlos zerstört würde.
Andererseits schlugen die Hamburger Verantwortlichen dort, wo aus ihrer Sicht kein Widerstand zu erwarten war und kein wirtschaftlicher Schaden angerichtet werden konnte, erbarmungslos zu wie bei jüdischen Armen, denen frühzeitig die Unterstützung zusammengestrichen wurde. Oder sie erließen 1933 ein Schächtverbot für Fleisch, so dass orthodoxe unter den Hamburger Juden die Regeln koscherer Küche nicht einhalten konnten, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Historiker stellten drei Auswanderungswellen aus dem Deutschen Reich fest:
nach der NS Machtübernahme 1933, nach Erlass der Nürnberger Gesetze und nach dem Novemberpogrom 1938. Die Hamburger Juden machten keine Ausnahme: Von den genannten 20.000 wanderten nach Schätzungen 10-12.000 aus. Doch unterscheiden sie sich darin, dass die Auswanderungsrate vor dem Novemberpogrom deutlich unter dem Reichsdurchschnitt lag, und nach demselben - unter viel schlechteren Bedingungen - dieser deutlich höher.
Boykott und Entlassungen bildeten den Auftakt für schließlich fast zweitausend antijüdische Maßnahmen, die im Laufe der zwölfjährigen NS-Herrschaft angeordnet wurden. Bis 1938 zielten sie im wesentlichen darauf ab, die wirtschaftliche Existenz der in Deutschland lebenden Juden zu zerstören, sie aus der deutschen Gesellschaft auszugrenzen und zur Flucht aus dem Land zu nötigen. Diskriminierungen in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz oder auf der Straße ergänzten die staatlichen Maßnahmen und verschärften die Situation für die Betroffenen. Die Nürnberger Gesetze schrieben den Status von "Volljuden" als Menschen zweiter Klasse fest. Sie verboten Mischehen zu schließen und stellten außereheliche Verbindungen zwischen Nichtjuden und Juden unter Strafe. Bezogen auf den geringen Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung (0,6%) eroberte sich Hamburg den Spitzenplatz bei der Verfolgung von "Rassenschande": Ab 1936 wurden ca. 1.600 Ermittlungsverfahren eingeleitet, von denen ca. 400 zur Anklage kamen und 300 Personen schuldig gesprochen wurden. Der Hamburger Justizsenator Rothenberger wies die Justiz an, im Gegensatz zum Wortlaut des Gesetzes, auch die beteiligten Frauen zu bestrafen.

Im Jahr 1938 verschärfte das Regime - auch schon vor dem Novemberpogrom - die Judenverfolgung. Nun wurden auch in Hamburg die "Arisierungen" jüdischer Unternehmen forciert, die Ausplünderung vermögender Juden vorangetrieben. Im Oktober wurden in Hamburg 1000 Juden polnischer Herkunft verhaftet und mit - reichsweit 17000 polnischstämmigen Juden - über die Grenze abgeschoben. Während des Novemberpogroms demolierten SA-Trupps Synagogen und Geschäfte, Betstuben und Praxen. Anschließend wurden um die 1000 männliche Hamburger Juden (insbesondere vermögende und prominente) ins Konzentrationslager Sachsenhausen eingewiesen. Dort saßen sie wochen- oder monatelang ein, wurden schikaniert, teilweise gefoltert, und oft genug während dieser Zeit zum Verkauf ihres Betriebes gezwungen wie Benno Hirschfeld, der Besitzer des Modehauses an den Alsterarkaden.
Für diejenigen unter ihnen, die gehofft hatten, alles käme nicht so schlimm und würde irgendwie erträglich sein, waren die Ausschreitungen, Verhaftungen und die Behandlung im Konzentrationslager ein schlimmer Schock. Nach ihrer Entlassung verließen sie fluchtartig das Land, das ihnen nun nur noch mit Mitnahme von 10 RM gestattete. Wer sich wegen seines Alters, aus Krankheits- oder anderen Gründen nicht emigrieren konnte, versuchte, wenigstens die Kinder in einen der Kindertransporte nach Großbritannien zu retten, das ca. 1000 Hamburger Kinder aufnahm. Mit dem Beginn des Krieges am 1. September 1939 schlossen viele Aufnahmeländer ihre Tore. Auch die ohnehin begrenzte Palästina-Einwanderung stoppte nun. Es blieben Südamerika, die Karibik oder als letzte Möglichkeit Shanghai. Mit dem deutschen Überfall auf die Niederlande, Belgien und Frankreich gerieten die in die Nachbarländer Geflüchteten wieder in den deutschen Einflussbereich. Im Oktober 1941 wurde die Auswanderung verboten, das Deutsche Reich setzte nach individueller Vertreibung und gescheiterten Massenabschiebungen nun auf Massendeportationen in den Osten.

Aus Hamburg wurden ca. 5.300 Personen in die Gettos von Lodz, Riga, Minsk, Theresienstadt oder direkt nach Auschwitz verschleppt. Emigrierte Hamburger Juden wurden aus den Nachbarländern deportiert. Mehr als 300 Hamburger Juden begingen Selbstmord. Die Zahl der Opfer insgesamt wird auf ca. 10.000 geschätzt. Lediglich 80-100 Personen konnten untertauchen und unter falscher Identität der Deportation entkommen.

Als die britischen Truppen in Hamburg einmarschierten, befanden sich hier noch knapp 700 Personen, die im Schutz ihrer Mischehe überlebt hatten.


Dr. Beate Meyer, wiss. Mitarbeiterin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden

Anerkennung und Entschädigung der NS-Opfer
Wer der Ermordeten gedenkt, ist verpflichtet, sich für die Rechte der überlebenden Opfer einzusetzen. Unter Rechte verstehe ich auch den Versuch einer Anerkennung und Entschädigung des angetanen Unrechts und Leids.
Bis zum 31.12.1947 hatten sich bei dem im September 1945 gegründeten Hamburger Komitee ehemaliger politischer Gefangener, der damals für Hamburg zentralen Anlaufstelle für fast alle Verfolgten, knapp 23.000 Menschen als NS-Verfolgte gemeldet. In den Genuss landes- und bundesgesetzlicher Entschädigungsleistungen sind von diesen etwa zwei Drittel gelangt. Erst 1953 - acht Jahre nach dem Zusammenbruch des Hitlerfaschismus´- wurde das Bundesentschädigungsgesetz in seiner ersten Fassung als Bundesergänzungsgesetz erlassen. Nach diesem Gesetz - aber auch nach den zuvor erlassenen Landesgesetzen - hatten lediglich diejenigen einen Rechtsanspruch auf Anerkennung und Entschädigung, die aus politischen, rassischen, religiösen oder weltanschaulichen Gründen verfolgt wurden.
Ausgeschlossen waren aufgrund dieser im § 1 Bundesentschädigungsgesetz abschließend definierten Gruppe die "anderen" NS-Verfolgten so Zwangsarbeiter, Deserteure, so genannte Asoziale und Berufsverbrecher, Sicherungsverwahrte, Homosexuelle, Zwangssterilisierte und Überlebende der "Euthanasie"morde. Zu den Auswirkungen des Territorialitätsprinzips im Sozialrecht trat im Zuge des Kalten Krieges die Forderung, dass Antragsteller in einem westlichen Land leben mussten.
Zwar gab es für einige Gruppen eine "Kann-Leistung", die aber unter normalen Umständen niemand erreichen konnte. So mussten bspw. die Hinterbliebenen von "Euthanasie"opfern nachweisen, dass die Ermordeten zum Zeitpunkt des Antrages für sie gesorgt hätten. In Hamburg, wo ich mehr als 30 Jahre Sachbearbeiterin im Amt für Wiedergutmachung war, ist mir kein einziger positiv entschiedener Fall bekannt. Ich glaube sogar, dass nie einer gestellt wurde.
Aber auch mit den anerkannten Verfolgtengruppen ist beschämend umgegangen. So wurde zum Beispiel der vor 1933 geleistete und nach 1933 bestrafte Widerstand gegen das NS-Regime nicht anerkannt und entschädigt (Beispiel: Altonaer Blutsonntag). Obwohl die Präambel des Bundesentschädigungsgesetzes (BEG) den antifaschistischen Widerstand ausdrücklich als ein Verdienst um das Wohl des deutschen Volkes und Staates bezeichnet, wurde derjenige von Entschädigungsansprüchen ausgeschlossen, der zwar unter Einsatz seines Lebens gegen die Nazidiktatur gekämpft hat, aber der sich nach dem 23.5.1949 gegen die "freiheitlich-demokratische Grundordnung" gewandt hatte (§ 6 BEG).
Jeder Krieg hinterlässt Schäden. Das 1000jährige Reich des Hitlerfaschismus´hat eine Unzahl von Kriegsschäden und eine Vielzahl von Kriegsgeschädigten hinterlassen. Unter ihnen waren die Flüchtlinge und Vertriebenen, die Heimkehrer, die zurück gekehrten Kriegsgefangenen, die Bombenopfer und nicht zuletzt die von der Ostzone in die Westzonen geflüchteten ehemaligen Beamten und Angestellten des NS-Staates. Für sie wurden zahlreiche Gesetze gemacht, um Schäden auszugleichen, ihnen einen guten Start in die neue Gesellschaft zu ermöglichen und ihren Wiedereintritt ins Berufsleben zu fördern. Im Gegensatz zum Bundesentschädigungsgesetz kennen ihre Versorgungsgesetze keine Schlussfristen. Im BEG wurde eine Schlussfrist 1965 eingeführt, für einige Fälle auf 1969 erweitert. Seit knapp 40 Jahren können daher keine Anträge, so berechtigt sie auch seien, mehr gestellt werden. Die anderen Geschädigtengruppen kennen im Bundesversorgungsgesetz und in anderen Sozialgesetzen solcherart Einschränkungen nicht. Vergleicht man die Gruppen, so kann man sagen, die NS-Verfolgten sind meistens später und dann auch noch geringer entschädigt worden. Ohne den Druck der Alliierten wären sie vermutlich gar nicht entschädigt worden.
Ein Beispiel: Bis 1954 gab die Bundesregierung nur für die in den Westen geflüchteten ehemaligen NS-Beamten und -Angestellten 1,3 Milliarden DM aus. Für NS-Verfolgte, einschließlich der an den Staat Israel gezahlten 300 Millionen DM, ganze 325 Millionen DM.
Ein weiterer Hinweis: In Hamburg wurde unmittelbar nach dem Krieg Wohnraum nach einem Punktesystem vergeben. Wer aus der Kriegsgefangenschaft kam erhielt 80 Zusatzpunkte. Ein NS-Verfolgter hingegen einheitlich - ohne Berücksichtigung der Art und Schwere der Verfolgung - 6 Punkte.
In der Öffentlichkeit wird heute viel von den hohen Wiedergutmachungsleistungen gesprochen, aber der Zusammenhang zu anderen Gesetzen und deren Leistungen nicht hergestellt. Lassen Sie mich ein letztes Beispiel geben: Die Angehörigen der nazistischen Legion "Condor", die sich illegal am Krieg gegen die spanische Republik beteiligt hatten, konnten für diesen Einsatz Ansprüche als Kriegsteilnehmer im Versorgungsrecht problemlos durchsetzen und ihnen wurden zügig entsprechende Leistungen gewährt. Die in Deutschland lebenden Angehörigen der Internationalen Brigaden, die auf Wunsch der republikanischen Regierung Spaniens ins Land kamen und für die Demokratie kämpften, wurden zunächst nicht anerkannt. Erst seit 1972 gibt es eine Leistung.
Überhaupt litten die nicht anerkannten NS-Verfolgten doppelt. Wenn sie nicht als NS-Verfolgte anerkannt wurden, wurden bei ihren Anträgen auf Altersrente bspw. die Haftzeiten in einem Konzentrationslager nicht anerkannt. Die Altersarmut für diese NS-Verfolgten war vorprogrammiert. Bis zum heutigen Tag hat keine Regierung, auch nicht die rot-grüne Bundesregierung, die dieses angekündigt hatte, eine Verbesserung bei den Renten umgesetzt. Bemühungen nach der Wiedervereinigung zumindest die Schlussfristen des BEG aufzuheben, scheiterten im Parlament. Jahrzehntelange Bemühungen der Verfolgtenverbände haben lediglich Ende der 80er Jahre zu verschiedenen Härtefonds und Stiftungen auf Länderebene, wie hier in Hamburg die "Landesstiftung Hilfe für NS-Verfolgte", geführt. Es gibt jedoch nur geringfügige Einmalleistungen und kleine laufende Renten - ohne jeden Rechtsanspruch. Parallel zu dieser Entwicklung kämpfen die so genannten vergessenen NS-Opfer, vergessen wurden sie ja nicht - sie wurden ausgeschlossen, um ihre Rehabilitierung. Bis zum heutigen Tag wird ihnen die Anerkennung verweigert, dass sie zu Unrecht verfolgt wurden. Der Gesetzgeber scheut die sich daraus möglicherweise ergebenden Forderungen nach Entschädigung. Man ist höchstens zu einer Ächtung der nazistischen Gesetze bereit.
Auch im Rückerstattungsrecht lassen sich ähnliche Linien wie bei der individuellen Entschädigung aufzeigen. Erst im Zuge der Wiedervereinigung haben die höchsten deutschen Gerichte entschieden, dass das Unrecht mit der Machtübernahme am 30.1.1933 begann. Erst 50 Jahre nach der Tat kam es zu einer Beweislastumkehr. Nicht die Opfer müssen jetzt mehr beweisen, dass sie geschädigt wurden, sondern die Täter, die Profiteure müssen nachweisen, dass sie beispielsweise mit dem Erwerb jüdischen Eigentums nach 1933 keine Ariseure waren. In der öffentlichen Debatte wird oft weiterhin so getan, als ob diese höchstrichterlichen Entscheidungen unbekannt sind oder nicht ausgesprochen wurden.
Elsa Werner, Verfolgtenberatung in der Jüdischen Gemeinde und der VVN

Text für die hlz Ausgabe Mai/ Juni 2007
Titel:
"Ich schäme mich"

Vorspann:
Die drei Hamburger GEW-Vorsitzenden fordern, dass der Ro 19- Beschluss der LVV "einmütig nach außen vertreten" wird. Bernhard Nette und Stefan Romey sind nicht bereit, eine - wie sie finden - Umdeutung der Geschichte der Nazi-Verfolgung gegenüber Juden zu übernehmen. Die von Giordano als "infam" eingestufte Sichtweise würden sie nicht nach außen vertreten. Sie seien nicht bereit, ihren eigenen Forschungsergebnissen zu widersprechen.

Seit dem Jahr 2000 wird aufgrund eines Aktenfundes die Geschichte der Arisierung des Gebäudes Rothenbaumchaussee 19 (Ro 19) aufgearbeitet. Bernhard Nette stellte sein erstes Gutachten am 9.5.2001 vor und wies bereits damals auf die politisch-moralische Verantwortung der GEW hin. Die GEW beauftragte daraufhin Sielke Salomon eine Expertise zu erstellen. Sie legte diese unter dem Titel "Rothenbaumchaussee 19. Der Kauf 1935 und die Rückerstattung 1948-1955" am 12.2.2002 vor und erweiterte es mit einer Beilage in der hlz 10-11-/2006. Sie kommt zu dem Schluss: "Ich betone, dass mit einigem Recht vermutet werden kann, dass es zu dem Grundstücksverkauf von Ro 19 ohne die Herrschaft der Nationalsozialisten seit 1933 nicht gekommen wäre. Es ist richtig, eine Zwangssituation der jüdischen Eigentümer anzunehmen. Auch der im Jahr 1935 gezahlte zu niedrige Preis für Rothenbaumchaussee 19, der erst durch neu aufgefundene Quellen belegt werden konnte, weist eindeutig in diese Richtung." Der Artikel " Rothenbaumchaussee 19. Das jüdische Erbe der GEW" in der hlz 10-11/05 wurde als Zusammenführung vorhandener Diskussionsergebnisse zwischen diesen beiden Autoren gesehen. Er endet mit der Aussage: "Die älteste Lehrergewerkschaft der Welt blendet in dem Rückblick auf ihre 200jährige Geschichte das Geschehen um Ro 19 nicht aus. Sie ist die Erbin von Ro 19. Sie wird sich ihrer Verantwortung stellen."


"Sollte es tatsächlich zu einem jüdischen Museum in Ro 19 …"
Nach einer Tagung am 9.11.2005 mit renommierten Wissenschaftlern (vgl. "Mutig! Die GEW diskutiert öffentlich ihre Geschichte" in hlz 12/2005) richtete die GEW die Arbeitsgruppe Ro 19 ein, die zum Thema weiter forschte und zahlreiche Stellungnahmen zur Arisierung, zur Rückerstattung ehemals jüdischen Eigentums, zur höchstrichterlichen Rechtsprechung in dieser Frage, zur Lehrervereinshaus GmbH und zur Rechtssituation im NS-Staat sowie zur "Entjudung" des Curiohauses erarbeitete. Nach ausführlicher Diskussion hatte diese Arbeitsgruppe der Herbst-LVV 2006 eine umfangreiche Materialsammlung vorgelegt, in der das Pro und Contra der Diskussion auch in der hlz dargestellt worden war.

Die Herbst-LVV beauftragte die AG Ro 19 bis zur Frühjahrs-LVV zu prüfen, ob es möglich ist, das Gebäude Ro 19 unter der Maßgabe an die Freie und Hansestadt zu verkaufen, dort ein Jüdisches Museum einzurichten. Frank Bajohr von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, führender Wissenschaftler auf dem Gebiet der Arisierung, hielt das Verhalten der GEW "für durchaus vorbildlich. Sie hat sich einem Kapitel der eigenen Geschichte sehr offensiv und vor allem offen gestellt und das in aller Öffentlichkeit." und "Normalerweise kommt es ja zu einem öffentlichen Skandal und erst dann reagieren die Beteiligten und geraten in Erklärungsnöte.... Man kann sich sehr schnell darauf einigen, dass irgendwie Unrecht geschehen ist, es darf nur keine weiteren finanziellen Konsequenzen zeitigen." (hlz 3-4/06, S.49).

Die AG Ro 19 führte in Hamburg eine Reihe von Gesprächen, ob ein Jüdisches Museum in Ro 19 überhaupt denkbar ist. Alle Gesprächspartner in Politik und Kultur begrüßten die Projektidee eines Jüdischen Museums in Ro 19 und hielten sie für unterstützungs- und wünschenswert und - trotz ungelöster Finanzfragen - auch für realisierbar. Eine solche Initiative entspreche dem Ansehen der GEW Hamburg. Frank Bajohr schrieb Ende März 2007 an die AG Ro 19: "Sollte es tatsächlich zu einem jüdischen Museum in Ro 19 kommen und die GEW ihren Beitrag zum Zustandekommen leisten, dann wäre dies wirklich ein sehr seltener Fall, in der eine Organisation nicht nur einen schwarzen Fleck der Verbandsgeschichte selbstkritisch aufarbeitet, sondern daraus noch ein erfolgreiches, in die Zukunft gerichtetes Erinnerungsprojekt für die ganze Stadt macht."


LVV: Nein zu Jüdischem Museum in Ro 19
Es kam nicht dazu. Die Landesvertreterversammlung lehnte mit 57:50:10 Stimmen einen entsprechenden Antrag der AG Ro 19 ab. Vorausgegangen war eine ungewöhnliche Informationskampagne. Jörg Berlin, Mitglied der AG Ro 19, legte erst unmittelbar vor der Frühjahrs-LVV ein eigenes Gutachten zur Geschichte von Ro 19 vor, obwohl er seit vielen Jahren die Ergebnisse der historischen Forschung kannte. Dieses Gutachten widerspricht allen bisherigen Forschungsergebnissen, auch der von der GEW in Auftrag gegebenen Expertise von Sielke Salomon. Seine Einschätzung wurde kurzfristig wegen der "historischen Besonderheiten dieses Falles" unter dem Titel "Das stimmt nicht! Ein deutlich anderer Befund" aufgenommen. Der Vorsitzende wirkte darauf hin, dass es als "Material" an alle Delegierten verschickt wurde. Die innerhalb von wenigen Tagen erarbeitete umfangreiche Entgegnung "Geschichte wird umgeschrieben" konnte aus Zeitgründen in der hlz nicht mehr abgedruckt werden. Sie soll auch jetzt und zukünftig nicht in der hlz erscheinen (1). Sie konnte lediglich auf der LVV ausgelegt werden.

Jörg Berlin diskutierte sein Papier nicht in der Arbeitsgruppe Ro 19. Zu einem kurzfristig anberaumten Symposium unmittelbar vor der LVV erschien er nicht.

Jüdische Vorbesitzer gleichberechtigte Handelspartner …
Im Gegensatz zur bisherigen Forschung nimmt Jörg Berlin eine grundsätzlich andere Position ein. Er will den Kauf von Ro 19 im Jahre 1935 nicht in den geschichtlichen Zusammenhang einordnen, sondern als Einzelfall prüfen. Der Nationalsozialismus habe sich nicht wesentlich auf das Zustandekommen des Kaufes ausgewirkt. Die jüdischen Vorbesitzer und der NS-Lehrerbund seien letztlich gleichberechtigte Handelspartner gewesen. Die jüdischen Vorbesitzer seien durch den Verkauf von Ro 19 nicht geschädigt worden. Berlin setzt sich bei der Einschätzung der Lebenssituation der jüdischen Vorbesitzer von Ro 19 nicht mit der Kollektivverfolgung der Juden in Deutschland vor und zur Zeit des Kaufes - auch angesichts des unmittelbar bevorstehenden Inkrafttretens der Nürnberger Gesetze - auseinander. Es habe keinen gesellschaftlichen Zwang gegeben zu verkaufen. Die jüdischen Opfer seien nicht geflohen, sondern hätten sich selbst aus wirtschaftlichen und familiären Gründen in die Schweiz "ausgesiedelt".

Des weiteren behauptet er, dass die Vermögensträgerin des NS-Lehrerbundes zum Zeitpunkt des Ankaufs 1935(!) noch eine rechtsstaatlich und gewerkschaftlich eigenständig handelnde Organisation gewesen sei. Der Ankauf sei daher von einer Gewerkschaft und nicht von einer Nazi-Organisation vollzogen worden, womit Ro 19 nach 1945 rechtmäßig Eigentum der GEW Hamburg geworden sei.

Nach Jörg Berlin ist der Kauf kein Schnäppchen sondern ein "Wagnis" gewesen. Er übernimmt dabei Aussagen beteiligter Nazis, stellt sie aber nicht in den Quellenzusammenhang. Er zitiert zustimmend den NS-Gauhauptstellenleiter Pg. Holm, der "Kauf sei finanziell ein ‚Wagnis' gewesen...". Den Lesern in der Hamburger Lehrerzeitung gibt er jedoch nicht das ganze Zitat wieder: "War es ein Wagnis? Ja! Aber eine Gelegenheit wie diese durfte nicht verpasst werden. 1911 (225.000 M, jetzt angeboten für 40.000."

Jörg Berlin vermittelt mit seiner Behauptung "Die spätere Verfügungsbeschränkung ist unbeachtlich" den Eindruck, die GEW müsste bei der politisch-moralischen Bewertung der Verkaufsvorgänge 1935 nicht beachten, ob und wie lange die jüdischen Vorbesitzer über den Kaufpreis verfügen konnten. Es sei somit bei der historischen Wertung von Ro 19 seiner Meinung nach unbeachtlich, dass den Vorbesitzern über "Reichsfluchtsteuer" und weitere gegen Juden gerichtete Sonderabgaben der allergrößte Teil ihres Vermögens und somit auch des Verkaufserlöses von Ro 19 geraubt wurde.

Bullan: Verfolgungsdruck oder kein Verfolgungsdruck?
Im Vorfeld der LVV gab es trotz der hohen Brisanz keine vermittelnden Gespräche zwischen den beteiligten Parteien. So kam es auf der LVV zu einer hoch emotionalisierten Debatte. Die Vorsitzenden der GEW legten einen eigenen Antrag vor, den sie als einen "Versuch einer Vermittlung zwischen den verschiedenen Positionen" deklarierten. Sie brachten ihn jedoch bewusst als Alternative zum Antrag der AG Ro 19 ein.

Obwohl der Antrag der Vorsitzenden ganz ähnliche Formulierungen zur Zielstellung, sich gegen rassistische, nationalistische, fremdenfeindliche und antisemitische Aktivitäten zu wenden und sich für ein gleichberechtigtes, demokratisches, humanistisches Miteinander einzusetzen, enthielt, wurde darauf verzichtet, zunächst diese Gemeinsamkeiten in den Mittelpunkt der Beschlussfassung zu stellen.

Klaus Bullan hatte noch 2005 in der hlz ausgeführt: "Aufgrund des Verfolgungsdrucks war für die jüdische Erbengemeinschaft 1935 kein angemessener Preis für das Gebäude Ro 19 zu erzielen." und "Die jüdische Erbengemeinschaft musste verkaufen, denn Mitglieder dieser Erbengemeinschaft wollten aus Deutschland emigrieren." Auf der LVV schloss er sich - ohne eine Begründung für seinen Meinungswandel abzugeben - der Sichtweise Jörg Berlins an. Im NDR sagt er am 4.5.2007 entsprechend: "Die Frage ist ja immer, ob die Vorbesitzer unter Zwang dieses Haus verkaufen mussten, zu einem viel zu geringen Preis. Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass da große Zweifel drüber bestehen, weil diese Zwangssituation in dem konkreten Fall, aus unserer Sicht jedenfalls, offensichtlich nicht vorgelegen hat." und "Wir haben die historische Sachlage geprüft, da sind wir in Mehrheit zu der Auffassung gekommen, es ist nicht nötig, sich aus moralischen Gründen von diesem Gebäude zu trennen". So seien einige der Vorbesitzer nach dem Verkauf nicht sofort aus Deutschland geflohen. Ein Vorbesitzer habe sogar noch weitere Immobilien gekauft. Dieses seien für die GEW Indizien, "die darauf hinweisen, dass eine konkrete Verfolgungssituation in diesem Fall nicht unbedingt vorgelegen haben muss".

Ging es letztlich um finanzielle Fragen? Die Vorsitzenden befürchteten in der Begründung ihres Antrages, dass mit dem Entzug des Gebäudes Rothenbaumchaussee 19 aus dem Vermögen der GEW die Gefahr bestehen würde, die Erfüllung der gewerkschaftlichen und politischen Aufgaben der GEW könnte in Frage gestellt werden. Im Hamburger Abendblatt vom 26.4.2007 führte Klaus Bullan hierzu aus: "Wir sind gegenwärtig auf die Mieteinnahmen aus dem Haus angewiesen." Die eigentlichen Ursachen der finanziellen Krise der GEW wurden und werden nicht genannt.

BERTINI-Preis: Nein zur GEW-Spende
Der Antrag der Vorsitzenden wurde - wenn auch knapp - mehrheitlich angenommen. Bei dem vorgeschlagenen Text einer Erinnerungstafel am Haus Ro 19 kam es zu gravierenden Veränderungen. Statt von einem Verkauf "weit unter Wert" zu sprechen, heißt es jetzt einschränkend "unter Wert". Die Namen der Verfolgten wurden gestrichen.

Die Entscheidung der LVV löste eine Welle der Empörung in der Öffentlichkeit aus. Der Erste Bürgermeister von Beust appellierte an die GEW diese Entscheidung zu überdenken: "Moralische Pflicht muss Vorrang haben vor materiellen Interessen. ... Die Mitglieder der Gewerkschaft stehen gerade im Verhältnis zu den Schülern in einer besonderen erzieherischen Verantwortung. Es geht hier auch nicht um juristische Fragen, sondern um die moralische Pflicht, um die historische Verantwortung und um menschlichen Anstand". Er verwies in diesem Zusammenhang auf die Talmud-Tora-Schule, die der Senat an die Jüdische Gemeinde zurückgegeben hätte, ohne juristisch dazu verpflichtet zu sein. Daniel Killy, Sprecher der Jüdischen Gemeinde äußerte im NDR:"Die jüdische Gemeinde ist fassungslos, dass gerade eine Gewerkschaft, die den Namen Erziehung und Wissenschaft in ihrem Namen trägt, sich so unhistorisch und geschichtsklitternd verhält."

Zunächst hatten die Vorsitzenden der GEW vor, mit € 10.000 den renommierten BERTINI-Preis jährlich aufzustocken. Diese Spende wurde jedoch vom Vorstand des BERTINI-Preises abgelehnt. Ralph Giordano erklärte:"BERTINI-Preis und Arisierung passen nicht zusammen - kategorisch und unwiderrufbar!" Während der LVV musste Klaus Bullan daraufhin den Adressaten der Geldspende ändern. Ein eigener Fonds der GEW soll jetzt eingerichtet werden.

Die BERTINI-Stiftung war besonders darüber empört, dass der GEW- Vorsitzende für seine Entscheidung ein Gutachten von Jörg Berlin heranzog, der eine Arisierung im Gegensatz zu allen anderen Experten im Falle Ro 19 in Zweifel zog. Ralph Giordano nennt den Beitrag Jörg Berlins eine Infamie. "Jeder Wechsel aus jüdischem in ,arischen' Besitz im Deutschland des Jahres 1935 fand unter NS-Zwang statt. Aber Jörg Berlin tut so, als ob der Wechsel auch stattgefunden hätte, wenn 1935 die Weimarer Republik noch am Leben gewesen wäre".

"Einmütig nach außen!" - "Wir sind nicht bereit."
Aufgrund der enormen Resonanz in der Öffentlichkeit wendeten sich die Vorsitzenden der GEW am 30.4.2007 in einem Schreiben an jedes GEW-Mitglied. Ein ungewöhnlicher Vorgang. Sie fordern dazu auf, die Entscheidung der LVV "einmütig nach außen" zu vertreten. Eine in der historischen Debatte höchst umstrittene Position zum NS-Unrechtsregime, zur Arisierung und zur Verfolgung der Juden, die der Begründung des angenommenen Antrags zu Grunde lag, soll sich jetzt jedes Mitglied zu eigen machen und einmütig nach außen vertreten.

Einer unserer Kollegen in der Schule ist darüber sprachlos. "Ich finde keine Worte. Ich schäme mich." Auch wir empfinden die Schmach.

In dem Anschreiben an alle Mitglieder wird von Grundsätzen einer demokratischen Gewerkschaft gesprochen. Es kommt dabei zu keiner inhaltlichen, sondern zu einer formalen Begründung. So bleibe die GEW als Bildungsgewerkschaft nur dann eine starke Interessenvertretung aller Beschäftigten, wenn eine getroffene Entscheidung, in diesem Fall der Antrag der Vorsitzenden zu Ro 19, "einmütig nach außen" vertreten werde.

Wir sind nicht bereit, die Sichtweise von Jörg Berlin, die wir wie Ralph Giordano ebenfalls als infam einschätzen, zu übernehmen und nach außen zu vertreten.
Wir sind nicht bereit, unseren bisherigen Forschungsergebnissen zu widersprechen oder sie zu widerrufen.
Wir werden einmütig - wie in der Vergangenheit - so auch jetzt und zukünftig gegen rassistische und fremdenfeindliche Aktivitäten und für ein gleichberechtigtes Miteinander der Menschen in Hamburg eintreten.

Kontroverse Debatten innerhalb der GEW sind für uns wichtig und notwendig. In einer demokratischen Gewerkschaft muss es Meinungsvielfalt geben. Um Entscheidungen muss offen gerungen werden.


Stefan Romey, Bernhard Nette
(1) Die Kritik "Geschichte wird umgeschrieben" kann bei den Autoren abgefordert werden: B.Nette@t-online.de /stefanromey@aol.com

Kurzfassung (25.500 Zeichen)
04.02.06 Interview mit Dr. Frank Bajohr
Für die hlz: Bernhard Nette und Stefan Romey

hlz: Dr. Frank Bajohr, Sie arbeiten bei der "Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg". Welches sind Ihre Arbeitsschwerpunkte?

Frank Bajohr: Ich habe mich vor allen Dingen mit der NS-Herrschaft und der Verfolgungsgeschichte unter dem Nationalsozialismus beschäftigt, ein Buch über Arisierung geschrieben und eins über Korruption im Dritten Reich. Gegenwärtig beschäftige ich mich mit der Beteiligung der deutschen Gesellschaft an der Judenverfolgung. Viele Deutsche haben ihr Verhalten nach 1933 den Normen der Machthaber angepasst, ohne dazu formal gezwungen worden zu sein. Die Arisierung bedeutete ja die Möglichkeit für viele Deutsche, ihre persönlichen Interessen in den Verfolgungsprozess einzubringen und damit die ideologischen Vorgaben des NS-Regimes mit persönlichen Motiven zu verbinden. Die wachsende Popularität Hitlers und die Konsensbereitschaft der Deutschen gegenüber dem Nationalsozialismus nach 1933 führten dazu, dass antijüdische Normen des NS-Regimes zunehmend akzeptiert wurden. 1938/39 bestand eigentlich ein weitgehend gesellschaftlicher Konsens darüber, dass Juden nicht Teil der so genannten deutschen Volksgemeinschaft seien und aus dieser entfernt werden müssten. Die Deportationen wurden von vielen als Vollzug dieser propagierten Grundsätze begriffen, wenngleich man nicht von einem Mordkonsens zwischen Bevölkerung und Regime sprechen kann.

hlz: Es ist für mich sehr erschreckend, dass ein Land seine gewisse Zivilisationskultur urplötzlich abstreifen konnte, nachdem eine kleinere Gruppe von Herrschenden das nur energisch genug organisiert hatte.

Frank Bajohr: Naja, der Antisemitismus war in der deutschen Gesellschaft schon vor 1933 verankert, nicht in allen Teilen, aber sicherlich im Mittelstand und Teilen der Eliten. In der Arbeiterschaft zunächst eher weniger, das änderte sich aber allmählich nach 1933. Als ein britischer Konsulatsangehöriger in Hamburg nach dem November-Pogrom im Jahr 1938 an das britische Außenministerium über die Stimmung hier in der Stadt berichtete, schrieb er, dass zwar sehr viele die Art der antijüdischen Exzesse, sprich die Gewaltausübung, das Zerstören von Geschäften und Fensterscheiben, die Verhaftungen usw. bedauerten, aber dann fügte er hinzu: "Nichtsdestotrotz sind sie fest davon überzeugt, dass es notwendig sei, auch den letzten Juden aus Deutschland zu vertreiben."

hlz: Nun behaupteten viele, Hamburg sei eine eher liberale Stadt gewesen und die Nazis hätten hier nicht den Erfolg gehabt wie in manchen anderen Gegenden.

Frank Bajohr: Das ist auch nicht ganz falsch. Aber in der politischen Kultur dieser Stadt hat es immer einen sehr starken antijüdischen Flügel gegeben, der zum Beispiel repräsentiert wurde vom in Hamburg beheimateten Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband. Ältere Angehörige des liberalen Handelsbürgertums standen der antijüdischen Politik anfänglich reserviert gegenüber. Bei den jüngeren Angehörigen aus diesen bürgerlichen Familien ist das schon deutlich anders. Es gab eine tendenziell dem Nationalsozialismus sehr zugeneigte jüngere Kaufmannsgeneration.

hlz: Diese Generation hatte den Ersten Weltkrieg direkt an der Front erlebt.

Frank Bajohr: Ja, für die jüngeren Erwachsenen in der NS-Zeit war der Erste Weltkrieg das zentrale Generationserlebnis gewesen. Sie wuchsen in den 20er Jahren mit der Perspektive auf, den wirtschaftlichen Erfolg der älteren Generation nicht wiederholen zu können. Diese Umstände förderten die Rezeption völkischer und rassistischer Gedankengänge. Auch bei der akademischen Jugend der 20er Jahre waren völkisch-rassistische und antisemitische Vorstellungen in besonderer Weise mehrheitsfähig. In einer Urabstimmung Mitte der 20er Jahre stimmten in Preußen 76% der Studenten für eine rassistische Mitgliedsformel der verfassten Studentenschaft, wonach jüdische Studenten ausgeschlossen wurden!

hlz: Gab es bei den Lehrern ähnliche Entwicklungen?

Frank Bajohr: Ja. Gerade die jüngeren Lehrer waren damit aufgewachsen, dass es normal ist, Krieg zu führen, sich mit der Nation und ihren Belangen zu identifizieren. Für sie wurde die Geschichte nicht durch Individuen gemacht, sondern durch Nationen, durch Völker, durch Rassen. Viele dachten nicht mehr individualistisch-liberal, sondern in starkem Maße völkisch-national.

hlz: Dann gab es ab 1933 ja auch die, um den Titel eines Ihrer Bücher zu zitieren, "Parvenüs und Profiteure", die direkt von den antijüdischen Maßnahmen profitierten.

Frank Bajohr: Verfolgung geschah eben nicht nur von oben nach unten, sie wurde eben nicht nur durch NS-Institutionen vorangetrieben und auf dem Gesetzeswege institutionalisiert, zum Beispiel durch die Nürnberger Gesetze 1935 oder das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums schon im April 1933. Die Gesellschaft wurde in diesen Verfolgungsprozess integriert und der Verfolgungsprozess gewann dadurch erst seine eigentliche Dynamik. Denken Sie nur an die Übernahme von Unternehmen und auch von Grundstücken. Die Arisierung war ja eine der größten Besitzwechsel der neueren deutschen Geschichte. Allein in Hamburg wurden eineinhalbtausend jüdische Unternehmen liquidiert oder wechselten den Besitzer, mehrere tausend Grundstücke kamen im Krieg dazu, dann später auch die bewegliche Habe der deportierten und ermordeten Juden, die zum Teil mit Eisenbahntransporten aus dem europäischen Ausland nach Hamburg geschafft und öffentlich an die Bevölkerung versteigert wurde. Weiterhin wurde mit diesem Verfolgungsprozess etwa für den Mittelstand massiv Konkurrenz ausgeschaltet. Es gab 1939 fast 2.000 leer stehende Ladenlokale in Hamburg. Das wurde von den Einzelhandelsinteressenvertretern als ganz maßgeblicher Erfolg gefeiert.

hlz: Wie würden Sie Arisierung definieren?

Frank Bajohr: Arisierung würde ich im engeren Sinne immer definieren als Transfer von so genanntem jüdischen in so genannten arischen Besitz. Das muss man, glaube ich, analytisch ein Stück weit unterscheiden von der Konfiszierung jüdischen Vermögens, wie es dann etwa durch die Devisenstellen oder die Oberfinanzdirektionen vorangetrieben wurde, bei der der Staat natürlich der zentrale Profiteur war, der das Geldvermögen sukzessive beschlagnahmte.

hlz: Kommen wir zu dem Verkauf des Hauses Rothenbaumchaussee 19, das später, mit Beginn der 50er Jahre in das Eigentum der "Gesellschaft der Freunde", also der GEW-Hamburg, überführt wurde. Dieses Haus gehörte bis Ende April 1935 einer jüdischen Erbengemeinschaft. Sie hat es für 40.000 Reichsmark an den Nationalsozialistischen Lehrerbund verkauft. Der damalige tatsächliche Wert des Hauses lag bei ca. 120.000 Reichsmark. War das Arisierung?

Frank Bajohr: Eindeutig ja. Es handelt sich hier um einen Vermögenstransfer aus dem Besitz von Juden in die Hände so genannter Arier unter den Bedingungen der NS-Herrschaft. Es darf mit einigem Recht vermutet werden, dass es zu diesem Grundstücksverkauf ohne die Herrschaft der Nationalsozialisten seit 1933 nicht gekommen wäre. Und es ist, glaube ich, nicht falsch, hier eine gewisse Druck- oder auch Zwangssituation der jüdischen Eigentümer anzunehmen, auch wenn man sicher nicht sagen kann, dass es sich hier um eine sogenannte Raubarisierung handelt, wie sie ab 1938/39 typisch gewesen ist, als nach dem November- Pogrom 1938 den jüdischen Eigentümern das Verfügungsrecht über ihr Eigentum schlichtweg entzogen wurde. Diese Situation haben wir im Frühjahr 1935 nicht, das heißt, es wurde auch kein unmittelbarer Zwang ausgeübt, dieses Haus Rothenbaumchaussee 19 in einer bestimmten Frist zu einem bestimmten Preis zu verkaufen. Aber der Verkauf steht unter den politischen Rahmenbedingungen nach 1933, dazu gehört die sich stetig verschärfende Verfolgungspraxis, dazu gehört auch der Umstand, dass insbesondere jüdische Verkäufer einen relativ schwierigen Stand bei solchen Verkäufen hatten. Es rentierte sich für jüdische Eigentümer normalerweise nicht, um entsprechende Kaufpreise zu pokern oder die Verhandlung irgendwie in die Länge zu ziehen, weil ihre Rechtsposition sich im nationalsozialistischen Deutschland eigentlich stetig verschlechterte. Deshalb waren die meisten an einem schnellen Abschluss interessiert, auch dann, wenn der erzielte Erlös deutlich unter dem Marktwert des jeweiligen Objektes lag. 1935 litt das Preisniveau von Grundstücken allerdings auch noch unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise.

hlz: Kann man für das Frühjahr 1935 - dem Zeitpunkt des Verkaufs - davon ausgehen, dass im September die Nürnberger Rassengesetze in Kraft treten würden? War also der Verfolgungsdruck bereits im Frühjahr so groß, dass die jüdischen Verkäufer möglichst schnell an Geld kommen mussten?

Frank Bajohr: Es hatte bis zum Frühjahr 1935 bereits zwei große antijüdische Verfolgungswellen gegeben. Die erst fand im Frühjahr 1933 statt, war vor allen Dingen verbunden mit dem Boykott jüdischer Geschäfte, dem Erlass des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums sowie mit zahllosen Übergriffen, Straßenaktionen, Verhaftungen durch die SA. Der Antisemitismus war faktisch zur Staatsideologie geworden. Im Hinblick auf die Behandlung der jüdischen Staatsbürger hatte sich Grundlegendes geändert. Die zweite Welle begann Anfang 1935. Die Nürnberger Gesetze hatten einen relativ langen Vorlauf und wurden gewissermaßen von unten vorbereitet durch zahllose antisemitische Aktionen, die vor allem von der NSDAP-Parteibasis getragen wurden. Das fand auch in Hamburg statt. Im Frühjahr 1935 beispielsweise trat Gauleiter Julius Streicher in der Hamburger Hanseatenhalle vor 30.000 Zuhörern auf, seine Ausführungen waren eine einzige antisemitische Suada, gespickt mit entsprechenden Drohungen. Es gab in Hamburg entsprechende Straßenaktionen. Auf dem Billhorner Röhrendamm beispielsweise marschierte die HJ auf. Jüdische Einzelhändler wurden gezwungen ihre Läden zu schließen. Es gab einzelne gewalttätige Übergriffe. Damit wurde ein Klima vorbereitet, das unmittelbar auf die Nürnberger Gesetze hinzielte. In Berlin war das noch stärker als hier in Hamburg. Die so genannten Kurfürstendamm-Krawalle wurden systematisch von der SA initiiert. In der Presse, etwa im Hamburger Tageblatt, verschärfte sich seit Anfang 1935 der antisemitische Ton. Es war ganz klar, dass es mit dem Erlass der antijüdischen Gesetze vom Frühjahr 1933 sein Bewenden nicht haben würde, sondern dass sich der antijüdische Kurs bis zur Vertreibung der Juden selber fortsetzen würde. Das konnte man im Frühjahr 1935 sehr gut erkennen.

hlz: Wie reagierten die Verfolgten? Bereiteten sie, soweit sie sich das leisten konnten, eine Flucht ins Ausland vor?

Frank Bajohr: Die meisten versuchten, sich unter den bestehenden Verhältnissen irgendwie einzurichten. Die erste große Auswanderungswelle fand in Hamburg zwar bereits 1933 statt, aber die höchsten Auswandererzahlen haben wir erst 1938 und 1939. Da wurde diese Auswanderung dann aber auch massiv durch Gewalt forciert. Nach dem November- Pogrom wurden ja fast 1.000 Juden hier in Hamburg in Konzentrationslager eingeliefert und sie mussten, wenn sie entlassen werden wollten, in der Regel eine Verpflichtungserklärung unterschreiben, für ihre Auswanderung zu sorgen.

hlz: Einige jüdische Vorbesitzer des Hauses Rothenbaumchaussee 19 - Mercedes Meyerhof, ihr Mann, der Großkaufmann Robert Nordheim Meyerhof, und ihre Mutter Hedwig Hallgarten - sind zu Beginn des Jahres 1936 zuerst in die Schweiz und später in die USA geflohen.

Frank Bajohr: Personen wie die jüdischen Vorbesitzer, die über ein entsprechendes Vermögen verfügten, konnten leichter auswandern. Durch den Verkauf des Hauses Rothenbaumchaussee 19 wurde Vermögen realisiert, das die Ausreise ein Stück weit erleichterte. Ärmere Juden hatten da deutliche größere Schwierigkeiten. Die aufnehmenden Länder waren an Habenichtsen wenig interessiert. Und für Jugendliche kam im wesentlichen nur die zionistisch gesteuerte und in Ausbildungslagern vorbereitete Auswanderung nach Palästina in Betracht.

hlz: Es gab jenen Wilhelm Bernhardt, der von 1933 bis 1945 und dann wieder - ohne Unterbrechung - in der neu gegründeten "Gesellschaft der Freunde"/GEW Geschäftsführer war. Er behauptet nach 1945, das Haus Rothenbaumchaussee 19 sei 1935 ein "verwahrlostes Gewese" gewesen. Die jüdischen Vorbesitzer hätten dem NS-Lehrerbund geradezu dankbar sein müssen, dass er das Haus zu einem angeblich angemessen Preis gekauft und damit möglicherweise geholfen habe, dass sie 1936 auswandern konnten.

Frank Bajohr: Ja, das ist natürlich das Standardargument aller Arisierer, das ich aus nahezu jeder Akte kenne. Unisono wird immer vorgebracht, die Übernahme eines Grundstücks oder eines Unternehmens habe einen geradezu mildtätigen Akt dargestellt. Das ist natürlich ein taktisches Argument. Der NSLB hat ja diesen Grundstücksankauf nicht vollzogen, um damit Juden zu unterstützen, sondern weil das in die Arrondierung ihres Curio-Hauses passte und weil der Preis, gemessen an dem Wert des Grundstücks, ganz ausgesprochen günstig war. Insofern machte man ein glänzendes Geschäft. Und Ihre GEW- eigene Forschung belegt doch auch, dass die Behauptung, hier habe man es mit einem verwahrlosten Gewese zu tun gehabt, schlichtweg an den Fakten vorbei geht.

hlz: Der Geschäftsführer Wilhelm Bernhardt half in seiner NS-Funktion, das Haus zu erwerben, und er sorgte nach 1945 mit dafür, dass das Haus der GEW zugesprochen wurde.

Frank Bajohr: Er konnte sich nach 1945 mit der Restitution dieses Grundstücks sicherlich ein positives Entrée bei der GEW verschaffen, indem er Vermögen in nicht unbeträchtlichem Umfange der Gewerkschaft zuführte. Das war wohl ein gewichtiges Argument, über seine NS-Vergangenheit großzügig hinwegzusehen, nachdem er sich in dieser Weise kooperativ und gewerkschaftsfreundlich gezeigt hatte.

hlz: Eine andere Argumentationsfigur nach 1945 war und ist es mancherorts bis heute, der NS-Lehrerbund habe, da er 1933/34 das Gewerkschaftseigentum der "Gesellschaft der Freunde" übernahm, das Haus Rothenbaumchaussee 19 sozusagen mit geraubtem Gewerkschaftseigentum bezahlt. Insofern sei es nach 1945 als rechtmäßiges Gewerkschaftseigentum zu betrachten.

Frank Bajohr: Auch wenn ich die finanztechnischen Details nicht genau kenne, die sich aus der Übernahme der "Gesellschaft der Freunde" durch den NS-Lehrerbund ergaben, so ist in jedem Falle der Erwerber der NS-Lehrerbund gewesen. Das war ja auch der Grund, warum das Landesamt für Vermögenskontrolle dieses Grundstück nach 1945 zunächst nicht frei gegeben hat, weil es nämlich ganz offiziell als nationalsozialistisches Grundstück galt. Es wurde nach 1945 nicht wie ein Gewerkschaftsvermögen behandelt, sondern war erst mal formal - und das auch völlig zu Recht - NS-Vermögen. Von daher ist das Argument, es handle sich im Grunde genommen um eine Art verkapptes Gewerkschaftseigentum, auf dieser Ebene nicht nachzuvollziehen. Andererseits muss man sagen, dass vermutlich ehemaliges Gewerkschaftsvermögen beim Ankauf 1935 genutzt wurde. Meiner Rechtsauffassung nach hatte die Gewerkschaft zwar nach 1945 kein Anrecht darauf, diese Immobilie restituiert zu bekommen, weil es der Gewerkschaft de facto niemals gehört hatte. Die Gewerkschaft hätte allerdings einen Anspruch gehabt, nach Freigabe der Immobilie durch das Landesamt für Vermögenskontrolle, finanziell im Hinblick auf das beim Kauf eingesetzte beschlagnahmte Gewerkschaftsvermögen entschädigt zu werden. Die Immobilie selbst, die ja unter der Aufsicht des Landesamtes für Vermögenskontrolle stand, hätte der Allgemeinheit zugeordnet werden müssen. Ein Recht der GEW, die Immobilie in Gestalt einer Naturalrestitution unmittelbar zu übernehmen, kann ich aus dem gesamten Sachverhalt nicht ableiten.

hlz: Es gibt eine zweite handelnde Person, die in dieser Sache vor und nach 1945 eine Art Gelenkfunktion hatte: Fritz Klesper.

Frank Bajohr: Ja, Fritz Klesper. Er war im Dritten Reich Leiter der Überwachungsabteilung in der Hamburger Devisenstelle. Diese Beschränkung des Devisenverkehrs begann schon 1931 unter der Regierung Brüning, die Nazis haben sie dann aber erheblich ausgedehnt. Diese Überwachungsabteilung und damit auch Klesper persönlich war in zahllose Devisenstrafverfahren involviert, in denen jüdische Kaufleute gezielt - ich sage das mal salopp - zur Strecke gebracht wurden. Schon bloße Formalverstöße reichten aus, um die jüdischen Eigentümer ihres Verfügungsrechts über das Eigentum zu berauben. Der geringste Verdacht auf Kapitalflucht, der häufig genug völlig unberechtigt war, konnte dazu führen, dass den jüdischen Eigentümern das Verfügungsrecht über ihr Vermögen entzogen wurde. Das wurde ganz extensiv in Tausenden von Fällen vorangetrieben. Das Devisenrecht und insbesondere die Vorgehensweise der Überwachungsstellen entwickelten sich zu einem entscheidenden Motor bei der finanziellen Enteignung der deutschen Juden. Fritz Klesper hat dabei eine ganz wesentliche Rolle gespielt. Insofern ist es eine geradezu abstruse Ironie, dass derselbe Mann, der am antijüdischen Verfolgungsprozess im Dritten Reich beteiligt war, nach 1945 im Landesamt für Vermögenskontrolle arbeitete, das sich ja u.a. mit unrechtmäßigen Enteignungen zu befassen hatte. Mittlerweile war Klesper offensichtlich auch zum Oberregierungsrat befördert worden.

hlz: Weil er als guter Beamter seinem Staat immer treu gedient hat.

Frank Bajohr: Ja, vermutlich. Nach 1945 blieben die meisten Finanzbeamten im Amt. Sie waren bestrebt, ihr Verhalten rückblickend als schon immer rechtens darzustellen. Der Unrechtscharakter bestimmter Maßnahmen wurde von Ihnen fast unisono verneint oder nicht zugegeben. Wegen ihrer Rolle im Verfolgungsprozess hatten sie aus wohlerwogenen eigenen Gründen kein Interesse daran, sich jetzt als Speerspitze der Aufklärung zu betätigen. Aber sie wurden stets als Sachverständige in den Restitutionsverfahren herangezogen.

hlz: Klesper hat offensichtlich auch bei dem Restitutionsverfahren Rothenbaumchaussee 19 die GEW und den DGB beraten. Es gab also Kontakte zu den deutschen Organisationen, die von der Arisierung profitiert hatten und die nun durch mögliche jüdische Restitutionsansprüche "bedroht" wurden.

Frank Bajohr: Ja. Einerseits hatte Klesper natürlich eine amtliche Informationspflicht. Aber ich habe Klesper aus den Akten kennen gelernt und formuliere es mal so: Diese Finanzbeamtenschaft konnte relativ geschlossen in den 30er Jahren darauf eingeschworen werden, dass es in ihrer Tätigkeit nicht um eine Enteignung der Juden gehe, sondern um die Sicherung deutschen Volksvermögens. Die ideologische Figur, die gegenüber der Finanzbeamtenschaft bemüht wurde, war die, dass jüdischer Besitz in Wirklichkeit geraubtes deutsches Volksvermögen sei und dass die Enteignung der Juden eine Art Not- und Abwehrmaßnahme des deutschen Volkes darstelle. Nach 1945 waren dieselben Finanzbeamten jetzt an vorderster Front darum bemüht, deutsches Volksvermögen dem "erneuten Zugriff der Juden" zu entziehen. Das ist der Ausgangspunkt, von dem diese Beamten sowohl im NS-Staat als auch im neuen demokratischen Deutschland immer dachten: Möglichst viel Vermögen dem deutschen Volk zuzuführen oder nach 1945 dem deutschen Volk zu erhalten. Das bedeutete, dass sie nach 1945 betroffenen Arisierungsgewinnlern manchen Tipp gaben. Aus den Dokumenten selbst ist nicht unmittelbar abzuleiten, dass Klesper gezielt gegen die Interessen der jüdischen Voreigentümer von Rothenbaumchaussee 19 gehandelt hat. Aber es ist hochgradig unwahrscheinlich, dass Klesper den ehemaligen jüdischen Eigentümern irgendeine besondere Form von Entgegenkommen gezeigt hat.

hlz: Immerhin hat sein Landesamt für Vermögenskontrolle 1951 Bedenken gegen die "Rückübertragung" der Immobilie an die GEW- Hamburg geäußert.

Frank Bajohr: Ja, ja. Das war seine Aufgabe. Aber offenbar hat er in dem Gesamtszenario seine Rolle anders gesehen. Er hat formal Bedenken geäußert. Der Vorgang macht aber nicht den Eindruck, als hätte das Landesamt gegen die Übertragung des Hauses Rothenbaumchaussee 19 an die GEW- Hamburg massiv interveniert. Das hätte man angesichts der rechtlichen Situation aber tun sollen. Klesper und das Landesamt haben es nicht getan aus Gründen, die wir zwar nicht im Einzelnen rekonstruieren können, die aber einem bekannten Muster folgten.

hlz: Gibt es in Deutschland vergleichbare Vorgänge, dass Gewerkschaften sich mit ihrer Vergangenheit beschäftigen?

Frank Bajohr: Es ist ungewöhnlich für eine Gewerkschaft oder auch für andere Einrichtungen, dass sie selbst initiativ werden und einen solchen Vorgang zum Thema machen. Normalerweise kommt es ja zu einem öffentlichen Skandal und erst dann reagieren die Beteiligten und geraten in Erklärungsnöte. Unter dem Druck genügend großer öffentlicher Aufmerksamkeit geben sie dann irgendwie nach. Das ist eigentlich das klassische Muster. Man kann sich sehr schnell darauf einigen, dass irgendwie Unrecht geschehen ist, es darf nur keine weiteren finanziellen Konsequenzen zeitigen. Insofern halte ich das Verhalten der Hamburger GEW für durchaus vorbildlich. Sie hat sich einem Kapitel der eigenen Geschichte sehr offensiv und vor allen Dingen offen gestellt und das in aller Öffentlichkeit thematisiert. Es gibt andere sehr ehrenwerte Einrichtungen und Institutionen, die auch von derart zweifelhaften Nutznießerschaften profitierten oder es noch heute tun, bei denen ich nicht immer weiß, inwieweit sie sich nach 1945 dieser Frage gestellt oder gar eine entsprechende Rückerstattung angeboten haben. Es sind unendlich viele Grundstücke etwa dem Deutschen Roten Kreuz zugeeignet worden oder auch karitativen Einrichtungen. Es gibt auch heute noch diese berühmt-berüchtigte Hamburger Stiftung von 1937, eine schwarze Kasse des NSDAP-Gauleiters Kaufmann, in die unter anderem so genannte Arisierungsspenden geflossen waren, die man von den arischen Erwerbern requiriert hatte, weil sie bestimmte Grundstücke oder Unternehmen zu einem so geringen Preis erworben hatten, dass noch eine "Spende" einkassiert wurde. Diese Stiftung ist nach 1945 nicht etwa aufgelöst worden, sondern wurde einem zugegebenermaßen sehr honorigen Zweck zugeführt. Sie wurde umbenannt in Hamburger Sammelstiftung für Bedürftige, unter das Patronat der Sozialbehörde gestellt und existiert dort noch heute - mit einem Stiftungsvermögen zumindest teilweise dubioser Herkunft. Weiterhin ist die Freie und Hansestadt Hamburg in hohem Maße Nutznießer von Grundstücksarisierungen geworden. Sie hat eine sehr hohe Zahl an so genannten "jüdischen Grundstücken" übernommen. Sie hat dafür die jüdische Gemeinde zwar - soweit die Grundstücke im Besitz der jüdischen Gemeinde gewesen waren - entschädigt. Der entsprechende Sammelbetrag, der in den 50er Jahren gezahlt wurde, war, gemessen an dem tatsächlichen Wert dieser Grundstücke, allerdings lächerlich gering. Es gibt, wenn man im Detail näher nachforschen würde, eine Vielzahl ähnlich gelagerter Fälle. Wir stoßen insgesamt immer wieder auf Vorgänge, in denen die im Zuge der Restitutionsverfahren zugunsten der jüdischen Eigentümer gezahlten Summen so gering gewesen sind, dass sie im Grunde genommen einer zweiten Enteignung gleich kamen. Moralisch bleibt in diesen Fällen ein, gelinde gesagt, "Geschmäckle" zurück.

hlz: Sind im Falle Rothenbaumchaussee 19 eigentlich noch juristische Folgen zu erwarten?

Frank Bajohr: Die jüdischen Eigentümer haben nach 1945 keine Rückerstattungsansprüche gestellt. Ich sehe daher nicht, wie z.B. Nachfahren der früheren jüdischen Eigentümer auf formal juristischem Wege ein entsprechendes Eigentum einklagen können. Aber ein politisch- moralisches Problem bleibt bestehen. Die GEW- Hamburg sieht das offensichtlich genauso.

hlz: Wie sollte Ihrer Meinung nach die GEW-Hamburg mit ihrem Arisierungserbe weiter umgehen? Zur Zeit versuchen wir die Nachfahren der Erbengemeinschaft zu finden und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Frank Bajohr: Ja, falls möglich, sollte erst einmal dieser Kontakt hergestellt werden. Die GEW müsste jetzt aber auch diskutieren, wie sie die moralische Frage - Verstrickung in einen Arisierungsgewinn - mit der Frage der finanziellen Konsequenzen verbinden möchte. Zwar ergibt sich meines Erachtens aus der formalen Rechtslage keine unmittelbare Entschädigungsverpflichtung. Aber es wäre sicherlich angemessen, wenn die Verbindung von moralischem Problem und finanzieller Konsequenz in irgendeiner Weise zum Ausdruck käme. Wie dies geschehen sollte, ist ausschließlich Sache der GEW. Da kann ich von außen keine Ratschläge geben.

hlz: Vielen Dank für das Interview, Herr Dr. Bajohr.
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(Im Kasten:)
Ausgewählte Veröffentlichungen von Dr. Frank Bajohr:
- "Arisierung" in Hamburg. Die Verdrängung der jüdischen Unternehmer 1933 - 1945. Hans Christians Verlag, 2. Aufl., Hamburg 1998.
- Parvenüs und Profiteure. Korruption in der NS- Zeit. Fischer- Verlag, Ffm., 2001 (als Taschenbuch 2004).
- "Unser Hotel ist judenfrei". Bäder- Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert. Fischer TB, 3. Aufl. Ffm., 2003.
- Die Zustimmungsdiktatur. Grundzüge nationalsozialistischer Herrschaft in Hamburg; Von der Ausgrenzung zum Massenmord. Die Verfolgung der Hamburger Juden 1933-1945, beide Aufsätze in: Hamburg im "Dritten Reich", Wallstein Verlag, Göttingen 2005; S. 69-121; S. 471-518.
- In Vorbereitung, zusammen mit Dieter Pohl (Institut für Zeitgeschichte München): Der Holocaust als offenes Geheimnis. Die deutsche Bevölkerung, die NS-Führung und die Alliierten, C.H. Beck, München 2006.

Titel:
Die "Entjudung" des Curiohauses 1935/ 1936

Vorspann:
Lange, bevor es in Nazi- Deutschland üblich wurde, waren die "jüdischen" Mietern des Curiohauses gezwungen ihre Wohnungen zu räumen. Neue Dokumente beleuchten die antisemitische Willkür des NS Lehrerbundes.


27. Dez. 1935. Einschreiben:
"In Befolgung uns gegebener Richtlinien sind wir nicht mehr in der Lage, das Mietverhältnis mit Ihnen aufrecht zu erhalten, und kündigen Ihre von uns gemietete Wohnung auf den 31. März 1936. Heil Hitler!"

Eine Kopie dieses Schreiben blieb knapp 70 Jahre in den Kellergewölben des Curiohauses unter Staub und Dreck erhalten und konnte vor kurzem an das Tageslicht gezogen werden. Es war gerichtet an John J. Cohen sowie A. Levy, vermutlich dessen Untermieter. Sie hatten die Wohnung im Curiohaus, Rothenbaumchaussee 17, Hochparterre, inne. Cohen und Levy wurde gekündigt, weil sie - entsprechend den rassistischen Nazi- Kategorien der im Herbst 1935 beschlossenen Nürnberger Gesetze - "Juden" waren.
Der Geschäftsführer der Lehrervereinshaus G.m.b.H., Wilhelm Bernhardt, schickte fast gleich lautende Kündigungsschreiben an alle anderen "jüdischen" Curiohaus- Mieter in der Rothenbaumchaussee 11 und 17, so an Frau A. Lippstadt, Herrn A. Zinner, Frau R. Moses, Dr. Koppel und Dr. Vogel.


Dr. med. Robert Vogel
Die kürzlich wieder aufgefundenen Dokumente verraten Details, z.B. über die Entmietung Dr. Robert Vogels. Er kündigte ursprünglich selbst seine Wohnung. In einem Schreiben vom 1. September 1933 verwies er dabei auf die antisemitischen Berufsverbote gegenüber Ärzten: "Durch die neusten Verordnungen im ärztlichen Beruf ist unsere Wirtschaftslage derart unsicher geworden, dass wir uns gezwungen sehen, auf den nächstmöglichen Termin zu kündigen. Es ist anzunehmen, dass für die Ärzte, die von dieser Bestimmung betroffen werden, neue Gesetze zur Regelung der Mietverhältnisse herauskommen werden. Hochachtungsvoll! Dr. Vogel." Mit seiner Befürchtung sollte er Recht behalten. Er blieb dennoch vorerst wohnen und erlangte im Oktober 1934 sogar eine zehnprozentige Mietminderung. Als ihm am 17.1.1936 seine Wohnung mit dem oben zitierten standardisierten Text gekündigt wurde, widersprach er und war zunächst erfolgreich. Im Mai 1936 erhielt er die Nachricht, dass die Kündigung zurückgezogen worden wäre. In einem neuen Schreiben vom 30.6.1936 wurde ihm wiederum gekündigt: "Nach uns zugegangener Weisung müssen wir Ihnen hiermit erneut Ihre Wohnung auf den 30. September 1936 kündigen. Heil Hitler!" Dr. Vogel protestierte "höflichst überrascht" am 6.7.1936. Die Gründe für die Rücknahme der Kündigung hätten sich doch nicht verändert, seine Tätigkeit würde einen schnellen Wohnungswechsel verbieten. Im übrigen würden die gesetzlichen Kündigungsfristen nicht eingehalten. Daraufhin wurde Dr. Vogel vier Tage später, am 10 7. 1936, energisch darauf hingewiesen, dass er sich irre:
" … teilen wir Ihnen hierdurch mit, dass der Gauamtsleiter Landesschulrat Schulz weitere Verhandlungen in Ihrer Mietangelegenheit abgelehnt hat."

Die "jüdischen" Mietverhältnisse im Curiohaus wurden bereits Ende 1935/ Anfang 1936 gekündigt und nicht - wie sonst in Nazi- Deutschland üblich - erst nach der Reichspogromnacht 1938. Warum?


Die Verantwortlichen
Die Lehrervereinshaus G.m.b.H verwaltete vor 1933 das Vermögen - so das Curiohaus - der "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens", Vorgängerin der heutigen GEW-Hamburg. Nach der Machtübertragung an Hitler überführte sich die "Gesellschaft der Freunde" auf der Hauptversammlung am 27. 4. 1933 mit ihren über 4.600 Mitgliedern und ihrem gesamten Besitz in den Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB). Neuer Vorsitzender wurde NSLB-Gauobmann Wilhelm Schulz, zuvor schon aktives Mitglied der "Gesellschaft der Freunde".
Der NSLB wurde innerhalb der Struktur der gleichgeschalteten "Gesellschaft der Freunde" unter Führung von Schulz neu aufgebaut - mit Sitz im Curiohaus. Die Vertreter der alten "Gesellschaft der Freunde" machten sich illusionäre Hoffnungen, sie könnten mit der Zustimmung zur Gleichschaltung das Vermögen der Organisation für die bisherigen Mitglieder erhalten. Auf der Hauptversammlung am 16 3. 1934 wurde die "Gesellschaft der Freunde" de facto ohne jegliche Diskussion aufgelöst. Ihr Vermögen wurde somit endgültig dem NSLB übertragen. In der neuen Satzung vom März 1934 hieß es: "Das Curiohaus wird durch einen Ausschuss der Abteilung Wirtschaft und Recht verwaltet, dem außer dem Geschäftsführenden Leiter der Geschäftsleiter und der Rechnungsführer der Lehrervereinshaus G.m.b.H. sowie drei weitere Mitglieder des Verwaltungsrats angehören, die der Landesleiter des NSLB ernennt." Alle Führungsstellen der bisherigen "Gesellschaft der Freunde" und ihrer Vermögensverwaltung, der Lehrervereinshaus G.m.b.H., wurden ab Mitte 1933 durch Funktionäre des NSLB besetzt. Es galt offiziell das nationalsozialistische Führerprinzip. Der bisherige Geschäftsführer des Curiohauses, Adolf Buse, wurde ersetzt durch den Nationalsozialisten Wilhelm Bernhardt, der diesen Posten über das Ende der NS-Zeit hinaus - auch innerhalb der neu gegründeten GEW (!) - bis zu seinem Tod 1959 innehatte.
Es war der Nationalsozialistische Lehrerbund Gau Hamburg mit seinen o.g. nazistischen Funktionären Schulz und Bernhardt sowie Kurt Holm, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Lehrervereinshaus G.m.b.H., der 1935/ 36 die Kündigungen der "jüdischen" Curiohaus- Mieter zu verantworten hatte.

War der NS Lehrerbund ansich anständig ?
Der NSLB als neuer "Eigentümer" des Curiohauses hatte zunächst die "jüdischen" Mieter erst einmal wohnen lassen, ja, Regina Moses hatte noch 1934 einen neuen Mietvertrag erhalten. Die meisten Curiohaus- Mieter - die "arischen" und die "jüdischen" - hatten infolge der Weltwirtschaftskrise Schwierigkeiten die Miete zu zahlen. Am Beispiel Dr. Vogel zeigt sich, dass auch den "jüdischen" Mietern geminderte "Krisenmieten" angeboten oder Mietschulden zum Teil erlassen wurden. Die vorsorglichen Kündigungen der Mieter wurden nicht angenommen. Die Lehrervereinshaus G.m.b.H. kam als Vermieterin auch zwei "jüdischen" Mietparteien nachweislich bis 1934/35 kulant entgegen. Leerstehender Wohnraum sollte vermieden werden.

In den 1970er Jahren erinnerten sich auch die ehemaligen Angestellten der Geschäftsstelle der "Gesellschaft der Freunde" bzw. des NSLB, Andersen und Biermann, an die "jüdischen" Curiohaus- Mieter: "Der NSLB war übrigens in den ersten Jahren auch auf anderen Gebieten nicht besonders eifrig ´braun´. Z.B. haben noch jahrelang im Curiohaus die jüdischen Mieter weiterhin wohnen bleiben dürfen - die beiden Ärzte Dr. Koppel und Dr. Vogel waren bis zuletzt unsere eignen Hausärzte. Erst als der Landesschulrat wiederholt, zuletzt im ´Schwarzen Korps´ (SS- Zeitung), wegen dieser himmelschreienden Zustände scharf angegriffen wurde, wurde auch das Curiohaus ´bereinigt´."

Ging es also um mehr als nur um die Auslastung des Curiohauses? Ist den beiden Zeitzeugen zuzustimmen, dass sich der NSLB gegenüber "Juden" "nicht besonders braun", also eher anständig verhalten hat, bis er vom "Schwarzen Korps" zur Ordnung gerufen wurde?

Uwe Schmidt nennt in seinem neu veröffentlichtem Buch "Lehrer im Gleichschritt - der NSLB Hamburg" die Gründe, warum allen "jüdischen" Curiohaus- Mietern 1935/ 36 gekündigt wurde. Der NSLB- Führer und Gauamtsleiter Wilhelm Schulz, der am 15. 11. 1933 auch zum Landesschulrat aufgestiegen war, hatte sich nach einem heftigen Machtkampf innerhalb des NSLB- Hamburg gegen das Lager der sogenannten "Alten Kämpfer" durchgesetzt. Dabei hatte Wilhelm Schulz den Eintritt der "Gesellschaft der Freunde" in den NSLB als einen großen persönlichen Erfolg verbuchen können. Der Machtkampf um Posten und Pfründe zwischen "alter" und "neuer" NSLB-Leitung wurde vor allem durch den NSDAP- Gauleiter und späteren Reichsstatthalter für Hamburg, Karl Kaufmann, im Sinne von Wilhelm Schulz entschieden. Wilhelm Schulz strengte vor dem Parteigericht der NSDAP, dem sogenannten Gaugericht, ein Verfahren gegen die unterlegene Oppositionsgruppe des "alten" NSLB an. Der Kassenführer des "alten" NSLB, Heinrich Hehn, revanchierte sich vor dem Gaugericht mit einem Ausschlussverfahren gegen Wilhelm Schulz. Dieser habe sich mit "dem alten, ehemals rot verseuchten Genitivverein" (gemeint war die "Gesellschaft der Freunde") identifiziert. Nach wie vor sei mit Billigung von Schulz das Curiohaus Treffpunkt der Hamburger Juden für Veranstaltungen gewesen (z.B. mit Martin Buber am 16.1. 1935 oder für eine Gedenkfeier für Theodor Herzl am 15. 5. 1935). Des weiteren wurde Schulz - s.o. - in der SS- Zeitung Das schwarze Korps wegen der "jüdischen" Mieter im Curiohaus angegriffen. Nach Unterlagen im Bundesarchiv in Berlin informierte Wilhelm Schulz einen "Beauftragten der Parteileitung" in Hannover, die Geschäftsleitung des Curiohauses habe auf sein Drängen hin den letzten jüdischen Mietern gekündigt. Mit anderen Worten: In einer Auseinandersetzung "um Geltung und Gewicht im Machtgefüge des Nationalsozialismus" und aus persönlichem Geltungsbedürfnis (Uwe Schmidt) hat die eine NSLB- Fraktion der anderen vorgeworfen, zu "juden"freundlich zu sein. Das konnte Pg. Wilhelm Schulz nicht auf sich sitzen lassen. Das Curiohaus musste auf Kosten seiner Bewohner "judenfrei" gemacht werden.

Schulz war zuerst Nazifunktionär und erst dann (NS-)Landesschulrat. Er war zu keiner Zeit "juden"freundlich. Seine gesamte Tätigkeit als leitender Nazi in Hamburg spricht dagegen. Bereits am 11. Mai 1933 betonte Schulz als neuer Vorsitzender der "Gesellschaft der Freunde", es gelte das unverrückbare Gedankengut des Nationalsozialismus pädagogisch in die Tat umzusetzen: "Es gibt keine Synthese zwischen nichtnationalsozialistischen und nationalsozialistischen Gedanken." Als NSLB-Gauobmann und als Landesschulrat war er für den geschürten Hass auf "Juden" an Hamburgs Schulen mitverantwortlich. Er war ein glühender Nationalsozialist, machtbewusst und vom Rassismus und Führerprinzip überzeugt.

Und es darf nicht vergessen werden: In Hamburg begann bereits am 31. März 1933 die Entlassung der sozialdemokratischen, kommunistischen, pazifistischen und jüdischen Lehrkräfte, also noch bevor am 7. April 1933 im Deutschen Reich das Gesetz "zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" mit seinem "Arier"paragraph in Kraft trat.

Der NSLB als antisemitischer Vorreiter
Die "jüdischen" Mieter mussten ihre Wohnungen 1936 räumen. Die Missachtung des Rechts auf Wohnung bedeutete eine direkte existenzielle Bedrohung. Freiwillig ging niemand. Mit dieser "Entjudung" des Curiohauses betätigten sich die NSLB- Funktionäre als frühe Vorreiter einer unmenschlichen Maßnahme, die erst drei Jahre später allgemein durchgeführt wurde. Im Zuge der immer schärferen Entrechtung und Verfolgung der "jüdischen" Bevölkerung wurde am 30.4.1939 das "Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden" beschlossen.
Bereits im Mai 1938 hatte das Amtsgericht Nürnberg eine jüdische Familie zur Räumung verurteilt, nur weil sie "Juden" waren. Dem schlossen sich überall im Reich andere Gerichte an. Im September 1938 hatte das Reichsjustizministerium den Mieterschutz für Juden aufheben wollen. Mit dem Novemberpogrom 1938 konnte man sich auf die Wirkung des Terrors verlassen. De facto gab es bei willkürlicher Kündigung keinen Rechtsschutz mehr für "Juden". Am 28. 12. 1938 hatte Reichsmarschall Göring in einem Schnellbrief an den Reichsminister des Inneren gefordert, "Juden" sollten zukünftig ausschließlich in von "Juden" bewohnten Häusern untergebracht werden. Zunehmend wurde die "jüdische" Bevölkerung in sogenannte Judenhäuser zusammengepfercht. In Hamburg standen bereits ab 1939/ 40 die "Judenwohnungen" im Mittelpunkt lokalen Interesses und weckten angesichts der Wohnungsnot Begehrlichkeiten. Im September 1941 ergriff NSDAP- Gauleiter und Reichsstatthalter Karl Kaufmann die Initiative und holte sich nach einem britischen Bombenangriff, der rund 600 Hamburger obdachlos gemacht hatte, das Plazet Hitlers für eine Deportation der Hamburger "Juden", um deren Wohnungen den Bombengeschädigten zuzuweisen.

Nachbemerkung
Der NS Lehrerbund hat sich mit der "Entjudung" des Curiohauses im Jahre 1935/ 36 besonders früh hervorgetan. Letztlich erwies sich die Wegnahme ihrer Wohnungen als ein Schritt auf dem Weg zur weiteren Verfolgung und Ermordung der "jüdischen" Bevölkerung. Regina Moses, geboren 1877 in Hamburg, wurde am 30. Juni 1936 als "jüdische" Mieterin gezwungen aus dem Curiohaus auszuziehen. Am 6. Dezember 1941 wurde sie 64- jährig zusammen mit 752 anderen Menschen von Hamburg nach Riga deportiert. Lediglich 30 Menschen dieses Transports haben überlebt.

Bernhard Nette, Stefan Romey.

Geschenkt ist geschenkt
In der Gewerkschaft Erziehung und Wissen­schaft (GEW) in Hamburg wird darum gestritten, was mit einer gewerkschaftseigenen Immobilie geschehen soll, die im Jahr 1935 "arisiert" wurde. von Andreas Blechschmidt
Es geht um die Frage, ob die GEW eine späte Profiteurin der nationalsozialistischen "Arisierungen" ist. Eine jüdische Erbengemeinschaft verkaufte das im Universitätsviertel gelegene Gründerzeithaus im April 1935 an die bereits im "Nationalsozialistischen Lehrerbund" (NSLB) gleichgeschaltete "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens". Die GEW Hamburg wurde juristische Rechtsnachfolgerin jener "vaterländischen Gesellschaft".
Auf der Landesvertreterversammlung im April beschloss man mit 57 zu 50 Stimmen, sich nicht von der Immobilie zu trennen. Statt den erhofften Schlussstrich ziehen zu können, ist die öffent­liche Kontroverse seither voll im Gange. Sogar Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust (CDU) hat sich zu Wort gemeldet. Dass sich eine als links geltende Gewerkschaft von einem CDU-Bürgermeister per Presseerklärung unter der Über­schrift "Moralische Pflicht muss Vorrang haben vor materiellen Interessen" belehren lassen muss­te, darf als Novum gelten. "Ich appelliere dringend an die GEW, diese Entscheidung zu überdenken (…) Es geht hier auch nicht um juristische Fragen, sondern um die moralische Verantwortung, um die historische Verantwortung und um menschlichen Anstand", hieß es in dem Papier.
Der Ausgangspunkt des Konflikts um die Stadtvilla Rothenbaumchaussee 19 (kurz: "Ro 19") waren gewerkschaftsinterne Recherchen zur verdrängten Geschichte der Immobilie. Zunächst sah alles nach einer mustergültigen Aufarbeitung aus. Die Zwischenergebnisse wurden in der gewerkschaftseigenen Zeitung veröffentlicht, im November 2005 erfolgte ein Hearing, an dem renommierte Historikerinnen und Historiker teilnahmen. Zuletzt wurden sogar informelle Gespräche darüber geführt, das Gebäude an die Stadt zu übereignen, um dort ein Museum für die Geschichte der Juden in Hamburg einzurichten. All diese Überlegungen sind mit dem Beschluss der GEW, das Gebäude nicht zu veräußern, obsolet geworden.
Klaus Bullan, der Vorsitzende der GEW Hamburg, sagte dazu: "Dass es durchaus moralische Probleme damit gibt, leugnen wir nicht. Aber aus unserer Sicht ist es nicht der richtige Weg, seiner moralischen Verantwortung gerecht zu werden, indem man das Gebäude weggibt." Tatsächlich bestehe ein "Konsens, dass dieses Gebäu­de 1935 unter Wert verkauft worden ist". Auch lässt er gelten, dass grundsätzlich jeder Verkauf nach 1933 unter dem Verdacht steht, eine "Arisierungsmaßnahme" gewesen zu sein. Doch im konkreten Fall solle das gerade nicht zutreffen. "Der Historiker Frank Bajohr hat in einem Hearing unserer Gewerkschaft im November 2005 zu bedenken gegeben, dass es trotz allem immer auch auf den konkreten Einzelfall ankomme. Und im Falle der Ro 19 gehen wir davon aus, dass es keinen tödlichen Verfolgungsdruck gegeben hat, der die jüdische Erbengemeinschaft zum Verkauf gezwungen hat. Vielmehr sprechen Indizien dafür, dass die damaligen jüdischen Besitzer noch einen gewissen Spielraum hatten."
Der Landesvorstand der GEW erklärte, dass "die Eigentümer in diesem konkreten Fall, anders als in anderen, nach dem Krieg keine Restitutionsansprüche gestellt haben und nicht alle Vorbesitzer Hamburg und Deutschland nach dem Verkauf verlassen haben". Einer der ehemaligen Eigentümer der Ro 19 habe sogar nach 1935 eine andere Immobilie in Hamburg erworben.
Mit dieser eigenwilligen Interpretation der histo­rischen Fakten und der neuen Kategorie des "töd­lichen Verfolgungsdrucks" stellt die GEW Hamburg das geltende Verständnis von "Arisierung" in Frage: ein gesamtgesellschaftlicher Prozess der Ausplünderung auf der Grundlage eines aggressiven antisemitischen Konsenses, der auch ohne administrative Maßnahmen der nationalsozialistischen Machthaber auskam. So gingen die Alliierten nach 1945 von einer "prinzipiellen Entziehungsvermutung" bei allen Rechtsgeschäf­ten zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deut­schen aus. Zwar gab es nach 1935 in Einzelfällen Verkäufe mit angemessenen Verkaufserlösen. Dass ausgerechnet im Falle der Ro 19 die jüdischen Verkäufer auf Augenhöhe mit dem NSLB verhandelt haben sollen, kann als Wunschvorstellung der GEW Hamburg gelten, zumal die meisten Mitglieder der verkaufenden Erbengemeinschaft in den Jahren 1936/37 emigrierten.
Schließlich sind auch die Umstände des Erwerbs der Immobilie durch die GEW nach 1945 in der Kritik. Ausgerechnet der ehemalige Leiter der Ab­teilung Wirtschaft und Recht des Nationalsozialis­tischen Lehrerbunds, Kurt Holm, durfte damals bezeugen, dass der Verkauf im Jahre 1935 keine "Arisierung" dargestellt haben soll, und das auf Initiative eines ehemaligen Mitglieds der NSDAP, Wilhelm Bernhardt. Bernhardt war seit 1933 Vermögensverwalter des NSLB gewesen und in dieser Funktion nach 1945 für die GEW weiter tätig. Auch half vermutlich der damalige Landesamtsleiter für Vermögenskontrolle, Fritz Klesperer, bei der Übertragung der Immobilie. Der wiederum war in der NS-Zeit als Regierungsrat für die Ausplünderung jüdischer Familien in Hamburg mitverantwortlich.
Für Kritiker wie Benjamin Ortmeyer, Vor­stands­mitglied der GEW in Frankfurt am Main, steht "die Glaubwürdigkeit der GEW als Ganzes auf dem Spiel". Ortmeyer befürchtet, dass im Hamburger Landesverband "nicht der geschichtsrevisionistische Mechanismus erkannt" werde, welcher in der Tendenz zur "Umkehr der Beweislast" liege. Ortmeyer spielt damit auf den nach 1945 geltenden Grundsatz an, nach dem mutmaßliche Arisierungsprofiteure zu beweisen hatten, dass ihr Geschäft auch ohne die Herrschaft des Nationalsozialismus zustande gekommen wäre. Aus der Sicht der Kritiker hat die Gewerkschaft diesen Be­weis bisher nicht erbracht.
Der Versuch der GEW Hamburg, die Entscheidung bezüglich der Ro 19 in einem besseren Licht erscheinen zu lassen, indem sie ab sofort jährlich 10 000 Euro für einen Fonds gegen rassistische und fremdenfeindliche Aktivitäten spen­det, ist gescheitert. Benjamin Ortmeyer sagte dazu: "Die 10 000 Euro sind ein zentnerschwerer Witz. Deutlich wird die Schuld und Verantwortung der GEW, unlogisch ist dann die Weigerung der Aufgabe des Hauses, zynisch ist die Summe bei jährlichen Einnahmen von 150 000 Euro."
Damit deutet er den sehr schlichten Grund für das Festhalten der Gewerkschaft an der Ro 19 an: Offenbar will man auf die Mieteinnahmen, die das Gebäude einbringt, nicht verzichten. Das scheint schwerer zu wiegen als Fragen der politischen Moral. Zumindest insofern steht die GEW Hamburg bei der derzeitigen Beschlusslage in der historischen Kontinuität ihrer Vorläuferorganisation.

Jungle World Nr. 29 vom 19. Juli 2007
http://jungle-world.com/seiten/2007/29/10267.php

Darf eine Gewerkschaft arisiertes Eigentum behalten?

Als am 2.Mai 1933 die Gewerkschaften durch die Nationalsozialisten zerschlagen wurden, war die Hamburger "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens" (GdF), die Vorgängerin der Bildungsgewerkschaft GEW Hamburg, bereits seit fünf Tagen im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB). Die "Gesellschaft der Freunde" trat am 27.4.1933 kooperativ "unter brausenden, nicht enden wollenden Beifall" dem NSLB bei. Nur sieben Kolleginnen und Kollegen stimmten auf der Hauptversammlung gegen die vom alten Vorstand gewollte Gleichschaltung. Für die nächsten 12 Jahre bestimmten die Nazis die Geschicke dieser weltweit ältesten Lehrergewerkschaft.

1935 kaufte der NSLB, Gau Hamburg, die Immobilie Rothenbaumchaussee 19 (RO 19) einer jüdischen Erbengemeinschaft zu einem deutlich zu niedrigen Preis ab. Das Haus steht in bester Wohnlage direkt neben dem Curiohaus, dem Versammlungshaus der Hamburger Bildungsgewerkschaft. Ro 19 hatte 1935/36 laut einem Gutachten vom November 1945 einen Wert von 106.000 RM. Dem standen 40.000 RM. für den Ankauf und 26.000 RM für Renovierungen gegenüber. Die meisten jüdischen Vorbesitzer flohen nach dem Verkauf der Immobilie Ro 19 vor dem Naziterror ins Ausland.
Der NSLB blieb bis zur Zerschlagung des Naziregimes Eigentümer dieser Liegenschaft.
Nach Zerschlagung des Naziregimes trickste die neu gegründete GEW Hamburg. Sie erhob Anspruch auf Ro 19, wobei sie sich quasi zur Rechtsnachfolgerin des NSLB erklärte. Pg. Wilhelm Bernhardt, der 1933 vom NSLB als Geschäftsführer der Vermögensgesellschaft eingesetzt worden war und in dieser Funktion von der GEW bis zu seinem Tod 1959 belassen wurde, entwickelte für die GEW die Strategie, wie sie in den Besitz des Hauses Ro 19 kommen konnte: "Wir brauchen also nur nachzuweisen, dass der Kaufpreis a) eine angemessene Höhe hatte und b) frei zur Verfügung des Käufers stand." . Die GEW bestellte 1950 ein neues Gutachten, in dem der Kaufpreis für "durchaus angemessen" gehalten wurde. Die GEW behauptete 1950 weiterhin, die Verkäufer hätten frei über die Beträge verfügen können. Dass diese hierbei den allergrößten Teil aufgrund der sogenannten "Reichsfluchtsteuer" und anderer Sonderabgaben verloren, nannte die GEW "teilweise Beschränkungen", die "sich lediglich und allein nur aus 1935 geltenden ´allgemein gültigen´ devisenrechtlichen Vorschriften und keinesfalls aus anderen Gründen" ergeben hätten. Diese Argumentation wird in der gegenwärtigen Diskussion von Jörg Berlin wieder ins Spiel gebracht.
Zu Beginn der 50er Jahre jedenfalls wurde der GEW Hamburg nach Hilfestellung des DGB die Immobilie Ro19 übertragen. Es gehört ihr bis heute.

Seit dem Jahr 2000 wurde die Geschichte der Arisierung von Ro 19 aufgearbeitet. In einer Arbeitsgruppe der GEW wurden Vorschläge erarbeitet, wie die heutige GEW mit ihrem Arisierungserbe umgehen sollte. Der Vorschlag, Ro 19 der Stadt Hamburg unter der Maßgabe zu verkaufen, dort ein jüdisches Museum zu errichten, wurde auf der Landesvertreterversammlung (LVV) der GEW Hamburg im April 2007 mit 57:50 Stimmen bei 10 Enthaltungen abgelehnt. Für eine solche Lösung hatten Politiker aller Bürgerschaftsfraktionen, Vertreter der Kulturbehörde, die Leitung des HamburgMuseums und die Jüdische Gemeinde plädiert. Stattdessen wurde vom GEW- Vorsitzenden Klaus Bullan alternativ vorgeschlagen, mit € 10.000 den renommierten BERTINI-Preis jährlich aufzustocken. Diese Spende wurde jedoch vom Vorstand des BERTINI-Preises abgelehnt. Ralph Giordano erklärte:"BERTINI-Preis und Arisierung passen nicht zusammen - kategorisch und unwiderrufbar!" Während der LVV musste der GEW- Vorsitzende daraufhin den Adressaten des Schecks ändern. Ein eigener Fonds soll jetzt eingerichtet werden, der sich gegen fremdenfeindliche Aktivitäten und für ein gleichberechtigtes, friedliches Miteinander der Menschen in Hamburg einsetzt.
Die BERTINI-Stiftung war besonders darüber empört, dass der Vorsitzende der GEW Hamburg für seine Entscheidung ein Gutachten von Jörg Berlin heranzog, das unmittelbar zur LVV veröffentlicht worden war. Dort verneint Jörg Berlin, dass Ro 19 arisiert wurde. Ralph Giordano nennt den Beitrag Jörg Berlins eine Infamie. "Jeder Wechsel aus jüdischem in ,arischen' Besitz im Deutschland des Jahres 1935 fand unter NS-Zwang statt. Aber Jörg Berlin tut so, als ob der Wechsel auch stattgefunden hätte, wenn 1935 die Weimarer Republik noch am Leben gewesen wäre."

Jörg Berlin behauptet, der Nationalsozialismus habe sich nicht wesentlich auf das Zustandekommen des Kaufes ausgewirkt. Die jüdischen Vorbesitzer seien gleichberechtigte Handelspartner gewesen. Berlin setzt sich bei der Einschätzung der Lebenssituation der jüdischen Vorbesitzer von Ro 19 nicht mit der Kollektivverfolgung der Juden in Deutschland seit 1933 auseinander. Jörg Berlin behauptet, es sei unerheblich, ob und wie lange die jüdischen Vorbesitzer über den Kaufpreis verfügen konnten. Außerdem seien sie auch nicht vor dem Naziterror geflohen, sondern hätten sich selbst aus wirtschaftlichen und familiären Gründen in die Schweiz "ausgesiedelt". Des weiteren behauptet Jörg Berlin, dass die Vermögensträgerin des NS-Lehrerbundes zum Zeitpunkt des Ankaufs 1935(!) noch eine rechtsstaatlich und gewerkschaftlich eigenständig handelnde Organisation gewesen sei. Der Ankauf sei daher von einer Gewerkschaft und nicht einer Nazi-Organisation vollzogen worden, womit Ro 19 nach 1945 rechtmäßig in das Eigentum der GEW Hamburg übergegangen sei.

Der gegenwärtige Vorsitzende der GEW Hamburg verlässt sich in der Begründung zu seinem Antrag, wie mit Ro 19 zu verfahren sei, auf dieses dubiose Gutachten. In einer Runfunksendung des NDR vom 4. Mai 2007 sagte er: "Die Frage ist ja immer, ob die Vorbesitzer unter Zwang dieses Haus verkaufen mussten, zu einem viel zu geringen Preis. Unsere Untersuchungen (gemeint ist offenbar die Untersuchung von Jörg Berlin; d. Verf.) haben ergeben, dass da große Zweifel drüber bestehen, weil diese Zwangssituation in dem konkreten Fall, aus unserer Sicht jedenfalls, offensichtlich nicht vorgelegen hat." Daniel Killy, Sprecher der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, bemerkte in derselben Sendung: "Das war genau die Argumentation der Nazis: ´Die Juden haben das doch aus ihrer Geldgier heraus freiwillig verkauft´. Wer heutzutage so argumentiert, ist entweder komplett naiv oder politisch kriminell."

Der Hamburger GEW-Vorsitzende verriet dem Hamburger Abendblatt aber auch ein weiteres Motiv für sein Handeln: "Wir sind gegenwärtig auf die Mieteinnahmen aus dem Haus angewiesen." Damit löste er eine Welle der Empörung aus. So forderte der Hamburger Bürgermeister Ole von Beust: "Ich appelliere dringend an die GEW, diese Entscheidung zu überdenken. Hier dürfen nicht materielle Interessen im Vordergrund stehen...Es geht hier auch nicht um juristische Fragen, sondern um die moralische Pflicht, um die historische Verantwortung und um menschlichen Anstand." Er erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass der Hamburger Senat ohne juristische Verpflichtung die Talmud-Thora-Schule an die Jüdische Gemeinde zurückgegeben habe. Auch Daniel Killy ist empört: "Die jüdische Gemeinde ist fassungslos, dass gerade die Gewerkschaft, die den Namen Erziehung und Wissenschaft trägt, sich so unhistorisch und geschichtsklitternd verhält."

Die GEW- Hamburg hatte bisher ohne Druck von außen und aus eigener Kraft im Gegensatz zu vielen anderen Organisationen und Institutionen die Geschichte ihres Arisierungserbes akribisch aufgeklärt und öffentlich diskutiert. Jetzt wechselt sie nicht nur die Sichtweise.
Eine Gewerkschaft kann und darf aber nicht arisiertes Eigentum behalten.


Bernhard Nette/ Stefan Romey

Antisemitismus - Sondermoral für die Guten?

Die GEW Hamburg lehnt es endgültig ab, Bedauern über ihr "arisiertes" Gebäude zu äußern.
Von Bernhard Nette und Stefan Romey

Gewerkschaften sind die Guten. Wenn eine Gewerkschaft wie die GEW Hamburg ein arisiertes Gebäude ihr eigen nennt und es weder zurückgeben noch auch nur ein Wörtchen des Bedauerns darüber verlieren will, wie es in ihren Besitz gekommen ist, so ist das das gute Recht des Guten. Moral ist teilbar. Schlimmer: Moral ist entbehrlich. Reißt man den Begründungs-Schleiervorhang herunter, warum man ein Verbrechen in der Nazizeit "mit letzter Sicherheit" nicht zu erkennen sich meint trauen zu dürfen, so bleibt nur dies: das nackte materielle Interesse. Der Zweck hat schon immer die Mittel geheiligt. Die Kassenverwalter waren schon immer die heimlichen Gewerkschaftsherrscher. Welches ist hier der Zweck? Die Gewerkschaft behält mit dem Gewissen des vorgeblich reinen Toren ihr arisiertes Eigentum und tut in Zukunft Gutes, nämlich Gewerkschaftliches damit. Kein Blick nach hinten sei erlaubt, sagt die Mehrheit, auf in die antifaschistische Zukunft, lautet ihre Parole. Den wunderbaren Preis für Geschichtsvergessenheit gibt es gratis, das Haus bleibt "unser".

Alle in der GEW Hamburg, die darüber anders denken - und das sind immerhin bei den Landesvertreterversammlungen um die 40 Prozent - , die zum Nachdenken auffordern ja, zum Handeln, sind Nestbeschmutzer. Gewerkschaftszerstörer. Eitle Selbstdarsteller. Rechthaber. Rechte. Sie wollen doch tatsächlich der GEW Hamburg ihr klein Häuschen weggeben.

Die Geschichte wurde in der konkret 6/2007 "Aus der Geschichte lernen. Die Hamburger GEW möchte von der NS-Arisierung profitieren" schon einmal erzählt. 1933 trat die Vorgänger-Organisation der Hamburger GEW, die Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens, auf Empfehlung des bisherigen Vorstands korporativ dem NS Lehrerbund (NSLB) bei. Nur sieben Kolleginnen und Kollegen stimmten in der Hauptversammlung dagegen. 1935 kaufte dieser Hamburger NSLB jüdischen Voreigentümern das Haus Rothenbaumchaussee 19 (Ro 19) zu einem deutlich zu geringen Preis ab. Die meisten der jüdischen Voreigentümer flohen kurz danach ins Ausland, wobei sie einen Großteil ihres inländischen Vermögens, sicherlich auch den Kaufbetrag für Ro 19, verloren. Nach 1945 wurde die Immobilie nicht, wie es rechtens gewesen wäre, als Eigentum einer Nazi-Organisation der Freien und Hansestadt Hamburg übergeben, sie wurde auch nicht den Voreigentümern zurückgegeben, die offensichtlich keinen Restitutionsantrag gestellt hatten. Mit allerlei Tricks und unter Berufung auf falsche Aussagen ehemaliger Nazi-Funktionäre des NSLB - der DGB hatte die Ex-Nazis extra dazu aufgefordert zu behaupten, der Käufer sei keine Nazi-Organisation, sondern "ein völlig selbständiger, rechtsfähiger Verein" (Kurt Holm 1949) - übertrug der von der britischen Besatzungsmacht eingesetzte Gewerkschaftsprüfungsausschuss 1951 die Immobilie auf Antrag des DGB und der Hamburger GEW an letztere. Die mehr als wackelige Begründung: Ro 19 sei "von früher gewerkschaftliches Vermögen".

Bis heute hat die Hamburger Lehrergewerkschaft den Nutznieß aus ihrem arisierten Gebäude. Derzeit betragen die jährlichen Mieteinnahmen über 140.000 Euro. Dreckiges Geld aus einer arisierten großstädtischen Villa? So kann man es nennen.

Im April 2007 lehnte das höchste Beschlussorgan der GEW, die Landesvertreterversammlung (LVV), mit 57 zu 50 Delegiertenstimmen ab, das Haus Ro 19 der Hansestadt Hamburg unter der Maßgabe zu verkaufen, dass dort ein Hamburger Jüdisches Museum entstehe. Diesen Vorschlag hatte die GEW offiziell selbst in die Hamburger kulturpolitische Diskussion gebracht, war dann aber vor den - finanziellen - Folgen zurückgeschreckt. Begründet wurde diese Abkehr von dem einmal eingeschlagenen Weg, sich verantwortlich für das arisierte Erbe zu zeigen, freilich damit, dass für die verkaufenden Juden im Jahre 1935 (!) "diese Zwangssituation in dem konkreten Fall, aus unserer Sicht jedenfalls, offensichtlich nicht vorgelegen hat", so Klaus Bullan, Vorsitzender der Hamburger GEW in einer etwas gestotterten, offensichtlich mit schlechtem Gewissen abgegebenen Begründung (NDR 4. Mai 2007).

Dabei ist es bis heute geblieben. Im Februar 2008 fand ein Historisches Symposium der GEW statt. Dr. Detlef Garbe, Direktor der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, schrieb in seinem Bericht über das Symposium u.a.: "Unisono erklärten die geladenen Experten, der Verkauf von Ro 19 könne nur vor dem Hintergrund des Verfolgungsdrucks verstanden werden. Zum Zeitpunkt des Ankaufs sei die "Gesellschaft der Freunde" schon vollständig im NSLB aufgegangen gewesen, der Ankäufer sei mithin eine NS-Organisation gewesen. Auch die nach 1945 ohne Restitutionspflichten erfolgte Zuerkennung des Gebäudes zum früheren Vermögen der "Gesellschaft der Freunde" sei unter Umgehung der zur Regulierung erlassenen Vorschriften und damit gegen geltendes Recht erwirkt worden."

Unisono! Das hindert eine erneute Mehrheit der Landesvertreterversammlung der GEW Hamburg (47 zu 35) vom 24. November 2008 nicht daran, wiederum unter dem Deckmantel des "Wir wissen es nicht so genau, was damals war …" einen Antrag abzulehnen, demzufolge die Gewerkschaft Verantwortung für diesen Teil ihrer Geschichte, d.h. für die Arisierung und die Übertragung von Ro 19 an die GEW Hamburg übernommen hätte. Ganz abgesehen davon, dass bei Rechtsgeschäften von Nazis mit Juden die "arische" Erwerberseite, also letztlich die GEW Hamburg, beweisen muss, dass alles mit rechten Dingen zuging (Umkehr der Beweispflicht) und dass daher mit einem "Ach, wir wissen es nicht so genau …" just diese umgekehrte Beweispflicht eingestandenermaßen nicht zu führen ist und daher die Vermögensübertragung von Ro 19 als Arisierung angesehen werden muss, ist es sowieso allen, die sich auch nur ansatzweise mit dem Nazi-Terror beschäftigt haben, klar. 1935 waren keine normalen Rechtsgeschäfte zwischen "Ariern" und Juden mehr möglich.

Warum also dieses unerträgliche Leugnen und Verharmlosen durch die Mehrheit der Hamburger Bildungsgewerkschaft? Treibt sie nur erneut die Sorge um das liebe Geld um? Für diese These ist der Gewerkschaftsvorsitzende Klaus Bullan Kronzeuge. Er wird im ZEIT-Artikel vom 27. November 2008 "Wem gehört Ro 19?" zitiert: Die historischen Fakten seien nicht völlig eindeutig. Gern würde er sich von Ro 19 trennen, "wenn wir es uns leisten könnten."

Aber es steckt mehr hinter dieser fast schon obsessiv zu nennenden und hoch emotional besetzten Abwehr von historischen Fakten und hinter der alle Moral und alle Verantwortung vor der eigenen Geschichte vergessen machenden Gedanken- und Gemütsstarre. Denn sie weigern sich ja, auch nur einen Funken von Empathie mit den jüdischen Opfern zu zeigen.

Also keine Empathie mit den Opfern. Statt dessen sagen sie: Die Voreigentümer von Ro 19 waren keine Opfer, sie waren reiche Juden, 1936 wanderten sie simpel deswegen aus, weil es zufälligerweise im Jahre 1935/36 eine Kakaokrise gab und weil die Ehefrau dem Ehegefährten in neue wirtschaftlich profitablere Regionen folgte. Der antisemitische Topos des "reichen, sein vorgebliches Heimatland wegen schnöder Mammon-Interessen verlassenden, international agierenden Juden" wird bedenkenlos benutzt. Dabei werden wie selbstverständlich eigene rassistische Nazi-Ideologismen enttarnt. Antisemitismus in der Lehrer-Gewerkschaft hier und heute! Dabei ist es schon erstaunlich, dass dieselben Leute sich beim schnöden Mammon ihrer Organisation so hartherzig zeigen.

Keine Empathie mit den Opfern. Statt dessen sagen sie: "Wenn immer wieder dieses Ro 19-Thema hochgekocht wird, fühle ich mich unter moralischen Druck gesetzt. Das macht mir Angst, das will ich nicht. Ich werde eingeschüchtert. Das ist geistige Nötigung." (Alle Zitate aus gewerkschaftsinternen Diskussionen der letzten Wochen). Hier nicht von einem typischen Antisemitismus in der Gewerkschaft zu sprechen, fällt schwer. Es wird nicht anderes als die Umkehr von Tätern bzw. Profiteuren von Täterunrecht einerseits und Opfern andererseits betrieben. Ein simples Bäumchen-Wechsel-dich-Spiel, zur "eigenen psychischen Hygiene", wie sich ein Gewerkschaftler ausdrückte.. Soll man jetzt Mitleid mit denjenigen haben, die mit Nazi-Unrecht konfrontiert werden? Die Abwehr von Schuldgefühlen geht einher mit ihrer Projektion auf die Opfer bzw. auf die, die anmahnen, man möge doch zumindest etwas Mitleid mit den wirklichen Opfern zeigen und es auch aussprechen. Eine wie auch immer geartete Form der Normalität jenseits von Auschwitz soll gefunden werden. Martin Walser lässt grüßen.
Keine Empathie mit den Opfern. Statt dessen werden die Anklagen derjenigen, die sie im Zorn als "Antisemiten" bezeichnen, als "ungeheuerliche Diffamierung", als "infamer Vorwurf", ja, als pure "Gewalt" bezeichnet. Die Opfer sind die Arisierungs-Profiteure. The world turns upside down.
Zum bösen antisemitischen Ende: Kay Beiderwieden, einflussreiches Mitglied der Hamburger LINKEN, kann man direkt zitieren, weil er seinen Redebeitrag auf der LVV vom 24.11.2008 schriftlich nachträglich (wenn auch geschönt) veröffentlicht hat: "Im Antrag (der Antrag "Verantwortung für die Geschichte übernehmen" enthielt die später herausgestrichenen Passagen zu Ro 19; d. Verf.) ist von "jüdischen Vorbesitzern" die Rede. Aber: Keiner von den 5 (jüdischen Voreigentümern von Ro 19; d. Verf.) war jüdischen Glaubens. Sie waren Atheisten und einer Protestant. Wenn man dann ein Museum machen wollte, müsste man es für Atheisten machen. das gebührt der Respekt vor der Entscheidung der 5." Kay Beiderwieden behauptet also, die Vorbesitzer seien keine Juden gewesen, weil nicht religiös. Nun hatten bekanntermaßen die Nazis völlig andere rassistische Kriterien, wen sie zur zu verfolgenden Opfergruppe machen wollten. Um Reliogion ging es ihnen nicht. Ertst einmal war es also Blödsinn, was Kay Beiderwieden sagte. Aber nur das? Wenn die Vorbesitzer keine Juden waren, dann können sie auch keine Opfer gewesen sein. Dann kann der Verkauf von Ro 19 nicht unter verfolgungsbedingten Druck geschechen sein. Was zu beweisen sich Kay Beiderwieden offensichtlich vorgenommen hat. Die Bezeichnung des "dreckigen Antisemiten", hatte er sich ehrlich verdient. Zurücknehmen sollte man das "dreckig". Nun aber fühlte er sich als Opfer.

Der Vorsitzende der GEW Hamburg Klaus Bullan warf den Autoren dieses Artikels vor, sie wollten der GEW schaden. Andere sprechen von Nestbeschmutzung. Haben sie alle noch nie etwas vom Augiasstall gehört?

Ro 19 Landesschiedskommission vom 2009-02-18.pdf

Ro 19 LVV 2008-11-24 Beschlüsse.pdf

Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft 4.
Landesverband Hamburg

Beschluss der Landesvertreterversammlung am 23. April 2007
betr. Rothenbaumchaussee 19

Die GEW Hamburg stellt aus ihrem Haushalt € 10.000,-- pro Jahr für einen Fonds zur
Verfügung, der sich gegen rassistische oder fremdenfeindliche Aktivitäten und für ein
gleichberechtigtes, friedliches Miteinander der Menschen in Hamburg einsetzt.

Begründung:

Die GEW Hamburg setzt ein deutliches Zeichen, dass sie die Umstände, unter denen
sie in den Besitz des Gebäudes gekommen ist, nicht einfach übergeht, sondern
daraus eine ihrem Selbstverständnis als Bildungsgewerkschaft entsprechende
Konsequenz zieht. Damit unterstützen wir Ziele, für die sich auch die in den
Hamburger Bildungseinrichtungen tätigen Mitglieder der GEW Hamburg in ihrer
täglichen Arbeit einsetzen.

Obwohl inzwischen umfangreiches Material über die Umstände des Ankaufes des
Gebäudes Rothenbaumchaussee 19 vorliegt, bestehen unter den Mitgliedern der
GEW Hamburg erhebliche Meinungsverschiedenheiten sowohl hinsichtlich der
Bewertung dieser Materialien als auch hinsichtlich möglicher Konsequenzen. Mit
diesem Antrag wird der Versuch einer Vermittlung zwischen den verschiedenen
Positionen unternommen.

Außerdem wird die mit einem Entzug des Gebäudes Rothenbaumchaussee 19 aus
dem Vermögen der GEW verbundene Gefahr vermieden, die Erfüllung der
gewerkschaftlichen und politischen Aufgaben der GEW nachhaltig in Frage zu
stellen.

Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
Landesverband Hamburg

Beschluss der LVV vom 27. November 2006


Die LVV nimmt zustimmend den Bericht der AG Ro 19 zur Kenntnis.

1. An dem Haus Ro 19 wird eine Informationstafel zur Geschichte des Hauses angebracht.

2. Über das Haus Ro 19 wird nach der Herbst- LVV von der GEW Hamburg eine eigenständige Broschüre herausgegeben.

3. Die GEW Hamburg unterstützt die Herausgabe einer kommentierten und in den geschichtlichen Kontext eingebundenen Dokumentation von "antisemitischen" Artikeln aus der Hamburger Presse von 1930 bis 1945.

4. Bis zur Frühjahrs-LVV wird von der AG Ro 19 geprüft, ob es möglich ist, das Gebäude Rothenbaumchaussee 19 an die FHH zu verkaufen.

Anmoderation:

In Hamburg gibt es Streit um eine Villa in bester Lage. Das Haus in der bekannten Prachtstraße Rothenbaumchaussee gehört der Lehrergewerkschaft GEW. Die Immobilie wurde allerdings in der Nazi-Zeit einer jüdischen Erbengemeinschaft abgekauft. Manche sagen: zu einem besonders günstigen Preis. In der Gewerkschaft gibt es deshalb nun schon seit Jahren einen heftigen Streit um die Zukunft des Hauses. Viele wollen es verkaufen. Die Mehrheit der GEW hat sich nun dagegen ausgesprochen. Das Haus bleibt im Besitz der Gewerkschaft. Doch damit ist der Streit erst richtig losgegangen. Daniel Kaiser berichtet.


Für Bernhard Nette, selbst Mitglied in der Lehrergewerkschaft, ist der Fall klar. "Eine Gewerkschaft kann ein arisiertes Gebäude nicht behalten". Und auch in der jüdischen Gemeinde in Hamburg ist die Aufregung groß. Sprecher Daniel Killy kann nicht verstehen, wie die GEW unter diesen Umständen an dem Haus festhalten kann. "Die jüdische Gemeinde ist fassungslos, dass gerade eine Gewerkschaft, die den Namen "Erziehung und Wissenschaft" in ihrem Namen trägt, sich so unhistorisch und geschichtsklitternd verhält." Jahre lang schon streiten die Gewerkschaftsmitglieder um die Villa. Eine Vorgängerorganisation, die nach der Machtübernahme im nationalsozialistischen Lehrerbund gleichgeschaltet worden war, hatte das Haus 1935 gekauft. Zu einer Zeit also, als der Druck auf Juden in Hamburg schon enorm war. "Das alles haben wir in unserer Entscheidung berücksichtigt", sagte Hamburger GEW-Chef Klaus Bullan. "Die Frage ist ja immer, ob die Vorbesitzer unter Zwang dieses Haus verkaufen mussten, zu einem viel zu geringen Preis. Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass da große Zweifel drüber bestehen, weil diese Zwangssituation in dem konkreten Fall, aus unserer Sicht jedenfalls, offensichtlich nicht vorgelegen hat." So seien einige der Vorbesitzer nach dem Verkauf nicht sofort aus Deutschland geflohen. "Ein Vorbesitzer hat sogar noch eine weitere Immobilie gekauft, nachdem er dieses Gebäude verkauft hatte und ist in Hamburg geblieben, so dass das Indizien für uns sind, die darauf hinweisen, dass eine konkrete Verfolgungssituation, in diesem Fall, nicht unbedingt vorgelegen haben muss." Außerdem habe nach dem Krieg niemand eine Rückgabe gefordert. Für Bullan ein deutliches Zeichen dafür, dass der Kauf in Ordnung war. Daniel Killy von der jüdischen Gemeinde widerspricht dem Gutachten der GEW. "Das war genau die Argumentation der Nazis. Die Juden haben das doch aus ihrer Geldgier heraus freiwillig verkauft. Wer heutzutage so argumentiert, ist entweder komplett naiv oder politisch kriminell." Bernhard Nette ist davon überzeugt, seine Gewerkschaft hat zuallererst ein finanzielles Interesse an der Villa. Immerhin verdient die GEW mit dem Haus jedes Jahr 150.000 Euro Miete. "Ganz offensichtlich will sich eine Mehrheit der GEW bereichern. Ganz offensichtlich will sie aus finanziellen Gründen dieses Haus behalten. So steht es auch überall geschrieben, so stand es auch in der Begründung des Antrages (…)." Der Hamburger Gewerkschaftschef Klaus Bullan weist diese Vorwürfe zurück. Ums Geld sei es nicht gegangen. Trotzdem fand der Vorschlag, aus dem Haus ein jüdisches Museum zu machen, bei der entscheidenden GEW-Versammlung keine Mehrheit. Es war eine knappe Entscheidung. "Wir haben moralisch, in erster Linie, entschieden, wir haben die historische Sachlage geprüft, da sind wir, in Mehrheit, zu der Auffassung gekommen, es ist nicht nötig, aus moralischen Gründen, sich von diesem Gebäude zu trennen - und dann kommt erst, in zweiter Linie, finanzielle Argumente ins Spiel, die aber nicht den Ausschlag dafür gegeben haben. Sondern die historische Untersuchung der Vorgänge, lassen uns es als geboten erscheinen, dieses Haus zu behalten." Stattdessen hat die Gewerkschaft der Bertini-Stiftung 10.000 Euro jährlich angeboten, für Projekte gegen Rassismus und Rechtsradikalismus. Doch das ist gescheitert, erzählt Gewerkschaftsmitglied Bernhard Nette. " Es ist ja mehr als peinlich, wenn der Bertini-Preis - und vor allen Dingen Ralph Giordano sagen "Nein, das wollen wir nicht, das ist arisiertes Geld" und Giordano hat dann auch dazu noch hinzugefügt, das ist nicht veröffentlicht worden, hier handele es sich um Geldwäsche - dann kann man nur sagen, das an sich würde, müsste schon reichen darüber nachzudenken, ob man mit 10.000 Euro sich so richtig herauskaufen kann, aus dieser moralischen-politischen Verantwortung." Von moralischer Pflicht, historischer Verantwortung und menschlichem Anstand spricht nun auch Bürgermeister Ole von Beust. Er appelliert an die GEW, die Entscheidung zu überdenken und das Haus zu verkaufen. Der Senat habe doch auch die alte Talmud-Tora-Schule an die jüdische Gemeinde zurückgegeben, ohne juristisch dazu verpflichtet zu sein. Offenbar hat die Diskussion um die Zukunft der alten Villa erst jetzt, nach der Entscheidung, richtig begonnen. Und der Sprecher der jüdischen Gemeinde, Daniel Killy, hofft, dass die Lehrergewerkschaft noch einlenkt. "Dort sind unsere Lehrer Mitglied, diese Lehrer werden auf die Schüler losgelassen und wenn derlei Geschichtsbild vermittelt wird an Hamburger Schulen, dann kann ich nur sagen - Gute Nacht!"

Ro 19 Neues Deutschl. 2.12.08 Zwangsarisiert oder nicht.pdf

Ro 19 Ole v. Beust zu Ro 19.pdf

Politisch- moralische Beurteilungen des Komplexes Ro 19

Eine Sammlung von zehn Texten, Stellungnahmen Anträgen usw. aus den Reihen der GEW- Hamburg
(Stand 26. Juni 2006)


1. "Rothenbaumchaussee 19 - Untersuchung über die Umstände bezüglich des Kaufs 1935 und der Rückerstattung 1951"
Studie von Bernhard Nette, 2001 (Schlusskapitel)

Wilhelm Bernhardt, aber auch andere, verweisen immer wieder darauf, dass es erst für die Zeit nach dem 15. September 1936 wesentlich schwieriger wurde, die Vermutung zu widerlegen, dass jüdisches Vermögen ungerechtfertigt eingezogen worden sei ( Akte Ro 19, Teil 2, 3.1.1951, S. 2). Am 15. September 1935 trat das "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" in Kraft, das Ehen und außerehelichen Verkehr zwischen Juden und Staatsangehörigen "deutschen und artverwandten Blutes" verbot. Bernhardt behauptet also - und er bezieht sich dabei auf das Rückerstattungsgesetz -, dass bis zu diesem Herbst 1935 alles gar nicht so schlimm war und dass es bei der Beurteilung von Geschäften aus der Zeit vor dem 15. September 1935 nur darauf ankomme nachzuweisen, dass ein angemessener Preis an Juden tatsächlich gezahlt wurde. Es war seiner Meinung nach unerheblich, warum jüdische Eigentümer ihren Besitz verkaufen wollten "wie Sauerbier".

Es gab aber bereits 1933 Bücherverbrennungen und "wilde" antisemitische Ausschreitungen. Neben sozialistischen wurden vor allem auch jüdische Intellektuelle und Politiker gejagt, eingesperrt und ermordet. 1933 wurde das"Gesetz zur Wiederherstellung des deutschen Berufsbeamtentums" einschließlich dem sog. Arierparagraphen erlassen, was u.a. zur Entlassung aller jüdischen Beamten, aber auch zu Berufsverboten von jüdischen Ärzten und Rechtsanwälten, Künstlern und Journalisten führte. Bereits 1933 wurde in vielen Städten antisemitische Schikanen eingeführt wurde, z.B. wurde es Juden verboten öffentliche Bäder zu benutzen. Um "freiwillige" Verkäufe jüdischen Eigentums zu beschleunigen und um jüdische Mitbürger aus dem wirtschaftlichen Leben herauszudrängen, wurden seit 1933 antijüdische Boykottmaßnahmen organisiert ("KAUFT NICHT BEI JUDEN!"). Schon am 29.3.1933 wurde ein Boykottkomitee ins Leben gerufen. Es gab also bereits vor dem 15. September 1935 rassistische Verfolgung in Deutschland, von der Regierung bewusst geschürt und organisiert.

Dies alles wurde 1950/51 von den Vertretern der Hamburger Bildungs-Gewerkschaft, aber auch von dem Gewerkschaftsprüfungsausschuss und von Vertretern des DGB ausgeklammert, um an die Immobilie Rothenbaumchaussee 19 wieder heranzukommen. Zum einen log die Führung der "Gesellschaft der Freunde..." schamlos,
- als sie behauptete, die "Gesellschaft der Freunde..." sei bis 1937 eine unabhängige Gewerkschaft gewesen, die mit ihrem Geld und nicht dem des NS Lehrerbundes das Haus gekauft habe,
- als sie behauptete, der Kaufpreis sei angemessen gewesen, und dies mit einem mehr als dubiosen Gutachten zu belegen versuchte,
- als sie behauptete, die jüdischen Voreigentümer hätten an das gezahlte Geld herankommen können, obwohl dies bei den Sperrkonten mit hoher Wahrscheinlichkeit unmöglich gewesen ist.

Es geht aber um mehr. Es geht um ein Versagen auf der moralischen Ebene. Dr. Ebers von der Vermögens- und Treuhandgesellschaft des DGB schrieb am 29.1. 1951: "Wenn die (jüdischen; B.N.) Antragsteller beweisen können, dass sie schon vor dem 15. September 1935 der Verfolgung der Nationalsozialisten unterlagen, werden wir gegen die Rückersttatung des Grundstückes keine Einwendungen machen können." Der Beweis lag - mit Verlaub - auf seinem Schreibtisch. Es war der 1935er Vertrag über den Verkauf des Grundstückes. Die Führung der "Gesellschaft der Freunde ...", also Wihelm Bernhardt als Geschäftsführer und Max Traeger als Vorsitzende, aber auch Vertreter des DGB in Düsseldorf wie Dr. Ebers von der Vermögens- und Treuhandgesellschaft des DGB müssen sich den politisch-moralischen Vorwurf gefallen lassen, gegenüber der rassistischen Verfolgungswelle auch zu Beginn der Naziherrschaft blind gewesen zu sein. Entweder haben sie sie total verdrängt oder aber sie stellten sich um eines finanziellen Vorteils zugunsten der Hamburger Bildungsgewerkschaft unwissend.

Es wird in der Forschung für die Zeit von Januar 1933 bis November 1938 von freiwilliger Arisierung gesprochen. Dazu schreibt Raul Hilberg: "Das Wort ´freiwillig´ gehört in Anführungszeichen, weil unter dem Naziregime nicht ein einziger Verkauf jüdischen Eigentums freiwillig im Sinne eines in einer freien Gesellschaft frei ausgehandelten Vertrags erfolgte. Die Juden wurden massiv zum Verkauf genötigt." (Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, Bd. 1, Fischer TB, Deutsche und erweitere Ausgabe, Ffm, 1990, S. 98).
Nicht ein einziger Verkauf!

Meinen ersten Bericht über meine Nachforschungen zum Gebäude Rothenbaumchaussee 19 wurde dem Aufsichtsrat der Vermögens- und Treuhandgesellschaft der GEW im Herbst 2000 vorgelegt. Der Bericht endete mit folgenden Sätzen:

Eines ist klar: Die Vorgängerin der GEW hat diese Immobilie nicht als Gewerkschaft erworben. Wir haben aber den Nutznieß von der 1935er Transaktion. Insofern stehen wir in einem inneren Zusammenhang mit dem NS-Regime und seinen antisemitischen Verfolgungen bereits in den ersten Jahren der Naziherrschaft und damit auch seinem Druck auf jüdische Bürger Hamburgs, ihr Grundeigentum so schnell wie möglich zu verkaufen. Betriebswirtschaftlich mag alles mit rechten Dingen zugegangen sein, moralisch-politisch aber nicht. Dieser über die Immobilie RoCh 19 von uns ererbten moralischen Mitverantwortung sollten wir uns stellen.
Bernhard Nette, 2001

2. Rothenbaumchaussee 19 - Der Kauf und die Rückerstattung 1948 - 1955, Studie von Sielke Salomon 2002 (Auszüge)

Als grundsätzliches Defizit bei den Verfahren zur Rückerstattung jüdischen Eigentums nach dem Zweiten Weltkrieg betrachtet Jan Philipp Spannuth "die mangelnde Bereitschaft aller Beteiligten - mit Ausnahme der berechtigten - in der Rückerstattung noch etwas anderes als ein juristisches Problem zu sehen. (…) Es war kein Bewusstsein dafür vorhanden, dass die Rückerstattungsverfahren Raum geboten hätten, eine offene Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und vor allem seinen Opfern zu führen. Es ging um Rechte, Ansprüche, Verpflichtungen und ähnliches - und dabei wurde weitgehend ausgeblendet, dass hier letztlich auch eine moralische Bewertung der vorangegangenen Vermögensentziehungen erforderlich war. Infolgedessen drohte in Vergessenheit zu geraten, dass das eigentliche Ziel der Verfahren die ´Wiedergutmachung´ nationalsozialistischen Unrechts war." Diesen Vorwurf müssen sich auch die führenden Mitglieder der Hamburger Lehrergewerkschaft gefallen lassen, die, als es nach dem Zweiten Weltkrieg um die Rückerstattung des Gebäudes Rothenbaumchaussee 19 an die "Gesellschaft der Freunde" ging, nicht anderes im Auge hatten als die ökonomischen Interessen ihrer Organisation und ihr eigenes Verhalten ausschließlich an formalen und juristischen Kriterien maßen. Bei den ehemaligen Pg.s Dr. Kurt Holm und Wilhelm Bernhardt überrascht ein solcher Mangel an moralischem Empfinden nicht, enttäuschend ist jedoch, dass auch eine Persönlichkeit wie Max Traeger offenbar nicht auf den Gedanken kam, nach dem Schicksal der ehemaligen Besitzer zu fragen, geschweige denn das Verhalten der "Gesellschaft" im Jahre 1935 einer kritischen Reflexion zu unterziehen oder gar so etwas wie Scham zu empfinden. (Manuskript, S. 46)

(…)

Wenn von einem moralischen Versagen gesprochen werden kann, so offenbart es sich am ehesten in dem Mangel an Sensibilität und Empathie derjenigen, die nach 1945 in ihrem verständlichen und guten sozialen Eifer für die Mitglieder der Gewerkschaft zumindest, was diesen speziellen Fall betrifft, blind für das Schicksal der Verfolgten waren. (Manuskript, S. 48)

(…)

Mögliche Ansprüche, die überlebende Juden oder ihre Erben geltend machen konnten, betrachteten die meisten Deutschen als Hindernisse auf dem Weg in den Wohlstand - auch diese >Tatsache spiegelt sich in dem Nachbargebäude des stolzen Curiohauses. Begründet hatten dessen Erbauer ihre Tradition einst mit der Maxime "Der Aufklärung verpflichtet!".
Sielke Salomon, 2002

3. Zwei Stellungnahmen des Aufsichtsrats der Vermögens- und Treuhandgesellschaft der GEW- Hamburg, 2002

Unbeschadet des juristischen Interpretationsspielraums ist festzustellen, das die "Gesellschaft der freunde …" zum Zeitpunkt des Immobilienverkaufs 1935 de facto keine unabhängige Gewerkschaft mehr, sondern eine NS- Organisation gewesen ist.
"Die Gesellschaft der Freunde…" hat nach 1945 das Verfahren zur Rückerstattung des Gebäudes Rothenbaumchaussee 19 ohne jede politisch- moralische Sensibilität betrieben, blind für das Schicksal der verfolgten. Sie hat nur ökonomische Interessen ihrer Organisation verfolgt und sich dabei ausschließlich in formalen und juristischen Kategorien bewegt.
Die GEW heute verfügt mit dem Gebäude Rothenbaumchaussee 19 über eine Immobilie, deren Eigentümerin sie juristisch zweifelsfrei ist. Zweifelsfrei scheint freilich auch, dass der materielle Ertrag dieses Vermögens gewerkschaftspolitisch- moralisch ambivalent zu bewerten ist.
AR der VTG, aus dem Beschluss vom 4.4.2002


Zunächst einmal bekräftigt der AR seine Grundsatzposition wie folgt: Anlass für die intensiven Beratungen über die Finanzen der VTG ist die Erkenntnis, dass ein Teil des Vermögens der GEW, das Haus Rothenbaumchaussee 19, auf rechtlich nicht zu beanstandende, unter politischer und moralischer Fragestellung aber bedenklicher Weise in ihren Besitz gekommen ist.
daraus ist die Überlegung abgeleitet worden, dass die GEW als Konsequenz aus dem bedenklichen Verhalten des damaligen Vorstands und als Initiative zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte dieses Haus aus ihrem allgemeinen Vermögen ausgliedert. Der Veräußerungserlös könnte zum Beispiel in eine Stiftung eingebracht werden, deren Ziel es ist,
- Solidarität mit Opfern von Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus und diktatorischer Gewalt zu üben
- Aktivitäten zur Abwehr von Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus zu initiieren und zu fördern
- Maßnahmen zum Ausbau von Demokratie und Humanität in Deutschland zu initiieren und zu fördern
- und internationale Solidarität zu üben.

Eine solche Maßnahme entspräche dem demokratischen Selbstverständnis der GEW und würde in der Öffentlichkeit und der Lehrerschaft ein Signal setzen, wie Auseinandersetzung offensiv angegangen werden kann.

Wenn die GEW einen solchen Beschluss fasst, hätte das Auswirkungen auf das Wirtschaften der VTG. Denn die Mieteinnahmen aus dem haus Rothenbaumchaussee 19 in Höhe von rund 145.000 € würden Geldkreislauf der VTG entzogen. Aufgabe der VTG wäre es, den politischen Willen der GEW umzusetzen, wenn nicht gravierende Bedenken aus kaufmännischer Sicht dagegen stehen.

Es ist also zu prüfen, ob Einnahmen erhöht und Aufwendungen gesenkt werden, so dass die VTG auch ohne Einnahmen aus dem Haus Rothenbaumchaussee 19 iher Aufgaben erfüllen kann.

Auf der Grundlage des Jahresbeschlusses 2001, …. hat der AR die Finanzlage eingehend analysiert. Als Ergebnis seiner Beratungen stellt der AR fest, dass zur Aufrechterhaltung des finanziellen Gleichgewichts der VTG und damit auch der GEW der materielle Ertrag von Rothenbaumchaussee 19 in Gänze oder auch in Teilen dem normalen Geldkreislauf der VTG zur Zeit nicht entzogen werden kann.

Auch wenn es inzwischen im AR unterschiedliche Auffassungen über den Erwerb von Ro 19 gibt, ist sich der AR nach wie vor über die moralisch- politische Bewertung des Vorgangs einig.
AR der VTG, Beschluss vom 4.9.2002

4. Aus: "Das jüdische Erbe der GEW" - Zusammenfassender Artikel von Bernhard Nette unter Mithilfe von Sielke Salomon in der Jubiläums-hlz
(10-11/2005) (Schlussteil)

Der "Erwerb" der Immobilie Ro 19 von den jüdischen Vorbesitzern 1935 durch die Nazi-Organisation NS-Lehrerbund, die die ehemalige Lehrergewerkschaft "Gesellschaft der Freunde des Vaterländischen Schul- und Erziehungswesens" 1933 gleichgeschaltet hatte, erfolgte zu einem Preis, der weit unter dem Wert des Hauses lag. Der insofern unfaire, aber doch noch notariell abgesicherte Handel mit Frau Hallgarten, ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn, die als "Nichtarier" galten, erfolgte in einer Zeit steigender rassistischer Verfolgung und Hetze gegenüber der jüdischen Bevölkerung Hamburgs. Inwieweit die heutige GEW-Hamburg für diese zweifelhaften Begleitumständen des Geschäfts mit Ro 19 die politisch-moralische Verantwortung trägt, mag noch mit dem Hinweis darauf relativiert werden, dass es die Nationalsozialisten und damit auch der NS Lehrerbund, aber nicht die GEW-Hamburg aus der Nachkriegszeit waren, die für den Antisemitismus verantwortlich waren. Für die 1935 in Hamburg lebenden jüdischen Eigentümerinnen und Eigentümer von Ro 19 bestand noch keine direkte Bedrohung für Leib und Leben. Nichtsdestoweniger war es auch damals klar, dass die seit zwei Jahren andauernden permanenten Einschüchterungen, die Entrechtung ganzer Berufsgruppen sowie die ökonomischen Schikanen und die antisemitische Hetze, unter denen auch die jüdischen Eigentümer von Ro 19 litten, das allgemeine politisch-gesellschaftliche Klima bestimmten, in dem sie ihr Haus zu dem sehr niedrigen Preis verkauften. Verkaufen mussten?

Zwar lehnte es die neugegründete Gesellschaft der Freunde und spätere GEW ab, in personeller oder politischer Hinsicht in der Nachfolge des NSLB zu stehen - was zumindest in mancher Hinsicht diskussionswürdig ist -, aber als Rechtsnachfolgerin bezüglich Ro 19 sah sich die GEW sehr wohl und handelte dementsprechend. Sie trug damit die direkte Verantwortung für die problematische Anneignung ("Rückerstattung") des Hauses Ro 19 zu Beginn der 50er Jahre. Die GEW behauptete vor dem "Gewerkschaftsprüfungsausschuss für die britische Zone", die "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesen in Hamburg" bzw. ihr "Lehrervereinshaus GmbH" habe Ro 19 im Jahre 1935 als eine freie Gewerkschaft gekauft. Sie verschwieg weiterhin, dass es Unterlagen und Gutachten gab, die belegten, dass der Kaufpreis von 1935 nicht dem tatsächlichen Wert von Ro 19 entsprach. Vor allem aber entwickelte sie keinerlei Gespür für die moralische Dimension ihres Handelns. Sie sahen in der "Rück"erstattung von Ro 19 ein rein juristisches Problem und setzten sich nicht mit dem Nationalsozialismus und vor allem nicht mit all seinen Opfern auseinander. Sie handelte unter moralisch-politischen Gesichtspunkten falsch. Man könnte mit Ralf Giordano von der zweiten Schuld der GEW Hamburg sprechen. Die Art und Weise, wie führende Vertreter der Hamburger GEW das Haus Ro 19 "zurück"erkämpften, widersprach zentralen humanitären und gewerkschaftlichen Werten, auf die sich die GEW-Hamburg berief und heute noch beruft. Die GEW stand mit dieser Haltung nicht allein da. Der Nachkriegsgesellschaft , die sich anschickte, in die Zeit des Wirtschaftswunders aufzubrechen, war die deutsch-jüdische Geschichte und ihr gewaltsames Ende mehr oder weniger gleichgültig. Mögliche Ansprüche, die überlebende Juden oder ihre Erben geltend machen konnten, betrachteten die meisten Deutschen als Hindernis auf dem Weg zum Wohlstand und als lästige Erinnerung an vergessene Verbrechen. Auch diese Tatsache spiegelt sich in Ro 19, dem Nachbargebäude des stolzen Curiohauses. Begründet hatten die Erbauer des Curiohauses ihre Tradition einst mit der Maxime: "Der Aufklärung verpflichtet!"

Die älteste Lehrergewerkschaft der Welt blendet in dem Rückblick auf ihre 200jährige Geschichte das Geschehen um Ro 19 nicht aus. Sie ist die Erbin von Ro 19. Sie wird sich ihrer geschichtlichen Verantwortung stellen.
Bernhard Nette; gegengelesen von Sielke Salomon und von Klaus Bullan; 2005

5. Abgelehnter Antrag von Stefan Romey und Bernhard Nette an den Landesvorstand der GEW Hamburg am 21.6.2005:
Zur Zukunft des Hauses Ro 19

1. Die GEW Hamburg bietet der Freien und Hansestadt Hamburg das Haus Ro 19 zum Kauf unter der Voraussetzung an, dass die FHH im Haus Ro 19 ein "Jüdisches Museum in Hamburg" (geplant: als Dependance des Museums für Hamburgische Geschichte) einrichtet.

2. Der Kaufpreis soll dem marktüblichen Preis entsprechen, der durch einen Sachverständigen ermittelt wird. Die GEW Hamburg wird10 Prozent der Kaufsumme für eine museumspädagogische kind- und jugendgerechte Ausstattung des Jüdischen Museums bereit stellen.
Die GEW wird sich aktiv konzeptionell insbesondere an der Ausgestaltung dieses Bereiches beteiligen.

Begründung:
1. Die GEW Hamburg will mit der obigen Initiative auch ihrer eigenen geschichtlichen Verantwortung gerecht werden Die Umstände des Ankaufs des Hauses Ro 19 im Jahre 1935 von den jüdischen Vorbesitzern durch den NS-Lehrerbund, in den die Gesellschaft der Freunde zwangseingegliedert wurde, und das Verhalten der GEW-Hamburg bei der "Wieder"erlangung des Hauses Ro 19 nach 1945 sind dergestalt, dass von einer politisch-moralischen Schuld der GEW als Organisation gesprochen werden muss. Die zwei Gutachten von Sielke Salomon und Bernhard Nette und die nachträglich gefundenen Dokumente lassen keinen anderen Schluss zu.

2. Der Aufsichtsrat der VTG hat lange darüber diskutiert, was er der GEW Hamburg vorschlagen solle, wie mit dieser politisch-moralischen Schuld angemessen umgegangen werden kann, ohne die VTG finanziell schwer zu belasten.
Der AR erteilte am 15.12.2004 dazu folgenden Auftrag:

"Die Kollegen Bernhard Nette und Stefan Romey werden gebeten folgendes auszuloten:
- Wünscht die Freie und Hansestadt ein Jüdisches Museum in Hamburg und würde sie es gegebenenfalls mittragen?
- Warum bietet sich der Standort Rothenbaumchaussee 19 an?
- Wer könnte dieses Projekt betreiben und gegebenenfalls wie?"

Die entsprechenden Erkundungen und Gespräche ergaben folgende Ergebnisse.
- Auf die erste Frage antwortet die Kultursenatorin erst, wenn es einen entsprechenden Beschluss des Landesvorstandes der GE Hamburg gibt, der FHH das Haus Ro 19 zum Kauf anzubieten.
- Auf die zweite Frage antworteten alle befragten Experten: Der Standort sei ideal. Begründung in Stichworten: Grindelviertel, Nähe zu Stätten der jüdischen Geschichte, Nähe zum Curio-Haus (Neuengamme Prozess, Manstein Prozess), die Vorgeschichte des Hauses, seine Größe und der Schnitt der Räume.
- Auf die dritte Frage antwortete die Leiterin des Museums für Hamburgische Geschichte, Frau Prof. Jaacks, sie halte das Haus Ro 19 als Dependance-Standort "Jüdisches Museum" für besonders gut geeignet. Sie wird sich - nach einem entsprechenden Beschluss der GEW-Hamburg - gegenüber der Öffentlichkeit und dem Senat dafür einsetzen, dass das Haus von der Freien und Hansestadt gekauft und in das Eigentum der öffentlich-rechtlichen Stiftung des Museums übergeben werde. Die GEW könne bei dem museumspädagogischen Konzept und bei der entsprechenden Ausstattung verantwortlich mitwirken.

3. Die 200-Jahrfeier der Gründung der "Gesellschaft der Freunde ." soll zum Anlass genommen werden, in einem Rückblick die humanistische Tradition unserer Organisation und ihrer Vorgängerin zu würdigen. Dazu gehört auch ein angemessener Umgang der GEW-Hamburg mit den weniger hellen Kapiteln ihrer Geschichte. Die Initiative zur Gründung eines Jüdischen Museums im Haus Ro 19 und die Aufarbeitung der dazugehörigen Geschichte würde also gut zur 200-Jahrfeier im November 2005 passen.

4. Der derzeitige Preis des Hauses Ro 19 kann nur annähernd angegeben werden. Laut einem Gutachten der Firma Gustafsen im Jahre 2000 beträgt "der voraussichtlich erzielbare Verkaufspreis für das Gebäude im jetzigen Zustand kaum mehr als DM 2,0 Mio. bis maximal DM 2,4 Mio.".
Die Summe von 10 Prozent, also ca. 100.000 Euro, würde dann fließen, wenn das Museum eingerichtet wird, (nach Aussage von Prof. Jaacks in voraussichtlich in ca. 5 bis 8 Jahren ).

5. Es ist wahrscheinlich, dass spätestens im Jahr 2011 das Haus Ro 19 verkauft werden muss. Dafür gibt es gewichtige Gründe.
Die Vermietung an die Liegenschaft (derzeitige Brutto-Jahresmiete ca. 145.000 Euro) ist maximal bis 2011 gesichert. Vor einer Anschlussvermietung ist laut dem Gutachter Gustafsen ("Eine Anschlussvermietung des Gebäudes in seinem jetzigen Zustand ist, unabhängig von der Miethöhe, ausgeschlossen.") eine Grundsanierung des Hauses erforderlich. Die VTG, die keine entsprechenden Rücklagen bildet - daher der Begriff Brutto-Jahresmiete - , wird die bis dahin aufgelaufenen Kosten für eine Renovierung nicht bezahlen können, sondern sich für einen Verkauf des Hauses "im jetzigen Zustand" entscheiden müssen. Der zukünftige Eigentümer wird das Haus nach seinen Wünschen umgestalten und es dabei renovieren müssen. Gustafsen kam im Jahre 2000 zu folgendem Schluss: "Nach sorgfältiger Abwägung aller Gegebenheiten, insbesondere der Marktsituation, kann ich der VTG nur zu einer Veräußerung der Liegenschaften raten."
Ein Verkauf des Hauses Ro 19 ist ökonomisch die richtige Lösung für die finanziellen Zwänge, denen die VTG unterliegt. Ein Verkaufsangebot an die Freie und Hansestadt Hamburg ist daher auch unter rein ökonomischen Gründen sinnvoll.
Bernhard Nette, Stefan Romey, Antrag an den Landesvorstand, 21.6.2005


6. Im ersten Teil beschlossener, ansonsten abgelehnter Antrag der Landesvorsitzenden an den Landesvorstand der GEW-Hamburg am 21. 6.2005

Die GEW Hamburg veröffentlicht zur 200 Jahr-Feier, wie die GEW in den Besitz des Hauses Rothenbaumchaussee 19 kam. Dabei wird der gewerkschaftspolitisch-moralischen Problematik besonderes gewicht beigemessen. (einstimmig beschlossen)

Die GEW schließt sich der Beurteilung der VTG an, dass die finanzielle Situation der GEW-Hamburg und der VTG mindestens bis zum Jahr 2011 nicht zulassen, Mittel aus den Haushalten der GEW oder VTG zu entziehen. (abgelehnt)

Die GEW-Hamburg sieht als Teil ihrer moralischen Verantwortung, finanzielle Mittel zur Aufarbeitung der jüdischen Verfolgung in Hamburg unter dem Nationalsozialismus bereit zu stellen. Zu diesem Zweck wird eine Sammlung unter den Mitgliedern initiiert mit dem Ziel, eine Summe von € 100.000 zu akquirieren. (abgelehnt)

Für die Nutzung der akquirierten Mittel wird eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die verschiedene Vorschläge zur Aufarbeitung der jüdischen Verfolgung prüft, z.B.:
- Stiftung für die Errichtung eines Jüdischen Museums in Hamburg
- Einrichtung eines Stipendiums zur Erforschung der Enteignung von jüdischen Mitbürgern
- Unterstützung von Aktivitäten zur Abwehr von Antisemitismus und Rassismus
- Eine Stiftung zur Förderung der Bildungsarbeit im Themenspektrum "Geschichte der Juden/ Jüdisches Leben in Hamburg".

Die AG erstattet bis Oktober 2005 dem Landesvorstand Bericht über ihre Vorschläge.
(kam nicht zur Abstimmung, weil der vorige Antragsteil schon abgelehnt worden war)
Die Vorsitzenden der GEW-Hamburg Klaus Bullan, Sigrid Strauß, Klaus Koch: Antrag an den Landesvorstand, 21. Juni 2005

7. Kommentar von Peter Gohl zur Sitzung der Arbeitsgruppe Ro 19 am 23.3.2006

Die Diskussion um Konsequenzen aus den Erkenntnissen zu Erwerb und Rückerstattung des Grundstücks Ro 19 wurde in der letzten Sitzung der AG - ähnlich wie in den letzten Jahren an anderen Orten - vornehmlich von der Frage her geführt, was sich die GEW Hamburg leisten kann. Das halte ich für einen prinzipiellen Fehler.

Selbstverständlich kann kein engagierter Gewerkschafter wollen, dass sich die GEW Hamburg bei möglichen Konsequenzen ruiniert. Wenn die GEW Hamburg aber zu dem Ergebnis kommt, dass sie das Grundstück Ro 19 unter politisch und moralisch fragwürdigen Bedingungen erworben und nach dem Krieg zurück erhalten sowie 70 Jahre lang daraus nicht unerheblichen Gewinn gezogen hat, dann kann es nicht die Frage sein, ob sie sich von diesem Teil ihres Vermögens trennt, sondern nur noch wie. Wie sonst würde sie sich von anderen Arisierern unterscheiden, die selbstverständlich alle nachweisen können, dass die in Frage stehende Arisierung nicht fein war, das Vermögen jetzt aber vernünftig und moralisch einwandfrei verwendet wird, es also in besten Händen ist. Die Abtrennung dieses Vermögensteils - und zwar des vollständigen - aus dem Vermögen der GEW Hamburg ist nach meiner Meinung die einzig denkbare Konsequenz aus den bisher gewonnenen Erkenntnissen.

Erst wenn diese Konsequenz gezogen ist, lohnt es sich, die weiteren - und, wie ich finde, durchaus komplizierten Fragen - anzugehen. Als offenbar unzweifelhaft rechtlicher Eigentümer kann die GEW Hamburg darüber bestimmen, was mit dem Grundstück beziehungsweise dem möglichen Verkaufserlös geschehen soll. Selbstverständliche muss sie rechtfertigen, dass die vorgesehene Verwendung unter politisch-moralischen Gesichtspunkten eine angemessene ist. Ebenso kann sie bestimmen, in welcher Form (Rechtsform, zeitliche Abfolge, usw.) die Herauslösung aus dem Vermögen der GEW erfolgen soll. Bei der Entscheidung über solche Fragen kommen dann politische und ökonomische Gesichtspunkte zu ihrem Recht.

Mir liegt daran, dieses noch einmal klar zu stellen. Denn ich habe es in den letzten Jahren schon allzu oft erlebt, dass großer Arbeitsaufwand damit getrieben wurde, alle möglichen Recherchen anzustellen, um dann alles damit vom Tisch zu wischen, dass die GEW Hamburg das Vermögen (leider leider !!) doch selbst behalten muss. Konkret: Ich habe einige Erfahrung mit der Gründung und dem Betrieb einer Stiftung. Ich will aber nur dann die Voraussetzungen einer Stiftung in Hamburg erkunden, wenn klar ist, dass sich zumindest die AG auf eine Empfehlung im oben genannten Sinne geeinigt hat. Für die Vorlage einer solchen Empfehlung an Landesvorstand und LVV macht es allerdings Sinn, die grundsätzliche Entscheidung, sich von diesem Teil des Vermögens zu trennen, mit Vorschlägen zu verbinden, was damit geschehen soll.
Peter Gohl, 29.3.2006

8. Aus dem Interview "War es Arisierung" - "Eindeutig ja." mit Dr. Frank Bajohr (hlz, 3-4/2006)

hlz: Gibt es in Deutschland vergleichbare Vorgänge, dass Gewerkschaften sich mit ihrer Vergangenheit beschäftigen?

Frank Bajohr: Es ist ungewöhnlich für eine Gewerkschaft oder auch für andere Einrichtungen, dass sie selbst initiativ werden und einen solchen Vorgang zum Thema machen. Normalerweise kommt es ja zu einem öffentlichen Skandal und erst dann reagieren die Beteiligten und geraten in Erklärungsnöte. Unter dem Druck genügend großer öffentlicher Aufmerksamkeit geben sie dann irgendwie nach. Das ist eigentlich das klassische Muster. Man kann sich sehr schnell darauf einigen, dass irgendwie Unrecht geschehen ist, es darf nur keine weiteren finanziellen Konsequenzen zeitigen. Insofern halte ich das Verhalten der Hamburger GEW für durchaus vorbildlich. Sie hat sich einem Kapitel der eigenen Geschichte sehr offensiv und vor allen Dingen offen gestellt und das in aller Öffentlichkeit thematisiert. Es gibt andere sehr ehrenwerte Einrichtungen und Institutionen, die auch von derart zweifelhaften Nutznießerschaften profitierten oder es noch heute tun, bei denen ich nicht immer weiß, inwieweit sie sich nach 1945 dieser Frage gestellt oder gar eine entsprechende Rückerstattung angeboten haben. Es sind unendlich viele Grundstücke etwa dem Deutschen Roten Kreuz zugeeignet worden oder auch karitativen Einrichtungen. (…)

hlz: Wie sollte Ihrer Meinung nach die GEW-Hamburg mit ihrem Arisierungserbe weiter umgehen? Zur Zeit versuchen wir die Nachfahren der Erbengemeinschaft zu finden und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Frank Bajohr: Ja, falls möglich, sollte erst einmal dieser Kontakt hergestellt werden. Die GEW müsste jetzt aber auch diskutieren, wie sie die moralische Frage - Verstrickung in einen Arisierungsgewinn - mit der Frage der finanziellen Konsequenzen verbinden möchte. Zwar ergibt sich meines Erachtens aus der formalen Rechtslage keine unmittelbare Entschädigungsverpflichtung. Aber es wäre sicherlich angemessen, wenn die Verbindung von moralischem Problem und finanzieller Konsequenz in irgendeiner Weise zum Ausdruck käme. Wie dies geschehen sollte, ist ausschließlich Sache der GEW. Da kann ich von außen keine Ratschläge geben.
Interview mit Dr. Frank Bajohr, Februar 2006


9. "Angemessen informieren", Artikel von Jörg Berlin in der hlz 5/2006 (Auszüge)

(…) Für mich ist nachvollziehbar, wenn Kollegen, die unter vielen Mühen und mit großem Zeitaufwand die einschlägigen Unterlagen durchgearbeitet haben, ihre persönliche Deutung der damaligen Ereignisse auch in der HLZ durch Interview verbreiten. (…)
Für eine umfassende Aufklärung der Mitgliedschaft reicht dies jedoch nicht. Stattdessen käme es jeweils darauf an, einerseits die unstrittigen Daten und andererseits verschiedene mögliche Interpretationen vorzustellen. (…)
Eine weitere Frage ist die nach dem Käufer der Immobilie. Im Interview heißt es lapidar, dies sei der "NS- Lehrerbund" gewesen. Die entsprechenden Ausführungen greifen aber für eine Aufklärung der mit der Organisationsgeschichte der GEW wenig Vertrauten zu kurz. Sie sind vor allem nicht hinreichend, jene abfällig erwähnte Argumentation zu entwerten, die davon ausgeht, der Vorläufer der GEW sei nicht der NS-Lehrerbund, sondern die "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schulwesens". Die "Gesellschaft" beschloss 1933, als ihre "Gleichschaltung" bereits entschieden war, unter dem Druck der Verhältnisse und um ihre Vermögenswerte zu retten, sich korporativ dem NSLB anzuschließen. Die Mitglieder erhielten die schriftliche Zusicherung, Kassen, Curiohaus und sonstige Vermögenswerte würden in ihrem Eigentum verbleiben. Die "Gesellschaft der Freunde" wurde dann 1934 korporativ der Abteilung "Wirtschaft und Recht" im NSLB angeschlossen, sie bestand also zumindest nominell weiterhin. Die neugebildete Organisation hieß bis 1937 offiziell "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens (Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB, Gau Hamburg)". Da es vor 1933 in Hamburg neben der "Gesellschaft" keine Lehrerorganisationen mit nennenswerten Mitgliederzahlen gab und bis Anfang 1935 auch keine Zwangsmitgliedschaft für vorher Unorganisierte befohlen worden war, stammte das Geld mit dem 1935 der Kauf des neben dem Curiohaus gelegenen Hauses Rothenbaumchaussee 19 bezahlt wurde, nach aller Wahrscheinlichkeit aus den Kassen der "Gesellschaft". Dieser Umstand wird bei einer moralischen Beurteilung des Gesamtkomplexes und der nach 1945 erhobenen Ansprüche auf eine Erstattung des Hauses Ro 19 an die wieder gegründete "Gesellschaft der Freunde" nicht unbeachtet bleiben dürfen. (…)
Jörg Berlin, April 2006

10. "Erst kommt das Geld, dann die Moral", Artikel in von Stefan Romey und Bernhard Nette in der hlz 6-7/06 (Auszüge)

(…) Ro 19 unterlag zunächst im Gegensatz zum Curio-Haus den Alliierten Bestimmungen zur Vermögenskontrolle, da "einer der bis 1935 in das Grundbuch eingetragenen Voreigentümer ... jüdischer Herkunft war". Es wurde deshalb eine gesetzlich verpflichtende Rückerstattungsvermutung festgehalten. Das Rückerstattungsbegehren der "Gesellschaft der Freunde" hätte deshalb vor einem Restitutionsgericht und nicht vor dem Gewerkschaftsprüfungsausschuss verhandelt werden müssen. Die "Gesellschaft der Freunde" hatte Ro 19 nicht erworben. Der NSLB war keine nach 1945 anerkannte bzw. zugelassene Gewerkschaft. Der NSLB gehörte nicht zu den Geschädigten sondern zu den Schädigern.
Da Ro 19 nachweislich des Grundbuchs Eigentum des NSLB gewesen war, hätte es dem Land Hamburg nach 1945 zufallen müssen. Dieses hätte es zwar prinzipiell - vorausgesetzt es hätte keinen Rückerstattungsanspruch der Vorbesitzer gegeben - der "Gesellschaft der Freunde" resp.der GEW zur Verfügung stellen können. Die "Gesellschaft der Freunde" hatte zu diesem Zeitpunkt de jure aber nur einen Anspruch auf Schadenersatz für das ehemalige Vermögen gehabt, das der NSLB für den Kauf verwendet hatte, was sie zudem hätte nachweisen müssen. Dieser Anspruch hätte ggf. gegen die neu entstandene Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches gestellt werden können.

Die Inbesitznahme von Ro 19 nach 1945 wurde in der Jubiläumsausgabe der hlz (10-11/05, S.75ff) ausreichend dargestellt. Über die politisch-moralische Bewertung dieses Vorgangs gibt es in den Gremien, die sich bisher damit beschäftigten, keinen Zweifel. Wie damit jetzt und in Zukunft umgegangen werden wird, sollen die Mitglieder der GEW diskutieren und letztlich auf der kommenden LVV im Herbst entscheiden.
Stefan Romey , Bernhard Nette, Juni 2006

Ro 19 Pressemitteilung Nette Romey Ro19 Nov. 08.pdf

Ro 19 Pro u. kontra pro hlz_10-11_06.pdf

LVV 24.11.08

Rede zur Begründung des Antrags 3a auf der Landesvertreterversammlung (LVV) der GEW Hamburg (von Stefan Romey und Bernhard Nette), gehalten von Stefan Romey.
Die unterstrichenen Passagen wurden mündlich nicht vorgetragen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

mit dem Antrag "Verantwortung für die Geschichte übernehmen" möchten wir die demokratische und antifaschistische Haltung unserer Gewerkschaft unterstützen.
Wir möchten Erinnerung nicht nur mit Erkenntnis sondern auch mit Verantwortung verbinden.
Schwerpunkt des Antrags ist die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus'.
Unser Antrag setzt sich auch mit der Inbesitznahme des Hauses Rothenbaumchaussee 19 (Ro 19) auseinander. Wir machen uns dabei die Aussage des Direktors der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Detlef Garbe, zu eigen, der das Symposium der GEW "Verantwortung für die Geschichte übernehmen" im Februar moderierte. Er sagt, die Frage nach der Übernahme historischer Verantwortung kann nicht abstrakt gestellt werden. Die Problematik Ro 19 kann nicht ausgeblendet werden.

Unser Antrag enthält einige grundsätzliche Positionen.
Wir gehen davon aus, dass es 1933 zum Bruch mit der Demokratie, zur Zerschlagung des Rechtsstaates in allen gesellschaftlichen Bereichen und zu staatlichem Terror gekommen ist.
Wir sind der Meinung, dass mit der Gleichschaltung der "Gesellschaft der Freunde", der Vorgängerorganisation unserer heutigen GEW, es keine demokratische Lehrergewerkschaft in Hamburg mehr gab, auch wenn Namensreste in der NS-Zeit weiter bestanden. Dieses gilt auch für die Vermögenstreuhandgesellschaft "Lehrervereinshaus G.m.b.H.". So ist u.a aus den Entnazifizierungsakten von Max Traeger, dem ersten Vorsitzenden der GEW nach 1945, zu entnehmen, dass er wie andere Demokraten auch aus der Geschäftsführung der Lehrervereinshaus GmbH widerrechtlich entfernt und durch Nazis ersetzt wurde.
Jörg Berlin behauptet die "Gesellschaft der Freunde" und mit ihr die "Lehrervereinshaus G.m.b.H." seien zwischen 1933 und 1937 trotz Gleichschaltung, trotz Ausschaltung demokratischer Funktionäre unabhängig vom Nationalsozialistischen Lehrerbund rechtlich selbständig gewesen. Daher ist für ihn - ich zitiere - "die Behauptung, Käufer des Hauses Ro 19 sei der Nationalsozialistische Lehrerbund gewesen, … nicht nachvollziehbar".
Richtig ist hingegen: Nach 1933 gab es keine demokratische, rechtlich selbständige Institution mit gewerkschaftlichem Charakter - auch nicht bei der Vermögensverwaltung. Nicht die "Gesellschaft der Freunde" bzw. ihre Vermögensträgerin "Lehrervereinshaus G.m.b.H" erwarb Ro 19 sondern der NSLB, der Nationalsozialistische Lehrerbund.
Wir gehen davon aus, dass Juden, auch die Verkäufer von Ro 19, also die Familie Hallgarten-Meyerhof, bereits ab 1933 kollektiv verfolgt wurden und dass der antisemitische Verfolgungsdruck in der NS-Zeit ständig zunahm, wie dieses Beate Meyer, Herausgeberin des Sammelbandes "Die Verfolgung und Ermordung der Hamburger Juden", eindrucksvoll auf dem Historischen Symposium der GEW im Februar dargestellt hat.

Wir weisen auf die fehlende Auseinandersetzung nach 1945 mit dem Erbe des Nazireiches auch innerhalb der GEW hin. Es gab erst Jahrzehnte nach dem Ende des NS-Staates Bekenntnisse zur Mitverantwortung auch der Lehrerschaft. Erst dann wurden personelle Kontinuitäten diskutiert. Beispiel ist hier der von den Nazis zwangsweise durchgesetzte Geschäftsführer Wilhelm Bernhardt, der
nach 1945 auf gleicher Position bis zu seinem Tod bei der GEW weiterbeschäftigt wurde.

Wir meinen, die Aneignung von Ro 19 widerspricht unseren heutigen politischen und moralischen Vorstellungen.

Wir haben unsere Forschungsergebnisse stets veröffentlicht, zur Diskussion gestellt und wenn notwendig erweitert oder revidiert.
Wir haben deshalb das von Gina Schmidt initiierte Symposium der GEW am 27.2.2008 begrüßt und unterstützt. Es gelang, namhafte Historikerinnen und Historiker zu beteiligen. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Ruben Herzberg, lobte die GEW danach in einem Schreiben an unseren Vorsitzenden für das in verdienstvoller Weise organisierte Historische Symposium und dafür, dass die GEW die moralisch-politische Verantwortung annehme und Empathie für die Opfer als ein zentrales Anliegen begreife.
Die Vorträge in den Arbeitsgruppen sowie der von der GEW gewünschte Bericht von Detlef Garbe zum Symposium wurden mit einem Vorwort von Gina Schmidt veröffentlicht und Interessierten zugänglich gemacht.
Dieses wurde von Jörg Berlin in der hlz für anstößig und einseitig erklärt. Er sieht die Dokumentation, verfasst von ausgewiesenen Experten und international namhaften Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, als Teil einer - so wörtlich - "irreführenden, auf unwahren und unbewiesenen Behauptungen beruhenden Kampagne." Diese Position wiederholt er auch in der schriftlich vorliegenden Begründung seines Neins zu unserem Antrag.

Es gibt auch deutliche Gegensätze zwischen unserem Antrag und der Position von Herbert Ankenbrand in seinem Abänderungsantrag.
- Er bestreitet, dass die jüdischen Vorbesitzer unter Zwang gestanden haben.
- Er behauptet, der Kaufpreis sei wohl angemessen gewesen.
- Er mutmaßt, die jüdischen Vorbesitzer hätten letztlich frei über den Verkaufserlös verfügen können.
Wir sagen, die jüdischen Vorbesitzer von Ro 19 verkauften das Haus in einer Zeit zunehmenden antisemitischen Verfolgungsdrucks unter Wert an den Nationalsozialistischen Lehrerbund.
Dabei stützen wir uns auf die historische Forschung. So schrieb Detlef Garbe in seinem Bericht über das Symposium: Unisono erklärten die geladenen Experten, der Verkauf von Ro 19 könne nur vor dem Hintergrund des Verfolgungsdrucks verstanden werden.
Herbert Ankenbrand räumt in seiner Antragsbegründung "unumwunden" - wie er selbst sagt - ein, dass nicht bewiesen werden könne, die jüdischen Vorbesitzer hätten beim Verkauf in freier Willensentscheidung gehandelt. Möglicherweise ist ihm die Tragweite seiner Aussage innerhalb seiner Argumentation nicht klar, wenn er sich auf die Rechtsrechung des Bundesverwaltungsgerichts bezieht. Nach 1945 mussten nämlich nicht die jüdischen Opfer die verfolgungsbedingte Zwangssituation in der NS-Zeit nachweisen, sondern die Erwerber von jüdischem Eigentum die gesetzliche Verfolgungsvermutung widerlegen. Nur so konnten die Erwerber beweisen, dass ihnen das ehemals jüdische Eigentum nach 1945 zu Recht zustehe. Sie also redliche Erwerber waren. Diesen Beweis kann Herbert Ankenbrand nicht führen.
Herbert Ankenbrand bezieht sich mehrfach auf ein von ihm so genanntes externes Gutachten. Gemeint ist die von der GEW in Auftrag gegebene Studie von Sielke Salomon zu Ro 19. Sielke Salomon wurden von der GEW nicht alle Dokumente zur Kenntnis gebracht. Sie änderte nach Kenntnisnahme der vorhandenen Quellen ihre Meinung an entscheidender Stelle. Dieses zitiert Herbert nicht. Sie sagt: "Ich betone, dass mit einigem Recht vermutet werden kann, dass es zu dem Grundstücksverkauf von Ro 19 ohne die Herrschaft der Nationalsozialisten seit 1933 nicht gekommen wäre. Es ist richtig, eine Zwangssituation der jüdischen Eigentümer anzunehmen. Auch der im Jahr 1935 gezahlte zu niedrige Preis für Rothenbaumchaussee 19, der erst durch neu aufgefundene Quellen belegt werden konnte, weist eindeutig in diese Richtung."

Auch die GEW hat hierzu bereits eine Position eingenommen. Auf Initiative von Bernd Viet und mir hat der Landesvorstand eine Gedenktafel beschlossen. Hier ein kurzer Textausschnitt: "…Sie (die jüdischen Vorbesitzer, Anm. d. V.) verkauften es 1935 in einer Zeit zunehmenden antisemitischen Verfolgungsdrucks unter Wert an den Nationalsozialistischen Lehrerbund. Die Vorbesitzer …flohen 1936/7 vor dem NS-Terror zunächst in die Schweiz…". Nachzulesen auf der Tafel, die am Haus Ro 19 angebracht wurde.
Anders als Jörg Berlin und Herbert Ankenbrand halten wir den vom Landesvorstand der GEW beschlossenen Text der Gedenktafel für historisch richtig. Wir stimmen daher der im Antrag Ankenbrand gewollten Abänderung unseres Antrages nicht zu.
Noch zwei kurze Bemerkungen zu Jörg Berlins 24seitiger Materialsammlung und ihrem Aussagewert. Jörg Berlin sieht keine Zunahme des antisemitischen Verfolgungsdrucks 1934/35. Er stolpert allerdings nicht darüber, dass die von ihm selbst zitierten Quellen hier von einem "scheinbaren Nachlassen des anti-jüdischen Terrors" und von einer "trügerischen Vorstellung", Juden könnten unter einigermaßen normalen Umständen 1934/35 weiterleben, sprechen.
Und - obwohl Jörg Berlin die Wiedergutmachungsakten der Familien Meyerhof-Hallgarten eingesehen hat, vermittelt er wahrheitswidrig den Eindruck, die Vorbesitzer hätten 1934/35 mit ihrer Handelsfirma nicht unter nazistisch bedingtem wirtschaftlichen Druck gestanden. Sie hätten angeblich noch schwarze Zahlen schreiben können. Mit diesen bewusst falschen Behauptungen will er den Eindruck erwecken, dass die Familien Meyerhof-Hallgarten insgesamt nicht unter antisemitischen Druck standen, also auch nicht beim Verkauf von Ro 19.
Ein letztes Wort zu Herbert Ankenbrands Abänderungsantrag. Er will die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts zur Grundlage des Handelns der GEW Hamburg machen. Ich bin mir nicht sicher, ob er die Konsequenzen seines Ansatzes überblickt. Träfen die vom Bundesverwaltungsgericht gemachten Aussagen nämlich zu, müsste Ro 19 entschädigungslos von der GEW abgegeben werden. Wir streben keine rechtliche Entscheidung an, auch wenn wir die aktuelle Rechtsprechung bei der Bestimmung des politisch-moralischen Standorts für notwendig erachten. Wir gehen nicht von einem möglichen Rückerstattungsprozess in Sachen Ro 19 aus.
Wir sagen:
Die GEW Hamburg hat heute ein Gebäude im Besitz, das in einer Zeit zunehmenden antisemitischen Verfolgungsdrucks 1935 der NSLB von einer jüdischen Erbengemeinschaft unter Wert kaufte und das die GEW nach 1945 als Gewerkschaftsvermögen für sich in Anspruch nahm.
Das ist das politisch-moralische Problem.
Wir sollten Verantwortung für die Geschichte übernehmen.

Rothenbaumchaussee 19

Im Zusammenhang mit Verkaufsüberlegungen für das das sanierungsbedürftige Gebäude Rothenbaumchaussee 19 (im folgenden Ro 19) wurde bekannt, dass die Immobilie von der Vorgängerorganisation der GEW 1935 von einer jüdischen Erbengemeinschaft erworben wurde. Seitdem steht die Gewerkschaft vor der Frage, ob es sich bei dem Ankauf um eine "Arisierung" gehandelt habe und welche Konsequenzen aus einer positiven Antwort zu ziehen seien. Geklärt werden sollte, ob es Rückerstattungsansprüche der jüdischen Vorbesitzer gab, ob Nachkommen vorhanden sind, unter welchen Umständen der Verkauf stattfand, ob es einen politischen Druck zum Verkauf gab, ob der Preis angemessen war, ob die ehemaligen Besitzer den vollen Kaufpreis tatsächlich erhalten haben, welchen Charakter die "Gesellschaft der Freunde" 1935 hatte, woher das Geld stammte, mit dem das Gebäude bezahlt wurde und worauf sich die GEW bei ihrem Rückerstattungsanspruch nach dem Zweiten Weltkrieg stützte.
In einem engagierten Gutachten von 2000/2001, dessen großer Verdienst es ist, die meisten Vorgänge erforscht und erstmals offen gelegt zu haben, setzte sich Bernhard Nette mit den meisten dieser Fragen auseinander. Er kam zu dem Ergebnis,
- Die jüdischen Vorbesitzer haben Rückerstattungsantrag gestellt; dieser wurde aber einer verspäteten Anmeldung wegen amtlicherseits nicht berücksichtigt
- der Kaufpreis von 40.000 Goldmark war unangemessen niedrig
- die ehemaligen Besitzer konnten nur über maximal 26.000 RM verfügen
- die Vorgängerorganisation der GEW war im Jahr 1935 keine unabhängige Gewerkschaft, sondern eine NS-Organisation mit der Bezeichnung "Abteilung Wirtschaft und Recht im Nationalsozialistischen Lehrerbund, Gau Hamburg
- Wenn diese Tatsache 1951 von der "Gesellschaft der Freunde" eingestanden worden wäre, wäre das Gebäude von Anfang an kein Gewerkschaftseigentum gewesen und hätte auch nicht zurückgegeben werden können.
Nette wirft den Käufern Betrug an den ehemaligen Eigentümern und der "Gesellschaft der Freunde" ein Versagen auf moralischer Ebene wegen ihres Verhaltens nach 1945 vor. Zudem unterstellt er der Gewerkschaft bei dem Umgang mit den Akten implizit eine bewusste Manipulation.
Da sich das Nettesche Gutachten abgesehen von einer telefonischen Information der deutschen Bundesbank zur Berechnung des Grundstückswerts und einer schriftlichen Auskunft der Wiedergutmachungskammer beim Landgericht Hamburg (Dr. Weyhe) zur Frage möglicher Restitutionsansprüche der ehemaligen Besitzer, im wesentlichen auf GEW-eigene Akten stützt und viele der in Hamburg vorhandenen Quellen nicht ausgewertet worden waren, erhielt ich Ende 2001 den Forschungsauftrag, die Informationsbasis durch die Sichtung weiterer Quellen zu verbreitern und Aussagen und Schlussfolgerungen des ersten Gutachtens zu überprüfen bzw. zu ergänzen.
Die "Gesellschaft der Freunde" hat es nach 1945 unterlassen, die Situation der jüdischen Eigentümer aus deren Perspektive sensibel zu prüfen. Auch in dem ersten Gutachten sind Recherchen zum persönlichen Schicksal durch Aussagen zur allgemeinen Situation der deutschen Juden ersetzt. Deshalb nimmt in meiner Arbeit die Geschichte der Menschen, die an dem Verkauf beteiligt waren, einen breiten Raum ein. Leider erlaubt es die Geheimhaltungspflicht, der etliche von mir ermittelten Daten und Fakten unterliegen, nicht, alle, darunter auch einige für die Beurteilung der Vorgänge bedeutsamen, Tatsachen zu veröffentlichen. Meinem Gutachten ist ein vertraulich zu behandelnder Anhang mit Informationen zu möglichen Nachkommen bzw. Orten, an denen nach ihnen geforscht werden könnte, beigefügt.
Die in zwei Gutachten von 24 bzw. 55 Seiten (mit umfangreichem Anhang) diskutierte komplexe Problematik lässt sich in einem Kurzbeitrag von wenigen Seiten auch nicht annähernd angemessen darstellen.
Die früheren Besitzer von Ro 19
Das neben dem Curio-Haus gelegene Grundstück befand sich von 1890 bis 1925 im Besitz des 1846 geborenen jüdischen Kaufmanns Moses (auch Moritz) Max Bauer, der 1875 in Hamburg den Bürgerbrief erworben hatte. Obwohl ihn die Quellen als Anhänger der Assimilation ausweisen, dokumentierte er in den existentiell wichtigen Fragen zeitlebens seine Bindung an das Judentum: So wurde die Trauung mit seiner ersten Ehefrau, Clara Elisabeth van Praag (geb. 1852 in Amsterdam) von einem Rabbiner der Deutsch-Israelitischen Gemeinde vollzogen, so ist er ebenso wie seine 1848 in Toronto/Kanada geborene und 1921 in Hamburg verstorbene zweite Ehefrau Mathilda (Mathilde), geb. Nordheimer, verw. Hallgarten, mit der er seit 1889 verheiratet war, auf dem jüdischen Friedhof in Ohlsdorf begraben. Der in der in der Entscheidung der Eheleute für eine Einäscherung, eine von der Orthodoxie abgelehnte Bestattungsform, zum Ausdruck kommende Wunsch, eine freigeistige Haltung mit der Fortsetzung jüdischer Traditionen zu verbinden, zeigt sich auch in der Verfügung, einen Teil ihres Vermögens der "Vaterstädtischen Stiftung von 1876" zu vermachen, die Wohnungen für ältere, würdige, bedürftige Angehörige des Deutschen Reiches "ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses gegen eine geringe Vergütung" vergab. Das Max und Mathilda Bauer-Stift Kielortallee 25 aus dem Jahr 1927 ist ihr Vermächtnis. M.M. Bauer verstarb 1925 und vererbte das Haus Ro 19 zu je einem Fünftel seinem einzigen Sohn, Prof. Dr. Moritz Max Bauer, einem Kind aus erster Ehe, und zu vier Fünfteln vier Angehörigen der deutsch-amerikanischen Familie Hallgarten, also Verwandten seiner Frau Mathilda: Albert Hallgarten, dessen geschiedener Ehefrau Hedwig Hallgarten, geb. Rée sowie deren Kindern Mercedes Meyerhof, geb. Hallgarten und Julius Hallgarten.
Moritz Max Bauer, geboren 1875, machte am Wilhelmgymnasium Abitur und wurde nach einem auf Wunsch des Vaters absolvierten Medizinstudium ein bedeutender Musiker, Musikpädagoge und Musikwissenschaftler. Der zweifach promovierte Gelehrte unterrichtete von 1906-1926 am Dr. Hochs Konservatorium in Frankfurt und ging in die Geschichte der Universität Frankfurt, an der er seit 1918 (zuerst als außerordentlicher, dann ordentlicher) Honorarprofessor und seit 1923 als Universitätsmusikdirektor wirkte, als Gründer des musikwissenschaftlichen Instituts ein. Prof. Moritz Max Bauer verstarb im Alter von 57 Jahren am 31.12.1932. Das Berufsverbot durch die Nationalsozialisten blieb ihm erspart. Sein einziger Sohn Klaus Jürgen Bauer (geb. 1905), der ebenfalls früh die Mutter verlor, wird in einem Lexikonbeitrag über seinen Vater als Physiker und Komponist bezeichnet, charakterisierte sich selbst als weiche Künstlernatur und hielt die Malerei für seine eigentliche Begabung. Albert Hallgarten (geb. 1870 in New York), stammte aus einer weit verzweigten jüdischen deutsch-amerikanischen Familie. Sein Großvater Lazarus Hallgarten war 1850 aus Mainz nach New York ausgewandert, wo er das Bankhaus Hallgarten and Company gründete. Einige Mitglieder der Familie, die um die Jahrhundertwende bereits zur Hochfinanz zählte, kehrten später als Remigranten nach Deutschland zurück, z. T. jedoch ohne ihre engen Bindungen an die USA aufzugeben und unter Beibehaltung der amerikanischen Staatsbürgerschaft. Dies gilt auch für Albert Hallgarten. In Hamburg, wo er seit 1899 ein Haus an der Schönen Aussicht 12 besaß, war er als Importkaufmann sowie von 1907-14 als königlich-serbischer Generalkonsul tätig. Er verließ die Hansestadt im Ersten Weltkrieg, arbeitete später offenbar im New Yorker Bankhaus der Familie und muss zwischen 1925 und 1935 verstorben sein.
Hedwig Rée kam aus einer alten jüdischen Hamburger Familie, deren Mitglieder sich später als Kaufleute, Reeder- und Fabrikanten in ganz Europa sowie in Nord- und Südamerika niederließen. Sie war eine Tochter des Hamburger Kaufmanns Ludwig Rée, der 1916 in Vernest in der Schweiz starb, eine entfernte Cousine der Malerin Anita Rée und eine Großnichte des bedeutenden Hamburger Pädagogen Anton Rée (1805-1866), der als Direktor die jüdische Stiftungsschule von 1815 in eine Simultanschule verwandelt und sich als Mitglied der Hamburger Verfassunggebenden Versammlung und der Bürgerschaft sowie als Mitglied des Deutschen Reichstages für seine liberaldemokratische Überzeugung eingesetzt hatte. Frau Hallgartens Leben war ebenso wie das ihrer Kinder von dem kosmopolitischen und großbürgerlichen Lebensstil ihrer Familie geprägt, den sie auch nach der Trennung von ihrem Mann fortsetzen konnte. Nach dem Tod Moritz Max Bauers, mit dem sie offenbar eine tiefe Freundschaft verband, ließ sie sich vorübergehend in der Hansastraße 21 nieder; seit 1927 wohnte sie jedoch bei ihrer Tochter Mercedes und ihrem Schwiegersohn, dem Hamburger Kaufmann Robert Nordheim Meyerhof, am Mittelweg 121. Julius Hallgarten lebte 1935 in Genf und hatte Deutschland vermutlich schon vor 1933 verlassen. Spätestens 1937 war er im New Yorker Bankhaus tätig und besaß wie sein Vater die amerikanische Staatsangehörigkeit. Möglicherweise ist er nie deutscher Staatsbürger gewesen.
Das Gebäude Ro 19 wurde zwischen dem Tod M. M. Bauers und dem Verkauf von keinem der in Deutschland ansässigen Erben genutzt. Klaus Jürgen Bauer lebte nicht in Hamburg. Er war bei seinem Vater in Frankfurt aufgewachsen und hatte seinen Wohnsitz zuletzt in Berlin-Wilmersdorf. Parterre und erstes Obergeschoß des Hauses an der Rothenbaumchaussee hätten sich theoretisch, da sie baulich eine Einheit bilden, durchaus dazu geeignet, von dem kinderlosen Ehepaar Meyerhof und Frau Hallgarten genutzt zu werden. Das Haus dürfte jedoch im Vergleich mit ihrer bisherigen Wohnsituation unmodern gewesen sein und weniger Komfort geboten haben.
Da der Verkauf von Ro 19 vor dem 15. September 1935 erfolgte, spielt für die Frage, wie die Mitglieder der Erbengemeinschaft ihre eigene Bedrohung im NS-Staat wahrnahmen, die Religionszugehörigkeit eine nicht unwesentliche Rolle - fühlten sich doch bis zum Erlass der "Nürnberger Gesetze" subjektiv viele deutsche Juden, die ihre Bindung an die Religion gelöst hatten, trotz der bereits nach dem 30. Januar 1933 einsetzenden antisemitischen Hetze und zahlreicher antijüdischer Maßnahmen noch relativ sicher. Auch für die Einschätzung ihrer Situation durch andere ist diese Frage nicht unerheblich.
Die Religionszugehörigkeit Dr. Klaus Jürgen Bauers ist mir ebenso wie die seiner Mutter Adeline, geb. Meißner (1876-1907) unbekannt. Da sich bereits sein Vater evangelisch taufen ließ, ist davon auszugehen, dass er ebenfalls nicht der jüdischen Gemeinde angehörte. Möglicherweise stand die Konversion Prof. Bauers im Zusammenhang mit seiner Hochzeit. Wenn seine Frau nichtjüdisch war, galt Klaus Jürgen Bauer nach den rassistischen Kategorien der Nationalsozialisten als "jüdischer Mischling". Hedwig Hallgarten war konfessionslos und unterschied sich damit nicht von den übrigen Mitgliedern der Familie Rée, die zum großen Teil ihre alte Religion längst aufgegeben hatten. Für ihre Tochter Mercedes, deren Name nicht in der Steuerkartei der Jüdischen Gemeinde und der Mitgliederliste der jüdischen Gemeinde von 1935/36 aufgeführt ist, dürfte das Gleiche gelten. Albert Hallgarten bekannte sich ursprünglich zur jüdischen Religion, später jedoch nicht mehr; Julius Hallgartens Religionszugehörigkeit konnte nicht ermittelt werden.

Das Schicksal der Bewohner nach dem Verkauf
Klaus Jürgen Bauer erlag am 28.4.1937 einer schweren Krankheit, an der er seit seiner Jugend litt. Mercedes Meyerhof emigrierte mit ihrem Mann im Januar 1936 nach Zürich, Frau Hallgarten folgte ihren Kindern ein Jahr später. 1939 siedelte die Familie nach New York über. Wie weit der Verkauf des Hauses auf die Emigrationspläne der Meyerhofs zurückzuführen ist und wann diese den Entschluss zur Auswanderung trafen, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Für einen Zusammenhang spricht die Tatsache, dass ihre Firma von
den Boykottmaßnahmen seit 1933 betroffen war. Eine Verlegung des Wohnsitzes der Familie vom Mittelweg zur Fernsicht am 1. April 1935 spricht dagegen eher für die Absicht, in Hamburg zu bleiben, zumal das Verhalten der Wirtschaft in Hamburg antijüdischen Maßnahmen gegenüber höchst uneinheitlich war und sich selbst die Handelskammer bis 1937/38 etlichen Anordnungen zur Diskriminierung und Verdrängung jüdischer Geschäftsleute widersetzte. Vielleicht gaben erst die Boykotte vom Sommer 1935 und die "Nürnberger Gesetze" den Ausschlag für die Entscheidung. Nicht unerheblich dürften auch verfolgungsunabhängige Gründe gewesen sein, die hier der Geheimhaltungspflicht wegen nicht angeführt werden können. Frau Hallgarten zählte nicht zum Personenkreis, der in der Frühzeit des NS-Systems von unmittelbaren Verfolgungsmaßnahmen bedroht war. Gleichwohl wird auch sie unter der antisemitisch aufgeladenen Atmosphäre gelitten haben, zumal es in den weit verzweigten Familien Rée und Hallgarten schon vor 1933 Fälle direkter Verfolgung durch die Nationalsozialisten gegeben hat.

Tödlicher Druck? Druck zum Verkauf?
Der US-Amerikaner Albert Hallgarten war zum Zeitpunkt des Verkaufs bereits verstorben. Julius Hallgarten war in der Schweiz oder in New York dem Zugriff der Nationalsozialisten entzogen. Für keinen der drei in Deutschland lebenden Erbinnen und Erben bestand - das lässt sich nach dem Studium der in Hamburg zugänglichen Quellen mit großer Wahrscheinlichkeit sagen - Anfang 1935 eine direkte Bedrohung für Leib und Leben. Es waren vermutlich "nur" das allgemeine, von antisemitischer Hetze bestimmte Klima, eine seit Monaten andauernde permanente Einschüchterung, die Wahrnehmung der Entrechtung ganzer Berufsgruppen sowie möglicherweise ökonomische Schikanen, unter denen Frau Hallgarten, ihre Tochter und ihr Schwiegersohn litten, als sie das Haus verkauften.
Weder die zur Begutachtung herangezogenen Quellen, noch die durch die nationalsozialistische Judenpolitik gesetzten Rahmenbedingungen in Hamburg berechtigen zu der Annahme, dass auf die Eigentümer des Grundstücks Ro 19 ein Druck zum Verkauf ausgeübt wurde. Wie Frank Bajohr dargelegt hat, konnte in der Hansestadt "von einer systematischen ‚Arisierung' und Enteignung" des privaten Grundbesitzes selbst 1938 "keine Rede sein". So begann erst am 19. April 1938 "die systematische steuerliche Benachteiligung jüdischer Grundeigentümer", so wurde erst mit der "Verordnung über Anmeldung des Vermögens von Juden" vom 26. April 1938 ein Instrumentarium zur vollständigen Erfassung des Grundbesitzes von Juden geschaffen, die dann mit Hilfe der Haus- und Grundeigentümerverbände erfolgte. Erst vom Sommer 1938 an war es möglich, Grundbesitz von Juden in die Zwangsverwaltung der auf Initiative Gauleiter Kaufmanns gegründeten "Hamburger Grundstücksverwaltungsgesellschaft von 1938 mbH" zu überführen.
In Anbetracht der lokalen Rahmenbedingungen und der persönlichen Situation der ehemaligen Besitzer lässt sich die im wesentlichen aus ihrem Interesse an "einem schnellen Verkauf" abgeleitete These, der Kaufvertrag sei unter einem "tödlichen Druck" zustande gekommen, meines Erachtens nicht aufrechterhalten.

Zu den Argumenten der "Verwahrlosung", Unmodernität und Schwervermietbarkeit
In der Argumentation der Ankäufer nach 1945 spielt der angesichts der Verfolgungssituation äußerst unsensibel erscheinende Hinweis auf das angeblich "verwahrloste Gewese" eine zentrale Rolle. Zur Beurteilung möglicher Baumängel wurde deshalb die Bauprüfakte ausgewertet.
Wie daraus hervorgeht, befanden sich Teile des Grundstücks während der Weltwirtschaftskrise tatsächlich in einem "total verwahrlosten Zustand". Im Sommer 1931 wurde der Grundeigentümer von der Baupolizei unter Androhung von Strafe ultimativ aufgefordert, einen Einsturzgefährdeten Stallschuppen, der das Verwaltungsgebäude des angrenzenden Grundstücks an der Schlüterstraße zu beschädigen drohte, abzutragen, einen auf dem Hof liegenden Haufen mit Schutt und verfaulendem Unrat, von dem eine Geruchsbelästigung und Gesundheitsgefährdung für die Nachbarn ausging, zu beseitigen und damit auch zu verhindern, dass das Regenwasser, das wegen der verfallenen Rinnen nicht in das Siel abgeleitet werden konnte, sondern über die Schuttmassen lief, das Nachbargebäude durchfeuchtete. Zuvor waren bereits sehr starke Monoxydgaskonzentrationen im Heizraum moniert worden, die auf einen defekten Heizkessel und eine unzureichende Entlüftung zurückzuführen waren. Da sämtliche Mängel trotz mehrfacher Aufforderung zunächst nicht behoben wurden, schaltete sich auch die Wohnungspflege ein.
Diese Vorgänge erlauben in der Tat den Rückschluss, dass Eigentümer und Verwaltung in den Jahren vor dem Verkauf kein großes Interesse an einem guten Erhaltungszustand des Grundstücks hatten. So ist nicht auszuschließen, dass auch das Wohnhaus im Jahr 1935 nicht besonders gepflegt war. Ein angeblich in den Akten befindliches Gutachten des botanischen Instituts, das die "Einnistung" von echtem Hausschwamm im gesamten Treppenhaus bestätigen soll, war jedoch ebenso wenig auffindbar wie Rechnungen über die Beseitigung eines solchen Schadens, wohl aber eine Zahlung für das Staatsinstitut für angewandte Botanik vom 12.6.1935. Dies könnte dafür sprechen, dass zumindest ein Verdacht auf Schwamm bestand. In der Bauakte befinden sich jedoch keine Hinweise auf diesen meldepflichtigen Schaden.
Auch für die von Seiten der "Lehrervereinshaus GmbH" behauptete Unmodernität und Schwervermietbarkeit des Gebäudes lassen sich Argumente anführen: Das Haus war etwa 60 Jahre alt; es gab offenbar keine Warmwasserversorgung, die beiden Obergeschosse besaßen nur Ofenheizung, die sanitären Einrichtungen waren "veraltet, unvorschriftsmäßig und völlig unzureichend" , ein Fahrstuhl, wie er in den umliegenden Etagenhäusern zum Standard gehörte, fehlte ebenfalls. Das Gebäude ist typologisch ein Zwitter, eine Kombination von Einfamilien- und Geschossmietshaus: Parterre und erster Stock sowie 2. und 3. Obergeschoss bilden jeweils eine bauliche Einheit; erstere sind durch eine zusätzliche interne Treppe miteinander verbunden, letztere durch einen Lichthof, der die Intimität der jeweiligen Wohnungen beeinträchtigt. Das "Unterhaus", in dem M.M. Bauer gewohnt hatte, wurde seit seinem Tod von einem Auktionator genutzt, ab 1932 auch das zweite Obergeschoss, allerdings wohl nicht durchgehend, denn in den Adressbüchern der Jahre 1930 und 1931 fehlen Einträge für die beiden unteren Geschosse, 1932 eine Angabe für die erste Etage - ein möglicher Hinweis darauf, dass diese Stockwerke vorübergehend leer standen. Großwohnungen erwiesen sich seit der Weltwirtschaftskrise für zahlreiche Grundbesitzer in Hamburg als Klotz am Bein; Leerstände waren an der Tagesordnung, bei den Mieteinnahmen kam es zu Einbußen zwischen 20 und 40 %. Etliche Hauseigentümer in Harvestehude/Rotherbaum sahen sich seit Ende der 20er Jahre nicht mehr in der Lage, ihre Villen- und Zinshäuser zu halten und veräußerten sie, als sich ein minimaler Aufschwung abzuzeichnen begann. So ist auch in diesem Fall denkbar, dass bereits während der Weltwirtschaftskrise an einen Verkauf gedacht war und dass sich derartige Überlegungen nach dem Tod Professor Bauers konkretisierten. Möglicherweise sollte nicht erst nach Aufnahme der Verkaufsverhandlungen mit der Lehrervereinshaus GmbH, sondern vor der Veräußerung geprüft werden, ob eine Umwandlung der 6-Raum-Wohnungen in Kleinwohnungen möglich und rentabel war. Für diese Annahme spricht, dass die Bauprüfakte am 12.10.1934 von dem Architekten Semmy Engel eingesehen wurde, der seit Ende der 1920er Jahre Spezialist für Umwandlungen von Groß- in Kleinwohnungen war. Aus den oben angeführten Gründen dürfte sich ein Umbau von Ro 19, der zweifellos zur Wertsteigerung geführt hätte, jedoch verboten haben.

Die Lehrervereinshaus G.m.b.H.
Die Aufgabe der Gesellschaft der Freunde (Abteilung Wirtschaft und Recht), ihren Mitgliedern und Angehörigen soziale Sicherung, Hilfe und Unterstützung zu gewähren, sollte der neuen Satzung von 1934 entsprechend "nach nationalsozialistischen Grundsätzen durch die Hauptabteilung und die Sondereinrichtungen gelöst" werden.
Das Curiohaus (und das 1935 hinzugekommene Gebäude Rothenbaumchaussee 19) wurden "durch einen Ausschuß der Abteilung Wirtschaft und Recht verwaltet, dem außer dem Geschäftsführenden Leiter der Geschäftsführer und der Rechnungsführer der Lehrervereinshaus - G.m.b.H. sowie drei Mitglieder des NSLB angehören, die alle der Landesleiter des NSLB" ernannte. Der Geschäftsführer der Lehrervereinshaus- G.m.b.H. hatte "gemeinsam mit dem Geschäftsführenden Leiter das Curiohaus gerichtlich und außergerichtlich zu vertreten." "Wichtige Angelegenheiten des Curiohauses, wie umfangreiche Umbauten, größere Aufwendungen, wichtige langfristige Verträge" mußten "im Verwaltungsrat der Abteilung Wirtschaft und Recht beraten werden."
Sämtliche Entscheidungsträger wurden vom Nationalsozialistischen Lehrerbund ernannt:
Der Geschäftsführende Leiter der Abteilung Wirtschaft und Recht und sein Stellvertreter auf Vorschlag des Landesleiters von dem Reichsführer des NSLB, der Kassenwart der Abteilung Wirtschaft und Recht und der Syndikus auf Vorschlag des Geschäftsführenden Leiters vom Landesleiter des NSLB. Dem Verwaltungsrat gehörten der geschäftsführende Leiter und sein Stellvertreter, je ein Vorstandsmitglied der Sondereinrichtungen, der Kassenwart, der Geschäftsführer des Curiohauses, der Rechungsführer der Hamburger Lehrerzeitung und sechs weitere Mitglieder des NSLB an.
Der Geschäftsführende Leiter hatte "das Recht, jederzeit in die Geschäftsführung der Einrichtungen der Hauptabteilung", zu der auch die Lehrervereinshaus G.m.b.H. gehörte, "Einsicht zu nehmen und deren Sitzungen beizuwohnen." Er war "dem Reichsführer und dem Landesleiter des NSLB für die gesamte Geschäftsführung verantwortlich." 1 z 1
In sämtlichen Bestimmungen offenbart sich die neue Gliederung der Organisation von oben nach unten; die gesamte Satzung spiegelt wider, dass auch in der "Gesellschaft der Freunde" der demokratische Entscheidungsprozeß durch das autoritäre Führerprinzip ersetzt war und von gewerkschaftlicher Autonomie keine Rede mehr sein konnte.
De jure freilich blieb die "Gesellschaft der Freunde" wie alle "dem NSLB korporativ beigetretenen Verbände, soweit sie Träger eigenen Verbandsvermögens waren", solange als Rechtspersönlichkeit bestehen, "bis der NSLB in seinem Organisationsgefüge die erforderlichen Maßnahmen zur Vermögensübernahme alter Verbände in die Wege leiten konnte." 1 z z
Alleinige Gesellschafterin der Lehrervereinshaus G.m.b.H. war laut Handelsregister bis Anfang 1934 die "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens", vom 25. Februar 1935 an die "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens, (Abteilung Wirtschaft und Recht im Nationalsozialistischen Lehrerbund, Gau Hamburg).1z3
Obwohl die Vertretungsbefugnis des seit 1921 tätigen Geschäftsführers der G.mb.H., A. J. H. Buse, offiziell erst durch die Änderung des Gesellschaftsvertrags am 4. Oktober 1935 beendet wurde,' z4 fungierte zu diesem Zeitpunkt als Geschäftsführer bereits bereits der Gewerbelehrer und Parteigenosse Wilhelm Christoph Martin Bernhardt. Dieser hatte die G.m.b.H. am 13. Dezember 1934 handstreichartig übernommen, indem er in der Geschäftsstelle des Amtsgerichts, Abteilung für Handelsregister, erschienen war und erklärt hatte, "die Vertretungsbefugnis des Geschäftsführes A. J. H. Buse" sei "beendet", "zum Geschäftsführer" sei nunmehr er "ernannt worden." "Legitimation" für diesen Akt war ein Schreiben des Gauamtsleiters der NSDAP Hamburg im Amt für Erzieher,(NS-Lehrerbund), Wilhelm Schulz, vom 11. Dezember 1934, in dem dieser den "sehr geehrten Pg. Bernhardt" wissen ließ:
"Wie ich Ihnen bereits im Oktober mündlich mitgeteilt habe, sind Sie zum Geschäftsführer der Lehrervereinshaus G.m.b.H. ernannt worden. Ich bitte Sie, die Geschäfte sofort zu übernehmen und in möglichst enger Verbindung mit der Gauamtsleitung des N.S.L.B. durchzuführen."' zF) Am 13. Dezember gab die Reichsleitung der NSDAP eine von Schulz und Kurt Holm, ebenfalls Pg. und Leiter der Abteilung Wirtschaft und Recht, unterschriebene Erklärung ab:
"Der in den Satzungsbestimmungen der Abteilung Wirtschaft und Recht enthaltene Absatz über die juristische Vertretung der Lehrervereinshaus G.m.b.H. ist so zu verstehen, dass diese Aufgabe dem Geschäftsführer der G.m.b.H. nach vorheriger Absprache mit dem geschäftsführenden Leiter der Abteilung Wirtschaft und Recht zufällt. Der Geschäftsführer der G.m.b.H. ist allein vertretungsberechtigt."' z % Eine weitere Erklärung vom selben Tag besagte, dass "Herr Buse als Geschäftsführer der Lehrervereinshaus G.m.b.H. ausgeschieden" und "an seine Stelle [..] der Gewerbelehrer Pg. Wilhelm Bernhardt getreten" sei. Einen Tag später bekam man beim NSLB kalte Füße; anscheinend fürchtete man, dass der Normenstaat sich eine derart dreiste Hinwegsetzung über das Recht dann doch nicht würde gefallen lassen; Bernhardt kehrte in Begleitung von Schulz reumütig ins Amtsgericht zurück, und beide "erklär[t]en nach Besprechung, dass sie bäten, die Anmeldung vom 13. Dezember 34 zunächst zurückzustellen; es solle die Satzung der G.m.b.H. zunächst geändert werden." 2 8 Am 2. Januar 1935 reichte Holm dem Amtsgericht schriftlich die Erklärung über das Ausscheiden Buses mit einem Eingeständnis des eigenen Fehlverhaltens nach: Da "versäumt worden [sei], die Satzungsmeldung gerichtlich anzumelden, [könne[ ein neuer Geschäftführer vorläufig nur gerichtsseitig ernannt werden." Deshalb bitte man das Amtsgericht, "bis zur endgültigen Regelung den Gewerbelehrer Wilhelm Bernhardt [...] zu bestellen."' 2" Nach der Verfügung vom 6.2.35 wurde dann Bernhardt dem Wunsch des NSLB entsprechend am 7.2.35 als Vertreter der G.m.b.H. nach § 29 BGB in das Handelsregister eingetragen.
Da der Gesellschaftsvertrag der G.m.b.H. erst am 4. Oktober geändert wurde, könnte man sich auf den Standpunkt stellen, dass Wilhelm Bernhardt am 2. März 1935 noch gar nicht Geschäftsführer und damit auch nicht befugt war, den notariellen Kaufvertrag für die Lehrervereinshaus G.m.b.H. zu unterzeichnen. Wie weit die Vertretungsbefugnis tatsächlich reichte, entzieht sich jedoch meiner Beurteilung und müßte gegebenenfalls juristisch überprüft werden. Auf jeden Fall zeigt das in den Schriftstücken sich manifestierende Wirrwarr, dass zwischen NSLB und "Gesellschaft" willkürliche und chaotische Verhältnisse herrschten. Gleichzeitig veranschaulichen sie, in welcher rechtlichen Grauzone sich die Lehrervereinshaus G.m.bH. in den Monaten zwischen Dezember 1934 und Oktober 1935 bewegte.
Im übrigen lassen sich die Aktivitäten der G.m.b.H. anhand der Akten kaum nachvollziehen. Die Protokolle der Sitzungen des Verwaltungsausschusses für das Curio-Haus, der auch für die Verwaltung des Gebäudes Ro 19 zuständig war, enden mit der 205. Sitzung vom Mittwoch, d. 27.10.1933. Für die Zeit danach findet sich in dem Heft mit den Niederschriften zwei (leere) Seiten weiter lediglich ein einziger, von Herrn Balthasar, dem Stellvertreter Bernhardts, unterzeichneter Eintrag vom 29. Mai 1935, der als Protokoll der "l. Sitzung" deklariert war und damit signalisierte, dass eine neue Ära beginnen sollte. Deren Protagonisten hielten es dann jedoch nicht mehr für nötig, schriftlich über ihre Tätigkeit Rechenschaft abzulegen. Obgleich noch reichlich Platz vorhanden war, blieben die restlichen Seiten unbeschrieben. Spätere Manipulationen sind wohl auszuschließen, denn das Heft weist keinerlei Spuren von Ausrissen auf.
Für die Beurteilung der Umstände, unter denen der Ankauf des Gebäudes Ro 19 zustande kam, ist folgendes festzuhalten:
De jure gab es keinen Einfluss einer wie auch immer gearteten unabhängigen Gewerkschaft auf die Lehrervereinshaus G.mb.H. Der Verkauf wurde unter der Ägide dreier Funktionäre (Schulz, Holm und Bernhardt) abgewickelt, die allesamt Parteimitglieder und den Weisungen der NSDAP unterworfen waren. Dass Schulz und Holm "von den übrigen NS-Leuten" des NS-Stabes, der sich nach 1933 im Curiohaus etablierte, "angenehm [abstachen]", "Herr Holm sich mit den neuen Machthabern aus dem 1. Stock", wo der NSLB residierte, "durchaus nicht gut stand" und die Bemühungen der "Abteilung Wirtschaft und Recht", "Einfluß auf die Organisation des NSLB zu gewinnen" , "in jeder Weise unterstützt[e]", wie es in den Schilderungen der Mitarbeiterinnen Anni Andersen und Annemarie Biedermann heißt, die "jüdischen Mitglieder der 'Gesellschaft' in den ersten Jahren noch ihre vollen Rechtsansprüche an die Abtlg. Wirtschaft und Recht und ihre Kassen hatten" hatten und im Curiohaus verkehren konnten und die jüdischen Mieter dort "noch jahrelang" [konkret: bis 1936, S. Sal.]1-32" weiterhin wohnen bleiben" durften, modifiziert diesen objektiven Befund insofern, als es sicherlich die Atmosphäre im Hause positiv beeinflußte und der Gewerkschaft oder dem, was von ihr übrig geblieben war, möglicherweise einen minimalen Handlungsspielraum einräumte, änderte jedoch grundsätzlich nichts an den Machtverhältnissen.
Wie weit aus der relativen und zeitlich begrenzten Tolerierung jüdischer Mitglieder und Curiohausbewohner geschlossen werden kann, dass die Ankäufer des Gebäudes Rothenbaumchaussee 19 sich bemüht haben, dessen ehemalige Besitzer angemessen zu entschädigen, lässt sich nicht durch konkrete Aussagen der Akteure beantworten. Dass die Funktionäre von 1935, die immerhin Parteimitglieder waren, ihren jüdischen Verhandlungspartnern gegenüber eine größere Sensibilität entgegenbrachten als sie ihre Nachfolger, deren demokratische, fortschrittliche und soziale Gesinnung außer Frage steht, bei der Frage der Restitution im Umgang mit dem möglichen Schicksal der früheren Besitzer bewiesen, wage ich jedoch zu bezweifeln - unabhängig von der Frage, ob die Erbengemeinschaft selber den Verkauf als rechtmäßigen Akt interpretiert hat oder nicht. Es wird, 1935 wie 1948-1951, beim Umgang miteinander wohl nur um Geschäftliches gegangen sein.

Restitutionsansprüche - ja oder nein?
Von zentraler Bedeutung für die politisch-moralische Bewertung der Verkaufsumstände ist die Frage, ob die ehemaligen Besitzer des Grundstücks Rothenbaumchaussee 19 nach 1945 Restitutionsansprüche geltend gemacht haben.
Wie B. Nette herausgearbeitet hat, zeigen die Quellen ein widersprüchliches Bild:
Einerseits wurde bis zum Ablauf der Anmeldefrist für individuelle Antragsteller am 30. Juni 1950 von den ehemaligen Eigentümern bei der Central Claims Registry in Bad Nenndorf, der zentralen Anmeldestellestelle, die die Verfahren dann dem Wiedergutmachungsamt zuwies, "in dessen Zuständigkeitsbezirk sich der Vermögensgegenstand befand", kein Rückerstattungsantrag eingereicht. Diese Auskunft des Zentralamts stimmt mit der Information überein, die der VTG des DGB vom Wiedergutmachungsamt Hamburg, der zuständigen regionalen Anmeldungsinstanz, erhielt und am 27.2.1951 der "Gesellschaft der Freunde" mitteilte. Bestätigt wurde dieser Befund durch eine Antwort des Richters Dr. Weyhe am Landgericht Hamburg (Sitz der Wiedergutmachungskammer) auf eine Anfrage B. Nettes. Andererseits heißt es in einem Schreiben des Hamburger Landesamtes für Vermögenskontrolle, das laut Verordnung der Militärbehörden für die Kontrolle von blockiertem Vermögen zuständig war, an das Zentralamt für Vermögensverwaltung in Bad Nenndorf vom 29.11.1950 und in dem Schreiben der VTG des DGB an die VTG der "Gesellschaft der Freunde" vom 20.12.1950, die früheren Eigentümer hätten einen Anspruch auf Rückerstattung angemeldet. Aus dem Schreiben des Landesamtes geht hervor, dass das Grundstück Rothenbaumchaussee 19 "[a]uf Grund einer Verfügung der Finanzbehörde Hamburg vom 25.10.1950 in Kontrolle genommen" worden war. Grundlage für diese Entscheidung waren offenbar die Erklärungen des bis 30.6.1948 für das Vermögen der "Gesellschaft der Freunde" verantwortlichen Treuhänders Dr. Bruno Barkowski und seines Nachfolgers Max Traeger nach der Allgemeinen Verfügung Nr. 10 für die britische Zone vom 30. September 1948 mit der "[b]ezüglich des Grundstücks 19" hinzugefügten Bemerkung, "dass dieses Grundstück nach 1933 gekauft worden sei und dass der frühere Eigentümer eine Erbengemeinschaft gewesen war, in der soweit bekannt, ein Jude einen Anteil hatte." Die Maßnahme des Landesamtes Hamburg ist daraus zu erklären, dass mit der Möglichkeit einer Anmeldung durch die Jewish Trust Corporation gerechnet werden musste. Auf diese für die britische Zone zuständige Nachfolgeorganisation, gingen bei erblosen rückerstattungspflichtigen Vermögen oder in Fällen der Säumigkeit, also immer dann, wenn die Berechtigten keine Ansprüche geltend gemacht hatten, automatisch die Ansprüche über. Da das am 1.10.1949 eingerichtete Wiedergutmachungsamt beim Landgericht Hamburg Anfang 1951 erklärte, es liege kein Antrag vor, kann das Schreiben des Landesamtes an die VTG der "Gesellschaft der Freunde" vom 29.11.1950 wohl nur so interpretiert werden, dass es sich um eine prophylaktisch durch das Landesamt vorgenommene Eintragung handelte, die auf die Verfügung vom 25.10.1950 zurückzuführen ist, also um jene "K-Eintragung", von der in dem Beschluss des Gewerkschaftsprüfungsausschusses für die britische Zone (GPA) vom 15. Juni 1951 (Ausfertigung vom 16.7.1951) die Rede ist und die dessen Wortlaut nach "zur Verfolgung eines Wiedergutmachungsanspruchs nicht ausreicht[e]." Auch ein Antrag der Jewish Trust Corporation, lag nach Ablauf der ihr eingeräumten Frist bis zum Januar 1952 nicht vor.
B. Nette erklärt die Widersprüche mit der Annahme, die ehemaligen Eigentümer hätten ihre Ansprüche zu spät geltend gemacht, so dass diese nicht mehr hätten berücksichtigt werden können - es sei denn, der Gewerkschaftsprüfungsausschuss wäre 1951 zu dem Schluß gekommen, dass es sich bei dem Grundstück um NS-Eigentum gehandelt hätte, für das dann nach dem Bundesrückerstattungsgesetz vom 9. Juli 1957 rückwirkend auch verspätete Anmeldungen erneut in Kraft gesetzt worden wären. Nach intensivem Studium der Hausakte der GEW und der mir in Kopie vorliegenden Akte des Verwaltungsamtes in Hannover, das die Nachfolge der Central Claims Registry in Bad Nenndorf angetreten hat, bestehen für mich kaum noch Zweifel daran, dass die ehemaligen Eigentümer keine Restitutionsanträge gestellt haben.
Dass sie es nach dem Zweiten Weltkrieg versäumt haben, ihre Ansprüche auf Restitution rechtzeitig geltend zu machen, halte ich für nahezu ausgeschlossen. In New York, einem Zentrum der jüdischen Emigration, wurde die Emigrantenpresse gelesen, hier waren die Anstrengungen der jüdischen Organisationen und privaten Unternehmer, die potentiellen Antragsteller herauszufinden und zur Anmeldung zu veranlassen, im Allgemeinen von Erfolg gekrönt. Sowohl Julius Hallgarten als auch Robert Meyerhof waren in Finanzfragen versiert. Die Bauer-Erben und Familie Hallgarten/Meyerhof wurden nach 1945 von renommierten Sozietäten vertreten, die schon vor ihrer Emigration für sie tätig waren und die für sie, aber auch für zahlreiche weitere Mandanten, andere Wiedergutmachung- und Restitutionsansprüche (u. a. wegen Entziehung von Wertpapieren, Bargeld und Devisen oder Schädigung im beruflichen Fortkommen) fristgemäß angemeldet und engagiert vorgetragen hat. Nachdem Dr. Weyhe auf meine Bitte die Register erneut auf die ursprünglich bekannten Namen M.M. Bauer, Hallgarten und Meyerhof sowie zusätzlich auf den Namen Dr. Klaus Jürgen Bauer durchgesehen hatte, informierte er mich darüber, dass bei der Wiedergutmachungskammer zwei Akten vorlägen, die sich auf Restitutionsansprüche Frau Hedwig Hallgartens "wegen Heranziehung zur sog. 'Reichsfluchtsteuer' und wegen der Entziehung von Devisen" bezögen, und dass eine weitere Akte existiere, in der der Testamentsvollstrecker Dr. Max Krauel Ansprüche der Erben Dr. Klaus Jürgen Bauers "wegen Entziehung von Wertpapieren" geltend mache. In allen drei Akten befänden sich "keine Hinweise auf Ansprüche wegen der Entziehung von Grundeigentum".
Die in der Anwaltssozietät Esche/Schümann/Commichau aufbewahrten Akten des Testamentsvollstreckers Prof. Moritz Max Bauers und Dr. Klaus Jürgen Bauers, Dr. Max Krauel, enthalten keinerlei Hinweis auf einen seitens der ehemaligen Besitzer geltend gemachten Rückerstattungsanspruch für das Gebäude Rothenbaumchaussee 19. Sämtliche in den Akten dokumentierten Ansprüche beziehen sich auf Geld- und Wertpapiervermögen. Eine verspätete Anmeldung durch die Anwälte der Familien Bauer und Hallgarten erscheint aus Sicht Dr. Commichaus, der sich auf meine Bitte mit den Akten auseinandergesetzt hat, schon allein aus dem Grund unvorstellbar, weil die Testamentsvollstrecker sonst regresspflichtig geworden wären. Den in den Akten zutage getretenen Widerspruch erklärt der Vertreter der Sozietät folgendermaßen: In Formulare wie das der VTG der "Gesellschaft der Freunde" am 29.11.1950 vom Landesamt zugesandte wurde, um die Verjährungsfristen einzuhalten, von Berechtigten, Rechtsanwälten und anderen Erklärungspflichtigen prophylaktisch alles eingetragen, wofür eventuell Rückerstattungsansprüche geltend gemacht werden konnten. Ein solcher Vorgang müsse nicht unbedingt bedeuten, dass in jedem Fall tatsächlich ein Wiedergutmachungsverfahren eingeleitet wurde.
Gründe für eine Nichtanmeldung von Restitutionsansprüchen durch die ehemaligen Besitzer ließen sich theoretisch in Mängeln der Restitutionsgesetzgebung suchen. Die Rückerstattung vollzog sich grundsätzlich in der Form der Naturalrestitution. An einer Rückgabe des Gebäudes hätte die in New York lebende Familie jedoch vermutlich kein Interesse gehabt - aus rein praktischen Gründen, aber vor allem deswegen, weil wohl keiner ins Land der Täter zurückkehren oder dort ein Grundstück verwalten lassen wollte. Zudem befanden sich alle Beteiligten in einem Alter, in dem eine erneute einschneidende Veränderung der Lebensumstände kaum noch in Frage kam.
Der Berechtigte hatte zwar die Wahl der Nachzahlung des Unterschieds zwischen dem angemessenen und dem 'erlangten' Kaufpreis, doch die Währungsreform vom 21. Juni 1948 stellte grundsätzlich alle RM-Verbindlichkeiten im Verhältnis 1:10 in DM um. Dies kürzte den Nachzahlungsanspruch auf ein Zehntel. Zudem wurde der nicht zur freien Verfügung gezahlte Kaufpreis zum 'erlangten' Kaufpreis' gerechnet. Vorstellbar wäre, dass sich angesichts der geringen zu erwartenden Summe der Aufwand eines möglicherweise langen Verfahrens nicht lohnte. Eine solche Argumentation berücksichtigt jedoch nur den materiellen Aspekt, nicht aber die Tatsache, dass es den Verfolgten unabhängig von ihrer Vermögenslage bei den Wiedergutmachungsanträgen in erster Linie um die Wiedereinsetzung ihres von den Deutschen während der NS-Zeit mit Füßen getretenen Rechtes und um die Bewahrung bzw. Wiederanerkennung ihrer Würde ging. So machten denn auch die Rechtsanwälte der Familie Hallgarten/Meyerhof, wie aus den Wiedergutmachungsakten beim Wiedergutmachungsamt Hamburg zu ersehen ist, sowohl für sehr große als auch durchaus für sehr viel kleinere Beträge Ansprüche geltend. In einem besonderen Fall gingen sie sogar durch alle Instanzen bis zum Bundesgerichtshof. Hätten die ehemaligen Besitzer - so ist daraus zu schließen - den Verkauf des Grundstücks Rothenbaumchaussee 19 als Entziehung aufgefasst, hätten sie auch in diesem Fall alles unternommen, um zu ihrem Recht zu gelangen.
Übrig bleibt eine andere Erklärung: Die ehemaligen Besitzer verzichteten auf einen Restitutionsantrag, weil sie den Verkauf des Hauses retrospektiv nicht in den Kontext der Verfolgung einordneten. Der ursprüngliche Plan zur Veräußerung ging nicht ursächlich auf den Verfolgungsdruck und Emigrationsabsichten zurück. Das hieße zugleich implizit: Die Verkäufer gingen davon aus, dass unter der Bedingung eines noch unter den Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise leidenden Grundstücksmarktes kein höherer Preis zu erzielen war.
Für dieses Argument spricht ein gewichtiges Indiz:
Zum Nachlass Dr. Klaus Jürgen Bauers gehören zwei Grundstücke mit Zinshäusern, die Anfang 1937 auf Initiative der Nachlassverwalter und Vermögensberater Dr. Max Krauel und Justizrat Dr. Weiss, also jener Herren, die die Bauer-Erben beim Verkauf von Ro 19 vertreten hatten, in Hamburg und Frankfurt erworben wurden. Dem Ankauf ging eine längere Korrespondenz über die Frage voraus, wie das Bauer-Vermögen am besten vor Entwertung geschützt werden könne. Die Debatte pro oder contra Anlage in Zinshäusern wurde mit rein ökonomischen Argumenten geführt, wobei die in riskanter Offenheit geführte Erörterung, ob Wohnhäuser in den Metropolen Hamburg und Frankfurt bei einem zu erwartenden Bombenkrieg gegen Deutschland (!) besonders gefährdet seien, eine wichtige Rolle spielte. Wer im Frühjahr 1935 das Grundstück Ro 19 verkauft und dabei den Eindruck gewonnen hatte, der jüdischen Abstammung wegen betrogen worden zu sein, erwarb nicht zwei Jahre später zur Wahrung seines Vermögens neue Zinshäuser in Deutschland. Wären, so Dr. Commichau, die Erfahrungen bei dem Hamburger Verkauf negativ gewesen, hätte sich in der Korrespondenz ein Hinweis darauf finden lassen müssen.
Angesichts ihrer Finanzpolitik von 1937 stellt sich die Frage, warum die Testamentsvollstrecker Anfang 1935, als sich die Situation für Juden in Deutschland weniger bedrohlich darstellte als zu diesem Zeitpunkt, nicht darauf gedrängt haben, das Haus im Familienbesitz zu erhalten und die anderen Erben auszubezahlen, handelte es sich doch bei Ro 19 um ein Geschosswohnhaus mit Mietwohnungen, also genau das, was sie nunmehr für ihren Mandanten suchten. Darauf scheint es eine plausible ökonomische Antwort zu geben, die bis zu einem gewissen Grad die gewerkschaftlichen Argumentationen von 1935 und nach 1945 stützt:
Der Plan zum Verkauf bestand schon längere Zeit. Angesichts der Erfahrungen aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise und der nach wie vor krisenhaften Situation an der Jahreswende 1934/35, möglicherweise auch in Anbetracht der besonderen baulichen Merkmale des Hauses und eines Erhaltungszustandes, der hohe Investitionen erfordert hätte, schien der Erhalt des Gebäudes als Renditeobjekt nicht lohnend.
Gegen einen ursprünglichen Plan zur Veräußerung sprechen freilich die emotionalen Beziehungen, die alle am Erbe beteiligten Personen zu dem Gebäude besessen haben müssen: Für Klaus Jürgen Bauer war es das Haus seines Großvaters. Albert Hallgarten hatte hier vor seiner Ehe immer dann, wenn er in Hamburg weilte, bei M.M. Bauer gewohnt. Nicht nur für ihn, sondern auch für Hedwig Hallgarten war der Kaufmann offenbar eine Art väterlicher Freund. Auch Mercedes und Julius, falls er zu diesem Zeitpunkt noch in Hamburg lebte, werden hier bis zu seinem Tode im Jahr 1925 aus- und eingegangen sein. Wie stark die Verbundenheit Albert und Hedwig Hallgartens mit Mathilde Bauer war, zeigt die Tatsache, dass Mercedes mit ihrem zweiten Namen nach ihr benannt wurde.

Da ad eins dieselben Rechtsanwälte, die Anfang 1935 den Anteil der Bauer-Erben an die Lehrervereinshaus G.m.b.H. verkauft haben, 1937 in Deutschland ohne diesbezügliche schlechte Erfahrungen zu thematisieren, Zinshäuser für Dr. Klaus Jürgen Bauer erworben haben und ad zwei nach 1945 offenbar keine Restitutionsansprüche angemeldet worden sind, scheint auf die Frage, wie sich die Verkaufsumstände im Jahr 1935 aus Sicht der ehemaligen Besitzer darstellten, auf der Basis der aktuell verfügbaren Quellen nur folgende Antwort plausibel:
Die ehemaligen Besitzer haben den Verkauf als freiwilligen Akt interpretiert und den Kaufpreis, obwohl er objektiv unangemessen niedrig war, nicht als Ergebnis einer Diskriminierung betrachtet.
Diese Interpretation erfolgt freilich im vollen Bewusstsein ihrer möglichen Fallibilität. Es ist durchaus möglich, dass sie durch neue Aktenfunde widerlegt wird. Und sie schließt vor allem nicht aus, dass der Zeitpunkt des Verkaufs dennoch in einem Zusammenhang mit Vorbereitungen zur Emigration der Familie Hallgarten/Meyerhof steht, die zweifellos durch die allgemeine Verfolgungssituation erzwungen war.

Das Verhalten der "Gesellschaft der Freunde" nach 1945
Als grundsätzliches Defizit bei den Verfahren zur Rückerstattung jüdischen Eigentums nach dem Zweiten Weltkrieg betrachtet Jan Philipp Spannuth "die mangelnde Bereitschaft aller Beteiligten - mit Ausnahme der Berechtigten - in der Rückerstattung noch etwas anderes als ein juristisches Problem zu sehen.[...] Es war kein Bewußtsein dafür vorhanden, dass die Rückerstattungsverfahren Raum geboten hätten, eine offene Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und vor allem seinen Opfern zu führen. Es ging um Rechte, Ansprüche, Verpflichtungen und ähnliches - und dabei wurde weitgehend ausgeblendet, dass hier letztlich auch eine moralische Bewertung der vorangegangenen Vermögensentziehungen erforderlich war. Infolgedessen drohte in Vergessenheit zu geraten, dass das eigentliche Ziel der Verfahren die "Wiedergutmachung" nationalsozialistischen Unrechts war."
Diesen Vorwurf müssen sich auch die führenden Mitglieder der Hamburger Lehrergewerkschaft gefallen lassen, die, als es nach dem Zweiten Weltkrieg um die Rückerstattung des Gebäudes Rothenbaumchaussee 19 an die "Gesellschaft der Freunde" ging, nichts anderes im Auge hatten als die ökonomischen Interessen ihrer Organisation und ihr eigenes Verhalten ausschließlich an formalen und juristischen Kriterien maßen. Bei den ehemaligen Pgs. Dr. Kurt Holm und Wilhelm Bernhardt überrascht ein solcher Mangel an moralischem Empfinden nicht. Enttäuschend ist jedoch, dass auch eine Persönlichkeit wie Max Traeger offenbar nicht auf den Gedanken kam, nach dem Schicksal der ehemaligen Besitzer zu fragen, geschweige denn das Verhalten der Gesellschaft im Jahre 1935 einer kritischen Reflexion zu unterziehen oder gar so etwas wie Scham zu empfinden. Die "Unfähigkeit zur Trauer" ging bei ihm so weit, die Notwendigkeit zur Anmeldung des Gebäudes Ro 19 als "Judengrundstück" in Frage zu stellen - also für den eigenen Fall die Legitimität der "Allgemeinen Verfügung "Nr. 10 (General Order No. 10) " vom 20. Oktober 1947 für die britische Zone anzuzweifeln, nach der die "Gesellschaft der Freunde" wie alle anderen, die im Besitz eines Eigentums waren, "das zwischen dem 30. Januar 1933 und dem 8. Mai 1945 aus Gründen der Rasse, der Staatsangehörigkeit, der Religion oder der politischen Überzeugung einer Person enteignet, weggenommen oder ihrer Verwaltung entzogen worden" war, und zwar unabhängig davon, ob der Vermögensentzug "aufgrund von Gesetzen oder in angeblich rechtmäßigen Verfahren" durchgeführt worden war, "bei Strafandrohung von Gefängnis bis zu fünf Jahren bei Zuwiderhandlung" verpflichtet war.
Dabei war die Verwendung des Begriffs "Judengrundstück", an der sich Bernhard Nette wie jeder heutige Leser der Akten stößt, keine individuelle Fehlleistung des Gewerkschafters, sondern dem unsensiblen Sprachgebrauch der Nachkriegszeit geschuldet. Es handelt sich freilich um einen Begriff, der ein besonderes Interesse seiner Benutzer verrät: Während er in der juristischen Literatur zu fehlen scheint, ist er in den Publikationen der Grundeigentümerverbände, den Sprachrohren der Rückerstattungspflichtigen, während der Nachkriegszeit regelmäßig zu finden. Wiederum ist mit Bedauern zur Kenntnis zu nehmen, dass Max Traeger, auch wenn sein persönlicher Formulierungsstil sich mit Sicherheit von dem in der Tat höchst bedenklichen Jargon Wilhelm Bernhardts unterschied, kein Gefühl dafür besaß, dass er sich mit der kritiklosen Übernahme eines vermutlich von vielen gedankenlos benutzten Begriffs der Sprache des "Dritten Reiches" bediente, und dass ihm nicht bewusst war, welche Empfindungen dies bei den überlebenden Verfolgten hervorrufen mußte.
Irritierend ist auch, dass in den Erklärung Barkowskis und Traegers nur von "einem Juden" die Rede ist. War man wirklich so ahnungslos oder spekulierte man etwa darauf, dass bei Erbengemeinschaften, die mehrheitlich aus Nichtjuden bestanden, keine Entziehung vermutet wurde? Allein der Name Rée, der ja in allen Verträgen auftaucht, reicht aus, um diese Frage zu beantworten. Angesichts der Bedeutung Anton Rees für die Geschichte des Hamburger Schulwesens und die fortschrittliche Tradition der Hamburger Pädagogik erübrigen sich Spekulationen, ob die führenden Mitglieder der Lehrergewerkschaft wussten, dass Frau Hallgarten, geb. Ree jüdischer Herkunft und damit im NS-Staat bedroht gewesen war. Selbstverständlich mussten sie es wissen, und ebenso selbstverständlich wussten sie damit, dass ihre Kinder Julius und Mercedes nach der rassistischen Definition der Nationalsozialisten ebenfalls Juden waren. Auch bei den Bauers handelte es sich um eine weit verzweigte und schon länger in Hamburg ansässige Kaufmannsfamilie, deren jüdische Herkunft in Hamburger Kommerzkreisen, aber auch bei lokalgeschichtlich bewanderten Lehrern bekannt gewesen sein dürfte. Außerdem spricht einiges dafür, dass Max Traeger die Familie als Nachbarn der "Gesellschaft" noch persönlich gekannt hatte.

Völlig unverständlich erscheint, warum das erst nach Verfassen der Gutachten vor wenigen Wochen im Keller des Curio-Hauses bei der Suche nach Bauplänen für Ro 19 aufgefundene Gutachten des Hausmaklers Dr. Oscar Pfau vom 1.9.1945 im Gegensatz zu dem offensichtlichen Gefälligkeitsgutachten, das der Wirtschaftsprüfer Dr. Georg Schmidt im Auftrag Max Traegers am 4.10.1950 vorlegte, in der Debatte über mögliche Restitutionsansprüche keine Rolle gespielt hat.

Schlußbemerkungen
Die "Gesellschaft der Freunde" hat, ohne dass den Verantwortlichen ein direktes schuldhaftes Verhalten nachgewiesen werden kann, beim Ankauf des Gebäudes Rothenbaumchaussee 19, der sich langfristig als höchst lohnende Investitution erweisen sollte, von einer Lage auf dem Wohnungsmarkt profitiert, die mit großer Wahrscheinlichkeit auch durch ein das gesamte Preisniveau vermutlich drückendes größeres Angebot von Immobilien aus jüdischem Besitz charakterisiert war, das es ohne den durch die Verfolgung hervorgerufenen Druck zur Auswanderung nicht gegeben hätte. Diese Situation hatte freilich nicht die Lehrergewerkschaft zu verantworten. Dass sie sich mit einem schäbigen Verhalten selber aktiv am Betrug und an der Ausnutzung verfolgter Juden beteiligt hat, erscheint mir jedoch nicht bewiesen. Von der "Gesellschaft der Freunde" zu verlangen, dass sie sich des Kaufes zu enthalten gehabt hätte, weil die Verkäufer, von denen ja offenbar die Initiative ausging, Juden waren, hieße meines Erachtens, einen moralischen Rigorismus als Maßstab anzusetzen, der zwar retrospektiv in Kenntnis der späteren beispiellosen Verbrechen angemessen ist, der Situation Anfang 1935 jedoch möglicherweise nicht gerecht wird.
Maßstab für die Beurteilung der Verkaufsumstände sollte meines Erachtens sein, wie die ehemaligen Eigentümer selber diese interpretiert haben. Da alle verfügbaren Quellen dafür sprechen, dass sie ihn nicht in den Kontext der Verfolgung eingeordnet haben, erscheint es mir angebracht, den Fall seitens der GEW in Ruhe zu prüfen und zu diskutieren, ohne daraus vorschnelle Konsequenzen von existenzieller Tragweite zu ziehen. Die für die Bearbeitung der gewerkschaftseigenen Geschichte prinzipiell eminent wichtige Frage, wie unabhängig die "Gesellschaft der Freunde" und die "Lehrervereinshaus G.m.b.H. gewesen sind - und meine Antwort darauf ist eindeutig - sollte dabei zwar den Tenor mitbestimmen, angesichts der Resultate dieser Untersuchung aber vielleicht einen anderen Stellenwert bekommen.
Wenn von einem moralischen Versagen gesprochen werden kann, so offenbart es sich am ehesten im dem Mangel an Sensibilität und Empathie derjenigen, die nach 1945 in ihrem verständlichen und guten sozialen Eifer für die Mitglieder der Gewerkschaft zumindest, was diesen speziellen Fall betrifft, bei dem es um ihre eigenen Interessen ging, blind für das Schicksal der Verfolgten waren. Die GEW hat sich damit auseinanderzusetzen, dass eine derartige Haltung, die als Epochenphänomen die gesamten Nachkriegsgesellschaft charakterisiert, auch in ihrer der Emanzipation und der Erkämpfung und Verteidigung der Menschenrechte verpflichteten Organisation anzutreffen war.

Das Haus Rothenbaumchaussee 19, das sich seit 1935 im Besitz der "Gesellschaft der Freunde" befindet, ist auf eigentümliche Weise mit der deutsch-jüdischen
Geschichte verquickt. - vom Zeitpunkt der Emanzipation Mitte des 19. Jahrhunderts über die Jahrzehnte hinweg, die durch die scheinbar gelungene Gleichberechtigung und eine viel zitierte , ebenfalls nur scheinbar vollzogene "deutsch-jüdische Symbiose" gekennzeichnet waren, bis zu dem Jahr, in dem mit Erlass der "Nürnberger Gesetze" die 1933 begonnene Entrechtung und Verfolgung der deutschen Juden ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten. Nach der Shoah waren die Menschen, die vor 1935 dort gelebt hatten, auf deutschem Boden nur noch durch ihre Rechtsanwälte vertreten. Was übrig blieb, waren Akten, und auch diese wurden zum größten Teil vernichtet oder verschwanden im Keller. Der Nachkriegsgesellschaft, die sich anschickte, in die Zeit des Wirtschaftswunders aufzubrechen, waren die deutsch-jüdische Geschichte und ihr gewaltsames Ende mehr oder weniger gleichgültig. Von Interesse blieben allein materielle Fragen. Mögliche Ansprüche, die überlebende Juden oder ihre Erben geltend machen konnten, betrachteten die meisten Deutschen als Hindernisse auf dem Weg in den Wohlstand - auch diese Tatsache spiegelt sich in dem Nachbargebäude des stolzen Curio-Hauses. Begründet hatten dessen Erbauer ihre Tradition einst mit der Maxime "Der Aufklärung verpflichtet".

Erklärung der Fachgruppe Sonderpädagogik zum Umgang mit dem gewerkschaftseigenen Haus Rothenbaumchaussee 19

Seit mehreren Jahren wird innerhalb der GEW kontrovers über den Umgang mit dem Haus Rothenbaumchausee 19 diskutiert. Die Auseinandersetzung dreht sich vor allem um die Frage, ob der Verkauf des Hauses 1935 unter Zwang geschah oder aber ein "normales" Immobiliengeschäft war und somit ohne Bedenken von der GEW beansprucht werden könne.
Zwei Landesvertreterversammlungen beschäftigten sich mit dem Gegenstand und kamen mehrheitlich zu dem Ergebnis, dass es keinen sicheren Beweis für die Zwangssituation der jüdischen Vorbesitzer gebe.

Am 15.12.08 beschäftigte sich eine Mitgliederversammlung der Fachgruppe Sonderpädagogik mit diesem Thema. Es bestand Einigkeit darin, dass der Beschluss der letzten LVV nicht unsere Auffassung widerspiegelt. Den meisten TeilnehmerInnen der Versammlung war es ein sehr persönliches Anliegen, dieses zum Ausdruck zu bringen. Manche befremdlichen Argumente und der Beschluss der LVV schmerzen. Es geht uns um eine ethische Haltung gegenüber Verfehlungen in der Geschichte der eigenen Gewerkschaft. Die Erklärung wurde ohne Gegenstimme verabschiedet.

Für die weitere Diskussion innerhalb der GEW möchten wir wissen, ob die Position der Mitgliederversammlung in der Fachgruppe Sonderpädagogik der GEW breit getragen wird. Wenn Du Mitglied der GEW Fachgruppe Sonderpädagogik bist und die Erklärung unterstützt, dann maile
( ulla-kehl@gmx.de , fschade416@aol.com ) oder faxe (219025322) uns.

Erklärung der Mitgliederversammlung der Fachgruppe Sonderpädagogik vom 15.12.08
"Die "Gesellschaft der Freunde"/ GEW Hamburg beanspruchte nach 1945 neben ihrem ursprünglichen Eigentum (Curio-Haus) auch das Haus Rothenbaumchaussee 19 (Ro 19).
Die jüdischen Vorbesitzer hatten die Immobilie 1935 in einer Zeit zunehmenden antisemitischen Verfolgungsdrucks unter Wert an den Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) verkauft, da sie vor der rassistischen Verfolgung aus Deutschland fliehen wollten. Sie standen unter Zwang und Zeitdruck. Ihr Entschluss zum Verkauf war nicht frei. Der Kaufpreis war nicht angemessen. Letztlich konnten sie über den Verkaufserlös nicht frei verfügen. Käufer und Verkäufer waren keine gleichberechtigten Handelspartner. Zu dieser Zeit bestand in Deutschland kein Rechtsstaat mehr. Es herrschte staatlicher Terror. Juden wurden kollektiv verfolgt.

Dieses Handeln widerspricht den politischen und moralischen Vorstellungen der Fachgruppe Sonderpädagogik der GEW Hamburg. Sie anerkennt, dass den jüdischen Vorbesitzern beim Verkauf 1935 Unrecht geschehen ist, das nach 1945 nicht anerkannt wurde. In den Umständen der Inbesitznahme von Ro 19 nach 1945 sehen wir ein politisches und moralisches Versagen der damaligen Lehrergewerkschaft, zu deren Erbe wir gehören.

Die Fachgruppe Sonderpädagogik ist beschämt über den anhaltenden Besitz dieses Hauses. Sie wünscht eine Trennung von dem Gebäude und eine Nutzung, die der Geschichte des Hauses Rechnung trägt."

ErstunterzeichnerInnen:
Gesche Albers - Inge Albers - Christiane Albrecht - Thea Amos - Petra Bandelmann - Uwe Bartling - Carmen Bartmann - Regina Bauermeister-Hensel - Regina Baumöel - Ingeborg Below - Frank Bernhardt - Angelika Bierend - Magda Bollmeyer-Birkholtz - Britta Blanck - Christian Borgwardt - Irmgard Brandt - Carsten Braren - Hermann Brause - Kay Brockmann - Manfred Brüggemann - Gabriele Buchmann - Esther Buhk-Heinicke - Bettina Claren - Hubertus A. Dietz - Andrea Dirheimer - Jörg Elmenthaler - Dorothee Elsner - Veronica Emme - Susanne Erbeck - Gabi Finkelmeyer - Henning Flinner - Mascha Fox - Melanie Frese - Torsten Frommolt - Uta Gatzemeyer - Marek Gawenda - Inga Gerlach - Irene Gorny - Rudolf Gospodarek - Cornelia-E. Graunke - Vivian Groeneveld - Anneke Hänel - Jörg Heermann - Kerstin Heiden - Beate Heintze - Regina Hellwege - Ingrid Henke-Künstler - Uli Hoch - Gerd Holdinghausen - Monika Holst-Danelzik - Marianne Hoppe - Andrea Hübner - Doris Hunt - Thomas Jürgens - Jutta Junge - Ulla Kehl - Irene Knappe - Christiane Knoll - Antje Kraschewski - Uli Krüger - Wiebke Kuilert - Irmgard Langgemach - Sieglinde Lemcke - Karin Limmer - Theo Linhoff - Sebastian Lochte - Monika Manhold - Gisela Mickley - Birgit Moltzen - Regine Münchow-Mommsen - Birgit Niemann - Galina Ohnesorge - S. Opitz - Rüdiger Parteike - Astrid Pletke - Ilse Poggensee - Renate Poppendiecker - Simone Preißler - Sven Quiering - Ellen Radtke-Braren - Bettina Rörig - Stefan Romey - Doris Rosenthal - Stefanie Rühmke - Dieter Rusch - Sabine Säuberlich - Katrin Sauerbaum - Michael Schade - Adelheid Schaedlich - Johannes Schiffer - Andrea Schipper-Steenbeck - Bernd Schmidt - Mathias Schmidt - Wolfgang Schmidt - Petra Schöfisch - Claus Schostag - Bettina Schregel - Birgit Schütz-Huemer - Torben Schulze - Claudia Schwandt - Wigdis Schwarzbach - Anne Schweers - Michael Schwegler - Dorothee Schwiesow - Beate Seeler - Gisela Sievert - Arzu Sirin - Lena Stein - Christa Steindamm - Miriam Steland - Karin Stinn - Inken Stojan - Anne Storz - Elke Struck-Detjen - Annika Thun - Peter Tränkle - Heiner Ullrich - Mathias Wagner - Silke Wahlers - Michael Weigt - Angelika Wiechel - Karen Wiesel - Kirsten Wimbert - Willi Winkelmann - Andrea Winter - Ulrike Witte - Nils Wodzak - Bernd Zeller.

Ro 19 ZEIT Nov. 08 Wem gehört Ro 19.pdf